Archiv für den Monat: März 2014

„Das Wissen um eine Lebensaufgabe hat einen eminent
psychotherapeutischen und psychohygienischen Wert.
Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft
dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere
Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.“

Viktor E. Frankl

‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 6 [Ende]

An dieser Stelle findet im Arbeitsprozess eine Kurzanalyse des Wertesystems von Sebastian Gusskamp für den Kontext ‚Unfallsituation‘ statt. Dazu biete ich ihm die Übung ‚Spontanes Werteempfinden‘ an und er kommt so zu dieser Werte-Rangordnung:

  • Pflicht erfüllen, Sorgfalt zeigen
  • Leistung zeigen, Beitrag leisten, Aufgabe erfüllen
  • Hilfsbereitschaft einbringen
  • Einfluss ausüben
  • Respekt bewirken, Prinzipien bewahren
  • Verantwortung zeigen, Berechenbarkeit leben, Reife haben
  • Kontrolle ausüben, Vorsicht zeigen, Achtsamkeit fördern
  • Besonnenheit zeigen

„Auch der Unfallkontext war eine Extremsituation. Ohnehin unter Stress stehend, erleben Sie diese grausamen Momente, entscheiden und handeln aber klar und organisiert. Sie stellen sich in den Dienst der besonderen Lage, bringen in der kurzen Zeit Menschen außer Lebensgefahr, ordnen das Chaos, informieren die Polizei über den Hergang usw. Das alles verdient höchste Anerkennung und wohl jeder Mensch wäre froh, wüsste er Sie in einer solchen Lage an seiner Seite. In dieser Situation hätten Sie schließlich auch vorbeifahren können – und womöglich wäre die unterlassene Hilfeleistung aufgrund der Situation mit Ihrer Mutter sogar ‚verstanden‘ worden. Es sind viele andere Szenarien denkbar, in denen man Sie anders hätte sich verhalten oder handeln sehen können, doch für Sie war eingedenk Ihres Wertekanons klar, sich so und nicht anders einzubringen. Sie fahren um die Kurve, nehmen den ‚Sinnanruf‘ wahr und handeln Ihren Werten entsprechend.

Krisenpraxis - Sinnanruf

Durch die Verwirklichung Ihrer Werte finden Sie den Sinn der Situation und es klingt so, als wäre hier etwas Wesentlicheres für Sie zu tun, als danach zu streben, zu Ihrer Mutter zu kommen. Obzwar Sie sich nach dem Anruf des Arztes, dass Ihre Mutter verstorben ist, niedergeschlagen fühlten und Sie
Selbstzweifel hatten, sagten Sie eben, dass Sie sich in dieser Weise wieder verhalten würden. Das lässt den Schluss zu, dass Sie ‚trotz allem‘ situationsbezogen das für Sie Sinnhafte erspürt und erfühlt haben. Die Situation war geprägt durch eine spezifische Faktorenkonstellation und signalisierte Ihnen, dass es nun an Ihnen ist, sie zu gestalten. Hätte es in der Situation eine andere Konstellation gegeben – vielleicht derart, dass Sie bereits Rettungsdienste im Einsatz gesehen hätten –, wäre es für Sie gegebenenfalls sinnvoller gewesen, zügig die Unfallstelle zu passieren, um zu Ihrer Mutter zu fahren. Sie handeln also, und Sie würden es so wieder tun. Mit Ihren Werten sind Sie im Einklang. Und da erhalten Sie eines Tages dieses Schreiben vom Anwalt der Frau.“

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Logopsychie – was ist das denn?

Die Seelenkunde, die Psychologie, beschreibt und erklärt menschliches Verhalten, die Entwicklung des Menschen in seinen Lebensphasen und die inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen für die Formung des Verhaltens des Menschen. Die klassische Psychotherapie hat als Prozess der Heilung der Affektseele die Aufgabe, die seelische Verfassung eines Menschen derart zu stabilisieren, so dass der Mensch freikommt von den mit seiner Erkrankung verbundenen belastenden Gedanken und Vorstellungen. Einfach gesagt – die Psychotherapie wirkt seelenheilend mit einer erhofften Wirkung auf der geistigen Ebene.

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Bewältigungsprozess – die zwei ‚groben‘ Umgangsweisen mit Krisen

Als Bewältigung einer Belastung [auch ‚Coping‘ genannt] versteht man mentale Prozesse, bestehende oder zu erwartende Krisen emotional und verstandesbezogen zu verarbeiten oder durch zielgerichtetes Handeln auszugleichen. In diesen Prozessen werden dabei Ressourcen zweckdienlich genutzt, innerpsychische wie soziale.

Menschen, die auf ihre Ressourcen selbstbewusst zurückgreifen können, die sich aktiv, beharrlich und überlegt den Bedingungen stellen, zuweilen auch nicht vermeidbare Belastungen annehmen, ohne ihnen größere Bedeutung beizumessen und die in einem stabilen sozialen Gefüge eingebunden sind, scheinen Krisen besser zu meistern.

