Archiv für den Monat: Mai 2014

Wenn die Krise naht …

… und ausweichbar scheint, dann ist es allemal hilfreich zu wissen, welche Phasen vor einem liegen. Das Modell von Hurst/Shepard kann darin unterstützen, sich für den Durchlauf durch diese Phasen zu rüsten, durch das Gespräch mit Freunden oder mit der Unterstützung eines auf Krisensituationen spezialisierten Beraters oder Therapeuten.

Ob persönliche Beziehungs-, Job-, Finanzkrise: Der Ablauf dieser Etappen gelten nach den Autoren als prototypisch:

Bild Hurst

1. Die Vorahnung: Der Betroffene sieht das ‚Unheil‘ auf sich zukommen und kalkuliert die möglichen Auswirkungen.

2. Der Realitätsschock: Die Situation ist eingetreten. Der Betroffene braucht Zeit, um alles vollständig zu erfassen und er versucht die ersten Bewältigungsschritte.

3a. Die Erholung: Der Betroffene verspürt eine leichte Erholung oder Erleichterung ein. Auszeit, Tapetenwechsel, Ablenkung o.ä. verheißen eine Beruhigung der Situation.

3b. Die Planung. Der Betroffene beginnt, in die Planung von Veränderungsvorhaben zu gehen. Umschuldung, Bewerbung, Partnerbörse … – die Mittel werden genutzt und ausgereizt.

4a. Die Leugnung: Wenn der Einsatz der gewählten Mittel keinen Erfolg bringt, sich zur Krise nun auch das Versagen der Ressourcen abzeichnet, wird die Situation schöngeredet. Der Betroffene will sein Gesicht nicht verlieren, nicht als Looser dastehen.

4b. Die Wut: Nichts fruchtet. Wer hat es eingebrockt. Die Energie wird für die Suche nach Schuldigen verzehrt. Zuweilen mit Selbstmitleid oder anderen Abwehrmechanismen, die nichts anderes bewirken als dass die Situation immer verfahrener wird.

4c. Das Aufbäumen: Alle Kräfte werden mobilisiert, der Betroffene spricht sich Mut zu und versucht sich in Alternativen, an die er bisher nicht denken ‚wollte‘, vielleicht auch, weil diese Maßnahmen ihn so gar nicht ‚entsprechen‘ [Bewerbung unterhalb des bisherigen Funktionsniveaus, Anpumpen von Freunden, Offenheit für Verkupplungsversuche von Bekannten oder Freunden …]

4d. Die Akzeptanz: Auch das Aufbäumen hat keinen Erfolg gebracht. Die Lage ruft nach Resignation. Der Betroffene wirkt nach Außen wie das sprichwörtliche ‚Häufchen Elend‘.

4e. Die Depression: Das Selbstwertgefühl ist im Eimer. Die Energie ist ausgeschöpft. Wo kommt ein Fünkchen Hoffnung her?

5. Der Hoffnungsfunke: Es reicht ein kleiner Finger [eine vorzeitige Auszahlung von Geldmitteln durch Erbe oder Versicherung bringt etwas Luft, ein/e ‚alte/r Freund/in‘ ruft an und wärmt die Seele, jemand bietet eine Aushilfstätigkeit an …] und die Hoffnung keimt auf. Ob doch noch nicht alles verloren ist?

6. Der Auftrieb: Es kommen erste Signale der Besserung. Der Akku füllt sich wieder, der Betroffene stürzt sich in seine Chancen.

7a. Das Erreichte: Die größten Hürden sind genommen. Die finanzielle Lage ist durch Kosteneinsparungen entspannter oder die Probezeit im neuen Job ist geschafft oder eine neue Beziehung hält auch die Rüttelstrecke der ersten Anpassungsbemühungen aus …. Es kann weitergehen…

7b. Der Rückfall: Auch die letzte Hoffnung ist zerstört. Was sich anfangs als Chance abzeichnete, ist nun in sich zusammengefallen. Das Selbstwertgefühl: was ist das überhaupt?

