Archiv für den Monat: November 2014

Die Einflüsse der Risiko-Gesellschaft – 3

Die aus dem Resümee Becks herauszulesende These, dass ungewollte und un­gesehene Selbstinfragestellung und Selbstveränderung quasi als Treibstoff einer Risikogesellschaft anzusehen sind, in der jeder Einzelne dazu selbst beiträgt, sich – bildhaft gesprochen – permanent den Boden unter den eigenen Füßen wegzuziehen, eine nahezu diametrale Perspektive zu Viktor Frankl dar, wenn dieser daran erinnert, dass der Mensch hier und heute fraglos nicht frei von Bedingungen ist, jedoch stets frei, ‚so oder so‘ zu ihnen Stellung zu beziehen.

Der Unterschied ist offenkundig. Frankl wirft die ‚Trotzmacht des Geistes‘ [mehr dazu unter diesem Stichwort in der KrisenPraxis] in den Ring, Ulrich Beck die Angst. Für Beck ist ‚Angst‘ ein Muss, denn in einer solchen Risikogesellschaft sind Biografien eben Risiko-, Bruch- und Zusammenbruch-biografien; die permanente Angst vor dem Absturz wird so zum Nährboden einer ständigen Neuinszenierung der Identität. Aus kollektiver Angst vor dem Abgleiten in Krisen eigenen Scheiterns und mit dem von jedem Einzelnen bezahlten Preis ‚ungewollter Selbstveränderung‘ modernisiert sich unsere Gesell­schaft und Beck ergänzt: „Der Hunger nach Selbstfindung führt zu einem [unendlichen] Re­greß der Fragen ,Bin ich wirklich glücklich?‘ ,Bin ich wirklich selbsterfüllt?‘  In der Suche nach Selbsterfüllung reisen die Menschen in alle Winkel der Erde. Sie zerbrechen die besten Ehen und gehen in rascher Folge immer neue Bindungen ein. Sie lassen sich umschulen. Sie fasten. Sie joggen. Sie wechseln von einer Therapiegruppe zur anderen. Besessen von dem Ziel der Selbstverwirklichung reißen sie sich selbst aus der Erde heraus, um nachzusehen, ob ihre Wurzeln auch wirklich gesund sind.“

Frankl drückte dies so aus: ‚Im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll – und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will.‘

Vergessen wir bei dieser Betrachtung gesellschaftlicher Faktoren mit ihrem potenziellen Einfluss auf Individualkrisen nicht die womöglich zusätzlich und wechselwirkend beeinflussenden Aspekte indivi­dueller psychophysischer Konstitution, Sozialisation und Herkunft wie zum Beispiel [früh]kindliche Erfahrungen; erworbene Handlungskompetenzen; bisherige Anpassungsleistungen neuer an bereits gemachte Erfahrungen oder die Angleichung der Umwelt an diese; das System relevanter Bezugs­personen verbunden mit deren Lebensweltorientierungen; affektive und kognitive Dispositionen; erlernte Grundstrategien des Überlebens; kulturelle Prägungen; materielle Gegebenheiten; inner- und außerfamiliäre Beziehungen u.a., so erzeugt dieser multifaktorielle Kontext einen interindividuell unvergleichbaren, biographisch-lebensgeschichtlich erworbenen Deutungs- und Handlungsrahmen.

Dabei gilt – mit Karl Jaspers, einem Weggefährten Viktor Frankls, gesprochen –, dass der Mensch sich vorfindet, die Bestimmungsgrößen seines Seins wurden von ihm nicht erwählt – weder die Bedingungen aus seiner Ursprungsfamilie, noch seine psychischen oder physischen oder soziokulturellen Merkmale. Der Mensch teilt sich zwar mit  jedem anderen Menschen bestimmte Grundsituationen, doch es obliegt dennoch jedem Einzelnen, wie er sie meistert.

Die Einflüsse der Risiko-Gesellschaft – 2

Die 15 Thesen von Ulrich Beck

Die Theorie des eigenen Lebens
These 1:

Hochdifferenzierte Gesellschaft zwingt und ermöglicht, ein eigenes Leben zu führen.

  •  Gesellschaft zerfällt in einzelne Funktionsbereiche.
  •  Gesellschaft integriert die Menschen nicht als ganze Person in ihre verschiedenen Funktionssysteme, sondern nur teil- und zeitweise.
  • Die einzelnen Menschen müssen mit dem andauernden Wechsel zwischen verschiedenartigen, zum Teil unvereinbaren Verhaltenslogiken selbständig zurechtkommen und ihr eigenes Leben selbst in die Hand nehmen.
These 2:

Das eigene Leben ist kein ‚eigenes‘ Leben.

