Archiv für den Monat: Mai 2016

Kinder und ihr Umgang mit dem Tod [bis Lebensalter 12 Jahre]

Kinder ab 10 Jahre möchten sich manchmal vom Tod überzeugen und wollen sehen, wie es aussieht, wenn jemand tot ist. Dazu sollten sie

  • ausreichende Gesprächsangebote erhalten, um den Tod als abschließendes und unausweichliches Ereignis zu begreifen. Gerade introvertierte Kinder versuchen, sich ihr Bild vom Tod im Rückzug und Selbstgespräch zu machen und überfordern sich damit häufig
  • erfahren, welche Bedeutung Rituale [kirchliche, familiäre …] haben, warum man dem Toten gedenkt, wie der Tote im Herzen anderer ‚weiterlebt‘
  • ihre Angst um den eigenen Tod artikulieren können und dazu ehrliche Stellungnahme der Erwachsenen erfahren
  • in ihrer Trauer gestützt aber auch gelenkt werden, wenn ihr Verhalten im Angesicht des Todes grenzverletzend wirkt
  • Akzeptanz erfahren, wenn sie in ihrer psychischen Abwehr dem Tod mit Ironie oder Witz begegnen ….

Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte,
durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann.

Christian Morgenstern

Katastrophe

Eine Katastrophe zeigt sich dadurch, dass Versorgungsstrukturen, die erforderlich sind, um Grundbedürfnisse zu befriedigen, fundamental zusammenbrechen. Eine Katastrophe [z.B. Naturkatastophe, der Zusammenbruch einer Wirtschaftsordnung, die Zerstörung eines Sozialsystems …] kann individuell verschiedene Krisen auslösen.

Andersherum kann eine vermeidbare Krise auch katastrophale Folgen haben. Wenn zum Beispiel durch mangelnde Reflexivität des individuellen Wertesystems ebenso unreflektiert Verhaltensweisen gezeigt werden, deren Korrektur zwar möglich wären, jedoch ohne Korrektur existenziell katastrophale Auswirkungen zum Beispiel für Kinder in einer Familie haben können.

Dies führt – aufgrund jahrelanger Erfahrungen in unserer Praxis – zur Überlegung, dass einzig die konsequente Erkundung der eigenen Werte und ihre angemessene Entwicklung verhaltens- und handlungsbedingte Krisen vermeiden hilft.

Kinder und ihr Umgang mit dem Tod [bis Lebensalter 10 Jahre]

Kinder ab 7 Jahre wissen zwar, dass es den Tod als Unterschied zum Leben gibt, begreifen aber noch nicht seine Bedeutung und Endgültigkeit. Die Akzeptanz des Todes ist noch nicht entwickelt.
Kindern in diesem Alter sollte daher

  • zugestanden werden, die aufkommenden Gedanken und Gefühle zeigen zu können und diese in Geborgenheit und Schutz besprechbar zu machen
  • besondere Aufmerksamkeit und Sicherheit zuteil werden, wenn sie sich unangemessen der eingetretenen Situation gegenüber verhalten
  • erfahren, dass ihre Fragen Ernst genommen werden und der Erwachsene bemüht ist, diese genau zu beantworten
  • Ehrlichkeit entgegen gebracht werden, wenn das Kind sich Sorgen macht, die Eltern könnten sterben – hier ist anzuraten, dem Kind einerseits zu sagen, dass auch Eltern sterblich sind, andererseits aber hervorzuheben, dass die Eltern noch vieles vorhaben, was sie mit ihrem Kind erleben wollen
  • ihr Glaube daran, durch eigenes Denken oder Handeln ein Todesgeschehen mit beeinflusst zu haben [z.B. durch den nach einem Streit gedachten Wunsch, der eigene Bruder sei besser nicht mehr da], auf sanfte Weise ausgeräumt werden
  • der Prozess des Krank-Werdens und das Vorgehen im Körper bei schweren Krankheiten kindgerecht erklärt werden
  • die Möglichkeit gegeben werden, sich erfreuende Vorstellungen darüber zu bilden, was nach dem Tod vorfindbar sein könnte ….