8. Der Sturz: Jetzt kann nur ein Wunder helfen. Aber warum soll das gerade jetzt geschehen, meint der Betroffene.

Ein kleines Steinchen rollte munter
Von einem hohen Berg herunter.

Und als es durch den Schnee so rollte,
Ward es viel größer als es wollte.

Da sprach der Stein mit stolzer Miene:
„Jetzt bin ich eine Schneelawine.”

Er riß im Rollen noch ein Haus
Und sieben große Bäume aus.

Dann rollte er ins Meer hinein,
Und dort versank der kleine Stein.

Joachim Ringelnatz

Sinnlos stirbt am schnellsten

Sinnmangel führt oft und zeitnah zu gesundheitlichen Problemen. Seine Auswirkungen im Beruf sind hinreichend erforscht. Wer seine beruflichen Rollen ohne Engagement lebt, weil ihm die Tätigkeiten sinnentleert erscheinen [meist verursacht durch unzureichende Sinnkommunikation oder durch den Mythos, eine Zielvereinbarung könnte eine ‚Sinnvereinbarung‘ ersetzen oder durch dauerhafte Demotivation], bei dem ist mit psychischen oder psychophysischen, ungesunden Reaktionen zu rechnen.

In einer Langzeitstudie der University of Texas wurde sogar ein Zusammenhang zwischen sinnloser Arbeit und einer erhöhten Sterbewahrscheinlichkeit erforscht. Eine Gruppe von über 8000 Berufstätigen mit einer Betriebszugehörigkeit von mindestens drei Jahren wurde dabei untersucht. Fazit: Menschen, die ihre Arbeit als wenig fordernd und arm an Gestaltungsspielräumen empfanden, hatten eine um rund 30 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, in den folgenden fünf bis zehn Jahren zu sterben. Die Studie zeigte auch: Sinnempfinden ist unabhängig vom ausgeübten Beruf. Will sagen: Nicht nur die ‚üblichen Verdächtigen‘ wie Seelsorger, Ärzte, Feuerwehrleute, Künstler usw. können unter Sinnleere leiden oder Sinnhaftigkeit verspüren – solche Phänomene gibt es in jedem Beruf.
Sinn in der Arbeit ist eine subjektive und situative Angelegenheit – er ist nicht zu verallgemeinern, weil Sinnfindung auf der Verwirklichung ‚höchstpersönlicher‘ Werte basiert. Und Werte können ‚verletzt‘ werden, schnell und für Dritte auch selten zu bemerken. Werden sie es zu oft und zu stark, kann die Folge die ‚Re-Signation‘ sein: Die Zurücknahme der identitätsstiftenden ‚Signatur‘ unter eine berufliche Funktion.

Gibt es dafür eine Lösung? Walter Böckmann, ein ‚Schüler‘ Viktor Frankls meint dazu:
Wer Leistung fordert, der muss Sinn bieten.

Es ist besser so.
Reich mir die Hand. Wir wollen froh
Und lachend voneinandergehn.
Wir würden uns vielleicht nach Jahren
Nicht mehr so gut wie heut verstehn.
So laß uns bis auf Wiedersehn
Ein reines, treues Bild bewahren.

Du wirst in meiner Seele lesen,
Wie mich ergreift dies harte Wort.
Doch unsre Freundschaft dauert fort.
Und ist kein leerer Traum gewesen,
Aus dem wir einst getäuscht erwachen.
Nun weine nicht; wir wollen froh
Noch einmal miteinander lachen. – – –
Es ist besser so.

Joachim Ringelnatz

 

Die Nagelfeile

Man stirbt hier vor Langeweile,
dachte die Nagelfeile –
beim Mittagessen!
Und machte sich wie von ungefähr
über den Fingernagel her –
beim Mittagessen!
Da begann eine silberne Gabel zu schrei`n:
„Meine Dame, sie sind hier nicht allein!“

Joachim Ringelnatz