Archiv für den Monat: Oktober 2016

Klärung von Gefühlen

Vorläufer von Krisen sind nicht selten schwelende Probleme und Konflikte, die sich dann urplötzlich entladen und Menschen später Sätze sagen lassen wie: ‚Ich habe es zwar gesehen, aber nicht wahrgenommen‘. Einer der Gründe dafür, dass Probleme, die irgendwie offenkundig sind, dann doch nicht aufs Tapet kommen, ist der Widerstreit von Gefühlen. Treten mehrere Gefühle gleichzeitig auf, dann hilft meist, zuerst einmal zu prüfen, welche Gedanken und Bewertungen diesen Gefühlen genau zugrunde liegen.

Einmal angenommen: Sie erhalten neue Aufgaben in Ihrem Unternehmen. Dazu ist es erforderlich, umzuziehen – nicht ganz einfach mit Kind und Kegel. Aber es wird schon gelingen, meinen Sie, denn Ihre Firma sichert Ihnen Unterstützung zu. Nach recht kurzer Zeit haben Sie sich gut eingearbeitet und es passt soweit alles. Doch nun wird Ihr Partner ernsthaft krank, mit der Folge, dass Sie sich verstärkt um Ihre Kinder kümmern müssen, denn durch den Umzug ist die Entfernung zu den Omas und Opas größer geworden. Sie kommunizieren Ihre Situation, erhalten jedoch von Ihrem Chef eine subtile wenn auch deutliche Ansage: „Sie wissen schon, worin Ihre Aufgaben hier bestehen und was wir von Ihnen erwarten, oder?“ Dieser Satz setzt bei Ihnen ein Gefühlschaos frei: Angst, Wut, Trauer. Mit etwas Abstand und Ruhe erkennen Sie die insgeheimen Bewertungen:

  • Angst: „Ich habe bisher alles geschafft und vieles auf mich genommen, um nun hier zu arbeiten. Womöglich habe ich hier aber noch ein Informationsdefizit und ich sehe mich besser als ich von meinem Umfeld wahrgenommen werde. Das bereitet mir Sorge und ich muss dies mit meinem Vorgesetzten klären.“ → Sie erkennen, dass Ihnen Ihre Arbeit von großer Bedeutung ist und die Vorstellung, sie womöglich zu verlieren, ihnen so vorkommt, als würde man ihnen etwas zuschnüren [Angst – gr.: angustus: Enge]. Sie denken, dass Sie eine Lösung für die Situation suchen und finden müssen.
  • Wut: „Ich habe noch im Ohr, dass man mir Unterstützung anbot. Jetzt, wo ich sie brauche, ist davon aber keine Rede mehr. Das macht mich stinksauer.“ → Sie erkennen, dass Sie keine Klarheit über den Begriff ‚Unterstützung‘ haben, sie wissen nicht, in welchem Zusammenhang, Zeitpunkt usw. ihnen welche Form von Unterstützung angeboten worden wäre. Sie denken, dass Sie eine Auflösung des möglichen Irrtums anstreben müssen.
  • Trauer: „Ich fühle mich traurig, weil es meinem Partner schlecht geht und traurig, dass dies im Unternehmen weniger bedeutsam ist und traurig, dass ich fremde Hilfe brauche. → Sie erkennen, dass Sie deutlich machen müssen, dass Sie mit der Situation alleine dastehen und weil das so ist, entlang ihrer Werte Entscheidungen treffen werden, also Kindeswohl vor Firmenwohl oder umgekehrt.

Wenn Menschen ihr ‚aufgeklärtes‘ Gefühlschaos mitteilen, zeigt sich in vielen Fällen eine deutlichere Bereitschaft anderer, zu einer Verbesserung der Situation beizutragen als bei einer spontanen emotionalen Reaktion, die bei anderen oft zu Abwehrverhalten führt, weil sie sich durch diese Reaktion selbst belastet empfinden.

Das Glück deines Lebens
hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab.
 
Marc Aurel

Krise – höhere Mächte oder fehlende Selbstkultur?

