Archiv für den Monat: Januar 2014

Krisenkunst: Ein Mülleimer, aus dem es blüht.

Sigbert Latzel. Germanist, Philosoph, Schriftsteller und Aphoristiker.

Krise: Arbeitslosigkeit [Teil 2]

Sicher, es gibt Situationen, in denen das eigene Wissen und Können nicht mehr ausreicht, den Anforderungen eines Arbeitsplatzes zu genügen. Folgt diesem Zustand eine Arbeitsplatzlosigkeit, dann wird der Mensch – will er einen neuen Arbeitsplatz einnehmen – einen Prozess in Gang setzen müssen, der womöglich im Sinne individueller Krisenprävention bereits weit früher hätte begonnen werden sollen/können: einen Lernprozess.

Die Einwände, warum ein solches Lernen nicht stattfand, sind bunt und facettenreich. Sind alle ausgesprochen, so bleibt die schlussendliche Erkenntnis jedoch meist gleich: Ich bin frei und verantwortlich dafür, spätestens jetzt einen Lernprozess in Gang zu setzen, der Aussicht darauf hat, mir ein gelingendes weiteres Arbeitsleben zu ermöglichen. Dass Menschen bei diesen Überlegungen oftmals einer Unterstützung bedürfen, macht die grundsätzlich erforderliche Einstellungsänderung nicht überflüssig: Die Einstellung, lernen zu wollen! Ist dieser Wille nicht gegeben, hilft auch die Erkenntnis nicht, lernen zu müssen.

Lernen wollen – das klingt doch so leicht und ist doch so schwer. Erst musste der Schock des Arbeitsplatzverlustes verarbeitet werden, dann wird offenkundig, dass der Optimismus ‚ich werde schon etwas Neues finden‘ gegen einen Realismus ‚meine Erfahrungen und mein Können reichen nicht aus‘ weichen muss. Damit nicht genug, erschöpfen sich viele Tage im Warten auf Reaktionen auf Bewerbungen, im ‚Sich-Ablenken‘ mit Tätigkeiten im privaten Umfeld, letztlich im Gefühl, sukzessive an ‚Marktwert‘ zu verlieren. Man verliert nicht nur Aufgaben, sondern auch Vernetzungen, Kommunikationsflüsse, mentale Fitness, persönliche Ansprache. Das Themenspektrum reduziert sich, auf Reaktionen im Freundes- und Bekanntenkreis braucht man nicht lange zu warten. Seelisch treten Gefühle von Schuld, Verunsicherung, Verletzbarkeit, Hilflosigkeit, Resignation und Verzweiflung auf, die Stimmung trübt sich ein, Krankheiten klopfen an die Tür. Und dann auch noch ‚Lernen wollen‘? Noch eine Unsicherheit ertragen? Was soll ich lernen, wie soll ich lernen, wozu soll ich lernen?

Wie wäre es also, präventiv ins ‚gewollte Lernen‘ zu investieren? Dazu dient eine deutlich marktwirtschaftliche Betrachtung. Jeder Mensch hat ein immaterielles Vermögen – bestehend aus verschiedenen Wissensarten, Expertise, Geschick, Kompetenzen … Dieses Vermögen setzt der Mensch täglich ein – sein individuelles ‚Geschäftsmodell‘ wird täglich erlebbar, von Vorgesetzten, Kollegen, Mitarbeitern, Netzwerkpartnern … 

Dazu nun eine vielleicht unangenehme aber zweckdienliche Übung; Zerstören Sie Ihr Geschäftsmodell. Fragen Sie sich, was geschehen könnte, so dass es an Substanz, an Wert, an Bedeutung für Ihren ‚Markt‘ [Ihr Unternehmen, Ihre Kunden, Ihre Geschäftspartner, …] radikal und schnell verliert. Wenn Ihnen Ihre Ideen dazu ausgehen, dann stellen Sie diese Frage einem Menschen Ihres Vertrauens, der Sie und Ihr ‚Vermögen‘ kreativ und mutig in Frage stellt. Hören Sie nur zu. Erwidern Sie nicht, kommentieren SIe nicht, rechtfertigen Sie nicht, bewerten Sie nicht. Hören SIe nur zu und bedanken sich für diese Blickwinkel. Und dann schauen Sie in den kommenden Tagen und Wochen in Ihrem Umfeld, wessen ‚Geschäftsmodell‘ nicht mehr tragfähig ist, wer kritisiert wird, wer dabei ist, Anschluss zu verlieren. Schauen Sie besonnen auf diese Person, von der Sie dachten ’so etwas könnte diesem Menschen doch nie passieren‘. Und dann nehmen Sie die Rolle eines ‚guten Geistes‘ ein und überlegen Sie, was Sie dieser Person empfohlen hätten, frühzeitig zu lernen, damit sie gut gerüstet ist für die Veränderungen, die ihr heute als Auslöser ihrer Belastungssituation widerfahren. Mit dieser ‚Vorbereitung‘ schauen Sie nun auf Ihr eigenes ‚Geschäftsmodell‘ und die von Ihrem Gesprächspartner entworfenen ‚Problemfelder‘ und Anregungen zum Lernen.

