Archiv für den Monat: September 2015

Seele – Reflexion und Persönliches – 6

Ich selbst habe öffnende Bewegungen meiner Seele insbesondere dann bislang gespürt, wenn ich für etwas arbeitete, dass „größer“ war als mein Ego. Dieses Über-Sich-Hinauswachsen, so mein Empfinden, führt auch zu einem Hinauswachsen der Seele. Einfacher gesagt: In diesem Augenblick etwas voller Sinn zu tun – was eben nicht meint, nur einem Zweck zu dienen – mich also um meinen „Sinn zu sorgen“, tut meiner Seele gut, weitet sie, bedeutet aktive, gegenwärtige Selbst-Seel-Sorge. Aber ich kenne auch Situationen, in denen war ich physisch präsent, geistig aktiv, aber die Seele war klein. Und dann wieder eine Situation, in der bin ich physisch angeschlagen und alles andere als präsent, aber die Seele ist offen und empfänglich. Die Seele stellt daher für mich eine überaus dynamische Einheit des lebendigen Menschen dar.

Ein mir als zentral erscheinendes Element für Seelenentfaltung ist die Sprache. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagte einmal, „die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt“. Ich leite aus diesem Gedanken ab, dass eine enge, rohe oder elaboriert-künstliche Sprache die Welt der Seele begrenzt. Eine solche Sprache findet sich nicht selten in einem durch Schnelligkeit, Stress und Ergebnisdruck gestalteten Unternehmensumfeld. Managementtrainer und Persönlichkeitsentwickler haben also unendlich zu tun.

Eine spirituelle Haltung im Gespräch mit einem Menschen zu pflegen wird damit für mich zu einer Aufforderung an jeden Einzelnen, der Ästhetik der Sprache ausreichend Augenmerk zu schenken. In Unternehmen gilt es, für diese Haltung zu sensibilisieren. Dabei ist es nicht das geschliffene Vokabular, dem die Aufmerksamkeit gelten soll, sondern die Verwendung der Sprache in einer Weise, dass sie es ermöglicht, sich berührt zu fühlen. Gelingt diese Berührung der Seele durch verbale und non-verbale Worte, fließen Kräfte – gelingt sie nicht, bleibt auch die Seele stumm.

Ich meine in diesem Zusammenhang auch: wir müssen gemeinsam aufpassen, dass unsere Kinder lernen, wie die Seele sich öffnet und was dazu beiträgt, dass sie sich verschließt. Hier ist die Wirkung von Sprache ein aus meiner Sicht zentraler Aspekt. Eine derartige Sensibilisierung hat einen Einfluss darauf, was die Seele für wahr und heilvoll wahrnimmt.

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Seele – Reflexion und Persönliches – 5

Geschieht dies nicht, dann ist die Folge, dass der so Lebende sich selbst zu schützen beginnt. Und eine mögliche Folge dieses Schutzes ist das Entlernen des Subtilen und das Lernen des Rigiden, das Verkümmern der atmosphärischen Intelligenz und das Lernen einer „Überlebenstaktik“.

Der sich so auf dem Weg zum Seelenverschluss wahrnehmende und sich selbst erschreckende Mensch, nimmt sich sehr eingeschränkt und in dieser Einschränkung erneut verletzbar und dadurch vorsichtig wahr. So wundert es nicht, dass der als Trainer, Coach oder Therapeut arbeitende „seel“-sorgerische Gesprächspartner eine Haltung schenken muss, um seelische Wahrnehmung, die zur Öffnung führt, wieder zu ermöglichen. Ich nenne diese Haltung Spiritualität.

Mein Vater hatte keinen Coach oder Therapeuten. Was er in den Zeiten des Krieges wirklich gesehen, erlebt und getan hat, bleibt weitgehend unerzählt. Dies ist nicht selten, weil die Menschen das schwer in Worte zu fassende nicht hören und wissen wollen, um sich mit dem Erhörten nicht selbst zu traumatisieren. So bleibt selbst Erzählbares unerhört – und die Seele schließt sich, individuell und durchaus auch kollektiv als geschlossene Seele einer Gesellschaft, eines Milieus oder eines Unternehmens.