Nach wie vielen Flugzeugabstürzen würden Sie wohl aufhören, zu fliegen? Experten der Risikominimierung interessieren sich für Antworten auf solche Fragen – im konkreten Fall auch deshalb, weil die Zahl der Flugbewegungen in den letzten Jahrzehnten massiv angestiegen ist, dies aber der Laie kaum wahrnimmt und rein subjektiv einen großen Unfall nicht ins Verhältnis des Gesamtaufkommens stellt. Würde man zum Beispiel einen einzigen Totalverlust eines Flugzeugs im Zeitraum von 100 Jahren akzeptabel finden, dann müsste die Lufthansa nach derzeitigem Stand 100 Millionen mal ein Flugzeug starten lassen, um wahrscheinlich diesen einen Unfall zu beklagen.

Jedes Unternehmen stellt sich die Frage, wie hoch die Unfallrate sein müsste, um die Existenz der Organisation absolut zu gefährden. Und Sie? Wie viele Krisen meinen Sie, dürfen Ihnen geschehen, um einen vollkommenen Zusammenbruch zu erleiden? Stellen wir unseren Klienten diese Frage, dann wird anfangs mit dem Faktor: ‚Schicksal‘ argumentiert. Man könne doch nicht alles vermeiden, und wenn höhere Mächte am Werk sind …?

Ähnlich wie in Organisationen nach einem eingetretenen Großschaden, nehmen sich auch Einzelpersonen kaum Zeit und Raum, das Geschehen daraufhin zu untersuchen, warum es eine derartig negative Wirkung auf das eigene Wohlergehen hat haben können. Werden Vorfälle in Unternehmen analysiert, dann achten beteiligte Personen vorrangig darauf, mögliche eigene Nachteile zu vermeiden. Gespräche über womöglich persönliche Schwächen, Unachtsamkeiten oder übersehene Mängel werden aus Angst vor existenziellen Folgen gemieden. Die Konsequenz ist, dass Unternehmen deutlich mehr in Sicherungs- und Absicherungssysteme investieren – ohne dabei die Sicherheit im Kern zu vergrößern, sondern [immerhin, wenn auch nicht mehr] den Zeitraum, in dem mit Wahrscheinlichkeit ein Vorfall geschehen wird.

Sind die Dokumentationen und Prozessabläufe auch noch so lückenlos beschrieben, die totale Sicherheit gibt es nicht. Werden Meldesysteme für Mitarbeiter, denen Fehler- und Gefahrenquellen jenseits ihres eigenen Aufgabenbereiches auffallen, noch so anonymisiert angeboten: Immer bleibt das berühmte Restrisiko, immer gibt es Fehlhandlungen, immer gibt es Menschen, die unter Stress auf den falschen Knopf drücken. Und wird der Mensch durch den Automaten ersetzt, dann wissen wir heute, dass diese nur in recht trivial-berechenbaren Kontexten wirklich fehlerfreier arbeiten. Für das Kostenmanagement ist das sicher von Bedeutung, für das Risikomanagement komplexer-komplizierter-dynamischer Situationen eher nicht.

Wenn also ‚Krise‘ als solche nicht vollends zu vermeiden ist, dann sind zumindest die Strukturen und Kulturen zu schaffen, die extreme Auswirkungen auf die Organisation mindern. Dafür finden sich viele Beispiele: Szenarioentwicklungen, Frühwarnsysteme, Vier-Augen-Prinzipien, Leitlinien und standardisierte Prozeduren, Teamqualität, Stressabbau,

Analog dazu: Wenn ein Mensch akzeptiert, dass es in seinem Leben Krisen geben kann und vermutlich auch geben wird, dann wäre seine Aufgabe, sich Strukturen zu schaffen, die seinen Umgang mit aus seiner individuellen Sicht komplex-kompliziert-dynamischen Situationen erleichtern. Analog zu großen Systemen auch, gilt es dabei zuerst zu überlegen, was denn wohl in der vor dem Menschen liegenden Lebensphase potenzielle Krisensituationen wären, wie diese die Lebensqualität beeinträchtigen würden, worin die individuellen Persönlichkeitsmerkmale bestehen, die es begünstigen, die jeweilige Situation als Krise zu empfinden und welche Ressourcen wohl genutzt würden, um sie in den Griff zu bekommen. Ein zweiter Schritt würde dann hinführen zu krisenspezifischen, individuellen Handlungsplänen, die hinreichend genau, jedoch knapp und strukturiert beschreiben, wie man mit einer Krisensituation umgehen würde, um sich selbst das eigene Recht auf ein gelingendes Leben zu erhalten.

Menschen mit unbeirrbaren Grundsätzen
sind wie Autos, die auf Schienen fahren.


