Archiv für den Monat: April 2015

Unterschied von Krise und Notfall

Krise                                                                        

Keine unmittelbare Gefährdung
Mittelbare Handlungsnotwendigkeit
Ressourcenstärkung
Soziale und therapeutische Unterstützung
Aktive Zusammenarbeit mit Klienten
Kommunikation zentral
Anlass: z.B. Schock nach Unfall
Pharmakotherapie ausnahmsweise            

Psychiatrischer Notfall

Akute Gefährdung von Leib und Leben
Unmittelbare, schnelle Handlungsnotwendigkeit
Sicherung, Abwehr potenzieller Selbstgefährdung
Primär medizinisch-psychiatrische Hilfe
Aktive Intervention des Arztes oder Psychiaters
Kommunikation bricht zusammen
Akute Psychose
Pharmakotherapie regelhaft

Dankbarkeit ist Lebenskunst

Zu den in dieser Zeit anscheinend wenig attraktiven Werten gehört die Dankbarkeit. Kein Zweifel besteht daran, dass viele angesichts der sich ihnen ständig anbietenden und auf sie einströmenden materiellen Dinge und „geistigen“ Angebote Mühe haben, über das, was sie erlebt haben, in aller Ruhe nachzudenken. (…) Das führt dazu, dass sich ihr Wertehorizont verengt, sodass sie kaum noch Schönes, Positives und Wichtiges zu erkennen in der Lage sind. Wir lesen von Dankbarkeit in Märchen. Sie sagen, dass der Undankbare am Glück vorbei, der Dankbare dagegen mitten ins Glück hinein geht. Was ist Dankbarkeit? Sie ist die Folge des Nachdenkens über gehaltvolles, sinnerfülltes Leben, das ein Mensch in wechselnden Situationen erleben durfte. Dankbarkeit ist darüber hinaus die gefühlte Erkenntnis, dass nicht alles, was wir an Erfreulichem erleben, von uns abhängt, dass nicht nur wir selbst auf unser Leben Einfluss nehmen, sondern es auch auf uns Einfluss nimmt. Ein dankbarer Mensch sagt Ja zum Leben. Er ist erfüllt von den Gründen seiner Dankbarkeit. Er gewinnt eine positive Suchhaltung gegenüber dem, was auf ihn zukommt. Er gewinnt darüber hinaus Kraft, auch die „undankbaren“ Dinge gelassener hinzunehmen. Er kann lernen, sie als integralen Bestandteil des Lebens zu sehen. Dankbarkeit ist deshalb höchste Lebenskunst.

aus: Uwe Böschemeyer: „Begeisterung fürs Leben. Die Kraft deiner Gedanken“, 2013

Ein wenig Rat aus der KrisenPraxis

Heute war ein junge Frau in unserer Praxis, deren Freund vor einiger Zeit eine Selbsttötung vorgenommen hat. In der Akutphase berichtete sie, habe sie ihre Gefühle und Gedanken einzig ihrer Familie und Freunden anvertraut. Jetzt seien ihr und ihrem Umfeld aber Veränderungen in ihrer Persönlichkeit aufgefallen, und darum suche sie jetzt nach einer Begleitung, „um wieder ins Lot zu kommen“.

In unserer Krisenpraxis arbeiten wir dabei zuerst heraus, ob und in welchem Grad die Klientin in einer Krise steckt. Ist sie in psychischer Not? In welcher Weise besteht Handlungsbedarf? Womit plagt sich die Klienten am meisten? Ihren Freund können wir nicht zurückholen, aber wir können am Leid, am Empfinden von Schuld oder Scham, an Ängsten und an Trauer arbeiten. Je nach dem, wie sich die Klientin im Verlauf stabilisiert, erweitern wir das Spektrum der Handlungen, die sie umsetzen kann, um von ihren Blockaden wegzukommen. Denn – so sachlich dies auch klingen mag – am Ende aller Prozessarbeit steht für uns eine Handlung, die auf der Haltung aufbaut, ein Recht auf ein gelingendes Leben zu haben und dafür frei und verantwortlich einstehen zu können.

Die Klienten sprach über ‚lähmende Angst‘ und die ‚Ablehnung gemeinsamer Mahlzeiten im Familien- oder Freundeskreis‘. Sie würde sich verkriechen und ihren negativen Gedanken freien Raum lassen. Ob denn das normal sei?

Dass Menschen in solchen Situationen erstarren und in tiefe Löcher fallen können, sind völlig ’normale‘ Reaktionen auf ‚unnormale‘ Situationen. Um sich ihnen nicht schutzlos auszusetzen, braucht es Gegenstrategien. Der Klientin war einsichtig, dass die Situation wie in einem Sportstudio auf sie wirkt – sie liegt auf der Matte und über ihr die Hantelstange mit – in ihren Gedanken – viel zu schweren Gewichten. Um diese Last zu stemmen, braucht es eine deutliche Gegenkraft. Diese muss der Klient fühlend wahrnehmen und dazu haben sich extreme scharfe Gewürze ebenso bewährt, wie laute Musik, eiskaltes Wasser oder auch schnelles Treppenlaufen. Auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich, aber bewährte Methoden, um einen Menschen wieder in sein Selbstgespür zu führen. Erlebt sich der Mensch wieder selbstwirksam und handelnd, findet er zu seiner Kontrolle zurück. Mit der Klientin wird wohl in diese Richtung gearbeitet werden.