  • Die einzelnen Menschen führen ihr ‚eigenes Leben‘ weitgehend unter Bedingungen, die sich ihrer Kontrolle entziehen.
These 3:
Das eigene Leben ist durch und durch institutionenabhängig und durchorganisiert.
  • Die einzelnen Menschen sind im Netzwerke der Vorgaben eines Bürokratie- und Institutionendickicht fest eingebunden.
  • Die einzelnen Menschen sind gezwungen, die Selbst-organisation des Lebenslaufes und Selbstthematisierung der Biographie vorzunehmen. Dazu müssen sie stets schneller, wendiger, kreativer sein, um sich in der Konkurrenz durchzusetzen und werden damit zu Akteuren, Konstrukteuren, Jongleuren, Inszenatoren ihrer Biographie, ihrer Identität, aber auch ihrer sozialen Bindungen und Netzwerke.
These 4:
Biografie wird zur Risiko-, Bruch- oder Zusammenbruchsbiografie.
  • Die Risikogesellschaft hält die Möglichkeit des Abgleitens und Absturzes permanent präsent.
  • Diese Möglichkeit erzeugt Angst.
These 5:
Das eigene Leben ist zur Aktivität verdammt.
  • Unkalkulierbarkeit und Unsicherheit sind Antreiber.
  • Scheitern ist ebenso aktives Leben.
  • Scheitern ist stets persönliches Scheitern.
  • Das eigene Leben wird zu einem biografischen Planungsbüro.
These 6:
Gesellschaftliche Krisen
werden auf das eigene Leben bezogen und als individuelle Krisen erfahren.
  • Gesellschaftliche Krisen werden als individuelle Risiken bilanziert.
  • Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft entsteht.
  • Krisen erscheinen zunehmend als individuell und nicht als Phänomen von Gesellschaftlichkeit.
  • Indikator Biografie: Die Lebensereignisse werden nicht primär ‚fremden‘ Ursachen, sondern ‚eigenen‘ Entscheidungen zugerechnet. Es zeigen sich immer mehr Elemente einer individualistischen und aktivistischen Erzählform, somit auch eine Zuschreibung der Krise an die eigene Person.
These 7:
E
igenes Leben ist zugleich globales Leben.
  • Die einzelnen Menschen handeln zunehmend über Distanzen hinweg – sie werden ortlos.
  • Vernetzung entzieht Kontrolle, personale und lokale Erfahrungshorizonte werden aufgebrochen. Einst lokale Lebensstile werden global verfügbar.
These 8:
Eigenes Leben ist enttraditionalisiertes Leben.
  • Traditionspflege wird zur Entscheidung des einzelnen Menschen.
  • Gruppenspezifische oder kollektive Identitäts- und Sinnquellen mit ihren Lebensstilen und Sicherheitsvorstellungen lösen sich auf. Individualisierung zwingt zu Definitionsleistungen des Einzelnen.
These 9:
E
igenes Leben ist experimentelles Leben.
  • Zukunft wird nicht mehr aus Herkunft abgeleitet.
  • Lebensführung wird historisch vorbildlos.
  • Eigenes und soziales Leben müssen  neu aufeinander abgestimmt werden – ohne zu wissen, ob dies auch gelingt.
These 10:
Eigenes Leben ist reflexives Leben.
  • Die einzelnen Menschen ‚managen‘ ihr ‚eigenes‘ Leben durch Verarbeitung widersprüchlicher Informationen, Verhandlungsprozesse und Kompromisse und empfinden dies als Selbstbestimmung.
  • Reflexiv führt dies zu einer Abwälzung institutioneller Probleme auf die individuelle Ebene des ‚mündigen Bürgers‘.
These 11:
Die Sozialstruktur des eigenen Lebens entsteht mit fortlaufender Differenzierung und Individualisierung.
  • Fortlaufende Individualisierung führt zu einer Erweiterung sozialer Strukturen und dazu, dass traditionelle Lebensformen gegen die entstehenden neuen Optionen verteidigt und gerechtfertigt werden müssen und dadurch und als potenzielles Risiko erlebt werden.
These 12:
Eigenes Leben ist  eine reflexiv moderne, hoch bewertete Lebensform.
  • Die durch die Öffnung der Gesellschaft neuen Funktionslogiken geben der Empathie des Individuums und der Unvordenklichkeit des Individuellen gesellschaftlichen Raum und Sinn.
  • Das Wesen der Individualität kann als radikale Nichtidentität ausgefasst werden, an der letztlich das Allgemeine zerbricht.
These 13:
Eigenes Leben ist radikal nichtidentisches Leben.
  • Das eigene Leben entzieht sich dem Zugriff des verallgemeinernden Denkens und Forschens. Die vielen, auf das eigene Leben geworfenen Lichter aus Wissenschaft und Kunst und Philosophie und Fotografie und biografischer Rekonstruktion und soziologischer Analyse machen das Leben fragwürdig und merkwürdig.
These 14:
Eigenes Leben ist durchaus ein moralisches Leben.
  • Die einzelnen Menschen suchen eine Moral der Selbstbestimmung, die ihnen Orientierung geben kann – aber keine mit eingeschliffenen, abgegriffenen, widerspruchsvoll gewordenen Pflichtformen und -formeln zu verwechselnde Moral.
These 15:
Eigenes Leben ist das Diesseitsleben, dem der Tod das endgültige Ende setzt.
  • Das eigene Leben ist das nur einzige Leben vor dem Tod.
  • Vor diesem Ende erklärt sich die Tendenz, in Esoterik und neue Religionsbewegungen aller Art zu flüchten.

