Archiv für den Monat: Dezember 2014

Antworten auf existenzielle Fragen finden

Der menschliche Geist kehrt, wenn er von einer neuen Idee gefordert wurde, nie in seine Ausgangsposition zurück.

Oliver Wendell Holmes

Aus den zahlreichen Bedeutungen, die das Wort ‚logos‘ in seinen Übersetzungen hat, greifen wir in unseren Beratungs- und Therapieleistungen auf das Wort ‚Sinn‘ zurück. Der Mensch sucht nach Sinn in seinen Beziehungen, seinen Betätigungen, seinem Beruf – und zuweilen nach sinnvoller Begleitung durch einen anderen Menschen, der ihn in einer Lebensphase darin unterstützt, Antworten auf existenzielle Fragen zu finden.

Viktor Frankl hat mit seiner ‚Theorie des Logos‘ die besondere Eigenart des Menschseins angesprochen. Für ihn ist ‚Mensch zu sein‘ kein ‚nun-einmal-so-und-nicht-anders-sein-Müssen‘, sondern steht ein ‚immer-auch-anders-werden-Können‘. Wer in dieser Haltung lebt, fragt immer wieder nach dem Sinn in seinem Leben. Diese Frage zu stellen, ist zutiefst menschlich und sie braucht etwas, was den Menschen über das hinaushebt, was ihm sein Körper und seine Psyche ermöglicht. Diese dritte Dimension ist der Geist.

Während die körperliche [somatische] und die psychische Dimension in einem engem Zusammenhang stehen – wir kennen dies zum Beispiel aus dem Bereich psychosomatischer Erkrankungen – kann sich der Mensch kraft seiner geistigen Dimension zum Beispiel über Beschwerden hinwegsetzen, die ihm Psyche oder Körper bereiten. Wichtig ist diese Fähigkeit besonders dann, wenn der Mensch am Sinn in einem seiner Lebensbereiche zweifelt oder verzweifelt.

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„Wenn du dich in einer Zwickmühle befindest,
und alles sich gegen dich verschwört,
und du meinst, nicht länger durchhalten zu können,
darfst du auf keinen Fall aufgeben,
denn jetzt ist der Augenblick gekommen,
da alles sich zum Guten wendet.“

Harriet Beecher Stowe

 

12 irrationale Vorstellungen nach Albert Ellis, die eine Neurose hervorrufen und aufrechterhalten

1. Die Vorstellung, es sei eine dringende Notwendigkeit, dass Erwachsene von jemandem geliebt werden und zwar für nahezu alles, was sie tun – statt sich also auf ihren Selbstrespekt zu konzentrieren, für praktische Zwecke Anerkennung zu ernten, statt sich darauf zu konzentrieren, dass sie selbst jemandem Liebe zeigen, statt selbst geliebt werden zu wollen.

2. Die Vorstellung, bestimmte Handlungen seien fürchterlich oder schlecht und dass Menschen, die solche Handlungen vollziehen, verachtet werden müssen – statt der Vorstellung, dass bestimmte Handlungen unsinnig oder antisozial sind und dass Menschen,
die so handeln, sich dumm, ignorant oder neurotisch verhalten und Hilfe benötigen, damit sie sich ändern. Wenn Menschen sich schlecht verhalten, macht das niemanden zu einem verachtenswerten Individuum.

3. Die Vorstellung, es sei entsetzlich, wenn die Dinge anders sind, als wir das gerne möchten – statt der Vorstellung, dass die Lage gar nicht so schlimm ist, dass wir widrige Umstände zu ändern oder in den Griff zu bekommen versuchen, sodass sie zufriedenstellender sind, und wenn das nicht möglich ist, sollten wir das lieber vorübergehend hinnehmen und uns in ehrenhafter Weise damit abfinden, dass die Dinge nun mal so sind.

4. Die Vorstellung, menschliches Unglück sei immer von außen verursacht und werde uns von außen stehenden Menschen und Ereignissen aufgezwungen – statt der Vorstellung, dass eine Neurose zu einem großen Teil durch unsere Sichtweise unglücklicher Umstände verursacht wird.

5. Die Vorstellung, dass wir uns fürchterlich aufregen sollten, wenn etwas gefährlich ist oder sein könnte – statt der Vorstellung, dass man der möglichen Gefahr besser offen ins Gesicht blickt und sie zunächst als ungefährlich einstuft und, wenn das nicht möglich ist, das Unvermeidliche einfach akzeptiert.

6. Die Vorstellung, es sei einfacher, die Schwierigkeiten des Lebens und die Eigenverantwortlichkeiten zu meiden, als sich ihnen zu stellen – statt der Vorstellung, dass der so genannte einfache Weg sich letztlich doch oft als der härtere herausstellt.