Gut ist, dass die Klientin ein sie wärmendes Umfeld hat, das auf sie achtet. Hat man in seinem Umfeld einen Menschen, der offenbar eine schwere Belastungssituation erlebt, so sollte man immer versuchen, diese dadurch zu lockern, indem man keine Scheu hat, den Menschen interessiert und durchaus auch neugierig nach dem zu fragen, was ihn umtreibt. Trost, Heiterkeit oder allzu gut gemeinte Empathie sind weniger passende Angebote, vielmehr sollte alles getan werden, um herauszufinden, was der Betroffene zu tun gedenkt, wer im Tagesverlauf bei ihm ist, was er in den kommenden Tagen erledigen muss. Immer wieder ein Zeichen zu setzen, dass das Leben weitergeht, ist eine hilfreiche Unterstützung. Also so pragmatisch wie möglich sein, nicht zuviel über das Warum und Wieso nachfragen, sondern zum passenden Moment die Empfehlung geben, sich von therapeutischer Seite unterstützen zu lassen: Nicht mehr kann aber auch nicht weniger sollte getan werden, um dem betroffenen Menschen Halt zu geben.

Das SCARF-Modell

Als Tali Sharot vom University College London durch ihre Studien herausfand, dass optimistische Menschen zwar fröhlicher durchs Leben gehen, in der ‚hard-core‘-Variante aber zu leichtsinnig und mit wenig Sinn für Vorsorge durch ihr Leben lächeln, hat sie damit Führungskräften indirekt ein nettes Ei ins Nest gelegt. Wenn Optimisten zwar ihren Stress leichter abbauen können, der Preis aber womöglich die Leugnung von Negativinformationen ist, dann kann das den Realos unter den Managern gelegentlich ein echtes Problem bereiten.

Man stelle sich vor, es kommt eine Umbruchsituation auf eine Abteilung zu und der Abteilungsleiter kommuniziert seinen Mitarbeitern im Sinne eines ‚don t worry, be happy‘ ganz authentisch seine Zukunftshaltung. Das kann im worst case zum Titanic-Effect führen – ‚wir ertrinken, aber die Musik spielt so schön‘.

In der Führung von Optimisten [und nicht nur bei ihnen] kann es daher hilfreich sein, sich eines Konzepts zu bedienen, das in der Neurowissenschaft verortet ist, einer Disziplin, die sich den gehirnbiologischen Grundlagen von intra- und interpersonellen Beziehungen widmet. An ihrer Schnittstelle zum Management ergibt sich hieraus die Idee eines ‚Neuroleadership‘, einer gehirngerechteren Führung.

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Krisenprävention – nicht nur für junge Menschen

[Fortsetzung von vorgestern]

Sich von sich selbst alles gefallen zu lassen. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Erst war das Problem an sich noch zu bewältigen. Doch dann kam das eskalierte Gefühl dazu, in Form von Hass, Aggressivität, Ignoranz, Feigheit, Rache u.a. – der Mensch ließ sich von seiner Psyche alles gefallen und schon war sie da, die Krise. In existenziell schwerer Lage ist es ohnehin unabdingbar, sich aus den Fängen der Emotionalisierung zu befreien. Gelingt das nicht, potenzieren sich die Schwierigkeiten. Über seine Antreiber und roten Knöpfe Bescheid zu wissen, sie zu bändigen und in ein gesundes Maß zu führen, ist fraglos in belastungsarmen Zeiten leichter als unter dem Einfluss von Orientierungs- und Hilfslosigkeit.

Sich nicht mit den Kindheitsschemata zu befassen. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil heutige Krisen häufig den Charakter eines Musters aus der Kindheit aufzeigen. Werden vom Kind entwickelte, unpassende Formen der Bewältigung von z.B. Angst durch den nun Erwachsenen nicht angepasst oder abgelöst, dann bleibt das Repertoire des Umgangs mit Krisen entsprechend dürftig. In existenziell schwerer Lage sowohl alte Schemata zu identifizieren und in ihrer Wirkung zu mindern als auch erforderliche neue Bewältigungsformen zu lernen, darf als ungleich schwieriger angesehen werden als zu Zeiten eines halbwegs entspannten psychischen Zustandes.

