Archiv für den Monat: Oktober 2014

Wie findet ein Mensch Sinn?

Sinn ist der eigentliche und tiefste Beweggrund eines Menschen, zu handeln. Dieser Urgrund mensch­lichen Strebens kann einen Menschen dazu verleiten, Sinn gleichzusetzen mit einem anzustrebenden Gefühl, Motiv, Zustand oder Ziel. Da eine entdeckte Sinnmöglichkeit zu ihrer Verwirklichung jedoch den Prozess der Selbsttrans­zendierung und damit eine Überschreitung des Egos bedarf, steht die Frage im Raum, wie ein Mensch ebendiesen Sinn findet?

Elisabeth Lukas hat hierzu ein erstes Verlaufsmodell vorgelegt, das beginnend vom Aspekt der Sinnstrebigkeit [dem Willen zum Sinn] zu­erst einen ersten Schritt in Richtung Selbsterkenntnis einleitet, dem mit einer grundsätzlichen Bereit­schaft zur Selbstoffenbarung [die Aspekte des Sich-in-Frage-Stellens und der Öffnung zu einem Wachstumsprozess beinhaltet] dann ein Schritt zur Selbstdistanzierung und letztlich ein Schritt zur Selbsttranszendenz erfolgt, durch deren Vollzug der Mensch Sinn verwirklicht.

Krisenpraxis - EliLukGraf

Lukas, E. [2002]: Lehrbuch der Logotherapie. 2.Aufl.. München: Profil, S. 62

 

 

„Wenn es eine Chance
zum Umdenken gibt,
dann gibt es auch eine Chance
zum Umdenken in der Krise.”

Richard David Precht

Methode ‚Einstellungsmodulation‘

Den Einfluss der persönlichen Einstellung eines Menschen auf seine psychische und physische Gesundheit beweisen Studien, die zeigen, dass Menschen, die sich beruflich voll engagieren oder auch Mütter mit Kleinkindern, nicht so oft krank werden – selbst, alle anderen rum sie schwächeln. Warum? Weil sie ganz einfach keine Zeit haben, um krank zu sein. Andererseits wissen wir auch, dass Kranke, die sich aufgeben, schneller in Todesnähe kommen.

Für einen sinnzentriert arbeitenden Berater gehört es daher zum Handwerkszeug, bereits in der Frühphase eines Gespräches, in dem es aus Patienten- oder Klientensicht zuerst um die Darstellung der eigentlichen Problematik geht, auf die Aussagen zu achten, mit denen die Person über ihre Einstellungen spricht. Persönlich negative, gesundheitsabträgliche Einstellungen werden sodann angesprochen und darauf hingearbeitet, dass die Person erkennt, dass eine von ihr beabsichtigte Verbesserung ihrer Situation letztlich nur auf einer konstruktiven Basis ihrer Einstellungen gedeihen kann. Fraglos gibt es dabei Menschen, deren Einstellungen sich zu derart verhärteten Glaubenssätzen ausgebildet haben, so dass immer wieder Abwehrreaktionen zu erwarten sind. Dennoch gilt es, einer solchen Person Wege zur Einstellungsmodulation über das Gespräch über ‚Ausnahmen‘, ‚Unterschiede‘, ‚Alternativen‘, ‚Ambivalenzen‘ usw. offen zu halten. Womöglich wird der Mensch ‚in ruhiger Minute‘ an sich erleben, dass er sich selbst mit seinen Einstellungen nicht mehr leiden kann und sich mit den erarbeiteten alternativen Aussagen besser fühlt.

Die Milch-Frösche

Zwei Frösche fallen in einen halbvollen Milcheimer. Der eine der beiden Frösche war verzweifelt. “Wir müssen sterben”, jammerte er, “hier kommen wir nie wieder heraus.” Und er hörte mit dem Schwimmen auf, da nach seiner Meinung ja alles doch keinen Sinn mehr hatte. Der Andere war Optimist sagte zu sich selbst: “Ich gebe zu, die Sache sieht nicht gut aus. Aber aufgeben werde ich deshalb noch lange nicht. Ich bin ein guter Schwimmer! Ich schwimme, so lange ich kann.” Stundenlang strampelte er und wurde langsam immer schwächer. Da bemerkte er, dass es unter ihm etwas fester wurde und er ruderte noch einmal mit aller Kraft. Plötzlich hatte er festen Grund unter den Beinen und er sprang aus dem Eimer. Durch die Bewegung war aus der Milch Butter geworden.

