Archiv für den Monat: März 2015

Krisenthermometer

Das ‚Krisenthermometer‘ dient als einfaches, visuelles Kontrollinstrument bei der Überwindung kontraproduktiver Verhaltensweisen, die zum Beispiel auf Angst, Wut, Trauer oder Scham gründen.

Das Prinzip ist einfach. Der Klient nutzt sinnbildlich die Abbildung eines Thermometers und skaliert dabei von 1 bis 10. Nun trägt er die am Tag erlebten Situationen ein, beschreibt sie mit einigen Anmerkungen und skaliert dann, wie stark die entsprechende Angst, Wut o.a. dabei gegeben war. Der Klient lernt so sein Verhalten differenzierter zu betrachten, erkennt zum Beispiel, dass niemals der ganze Tag voller Angst oder Trauer o.a. war und kann so für ihn positive Zusammenhänge leichter erkennen und bearbeitbar machen.

Weitere Einsatzmöglichkeiten bestehen in der Biografiearbeit oder auch darin, dass sich ein Klient das Ziel setzt, sich während eines Zeitraumes X in lebenserfreuenden Situationen einzubringen, in denen es ihm möglich ist, sich von seinem bekannten kontraproduktiven Verhalten zu distanzieren.

Das Instrument wurde originär vorgestellt in:
Shelley, N.: The Crisis Thermometer:
Behaviour Science Institute.
Seattle, 1975

Postmodernes Staunen

Wenn postmoderne Menschen glauben,

_ dass sie Ihr Schicksal durchgängig selbst gestalten können
_ dass sie sich täglich neu erfinden können
_ dass alles machbar ist
_ dass Grenzen eine Zumutung sind
_ dass alles mit Prozessen, Planung, Kontrolle zu managen ist
_ dass jedes beliebige Ziel verfolgt werden kann

dann kann diese Haltung eine robuste sein, wenn die Menschen gleichzeitig

_ im Zuge konsequenter Selbstaufklärung
_ ihre Deutungsmuster über sich und die Welt reflektiert haben,
_ sich gleichwohl die Gabe des Staunens erhalten, um
_ in einer Krisen-Situation selbstwertbewusst handlungsfähig zu sein.

Staunen?

Wer staunt, lässt Faszination zu, aber auch das Grauen. Wer staunt, adressiert damit etwas, das jenseits des eigenen Werte- und Erfahrungskosmos liegt, wer staunt, dessen ‚Ich’ tritt hinter dem Erstaunten zurück. Selbst Kant, dessen Sorge vor potenziellen Irrwegen des Staunens sich in einem deutlichen Plädoyer für naturwissenschaftliche Methoden zeigte, konnte sich des Staunens nicht erwehren. Der Anblick des bestirnten Himmels oder des weiten Ozeans und ihre Beurteilung als ‚Unendlichkeit’ bewirke ein Gefühl des Erhabenen und des sprachlosen Staunens – um dann aber doch aufgefangen zu werden durch das Vermögen der Urteilskraft. Durch Staunen außer sich zu geraten, ist für ein reines Vernunftwesen nicht vorstellbar.

Es scheint, als müssten wir dem Staunen einen Raum geben, einen Raum, in dem Irritationen
möglich und erwünscht sind, in dem wir uns von Scheinlösungen distanzieren können, die uns vorgaukeln, wir hätten schon zu jedem Problem eine Antwort. Ein solcher Raum ermöglicht „ein Grundfragen des Existere”, denn „alle einzelnen, jeweiligen, empirischen Fragestellungen
[sind] Abwandlungen aus dem einen Anstoß der staunenden Grundfrage.“ [Ernst Bloch]

Staunensbildung – so unsere Ansicht in der KrisenPraxis – stellt einen wichtigen Baustein in der Krisenprävention dar. Das Aufgeben einer sich spätestens in einer unvorbereiteten Krise entblößenden Selbstsicherheits-Illusion bereichert die Fähigkeit zu staunen, denn wirkungsvolles Handeln erfordert großzügiges und fantasiereiches Denken, nicht das Festhalten an unwirksamen Gewohnheiten. Um die Schranken der Routine zu durchbrechen, muss also zumindest genügend Interesse an geistiger Tätigkeit um ihrer selbst willen vorhanden sein.

Semmelweis und Krisenbewältigung?