Roberto Rossellini 

Krise meint ‚entscheidende Wendung‘

b1-bacJehuda Bacon hat Konzentrationslager erlebt und überlegt. Darüber spricht er im Buch. Er berichtet, dass ihm der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber dabei half, eine Antwort auf die Frage zu finden, welchen Sinn sein Leben nach Auschwitz noch haben könnte. Ihm wurde klar, das ihn Hass und Rache letztlich wie jeden Menschen zerstört hätte. Doch er entschied sich anders.

„Die Freiheit ,»hat« man nicht – wie irgend etwas, das man auch verlieren kann –, sondern die Freiheit »bin ich«“.
[Viktor Frankl]

Bacon entschied sich, sein Wissen über die Zeit den jungen Generationen weiterzureichen. Dies leistet der frühere Kunstprofessor bis heute. Sein Interview im Buch mit Manfred Lütz trägt seinen Titel zurecht. Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.

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Viktor E. Frankl – Begründer der sinnzentrierten Psychotherapie:

„Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet.Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“

„Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet.“

„Die Spielregeln des Lebens verlangen von uns nicht, dass wir um jeden Preis siegen, wohl aber, dass wir den Kampf niemals aufgeben.“

Krisenbewältigung = Selbstwachstum + Willensbahnung

Wer in einer Krise steckt. der will sie zumeist möglichst schnell wieder loswerden. Das ist verständlich, denn die negativen Empfindungen sind derart stark, dass die mit ihnen verbundenen ‚psychischen Schmerzen‘ oft in gleicher Stärke erlebt werden, als wäre eine körperliche Verletzung oder Krankheit eingetreten. Viktor Frankl nannte dieses Phänomen schon in der Mitte des letzten Jahrhunderts ‚psycho-physischer Parallelismus‘ – heute ist diese Erkenntnis gängiges Wissen in der Psychosomatiklehre.

Und weil man Schmerzen nicht lange ertragen mag, versuchen viele Menschen, ihnen mit einem ‚viel hilft viel‘ aktionistisch zu begegnen. Auch dies ist in der Psychologie bekannt – wir sprechen hier von sogenannten Erstreaktionen, die aus den beiden psychischen Systemen ‚Empfinden‘ und ‚Gewohnheitshandeln‘ hervorgehen. Die Gefahr, der Fehler, der eingetretene Mangel oder Verlust wird zuerst als ernster Zustand bewusst ‚empfunden‘ und wird dann mit unbewusst vollzogenen Gewohnheitshandlungen – in der Regel in Form von Abwehrmechanismen – versucht, in den Griff zu bekommen. Im psychischen Rucksack eines Menschen finden sich – je nach individueller Entwicklung – eine Reihe solcher Abwehrhandlungen. Klassiker sind zum Beispiel die Leugnung der Lage [… ist doch gar nicht so schlimm] oder die Verdrängung [… was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß]. Je nach Temperament einer Person [sanguinisch-cholerisch-melancholisch oder phlegmatisch] werden diese Abwehrstrategien mit individueller Energie vollzogen. Und je nach Situation gesellt sich dann auch noch eine erste negative emotionale Erstreaktion [Angst, Trauer, Wut oder Scham] hinzu.

‚Psycho-logisch‘ können wir nun sagen, dass – würde eine solche Erstreaktion positive Wirkung zeigen – der Mensch gar keine Krise haben kann, sondern lediglich ein gegebenenfalls komplexes Problem. Wirkliche Krisen zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass ein derart schnelles ‚Lösungsmittel‘ nicht verfügbar ist. Und weil es nicht zur Verfügung steht, gerät der Mensch in den Zustand des Selbstzweifels [was soll ich nur machen …]. Jetzt nimmt er wahr, dass die eigene Welt wirklich ‚aus den Fugen‘ geraten ist.

Und wie das Wort ‚Zwei-fel‘ anzeigt, hat die Person nun auch zwei Möglichkeiten, sich den Bedingungen zu stellen: entweder mit Resignation, Selbstaufgabe, Rückfall in alte Verhaltensmuster, Krankheit, Suizid. Oder mit einem Perspektivenwechsel, der ihn befähigt, den trotz der Situation zwar verloren geglaubten aber per se nicht verloren gegangenen Sinn wiederzufinden und sich neu auf ihn auszurichten [selbstgesteuerte Motivation]. Wird dieser Weg gegangen, kommen zwei andere psychische Systeme ins Spiel: das fühlende Selbst und das denkende Ich.
psi

Das Fühlsystem beinhaltet alle Lebenserfahrungen des Menschen und insbesondere sein Wertesystem. Das Denksystem hingegen plant, formt Absichten und entwickelt Ideen und ermöglicht die Willensbahnung, also den Übergang ins Handeln.Von diesen beiden Systemen stellt das Fühlsystem den eigentlichen Schatz zur Bewältigung einer Krise bereit.