Fabel von Äsop

Und die Moral ….: Der, der in einer Krise aufgibt, kann seine Lage auf keinen Fall mehr verbessern.
Der aber, der nicht aufgibt, hat zumindest eine Chance, seine Lage zu ändern!

Augenschein

Zur Nacht hat der Sturm alle Bäume entlaubt. Sieh sie an, die knöchernen Besen! 
Ein Narr, wer bei diesem Anblick glaubt, es wäre je Sommer gewesen. 
Und ein größerer Narr, wer träumt und sinnt, es könnte je wieder Sommer werden – 
und grad diese gläubige Narrheit, mein Kind, ist die sicherste Wahrheit auf Erden. 

Augenschein, von Ernst Ginsberg

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Ein Sinn im Leben mindert Zweifel und hindert Verzweiflung.

Ernst Ginsberg litt an der Krankheit ALS. Selbst als er sich weder bewegen noch mitteilen konnte, diktierte er noch mit Hilfe des Morsealphabets und seinen Augenlidern Gedichte.

Hier finden Sie ein anderes Gedicht von ihm:

Umgang der Kinder mit Tod – 5

Dem Gespräch mit einem Kind oder Jugendlichen über den Tod, sollte nicht ausgewichen werden. Dabei stehen einer fürsorglichen Aufklärung, die das Alter, die Ich-Stärke, den gesundheitlichen Status und die Reife berücksichtigen, die Gedanken und Bilder des Kindes oder Jugendlichen gegenüber. Für die Entwicklung dienlich ist es, das eigene Bild von Sterben und Tod offen zu halten für die Einwände des jungen Menschen. Allemal passend ist es, bei einem konkreten Todesfall über die Todesursache des Verstorbenen zu sprechen, so dass gerade Kinder in jungen Lebensjahren den Tod nicht mit ihrem eigenen Verhalten in Verbindung bringen.

Als praktikabler Wegweiser für die Frage, wann auf eine externe, psychologische Unterstützung eines Kindes oder eines Jugendlichen zurückgegriffen werden sollte, kann diese Übersicht dienen. Hier gilt, dass eine solche Hilfe insbesondere dann genutzt werden sollte, wenn zwei oder mehr Kriterien zutreffen:

– Lebensalter unter 6 Jahren, wenn Eltern oder ein Elternteil stirbt
– Wechsel der Schule des Kindes
– Wechsel des Wohnortes nach einem Todesfall
– Pathologische Trauer bei der oder den Bezugspersonen des Kindes
– Auffällige Hochstimmung des Kindes beim Tod eines Elternteils
– Starke körperliche Bindung zum lebenden Elternteil
– Plötzlicher und unerwarteter Tod oder Unfalltod
– Tod der Bezugsperson nach über sechsmonatiger Krankheit
– Tod der Bezugsperson in einem Einsatz bei der Bundeswehr
– Zwei oder mehr Todesfälle in kurzen Abständen
– Zeitlich nahe Todesfälle im Freundeskreis des Kindes oder Jugendlichen
– Finanzielle Notlage nach einem Todesfall mit Auswirkungen auf das Kind
– Vor dem Todesfall bereits bestehende psychische Belastung des Kindes
– Mädchen, deren Mutter bei der Geburt eines Kindes, durch Gebärmutter- oder Brustkrebs starb
– Junge, dessen Vater in der Zeit seiner Pubertät starb

 

Umgang der Kinder mit Tod – 4

Um elf Jahre herum nimmt der Bezug zum Tod stark ab, um dann mit der Pubertät wieder deutlicher zu Tage zu treten. Die Vorstellungen über Tod und den vorangegangenen Sterbeprozess sind konkret mit Wissen unterlegt und je nach sozialem Umfeld und Milieu werden als Ursache für den Tod natürlich oder auch unnatürliche Gründe reflektiert.