7. Die Vorstellung, dass wir unbedingt etwas bräuchten, das größer und stärker ist als wir selbst, damit wir uns darauf verlassen können – statt der Vorstellung, dass es besser ist, das Risiko unabhängigen Denkens und Handelns einzugehen.

8. Die Vorstellung, wir müssten in jeder erdenklichen Hinsicht überaus kompetent, intelligent und erfolgreich sein – statt der Vorstellung, dass wir besser manches wirklich gut machen, statt immer und überall gut sein zu müssen, dass wir uns selbst als ein recht unvollkommenes Wesen akzeptieren, das wie alle anderen Menschen seine Grenzen und individuellen Schwächen hat.

9. Die Vorstellung, etwas, das uns in unserem Leben einmal sehr stark beeinflusst hat, werde unendlichen Einfluss auf uns ausüben – statt der Vorstellung, dass wir aus vergangenen Erfahrungen lernen und uns nicht übermäßig mit ihnen beschäftigen
oder Vorurteile daraus entwickeln müssen.

10. Die Vorstellung, wir müssten eine bestimmte und perfekte Kontrolle über die Dinge ausüben – statt der Vorstellung, dass die Welt voller Wahrscheinlichkeiten und Zufälle steckt und dass wir das Leben dennoch genießen können.

11. Die Vorstellung, menschliches Glück könne durch Trägheit und Untätigkeit herbeigeführt werden – statt der Vorstellung, dass wir am glücklichsten sind, wenn wir uns vital in kreative Unternehmungen vertiefen oder wenn wir uns Menschen und Projekten außerhalb unserer selbst widmen.

12. Die Vorstellung, wir hätten keinerlei Einfluss auf unsere Emotionen und könnten nicht anders, als uns von den Dingen gestört zu fühlen – statt der Vorstellung, dass wir reale Kontrolle über unsere destruktiven Empfindungen haben, wenn wir uns nur entschließen, die „musturbatory hypotheses“ zu ändern, die wir häufig dazu gebrauchen, derartige Emotionen zu erzeugen.

Albert Ellis

„Die Angst klopft an die Tür.
Das Vertrauen öffnet.
Niemand steht draußen.“

Volksweisheit

Selbsttranszendenz – was ist das denn?

Eine Frau stürzt vom Soziussitz eines Motorrades und liegt leblos am Straßenrand. Viele fahren weiter, einer nicht. Der fast 60jährige sitzt seit sieben Jahren krankheitsbedingt im Rollstuhl. Seine Frau fährt diesmal den Wagen, er ruft ihr zu, stehenzubleiben, dann lässt er sich aus dem Wagen fallen, robbt auf Händen zur Motorradfahrerin. Er sieht, dass die Frau keinen Puls mehr hat, angeschwollen und blau angelaufen ist. Ein Herzstillstand ist zu befürchten. Er legt die Frau in die stabile Seitenlage, nimmt unter Mühen den in die Jahre gekommenen Helm ab und gibt ihr einen starken Schlag auf den Brustkorb. Dann kommt der Sanitätswagen ….
„Ich bin dann weg“, sagt der Helfer. Seine Frau hat in der Zwischenzeit seinen Rollstuhl aus dem Auto geholt, er setzt sich hinein und überlässt en Medizinern die weitere Versorgung. An das Drumherum hat er keinerlei Erinnerung mehr, so konzentriert war er auf die hilflose Frau.

Andreas U. hat sich selbst vergessen. Er war in völliger Hingabe zu dieser Frau. Sein Ego war ausgeschaltet. Er hat sich selbst transzendiert.

Für seine Hilfe erhält er eine Auszeichnung für Zivilcourage.

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Muss es gleich so dramatisch zugehen, um Selbsttranszendenz unter Beweis zu stellen?

Nein, Millionen Eltern machen morgens ihren Kindern das Frühstück, setzen ihnen für den Schulweg eine warme Mütze auf, schauen, ob es ihnen gut geht und sie alles haben, was sie brauchen. Die meisten dieser Eltern denken in diesen Momenten nur an ihr Kind und vergessen sich selbst. Das ist tägliche kleine Selbsttranszendenz.

Dass diese rein menschliche Fähigkeit gerade in eigenen Krisensituationen das Wichtigste ist, was zu tun ist, um die Lage zu bewältigen, mutet im ersten Moment vielleicht unmenschlich an. Auf den zweiten wird genau diese, jedem Menschen gegebene Fähigkeit zu einem Schutzfaktor. Aber wie bei jeder Fähigkeit gilt es, sie zu entwickeln und auszubauen …