Buchtipp: Ein gestohlenes Leben: Als Kind entführt, nach 18 Jahren befreit.

41XI0k9tcuLJaycee Dugard wird mit fast 11 Jahren auf dem Weg zur Schule von einem Ehepaar entführt. Nach 18 Jahren gelingt ihr der Weg in die Freiheit – mit diesem Buch verarbeitet sie das Geschehene.  Sie berichtet über die Entführung, die Besonderheiten der Entführer, die Mißbräuche, die Geburten ihrer Töchter, über die Beziehung zu ihrer Familie, über die nicht genutzten Erkenntnisse der Polizei und ihre Befreiung.

Ein Buch, das den Leser in den Bann zieht – ein Buch, das deutlich macht, wie sich die ‚Trotzmacht des Geistes‘ in diesem Fall durchgesetzt hat und auch nach dem Weg zurück in die Freiheit darin unterstützt, wieder ein gelingendes Leben führen zu können.

Krise: Arbeitslosigkeit [Teil 1]

Werfen wir einen Blick auf ein Phänomen, das viele Menschen als Auslöser einer Krise interpretieren. Das Phänomen, zu glauben, ‚Arbeit los zu sein‘.

Arbeitslosigkeit gilt weithin als schambesetzter Zustand, in den zu kommen, persönliche Schwäche oder eine erlittene Niederlage suggeriert. Einen Arbeitsplatz verlieren zu können, ist ein Prozess, den es gibt, seit es organisiert ‚Arbeitsplätze‘ gibt. Heute jedoch legen sich über diese ‚kleinste Organisationseinheit‘ gleich ein Bündel von Erwartungen. Sicherheit, Zukunft, Wohlstand, Status, Motivation, Anerkennung, Einfluss … – welcher andere Lebensbereich wird derart ‚beschwert‘ und andere von ihm derart in Abhängigkeit gesetzt?  

Bildhaft gesprochen arbeitet der Mensch an einem von ihm gewählten Platz und legt sich bei seiner eigentlichen schöpferischen Tätigkeit einige Gewichte auf die Schultern, die selbst dann nicht leichter werden, wenn sich durch Einsatz, spezialisiertem Wissen, Aufstieg u.a. es offenkundig eine Form von Belohnung für die aufgelegten ‚Lasten‘ gibt. Entfällt dann dieser Lohn gänzlich, bleibt die Schwere erhalten, wird als schwere Leere wahrgenommen und – da schambesetzt – nicht selten unter weiterer Anstrengung derart verpackt, dass sie dem Umfeld nicht auffällt. Welche Folgen das haben kann, zeigt diese Dokumentation:
http://www.youtube.com/watch?v=HJCdKfz3euY

Umgang mit Lebenslagen II


An sich ereilte Sabine K. ein millionenfaches Schicksal: leichter Schlaganfall mit rechtsseitigen Lähmungserscheinungen und Sprachstörungen. Für die Ärzteschaft ein alltäglicher Fall und doch ganz anders. Denn was dieser Patientin in der Folge geschah, sollte das Leben der damals
Mittvierzigerin nachhaltig ändern. Im Krankenhaus wacht die Frau aus Thüringen auf – und spricht eine Art Schweizer Dialekt. Sie zieht die Decke über ihren Kopf und glaubt, ihr Gehirn spiele ihr einen Streich. Leise spricht sie weiter, aber nichts ändert sich. Aus Sabine K. scheint quasi
über Nacht eine Eidgenossin geworden zu sein. Ihre Ärzte halten ihre Patientin mit dem ihnen unbekannten Phänomen bei einem Psychologen für gut aufgehoben, wohl weil sie denken, sie sei ‚nicht mehr normal’ oder sie mache einen Jux. Die fröhliche Frau sah sich fortan einer Reihe
von Menschen ausgesetzt, die ihr entweder rieten, doch wieder ‚richtig’ zu sprechen, oder ‚mit ihrer Albernheit’ aufzuhören. Doch alle Versuche, in ihre Sprache zurückzukehren, scheiterten.