Mit der Pubertät erkennen Kinder und Jugendliche die Zusammenhänge des Todes und haben ihn in das Verhältnis zu ihrem eigenen Leben gestellt. Treten in dieser Phase Todesfälle im sozialen System auf, dann kann ein Rückfall in kindliche Interpretationen beobachtet werden.
Die Fragen nach dem Sinn von Leben und Tod nehmen entwicklungsbedingt im Verlauf der Pubertät zu, meist einhergehend mit ihrer Einbindung in andere Kontexte wie Liebe, Sexualität, Hoffnung, Zukunft, Angst und das Verhältnis zu den eigenen Bezugspersonen. Bleibt der Jugendliche in dieser Zeit ohne Raum für das Gespräch über seine Gedanken und Empfindungen, sucht er sich oftmals andere Antwortquellen. Bleiben diese unreflektiert stehen und gewinnen sie Einfluss auf die Identitätsentwicklung des Jugendlichen, können sie letztlich zu Verhaltensmusters führen, deren Fortbestand sich in einem destruktiven Selbst- und Zukunftsbild zeigen.

Auch aus diesen Gründen darf angenommen werden, dass sich das auf die jeweilige Entwicklungsstufe des Kindes bezogene Gespräch und ein über alle Gespräche hinweg konsequent für das Kind und den Jugendlichen wahrnehmbarer, aber nicht ideologisch gefärbter ‚roter Gesprächsfaden‘ als günstig erweist. Das Thema ‚Tod‘ ist folglich nicht mit ‚einem Mal erledigt‘. Dazu jedoch ist die Selbstaufklärung von Eltern und Erziehern, ihr eigenes Bild vom Sterben und vom Tod und die Reflexion ihrer eigenen Ängste und Glaubenssätze erforderlich.

Umgang der Kinder mit Tod – 3

Ab dem sechsten Lebensjahr beginnt nun etwas Neues – die Verbindung der Situationen, die Tod erzeugen, mit ihren Emotionen. Es entsteht Mitgefühl – zum Beispiel, wenn ein Schulkamerad über den Tod eines ihm nahen Menschen spricht. Das Bild des Finalen wird dem Kind in diesem Alter immer klarer, auch, wenn sie dies weiterhin nur auf andere projizieren.
Zuweilen findet sich in den kindlichen Gedanken die Zuschreibung des Todes auf eine wesenhafte Gestalt, sei es, dass der Tod in Form eines Skeletts oder eines Engels angesehen wird, die die Aufgabe haben, das Böse oder Freche zu holen. Dagegen jedoch kann sich das Kind in seiner Vorstellung schützen, es muss dann entweder brav oder schlauer sein.

Mit dem Schuleintrittsalter gewinnt das Kind mehr Interesse daran, was nach dem Tod geschieht und sie erfahren, dass es viele Ursachen für ihn gibt. Die Möglichkeit des Todes von Vater und Mutter wird konkret, auch können sich in diesem Alter erstmals Todeswünsche gegen Mitglieder der Familie zeigen oder Kinder deuten an, dass sie bei dieser oder jener Person sein wollten, wäre Papa oder Mama tot. Mit dem siebten Lebensjahr gewinnt das Kind ein Zeitbewusstsein, es erinnert Todesfälle und die mit dem Tod verbundene Symbolik rückt ins Interesse. Weiterhin wird das vielleicht aufkeimende Gespür, dass man selbst auch tot sein wird, ausgeblendet. Ab acht oder neun Lebensjahren wissen Kinder, dass jeder Mensch einen Tod erfährt, auch man selbst. Damit gewinnen Bilder an Bedeutung, die das Kind sich über den eigenen Tod macht. Es zeigt Interesse an dem, wie der Tod eintritt und was nach dem Tod passiert, wenngleich die – in diesem Alter auch bereits grob bekannten – Vorgänge, die der Körper nach dem Tod vollzieht, meist noch nicht verarbeitet werden können.

Umgang der Kinder mit Tod – 2

Kinder im Vorschulalter interpretieren meist den Tod als etwas Vorläufiges. Oft vergleichen sie ihn dabei mit dem Schlaf oder dem Weggehen und Wiederkommen. Eltern, die in dieser Phase zum Beispiel das Futter für ein verstorbenes Tier nicht bereitstellen, können dafür von ihren Kindern kritisiert werden, denn ‚der Hase ist ja nur für kurze Zeit im Himmel und bald wieder da‘.