Sich zu lösen von der Orientierung am Negativen. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? In der Tat, die Psychologie weiß von Menschen, die sich erst dann motivieren, wenn sie Defizite, Mangel, Fehler, Unzulänglichkeiten wahrnehmen. Manche Berufe brauchen diese Form der ’negativen Selbstmotivation‘. In eigener ‚Krisensache‘ jedoch wird diese Haltung zu einer harten Nuss. Menschen glauben so zum Beispiel, dass sie allein die Schuld an der Krise zu tragen haben, dass sie doch ohnehin Pechvögel sind, dass sie nie und nimmer wieder aus dem Tal herauskommen können. In existenziell schwerer Lage muss man also auf die Fähigkeit zurückgreifen können, sich nicht den Blick auf das ‚Gute trotz allem‘ zu verbauen. Das jedoch erst dann zu lernen, wenn die Belastung am größten ist, grenzt fast ein wenig an Aberwitz.

Sich mit Konsumspaß an der Sinn-Investition vorbeizumogeln. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil man in existenziell schwerer Lage sich darauf verlassen muss, neuen Sinn finden zu können, indem man in Hingabe zu – durch die Krise noch – Verborgenem seine Werte verwirklichen kann. Spätestens im Moment dieser Erkenntnis weiß der Mensch, die präventiv vorgenommenen Investitionen in Sinnvolles [nicht in Egozentriertes], zu schätzen.

Sich nicht einzureden, immer stark, perfekt, lieb usw. sein zu müssen. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil man in existenziell schwerer Lage mit fixierten Verhaltensmustern nicht weiterkommt, sie womöglich sogar ihren Beitrag zur Vehemenz der Situation leisten oder geleistet haben. Verhaltensgeschmeidigkeit zu entwickeln, gehört wohl zu den anspruchsvollsten Entwicklungsprozessen eines Menschen. Ist ein Mensch frei von Glaubenssätzen, so und nur so in dieser Welt zurechtzukommen, dann wird diese Beweglichkeit in Belastungssituationen günstige Wirkung zeigen.

Die Gedankenfreiheit haben wir.
Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken.

Karl Kraus
österreichischer Schriftsteller

Krisenprävention – nicht nur für junge Menschen

[Fortsetzung von vorgestern]

Sich nicht vom Stress der Welt auffressen zu lassen. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil man stets im Jetzt lebt. Ein Morgen erhoffe ich oder ich plane Dinge – gelebt wird eine morgige Stunde wieder in einem ‚Jetzt‘. In existenziell schwerer Lage ist es zwingend, für sich geklärt zu haben, dass das Bestmögliche stets im gegenwärtigen Moments zu tun ist. Ist eine solche Lebenseinstellung kultiviert, bleiben Pläne flexibel und der Stress der Welt wird mit einem Mal kleiner und verändert sich zu dem, was er als erfreuende Energie sein kann: zu einer Aufforderung, im Jetzt etwas Sinnvolles zu tun, damit sich die Optionen für morgen vergrößern. Eben in dieser Richtung arbeiten Therapeuten mit ihren Klienten, wenn es ernst ist. Es gibt keinen Grund, dies nicht auch präventiv zu tun.

Sich nicht um seinen Körper zu kümmern. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil selbst der starke Körper in die Schwäche kommt, sobald die Psyche ihre Energie in einer Krise verzehrt. Psyche und Körper gehen hier parallele Wege, und ist mit dem Körper unachtsam umgegangen worden, dann ist in einer massiven Belastungssituation es bis zum STOP-Schuld nicht mehr weit.

Sich nicht mit Vergangenheitsorientierten zu umgeben. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil man in existenziell schwerer Lage unbedingt akzeptieren muss, dass Gespräche mit Menschen, die einen immer und immer wieder in die Vergangenheit führen, einen in eine mentale Haltung locken, die zur Bewältigung von Zukunftsthemen niemals ausreichen kann. In einer Krise muss man die Fähigkeit mitbringen, Abstand zu halten zu Menschen, deren Zeithorizont nicht passend ist für die Bewältigung des Erforderlichen. Gleichermaßen wichtig ist es, rechtzeitig den Kreis von Menschen zu vergrößern und zu pflegen, deren mentale Modelle passender sind.

Sich Tausende von Stunden in einem beruflichen Umfeld aufzuhalten, das keine Lebensfreude vermittelt. Warum ist eine Veränderung in diesem Thema krisenpräventiv? Weil es Menschen verbittert, wenn sie auf eine berufliche Etappe zurückblicken, in der ihnen Sinnhaftigkeit, Freude, Humor, Kooperation oder andere emotionale Qualitäten entsagt blieben – und an diesem Zustand nichts verändert haben. Etwa 1/6 des Lebens arbeitet der Mensch in einem beruflichen Kontext – das sollte dazu aufrufen, früh zu klären, was es braucht, um es zu einem erfüllenden Lebenssechstel zu machen. Die Methoden, diese Klärungsarbeit zu starten, gibt es.

Viele verlieren den Verstand deshalb nicht,
weil sie keinen haben.

Arthur Schopenhauer