Aber auch die Öffnungen der Seele sind zu spüren. Stellen Sie sich vor, sie sind in einem Kreis von Menschen und Sie hören aus der Ferne, dass zwei Menschen sich sehr verärgert über ein Thema äußern, dabei jedoch gut über Sie sprechen. Spüren Sie, dass sich etwas in Ihnen löst und weitet? Oder stellen Sie sich vor, dass Sie sich mit Ihrem Partner entschließen, an jeweils getrennten Orten Urlaub zu machen – Sie verabschieden sich voneinander und auf Ihrer Reise spüren Sie die Nähe Ihres Partners oder die Freude des Wiedersehens auf einer Art höheren Ebene. Dieses Phänomen der Öffnung der Seele über Räume hinweg verweist auf das Subtile der Seele, dieses Phänomen reicht spürbar weiter als die körperliche oder geistige Wahrnehmung.

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Seele – Reflexion und Persönliches – 4

Folgen wir dabei den Erfahrungen der Neurophysiologie, dann lassen sich im Körper Orte lokalisieren, in denen Neurotransmitter derart wirken, dass wir Öffnendes zum Beispiel mit Entkrampfung und freier Atmung verbinden können, während bei Verschließendem eine Verkrampfung erfolgt oder einem Menschen ‚der Atem stockt‘. Wenn wir diese Reaktionen genau betrachten, dann erkennen wir, dass wir die chemischen Prozesse und ihre Konsequenzen erleben, nicht aber die „Chemie“ selbst, die beim Spüren des Öffnenden offenbar „stimmt“ oder „nicht stimmt“.

Die Seele leistet eine Wirkung, die wir spüren können. Wir spüren den Output der Seele. Aber was fließt ein in die Seele? Körperlicher Output ist möglich, weil wir dem Körper Nahrung zuführen. Gehirn-Geistiger Output ist möglich, weil wir dem Gehirn Daten zuführen. Was aber führen wir der Seele zu?

Wenn ich meinen Klienten und Patienten zuhöre, dann habe ich oft den Eindruck, dass man sie allzu oft nicht mit der Seele wahrnimmt, sondern sie mit dem Verstand auf „funktionierend, wissend und fit“ reduziert. Selten wird erkannt: Diese Menschen suchen liebende Blicke – und werden durch ihre Suche verletzbar.

In unserer Elterngeneration gaben Krieg, Flucht, Gefangenschaft, Vertreibung und Elend der Seele wenig Spielraum zur Öffnung. Heute sind es moderne, traumatisierende Seelenverschlüsse in Form von Gewalt, Ignoranz, Desinteresse, Verlassenheit, chronischem Stress, vielleicht auch entpersonalisierte Virtualität ohne jeglichen Kontakt und zudem noch die belastenden Geheimnisse oder Tabus aus früheren Zeiten. Wenn wir also auch sagen können, dass wir im Frieden leben und Wohlstand genießen, so steht dem doch die Verantwortung gegenüber, mehr Seelenarbeit zu leisten.

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Seele – Reflexion und Persönliches – 3

Ich wurde im Oktober 1961 geboren, in dieser Zeit kam die Soulmusik immer mehr auch in Deutschland auf und verband Elemente des Rhythm & Blues mit Formen des Gospels. Mein Vater, der in amerikanischer Gefangenschaft war, hatte dort die Musik von Count Basie und Duke Ellington gehört und quasi in unsere Familie importiert. Ich hörte diese Musik und später auch James Brown, Aretha Franklin bis hin zu Stevie Wonder – diese Musik machte etwas mit mir und meiner Stimmung, aber Seelen-Klarheit im Sinne einer Begriffsklarheit fand ich nicht. Bis mir einging, dass „Verstehen“ vielleicht auch nicht das Wesentliche sein könnte. Und so begann ich zu suchen, wann ich Seele spürte. Und auch heute merke ich, dass manche Erzählungen über diese, meist sehr kleinen Erlebnisse von anderen Menschen als „romantisch“ bewertet werden. Zum Beispiel mein alltäglicher Gang zur Schule, auf dem ich im Frühling immer an einem großen Ginsterfeld vorbeiging und dessen Duft, Wärme und Farbe mich meist so anrührte, dass ich mir förmlich selbst einen Klaps geben musste, um noch rechtzeitig zur Schule zu kommen. Da war mehr als „nur Form und Natur“, in diesen Momenten gab es ein ganz tiefes Empfinden, „gut aufgehoben zu sein“. Es mag sein, dass die Soulmusik meinem Vater ein ähnliches Empfinden vermittelte.