Anders jene Menschen, die sich hilflos oder schuldig einer unkontrollierbaren Situation ausgesetzt fühlen, die mehr darauf warten, dass sich die Lage um sie herum ‚von alleine‘ ändern wird, die vornehmlich reagieren oder resignieren oder die Möglichkeiten verpassen, sich rechtzeitig sozialer Unterstützung anzunehmen.

 

 

Sinnorientierte, die Gewissensbildung unterstützende Erwachsenenbildung [Logoandragogik] – [2]

Für Bijan Adl-Amini, der es anstrebt, in der wissenschaftlichen Pädagogik die Subdisziplin ‚Krisen-pädagogik‘ zu etablieren, hat diese Pädagogik die Aufgabe, Menschen auf das Leben in Krisen vorzubereiten. „Wir dürfen nicht warten, bis unsere Kinder ins Wasser fallen. Wir sollten beizeiten Schwimmkurse einrichten“, meint der Kieler Erziehungswissenschaftler und will Krisenpädagogik verstanden wissen als Sensibilisierung des Men­schen für den Sinn von Lebenskrisen und für eine pädagogisch initiierte Sinnsuche in ‚Krisensituatio­nen‘, die dafür eintritt, „dem Leiden die quälende Sinnlosigkeit zu nehmen.“

In akuten Lebensbrüchen, die Menschen zwar erfasst, ihre Selbststeuerungskräfte dabei jedoch noch nicht derartig beschädigt haben, so dass ihr Leid nur noch durch spezielle therapeuti­sche Behandlungen, Akut- oder Notfallmaßnahmen zu mindern ist, können pädagogische Interven­tionen dazu beitragen, mit einer angemessenen Didaktik die Überwindung einer Grenzsituation zu unterstützen.

„Die Schläge des Schicksals, die wir erlei­den, führen auch zur Frage nach dem Lernen am Schicksal. Warum-Fragen, die nicht zu beantworten sind und nicht weiterführen, wären besser in Wozu-Fragen umzuwandeln. Schicksalsschläge und Krisen führen dazu, unser Leben nicht nur zu reflektieren, sondern oft radikal zu ändern, sie zwingen uns in die Tiefe und in den Sinn und führen zur Wandlung.  Statt auswendig zu lernen, ist inwendiges Lernen erforderlich.“ Und Adl-Amini resümiert: „Krisenpädagogik befasst sich mit der Beschreibung, Analyse und Sinnhaftigkeit von Le­benskrisen. Ihr Ziel ist die Erziehung des Menschen zum Sinn, d.h. die Sensibilisierung von Jung und Alt für die Sinnsuche in schicksalhaften Lebensereignissen“ und „für die Lernchancen, die in jeder krisenhaften Veränderung stecken. Im Erfassen der Krisenbotschaft verwandelt sich das Sinnlose der Krise in eine Lebensaufgabe.“  Es sei zentral, zu „begreifen, was den Menschen in der Krise ergreift, erschüttert und verwandelt“ und dazu sieht er insbesondere die biographische Arbeit als methodische Fundgrube an.

Das kleine Wörtchen ‚muss‘
ist doch von allen Nüssen,
die Menschen knacken müssen,
die allerhärt’ste Nuss.

Ludwig Bechstein

Resilienz-Verständnis aus sinnzentrierter Perspektive, oder: Warum jeder Mensch über eine grundsätzliche Resilienz verfügt

Georgie Parker ist ein stattlicher Mann und Besitzer eines schmucken Nachtclubs. Jeden Tag brummt das Geschäft, auch dank seines Mitarbeiters Joe, der ganz wunderbar mit rauchig-knorriger Stimme neben Bass und Alt-Sax seine düsteren Balladen singt. Eines Tages flattert ein Angebot in die Garderobe von Joe – eine stadtbekannte Adresse will ihn abwerben. Als Joe seinen Chef informiert, bemerkt er zwar dessen Gesichtsentgleisung, ahnt aber nicht, dass dies für Parker „Krieg“ bedeutet. Und diesem Krieg fällt Joe fast zum Opfer. Schwer angeschlagen, ist Joe nicht mehr in der Lage, seiner musikalischen Berufung nachzugehen. Er ist fertig. Verzweifelt versucht er, auf die Beine zu kommen, doch es gelingt ihm nicht. Er sucht eine Wendepunkt-Hilfe. In der Akutintervention erarbeitet er sich einen neuen Weg möglicher persönlicher Entfaltung – auf diesem Weg erkennt er zwar, dass er „überleben“ kann, vermisst jedoch die erfüllende Befriedigung in dem, was er tut. Joe verzweifelt, greift zur Flasche, verliert dadurch wichtige Beziehungen, besinnt sich, will wieder anknüpfen und erfährt Abweisungen, auch von ehemals „guten Freunden“. Die Lage ist entsetzlich, und Joe trifft einen Entschluss …

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