Da Sinn dadurch gefunden wird, indem ein Mensch seine Werte verwirklicht, ist die Kenntnis des eigenen Wertesystems verbunden mit den von ihm ausgehenden positiven Gefühlen der Schlüssel zur Überwindung der Belastungssituation durch wiedergefundenen Sinn. Das Dumme ist nun zumeist, dass Menschen sich ihre Werte selten bewusst machen. Und wenn sie sie sich bewusst machen wollen, ihnen unklar ist, wie sie dies methodisch anstellen sollen oder wie sie herausfinden können, welche ihrer Werte wirklich ihre eigenen sind und nicht Übertragungen durch Verhaltenserwartungen ihrer Eltern oder weiterer Bezugspersonen im Leben.

Um hier Werteklärung im Sinne bewussten Selbstwachstums herbeizuführen, ist das Gespräch mit einem darauf spezialisierten Logotherapeuten [sinn- und werteorientierte Psychotherapie] oder logotherapeutisch versierten Coachs die Methode der Wahl. Kein anderer psychologischer Zugang ist derart im Rahmen einer Kurzzeitbegleitung wirkungsvoll – über 600 Evaluationsstudien belegen dies eindrücklich.

Noch besser ist es allemal, diese Klärungsarbeit nicht erst dann zu leisten, wenn eine Krise eingetreten ist. Die anormale Situation mit ihrer Brisanz und emotionalen Überflutung plus die Erkenntnis, das eigene Wertesystem womöglich bislang nur unzureichend reflektiert zu haben, strengt die betroffene Person oft zu sehr an.

Besser ist hier die individuelle Krisenprävention, genau mit einem solchen integrierten Ansatz der werteorientierten Klärungsarbeit. Unser Konzept Life2Me, das im Winter 2016/2017 an den Start gehen wird, bietet diese Möglichkeit an.

Es ist leicht, sich zu hassen,
aber es ist eine Gnade, sich zu vergessen.

Georges Bernanos

Warum Krisen keine Probleme sind

In unserer Arbeitspraxis finden sich immer wieder Menschen ein, die berichten, in einer Krise zu stecken. Die Situationen, die dann beschrieben werden, stehen dann zumeist auch in einem spürbaren Verhältnis zum Grad der Belastung. Eher selten sprechen wir mit Menschen, deren reale Belastung eher niedrig ist, die sich aber aus der niedrigen Belastung einen enormen Druck machen – eine solche Form der Belastung ist zum Beispiel der Boreout, das Empfinden grenzenloser Langeweile aufgrund von Unterforderung. Dieses Phänomen gibt es, aber – wie gesagt – Betroffene finden damit nicht den Weg zu uns. Andersherum sieht das deutlich anders aus: Die Belastung ist enorm, nur die Person macht sich daraus wenig Druck. Im Gegenteil, sie versucht sehr lange, mit allen erdenklichen Bordmitteln und Ressourcen die Belastungen in den Griff zu bekommen und geht anfangs auch davon aus, dass sie dies alleine schaffen wird, später dann, dass sie es alleine schaffen muss. Die Folge für uns: Diagnose einer Erschöpfungsdepression.

Interessant – und diese Gruppe von Menschen soll hier skizziert werden – sind dabei diejenigen, die versuchen, ihre Lebenssituation hauptsächlich mit der linken Seite ihres Gehirns zu betrachten und dort nach einer Lösung zu suchen. Diese Menschengruppe strebt danach, ihr Wissen zu vermehren, um das, was sie Krise nennt, beherrschen zu können. Sie ist bereit, zu lernen und daher sucht sie einen ‚Lehrer‘ im Coach oder Therapeuten, der ihnen Verhaltensregeln nahelegt. Alle Regeln werden zu einer Lösungsmethode zusammengeschnürt und wendet die Person nun die Methode konsequent an, so entwickelt sich ein Prozess. Dieser Prozess, verstanden als eingefangenes Wissen des ‚Lehrers‘, wird nun durch diesen dahingehend überprüft, ob er auch vom krisenbetroffenen Menschen mit einem entsprechend disziplinierten Verhalten eingehalten wird. Geschieht das nicht, so bietet der ‚Lehrer‘ eine entsprechende Steuerung, durch die er seinen ‚Wissensvorsprung‘ der Person zur Verfügung stellt. Und damit die Person erkennen kann, wohin ihn die Steuerung führt, gibt es natürlich einen Master-Plan. Vielleicht hat der ‚Lehrer‘ diesen Plan dem Klienten gegenüber zu Beginn bereits skizziert, zum Beispiel in Form eines Therapieplans.