Wenn ich heute über Seele spreche oder in Coaching oder Therapie mich um eine Seele sorge, dann nutze ich dazu nicht den Weg des Verstandes, sondern den Weg des Gespürs. Ich nehme dazu eine phänomenologische Haltung – vielleicht auch spirituelle Haltung – ein, die neugierig ist auf das, was Menschen finden, wenn sie ihrer oder einer Seele begegnen.

Eine Frau schrieb mir jüngst, dass sie ihre Seele erlebt, wenn im Park ein Hund auf sie zuläuft. Und dass sie sie nicht erlebt, wenn sie ihren Vater besucht. Von dieser Frau stammt auch der Satz: „Wer den Menschen kennt, der liebt das Tier.“ Was diese Frau offensichtlich spüren kann, ist so etwas wie ein Öffnen und Schließen von „etwas in uns“. Wir spüren, etwas zieht die Seele an oder hält sie von etwas ab. Und ich fragte mich oft als aufgeklärter Skeptiker, wenn mir so etwas ähnliches geschah wie dieser Frau – öffnet sich da meine Seele oder sind es bloß einfache Kommunikationssignale, die vom Gehirn dechiffriert werden und mir zum Beispiel anzeigen, dass es keinen Grund gibt, in den Widerstand oder in die Verteidigung zu gehen?

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Seele – Reflexion und Persönliches – 2

Ich sah also eine große Bandbreite des Seelenbegriffs und empfand dies nicht gerade hilfreich für einen Menschen, der nach Klarheit sucht. So suchte ich weiter und ging tiefer in die Inhalte.

Auch heute noch wird unter Seele einerseits die „Psyche des Lebens eines biologischen Organismus“ verstanden, also für das Leben der Pflanze, des Tieres und des Menschen. Andererseits wird das Wort auch für das unvergängliche Leben des Menschen genutzt, sofern er auch nach dem Tode seines physischen Körpers dauerhaft mit dem lebendigen ewigen Leben in Verbindung bleibt.

Platon geht dabei noch weiter, indem er sagt: ‚Die Seele ist nicht nur unvergänglich, sondern auch ungeworden.‘ Das bedeutet, dass trotz aller Evolution die unvergängliche Seele zwar eine eine tiefe Beziehung mit einem menschlichen Körper zwischen Geburt und Tod eingeht, jedoch mit ihrem dem Ur-Sein, aus dem alles hervorgeht, verbunden bleibt.

Im 13. Jahrhundert spricht auch Thomas von Aquin von der Unvergänglichkeit und Unzerstörbarkeit der Seele. Immer wenn ein Mensch sich selbst — in seinem Fühlen, Denken und Handeln — mit dem Höheren, Edleren, Sinn- und Lichtvollen verbindet, dient er seiner Seele bzw. gestaltet die Seelenkräfte bis sie seine individuelle Form annehmen. Jetzt kann man im Sinne Viktor Franks hinzufügen: Es ist der geistige „Wille zum Sinn“, der diese Seelenkräfte — die ein permanentes Geschehen sind — bündelt und formt.

Wenn beispielsweise Neid, Haß, Eifersucht und lieblose Härte — alles Äußerungen und Manifestationen der Psyché — die Gefühlswelt eines Menschen auf Dauer dominieren, dann läuft er Gefahr, seine Seelenkräfte zu verlieren, das heißt jene Erlebnisfähigkeit zu verlieren, die ihm die Möglichkeit seiner individuellen Formung bietet.

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Seele – Reflexion und Persönliches – 1