Als der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis eine Verbindung zwischen dem verstärkten Auftreten von Kindbettfieber und der Hygiene von Ärzten und Klinikpersonal herstellte, fand er damit nicht gerade Freunde unter seinesgleichen – im Gegenteil, er wurde als Schwätzer verleumndet, seine Ansichten verstießen gegen gängige Meinungen. Dass heutige Hygienevorschriften auf sein Beharrungsvermögen zurückgehen und seine Studie eine erste evidenzbasierte Fallbeschreibung war, blieb lange Zeit ohne Würdigung.Wie Semmelweis, so erging es vielen anderen Wissenschaflern, die Zusammenhänge herstellten, die ihrem Umfeld als absurd erschienen, sich dann jedoch als tragfähige Konzepte erwiesen. Zuerst reagiert man abweisend im Sinne des nach ihm benannten Semmelweis-Reflexes, dann erweisen sich erste nachweisbare Erfolge als ‚Zufall‘ und erst viel später erkennt die Welt den wahren Wert einer bislang ungewohnten Gedankenkonstruktion.

Dass wir in der Krisentherapie die Sinntheorie Viktor Frankls heranziehen und dort mit Aspekten des Geistigen des Menschen, seinem Sinnorgan – dem Gewissen – oder der Trotzmacht arbeiten, gilt weithin ebenfalls als ungewöhnlich in der Begleitung schwer belasteter Menschen. Da wir jedoch mit dem dahinter stehenden zukunftszugewandten, herzlichen aber auch fordernden Menschenbild im Einklang stehen, gelingt der Transfer des theoretisch Neuen in die konkrete Krisenbewältigungsarbeit. Ohne Stabilisierungs-Psychopharmaka, ohne Hyperreflexion, ohne Schuldzuschreibungen.

 

Anforderungen an Kriseninterventionsberater

Ein Berater, der Krisenintervention betreibt, muss diese Rahmenbedingungen sicherstellen:

  • Schnelle Verfügbarkeit
  • Einen freien Rücken, um einen längeren Kriseninterventionsprozess leiten zu können
  • Angemessene Entbindung von anderen Verantwortlichkeiten
  • Ausreichend Zeit für Gespräche mit direkt und indirekt Betroffenen
  • Professionelles Handlungsrepertoire
  • Sicheres Dokumentenmanagement
  • Humor, Selbstberuhigungsfähigkeit, eigene Belastungsfreiheit

Wenn Freunde und Angehörige einen Menschen in einer Situationskrise erleben

Damit müssen Sie rechnen:

Der Betroffene ist schockiert.
Dauer: Wenige Augenblicke bis 24 Stunden
Phänomen: Geistesabwesenheit, Erstarrung
Was Sie zeigen sollten: Präsenz, Freundlichkeit, Trost

Der Betroffene ‚reagiert‘.
Dauer: Tage bis Wochen
Phänomen: Apathie, Verzweiflung, Depressivität, Hoffnungslosigkeit mit Wut, Feindseligkeit, Aggressivität, Trauer, körperlichen Begleitsymptome, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Fresssucht, Genussmittelmissbrauch, Pendeln zwischen extremen Gefühlszuständen.
Was Sie zeigen sollten: Aufmerksamkeit, Zuhören, kein Beschwichtigen, die Reaktionen des Betroffenen als ’normal in unnormaler Zeit‘ ansprechen
Tipp: Führen Sie ein Wahrnehmungstagebuch für die Zeit danach. Wie erleben Sie den Betroffenen, worüber spricht er, wie reagiert er …

Der Betroffene ist orientierungslos.
Dauer: Wochen bis Monate
Phänomen: Empfinden von Chaos, Ungleichgewicht, mangelhafte Selbststeuerung, geringes Selbstgespür
Tipp: Den Prozess nicht stören oder sich verärgern lassen durch das ‚Suchen‘ des Betroffenen

Hinweis: Länger als acht Wochen dauernde Krisen drohen zu chronifizieren, Gegensteuern!

Der Betroffene berappelt sich.
Dauer: wenige Tage bis Wochen
Phänomen: Der Betroffene interessiert sich wieder, zeigt Anteil, distanziert sich von seinem bisherigen Verhalten, wird aktiv
Tipp: Stärken und stabilisieren. Jetzt kein Blick zurück – die Reflexion hat Zeit.

Woran merkt ein sinnzentriert arbeitender Krisencoach positive Veränderungen beim Klienten?

Welche Merkmale zeigen Menschen auf, die einen konstruktiven Weg eingeschlagen haben, einen übergeordneten Sinn trotz ihrer durch eine Krise erschütterten [Arbeits-]Lebens-situation zu finden. 