Wie spricht man mit Kindern über den Tod? Einige Anregungen:

Schlecht: ‚Papa ist auf eine lange Reise gegangen.‘
Besser: Papa ist bei einem Unfall gestorben. Wir sind alle sehr traurig aber wir werden es zusammen schaffen dass es uns mit der Zeit wieder besser geht.

Schlecht: ‚Es ist Gottes Wille‘ oder ‚Gott hat ihn zu sich genommen, weil er so gut ist‘ oder ‚Er ist im Himmel bei den Engeln.‘
Besser: Großvater ist letzte Nacht gestorben. Wir werden oft an ihn denken. Wir können uns an die guten Dinge erinnern, die wir mit ihm erlebt haben.

Schlecht: ‚Großmutter schaut vom Himmel auf dich herunter (… es ist besser wenn du brav bist).‘
Besser: Großmutter war sehr sehr alt und ist gestorben. Sie wird in unserer Erinnerung immer bei uns bleiben.

Schlecht: ‚Max ist schlafen gegangen (er ist jetzt im Himmel).‘
Besser: Max war sehr sehr krank und die Krankheit hat ihn sterben lassen. Niemand weiß wirklich, ob er jetzt im Himmel ist. Manche Leute glauben das, andere nicht.

Wer mit dem Strom schwimmt,
erreicht die Quelle nie.

Peter Tille

 

Die Quelle der Persönlichkeit
sind die Werte der Person.

Ralph Schlieper-Damrich

Welche Einstellungen fördern individuelle Krisen?

Ja, es gibt sie noch: Allwissenphantasien, Sicherheitsillusionen, Selbstbeschränkungsideologien, Verantwortungslosigkeit. Sie zeigen sich in der Vorstellung ‚ich bin bestens qualifiziert‘, ‚mir kann das nicht geschehen‘, ‚man muss mich so nehmen wie ich bin‘, ’nach mir die Sintflut‘ …. – wer diese Register zieht, hat sich selbst eine veritable Voraussetzung dafür geschaffen, um zu scheitern.

Aber auch diese treffen wir an: Lernen jenseits bekannter Pfade, Respektlosigkeit vor Fremdbestimmungsversuchen, Reflexivität und Ressourcenbewusstsein, Gestaltungsfreude und Trennungskompetenz [im Sinne bewusst vollzogener Destabilisierung durch Abtrennung des vermeintlich Wichtigen bei gleichzeitiger Stabilisierung des im Kern Wesentlichen]. Meist finden wir dies bei Menschen, die das Neue nicht mit Risiko gleichsetzen, die im Handlungsmodus bleiben und nicht darauf warten, dass sich um sie herum schon irgendwann die Lage derart verbessern wird, dass auch sie ein Stück davon abbekommen werden. Und bei Menschen, die einen Satz von Viktor Frankl in ihrer Einstellung zeigen: „Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten, das Leben zu ver-antworten hat.“

Krise oder: das ‚Problem mit der Problemlösung‘

Anders als im deutschen Sprachraum wird Krise im Englischen nicht nur als bereits eingetretene Situation verstanden, sondern ebenso gelten bereits absehbare, die individuelle Stabilität gefährdende Ereignisse als Krise.

„Any event that is, or expected to lead to, an unstable and dangerous situation“ … „situation of a complex system, when the system functions poorly, an immediate decision is necessary, but the causes of the dysfunction are not known“

Bedenkt man weiterhin die völlig unterschiedliche Nutzung des Krisenbegriffes in der Medizin, der Wirtschaft, der Psychologie und anderen Disziplinen, dann empfiehlt sich als Klammer um alle Beschreibungen herum, eine Krise als individuelle Hypothese eines Beobachters über den Zustand eines Systems anzusehen, dessen relevante Funktionen zusammenzubrechen drohen, ohne dass gewusst wird, wie dieser Zusammenbruch zu verhindern ist.

Könnte ein solcher Zusammenbruch verhindert werden, könnten also Interventionen genutzt werden, deren Wirkweise bereits als gut bekannt sind, dann wäre die Situation nur ein ‚Problem mit einem mehr oder minder hohem Schwierigkeitsgrad‘ und die Intervention eine leistbare Aufgabe, die sich ergibt aus der Ist-Soll-Differenz im beobachteten System.