Erst ein erfahrener Sprachtherapeut sollte Licht ins psychische Dunkel bringen. Er äußerte die Vermutung, Frau K. habe das extrem seltene Fremdsprachen-Akzent-Syndrom, eine neurologische Erkrankung, die mit einer Änderung der Sprachmelodie des Menschen einhergeht und von Menschen, die den Betroffenen kennen, als Fremdsprache interpretiert wird. Der Verlust des gewohnten Sprachmusters verbunden mit den Reaktionen des Umfelds und der gegen Null gehenden Aussicht auf Normalisierung führen meist zu einer massiven Krisensituation mit einer erheblichen psychischen Last. Die ersten Monate sollten für Sabine K. zu einer rechten Tortur werden. Anfangs fiel es ihrer Familie schwer, sich an die ‚neue Person’ an ihrer Seite zu gewöhnen. In der Öffentlichkeit wandten sich Menschen ab, weil sie dachten, sie würden auf den Arm genommen.

Erst ihr wiederkehrender Humor sollte Erleichterung bringen. Ihren Mann tröstete Sabine K., indem sie meinte, er könne doch froh sein, dass sie nicht polnisch aufgewacht sei. Ihr Mann wiederum ging proaktiv auf Nachbarn und Bekannte zu und klärte sie über das außergewöhnliche Phänomen auf. Bei vielen gelang es, die Scheu und Irritation zu dämpfen – heute sprechen viele über ihre ‚Schweizerin in der Nachbarschaft’.

Dass sie in Gesprächen mit Menschen, die sie neu kennenlernte, behauptete, eine Schweizerin zu sein, um aus ihrer permanenten Erklärungsnot herauszukommen, führte jedoch zu erheblichen Gewissensbissen. Ihr mutiger Weg aus diesem Dilemma führte Sabine K. letztlich in einige Gesprächsrunden im Fernsehen, um aufzuklären und Menschen in vergleichbarer Lage zu ermuntern, nicht aufzugeben. Obzwar sie damit im Risiko stand, von einem Riesenpublikum bestaunt, angezweifelt, begafft zu werden, nahm sie ihr Leben in die Hand, ging in die Offensive
und entwickelte so ihr Selbstbewusstsein, das ihr bis heute die Kraft gibt, sich auch gegen so manche Stichelei zur Wehr zu setzen. Ihr lebenslustiges Temperament hat Sabine K. dabei unterstützt, zu einer Lebensführung mit neuen sprachlichen Vorzeichen zwar, aber ohne hängenden
Kopf zu gelangen.

 

„Nichts ist schwieriger zu handhaben, nichts gefährlicher
durchzuführen und nichts von zweifelhafteren Erfolgsaussichten
begleitet als eine Neuordnung der Dinge.”

Niccolò Di Bernardo Machiavelli

 

Anteil psychischer Erkrankungen 2012

Stress entsteht nicht nur durch Arbeit, sondern durch Ar­beits­ver­hält­nis­se.

Der Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse 2013 liefert ein neues alarmierendes Ergebnis: Jeder sechste Krankschreibungstag basiert auf der Diagnose einer psychischen Erkrankung!

„Für den 2012 feststellbaren leichten Gesamtanstieg der Fehlzeiten maßgeblich verantwortlich sind insbesondere die auch von 2011 auf 2012 erneut und merklich um 5,7 Prozent angestiegenen Fehlzeiten unter der Diagnose von psychischen Störungen. Fehlzeiten unter der Diagnose von psychischen Störungen sind damit, seit einem zwischenzeitlichen Tiefpunkt im Jahr 2006, kontinuierlich gestiegen

2012 wurden je 100 Erwerbspersonen durchschnittlich 246 Fehltage unter entsprechenden
Diagnosen gezählt. Jede Erwerbsperson war 2012 demnach durchschnittlich
knapp zweieinhalb Tage unter der Diagnose einer psychischen Störung
krankgeschrieben. Im Jahr 2006 waren es erst 144 Fehltage je 100 Erwerbspersonen,
also etwa 1,4 Tage je Person. Seit 2006 sind die Fehlzeiten unter der Diagnose psychischer
Störungen bei Erwerbspersonen damit altersbereinigt um 71 Prozent angestiegen.

T-K-1

Während die bei Erwerbspersonen nachweisbaren Anstiege der Fehlzeiten unter der Diagnose von psychischen Störungen von 2000 bis 2005 in engem Zusammenhang mit einer individuell bereits eingetretenen Arbeitslosigkeit und bei insgesamt ansteigenden Arbeitslosigkeitsquoten beobachtet werden konnten, lässt sich ein vergleichbarer Anstieg wie bei den Erwerbspersonen in den Jahren von 2006 bis 2012 auch unter Personen nachweisen, die zum jeweiligen Auswertungszeitpunkt als Berufstätige versichert und insofern individuell nicht direkt von einer Arbeitslosigkeit betroffen waren.

T-K-2

Unter Berufstätigen stiegen die gemeldeten Fehlzeiten mit der Diagnose von psychischen Störungen von 2006 bis 2012 um 76 Prozent. Die Ergebnisse deuten auch 2012 auf eine weiter ansteigende psychische Belastung von Berufstätigen hin.“ [Seite 12 im Bericht]