  • Bereitschaft, der inneren Stimme zu folgen und bisherige Konventionen deutlicher zu hinterfragen
  • Wille, wenige wesentliche Beiträge zu leisten, statt auf vielen [vermeintlich] wichtigen Hochzeiten zu tanzen
  • Respektvolle Hinwendung und neugierige Zuwendung zu Menschen und deren Lebenskonzepten
  • Stärkung der eigenen Trennungskompetenz, sowohl in Bezug auf die eigenen psychischen Blockaden [Selbstdistanzierung] als auch auf das Umfeld von Personen und Themen, die ihrerseits die individuelle Sinnfindung kontaminieren
  • Verankerung des Selbstverständnisses, frei zur Verantwortung und verantwortlich für die Freiheit zu sein
  • Bereitschaft, Stellung zu beziehen, von innen heraus zu wollen und in jeder Situation das Beste zu geben
  • Ablage jeglicher aus populistischen oder opportunistischen Gründen vollzogenen Selbstdeformationen
  • Ritualisierung der Frage nach dem Wozu und Wofür
  • Gewahrwerden der bestehenden Ressourcen, des individuellen Freiraums und der Dankesmöglichkeiten
  • Kräftigung der Fähigkeit zu differenzieren zwischen der Wirkung der Sinnverwirklichung [z. B. Freude] und den Wirkungen der Selbstverwirklichung [z. B. Spaß]
  • Wiederentdeckung des Urvertrauens als Basis dafür, ‚trotzdem Ja sagen zu können‘
  • Träumen, Sehnsüchten, Wünschen eine kommunikative Kontur zu geben
  • Optimismus, mit neuen Einstellungen und Handlungsweisen zukünftige Situationen besser zu bestehen
  • Beständige Weiterentwicklung der Krisenkompetenz – Aufbau der Resilienz zur Überwindung künftiger Wertverlustsituationen
  • Würdigung der biografischen Momente tiefer Sinnerfülltheit
  • Bereitschaft zur Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit
  • Bereitschaft zur Kommunikation mit anderen Menschen über die persönlichen ‚Sinnstrebungen‘
  • Akzeptanz, mit der individuellen Transzendierung nicht einem ‚Mainstream‘ anzugehören
  • Vorausschauendes Erspüren potenzieller Erschütterungen und Beantwortung der Frage: ‚Und was mache ich dann trotzdem?‘

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„Krise stellt in ihrem Problemgehalt eine die vorhandenen
Bewältigungsmöglichkeiten übersteigende Belastungssituation dar,
die als temporäre Erfahrung, raumzeitliche verdichtet vom Subjekt
wahrgenommen wird. Eine Krisensituation hat zwar i.d.R. einen
konkreten Anlass, lässt sich aber begreifen als Kulmination
unterschiedlicher Belastungsmomente, die sich nur schwer oder gar
nicht auf ihre Ursache zurückführen lassen. Auf personaler Ebene
können starke Stimmungsschwankungen, Ambivalenzen sowie
Gefühle der Spannung und Angst auftreten. Eine Krise verlangt zur
Problembewältigung vom Individuum einen qualitativen Sprung zur
Neuorganisation von Kompetenzen. In ihrem Verlauf stellen Krisen
offene Veränderungsprozesse dar, die nicht linear, sondern in
Rückkoppelungsprozessen verlaufen. Eine Krise wird als eine die
ganze Person in Frage stellende starke Bedrohungssituation erlebt.
Der Umgang mit ihr hängt ab von der örtlichen sowie der sozialen und
gesellschaftlichen Umwelt.“

Hugo Mennemann

Was sich ein Mensch in einer Krise erlauben sollte …

Ja, ich darf unsicher sein.
Und meine Unsicherheit muss nicht sofort aufgelöst werden. Schon gar nicht für andere.

Ja, ich darf schwanken.
Und meine Entscheidung muss jetzt nicht in Stein gemeißelt werden. Schon gar nicht für andere.

Ja, ich darf meinen Körper leiden spüren.
Und meine Schmerzen muss ich nicht betäuben. Schon gar nicht für andere.

Ja, ich darf meine Grenzen erfahren.
Und meine inneren Antreiber müssen nicht sofort zur Ruhe gebracht werden. Schon gar nicht für andere.

Ja, ich darf zweifeln.
Und was ich höre, das kann, muss ich aber nicht glauben. Schon gar nicht für andere.

Ja, ich darf irren.
Und was ich heute tue, kann ich morgen gewissenhaft korrigieren und übermorgen muss dies dennoch nicht mehr gültig sein. Schon gar nicht für andere.

Ja, ich darf meine Krise für beendet erklären.
Und wenn ich merke, dass sie wieder aufflammt, dann muss ich mich dennoch nicht so verhalten wie bisher. Schon gar nicht für andere.