Eine Krise hingegen konstituiert sich, wenn der Beobachter seine Hypothese zu einem Problem macht und in dessen Folge ein ‚Problem mit der Problemlösung‘ erfährt – wir sprechen hierbei von einem Problem zweiter Ordnung. In unserer Krisenpraxis erleben wir zum Beispiel Patienten, die aus Angst, an einer Krankheit zu erkranken, die es vermehrt in der eigenen Familie gab, dass diese Patienten alle erdenklichen Kontrolluntersuchungen in Gang setzen. Führen diese Kontrollen zu keinem Ergebnis [der Patient hat nun ein Problem zweiter Ordnung], bleibt der Bedrohungszustand aus Sicht des Beobachters erhalten und wird nun als Krise empfunden [’selbst die Ärzte sind unfähig und finden meine Krankheit nicht]. Ein ‚weiter so‘ oder ein ’noch mehr davon‘ ist spätestens in dieser Situation unzweckmäßig. Die Situation erzwingt förmlich die ‚Musterbrechung‘ [was landläufig und aus unserer Sicht völlig unpassend als ‚Chance‘ tituliert wird] – ergo ein Umgang mit der Situation, der bei genauerer Analyse der individuellen Bewertungs- und Bedeutungsgebungsprozesse bereits meist viel früher hätte neu konzipiert werden können.

Unsere Krisenpräventions-These lautet daher: Nicht Krisen schaffen Entscheidungsspielräume, sondern die Klärung individueller Werte und der auf ihnen basierenden individuellen BeWERTungen ermöglicht rechtzeitige verantwortungsvolle Korrekturentscheidungen. Und diese Korrekturen schließlich mindern die fatalen Wirkungen einer Krise und erhalten die Handlungsfähigkeit im Umgang mit der Belastungssituation.

Das Erleben einer Unternehmenskrise – III

Fortsetzung von Teil II

Zeigen sich die Grenzen des möglichen Aufbäumens, beginnt die Phase intensiver Verhandlungen und die Suche nach ‚echten‘ Auswegen und Optionen. Das Management zeigt erstmals die Bereitschaft, sich unterstützen zu lassen, zuweilen einhergehend mit spürbarer Erleichterung bei den Führungskräften, die ein solches Vorgehen schon weit früher als hilfreich angesehen haben, dies zu sagen oder gar darauf zu drängen, sich aus welchen Gründen auch immer nicht zutrauten.

Wird diese Phase professionell gestaltet, dann sind zeitnah Ergebnisse in Form begrenzter Krisenfolgen spürbar, zum Beispiel dadurch, dass Banken ihre Kreditzusagen nicht in Frage stellen, wichtiger Mitarbeiter das Unternehmen nicht verlassen oder Lieferanten die Treue zur Firma aufrecht erhalten. Gelingen diese Sofortmaßnahmen nicht, breitet sich eine depressiv-resignativ-lähmende Stimmung aus, der in der Regel nurmehr durch externe, strategisch wie operative Sanierungsberatung begegnet werden kann. Umsicht und Nachvollziehbarkeit im Handlungsvollzug ermöglichen es, die Situation zu akzeptieren so wie sie ist und den Fokus auf das auszurichten, was für einen Reset der Organisation notwendig ist. Alte Zöpfe verschwinden, die Organisation beginnt, sich an ein neues Fahrwasser zu gewöhnen. Dennoch bleiben die gemachten Erfahrungen nicht ohne Spuren: Individuelle Verletzungen werden nun erinnert und rufen nach Ausgleich, die Angst, doch noch zu scheitern, bleibt aktiv. Gelingt es letztlich, diese Entwicklung gut zu vollziehen, erlebt man eine Organisation, in der wieder verantwortungsbewusst konkrete Maßnahmen beschlossen und umgesetzt werden.

Das Geheimnis des Wandels:
Konzentriere nicht all Deine ganze Kraft
auf das Bekämpfen des Alten,
sondern darauf, das Neue zu formen.

Sokrates