Was ist die Seele? Was meinen wir, wenn wir von der „Seele“ sprechen? Finden wir ein gemeinsames Verständnis für diesen Begriff? Warum sprechen wir von Körper, Seele und Geist? Steht die Seele zwischen Körper und Geist? Können Sie sich noch erinnern, wann Sie dem Begriff der Seele erstmals begegneten? Mir selbst wurde die Seele im Konfirmandenunterricht im Zusammenhang mit dem Doppelgebot der Liebe (Mt 22, 37-39) vermittelt: Jesus aber antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Seele hatte immer etwas Feinstoffliches, Geheimnisvolles und Unfassbares für mich. Und fragte ich danach, was denn Seele sei, so bekam ich Antworten, die mir nicht wirklich weiterhalfen. Im Alten Testament wird für Seele das hebräische נפש (näfäsch) verwendet, das mit „atmen“ (nafasch) zusammenhängt. Das fand ich nun zwar recht konkret, aber nicht hinreichend. Das Neue Testament bot mir für Seele das griechische ψυχή (psyché). Psyche meint hier Leben, Hauch, Atem, Atemseele und auch Schmetterling. Den Griechen weiter auf der Spur fand ich bei Platon die Seele beschrieben als eine unsichtbare, immaterielle, geistige und überkosmische Wesenheit, die in Verbindung mit dem physischen Körper die Sinneswahrnehmungen gestaltet und ordnet. Platon dabei spricht von drei Seelenteilen, der triebhaften Begierdenseele, der muthaften Seele und der Geistseele.

Auch bei den Römern wurde ich fündig. Der lateinische Begriff „anima“ ist eher der Name für das Ganze des leibhaftigen Lebens überhaupt, wird aber auf Deutsch als „Seele“ verstanden. „Animus“, die männliche Form des Wortes, wird mit Geist, Sinn und Mut übersetzt. Für den reinen Geist aber kennt der Lateiner ein eigenes Wort: spiritus = Geist, auch Lebenshauch und Leben.

Der Ursprung des Wortes liegt wohl im urgermanischen „saiwalo“, was „zum See gehörig“ oder „vom See stammend“ bedeutet. Der „See“ als die Metapher für den Aufenthaltsort der Seelen, auch der Ungeborenen und der Toten. Das Wort repräsentiert etwas weitgehendes: das Innere eines Lebewesens, die Triebkräfte und das Gemüt. Lebendigkeit und Belebendes, Belebtes und Überlebendes.

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“I think there are good reasons for suggesting that the modern age has ended. Today, man things indicate that we are going through a transitional period, when it seems that something is on the way out and something else is painfully being born. It is as if something is crumbling, decaying, and exhausting itself – while something else, still indistinct, were rising from the rubble.”
Vaclav Havel

Ich denke, es gibt gute Gründe für die Annahme, dass das moderne Zeitalter zum Ende gekommen ist. Heute  zeigt sich durch viele Dinge, dass wir durch eine Übergangszeit gehen, und es scheint, dass etwas auf dem Weg nach draußen ist und etwas anderes schmerzhaft geboren wird. Es ist, als ob etwas bröckelt, verfällt und sich erschöpft – während etwas anderes, noch undeutlich, aus den Trümmern steigt.

Was bleibt von mir?, fragt der Patient in der Logotherapie.
Das, was in die Welt geschaffen wird,
übernimmt als Bild die Stellvertretung des Menschen

in Zeit und Zukunft. Es ist ein Gewinn, mehr Sinn in die Welt hineinzuschaffen,
als Probleme aus ihr heraus.

Ralph Schlieper-Damrich

Im Vergangensein ist nichts unwiederbringlich verloren,
sondern alles unverlierbar geborgen.
Viktor Frankl

 

 

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 10

Einheit von Leib und Seele

„Ein und dasselbe Leben ist es, das in seinem Innesein psychisch, in seinem Sein für andere leibliche Formgestaltung besitzt. Der physiologische und der psychische Lebensprozess sind ontologisch streng identisch. Sie sind nur phänomenal verschieden – aber auch phänomenal streng identisch in den Strukturgesetzen und in der Rhythmik ihres Ablaufs.“

„Wenn wir Psychisches und Physiologisches nur als zwei Seiten ein und desselben Lebensvorgangs nehmen, denen zwei Betrachtungsweisen desselben Vorgangs entsprechen, dann muss das X, das eben diese beiden Betrachtungsweisen selbst vollzieht, dem Gegensatz von Leib und Seele überlegen sein. Dieses X ist nichts anderes als der selbst nie gegenständlich werdende, alles vergegenständlichende Geist. So wesensverschieden aber auch ,Leben‘ und ,Geist‘ sind, so sind doch beide Prinzipien im Menschen aufeinander angewiesen: der Geist ideiert das Leben. Den Geist aber in Tätigkeit zu sehen und zu verwirklichen: das vermag das Leben allein.“