Die Einflüsse der Risiko-Gesellschaft – 1

Wirft man einen Blick auf die einen Menschen potenziell zunehmend [ver]störenden Einflüsse aus der verschiedensten Bereichen der Gesellschaft, so meint der Soziologe Ulrich Beck, dass man Menschen heute eine ‚experimentelle Biografie’ zusprechen müsse, in der der Umgang mit Angst und Unsicherheit  zu einer Schlüsselqualifikation zählt.

In 15 Thesen stellt Beck in seiner auf seinem Werk ‚Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne‘ aufbauenden Theorie für das je ‚eigene Leben‘ Bedingungen und Bestimmungen dar, von denen er behauptet, dass der Grund dafür, dass Menschen alltäglich mit Eifer, Lust und Angst, Routine und Gewitztheit um ihr eigenes Leben bangen und ringen in ihrem ‚eigenen Willen‘, ihrer ‚Anspruchsinflation‘ und in ihrer ‚abnehmenden Bereitschaft, auszuführen, sich einzuordnen und zu verzichten‘ zu finden sei.

Beck fragt in seiner Theorie, ob diese Phänomene den Beginn eines evolutionären Wandels, eines neuen Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft markieren. Auf der Basis seiner Thesen resümiert er, dass ein Konflikt in der Moderne und zudem in den Zentren industrieller Modernisierung um die Rationalitätsgrundlagen und das Selbstverständnis der Industriezivilisation im Gange sei, der dazu führt, dass Strukturen auf allen Gesellschaftsebenen – von der Politik bis zur Familie – nicht mehr reproduziert, sondern neu ausgehandelt, entschieden, gerechtfertigt, erfunden werden müssen.

Beck nennt diesen Prozess, der sich zwischen Individualisierung und Globalisierung, Enttraditionalisierung, Aktivität und Zuweisung fremdbestimmter Anforderungen vollzieht und in dem ungewollte und meist auch ungesehene Selbstinfragestellung und Selbstveränderung zu beobachten sei, ‚reflexive Modernisierung‘.

„Solange sich ein Mensch einbildet,
etwas nicht tun zu können,
solange ist es ihm unmöglich,
es zu tun.“

Baruch de Spinoza

Sinn des Leids

Leid und Sinn – das geht doch nicht zusammen. Die Ansicht ist weitverbreitet, und fraglos ist es nicht sinnvoll, dass ein Mensch leidet. Jedoch, wenn er leidet, dann gibt es trotz allem einen Sinn. Direkt ein Beispiel: Ein Arzt kehrt von einem Ebola-Einsatz zurück, leider selbst infiziert. Seine Versorgung ist in Deutschland bestens, dennoch ist sein Zustand ernst. Trotz seines Leids achtet er darauf, dass er seine Umgebung nicht schädigt. Und so handelt er entschlossen als er eine Undichtigkeit an seinem Bett auf seiner Isolierstation entdeckt.

Seine Einstellung, andere Menschen zu schützen, stand in dieser Situation über dem eigenen Leid. An sich kennt jeder Mensch eine Fülle solcher Ereignisse in seinem Umfeld oder aus Erzählungen, ein guter Grund also, davon auszugehen, dass jedem Menschen auch in schwierigster Lage der Zugang zum Sinn nicht versperrt ist.

Das logotherapeutische Gespräch mit leidenden Menschen wird daher stets darauf achten, der betroffenen Person hohe Achtung auszusprechen, wenn sie mit ihrer aufrechten Einstellung das aktuelle Leid behandelt und diesem seinen rechten Platz im eigenen Leben zuweist. Es zeigt sich immer wieder, das ein solches Feedback dem betroffenen Mensch mehr Aufschub leistet als ein Trost oder ein geäußertes Mitgefühl.

Sanft gilt es dann herauszuschälen, worin die womöglich sogar „guten Seiten“ liegen könnten, die sich aus der eingetretenen Situation ergeben. Meist kann ein Außenstehender wie ein Therapeut oder Seelsorger dieses „Doch-Positive“ besser erkennen.

Natürlich gilt es ferner, den Betroffenen über die Werte zu stabilisieren, die bei allem Leid erhalten bleiben und zur Verwirklichung einladen. Die Würdigung der Werte, die eingedenk der leidvollen Lage nicht mehr ihren Beitrag zur Sinnfindung leisten können, es aber im Leben des Menschen oft taten, darf nicht vergessen werden.