Tod als endgültige Trennung verstehen zu sollen, führt Eltern meist dazu, diese schmerzhafte emotionale Erfahrung von Entbehrung ihrem Kind ersparen zu wollen. Dafür gibt es plausible Gründe, denn oft machen sie früher oder später die Erfahrung der Verlustangst, die Kinder entwickeln, wenn sie meinen, dass sie von ihren Eltern verlassen werden könnten. Meist endet diese Angst bis zum achten Lebensjahr und wird in dieser Zeit besonders durch Todesfälle im Umfeld des Kindes geschürt. Die Herausforderung für Eltern besteht fraglos in dieser Zeit darin, einem Kind den Unterschied zwischen Zeitweiligem und Endgültigen zu vermitteln.

Der Versuch, das Endgültige zum Beispiel mit dem ‚Himmel‘ zu mildern, führt bei Kindern im Vorschulalter nicht automatisch zur erhofften Entlastung, denn ‚wenn Oma im Himmel ist, dann kann sie ja auch wiederkehren. Und tut sie es nicht, bin ich als Kind vielleicht Schuld daran, dass sie wegbleibt ….“  Zusätzlich erschwert wird diese ‚Aufklärung‘, wenn das Kind medial erlebt, dass soeben in Stücke Gefetztes im nächsten Moment wieder auf dem Bildschirm erscheint. Tod bekommt damit den Status eines ‚Vorübergehenden‘ und eines ‚Zufalls‘ – lebendig bleibt aus dieser Sicht, wer aufpasst. Da Kinder erleben, dass man auf sie aufpasst, ist der Gedanke naheliegend, dass ‚auf Oma nicht genügend aufgepasst wurde, denn sonst wäre sie ja nicht im Himmel. Und wenn sie zurückkommt, dann muss man auf sie besser achten‘.

Ein weiteres Phänomen in diesem Alter besteht darin, dass Kinder ihren eigenen Tod nicht thematisieren. Er ist nur bei anderen möglich. Diese Sicht wird auch dadurch bestärkt, wenn das Kind durch das Töten von Insekten ebendiese Erfahrung macht.

Umgang der Kinder mit Tod – 1

Aus gut gemeintem Schutz des Kindes vor Lebensthemen, von denen Eltern oder Erziehende meinen, dass diese ‚zuviel‘ für das Kind seien, scheuen sie sich, über den Tod zu sprechen – insbesondere dann, wenn er bei einer nahe stehenden Person eingetreten ist. Jedoch ist eine pauschale Zurückhaltung bei diesem Thema nicht anzuraten, denn Kinder haben je nach Alter durch bereits ein für sie reales Verständnis von Leben und Tod.

Kindliche Bilder und Vorstellungen von Tod sind als dynamischer Prozess zu verstehen, und auch bei Kindern im Vorschulalter sind Gedanken an den Tod durchaus gängig und für die Entwicklung wichtig. Die ersten Impulse des Kindes kommen durch ‚Sterbeprozesse‘ in der Natur, bei Pflanzen und Tieren, und in der Folge durch Verlust- und Trennungserfahrungen. Das Kind erlebt, dass eine Person nicht verfügbar ist, dass ein Gegenstand nicht mehr da ist, dass bestimmte Formen der Nahrungsaufnahme [Brust, Flasche] nicht mehr gegeben wird. Auch der Umgang, insbesondere seiner Eltern mit dem nicht mehr Lebendigen, prägt das Kind.

Das Interesse an der Auseinandersetzung mit Lebendigem und Unbelebten schwankt. Von Jean Piaget und seinen Forschung der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass Kinder ab etwa dem dritten Lebensjahr beginnen, als ‚lebendig‘ zu verstehen, was aus seiner Sicht nützlich und aktiv ist. Dabei beobachtet es natürlich die Menschen um es herum und deren Verwendung der Dinge oder den Umgang mit anderen.  Ab sechs Jahre gilt vornehmlich das als ‚lebendig‘, was in Bewegung ist. Sich bewegende Blätter am Baum müssen aus diesem Verständnis ‚belebt‘ sein, bewegen sie sich nicht, können Kinder ein Blatt als ‚unbelebt‘ ansehen. Mit acht Jahren wandelt sich diese Interpretation insofern als das Kind den Unterschied zwischen eigener und von außen zugefügter Bewegung machen kann. Eigenbewegung eines Objektes ist nun Zeichen der Lebendigkeit. Ab 11 Jahre wird Lebendigkeit dann nur noch Lebewesen zugeschrieben.