Wir erleben insbesondere analytisch denkende Menschen mit hoher fachlicher Kompetenz und entsprechenden beruflichen Umfeldern, zum Beispiel in Naturwissenschaften, Technik oder zahlenfixierten Bereichen in dieser Gruppe der Betroffenen. Oftmals zweifeln sie daran, im Zusammenhang ihrer Belastung an alles gedacht zu haben oder sie zweifeln an ihrem Umfeld und bringen ihre Enttäuschung zum Ausdruck, dass jemand, andere oder etwas nicht so funktioniert hat, wie sie es sich zuvor gedacht haben.

Führt der methodisch wissensbasierte Weg des Therapeuten oder Coachs zu einer positiven Wirkung und einer Auflösung der vom Klienten als Krise bezeichneten Belastung, dann ist dies für uns ein Indiz dafür, dass der Klient im Kern gar keine Krise hatte, sondern ein Problem. Diesen Unterschied zu machen, ist für uns nicht unerheblich, denn eine Krise ist neben vielen anderen offensichtlichen Merkmalen dadurch gekennzeichnet, dass der Klient Anzeichen von Selbst-Zweifeln sendet. An seiner Selbst zu zweifeln ist etwas völlig anderes, als gedachte Gedanken oder vollzogene Handlungen in ihrer Richtigkeit in Zweifel zu ziehen. Der Selbstzweifel sitzt in der rechten Gehirnhemisphäre, genauer im rechten Frontalcortex des Gehirns – wie uns die Neurobiologie lehrt.

Recht grob bedeutet das:
Wer ein Problem hat und zweifelt – der tut gut daran, ihm mit linkshemisphärisch analytischem Denkvermögen zu begegnen. Wer eine Krise hat, wird damit alleine nicht weiterkommen. Ein linkshemisphärischer Denker wird in diesem Fall darin zu begleiten sein, die im Schatten liegenden Selbstzweifel herauszuarbeiten, um diese dann ganzheitlicher rechtshemisphärisch [insbesondere zu den in diesem neuronalen Feld ‚liegenden‘ Werten und Ideen] aufzulösen.

Wer eine Krise hat und an seiner Selbst zweifelt, der tut gut daran, das Vermögen der rechten Hirnhemisphäre zu nutzen. Sollte der Person dabei bewusst werden, dass es vor dem Ausbruch der Krise bereits Probleme gab, die versäumt wurden zu lösen, wird ihr zu empfehlen sein, im Rahmen einer Krisenprävention für die vor ihr liegende Lebensphase darauf zu achten, sich Wissen über Problemlösungsmethoden [insbesondere zu den im linkshemisphärischen neuronalen Feld ‚liegenden‘ Plänen und Berechnungen] anzueignen.

Die Kunst des Therapeuten und Coachs besteht dabei stets darin, aufmerksam zu bleiben, ob ein linkshemisphärischer Denker, nachdem er den Bezug zu seinen Selbstzweifeln hergestellt hat, nicht versucht, die weiteren Schritte wieder quasi ‚mit links‘ zu erledigen. Und bei einer stärker rechtshemisphärisch geprägten Person wird er darauf achten, dass das im Begleitprozess aufgebaute Wissen nach der Überwindung der aktuellen Belastung erhalten bleibt und gestärkt wird.

Ich hasse, wenn einem eine
gebratene Taube ins Maul fliegt,
beim Schicksal auch noch auf
Kompott zu bestehen.

Theodor Fontane

Lektion?

Er saß in einem Café auf Sri Lanka als ein kleines Auto mit hoher Geschwindigkeit in den Laden fuhr. Danach fehlten dem langjährigen Moderator und Börsenexperte Michael Mross ein Arm und ein Bein. Ein halbes Jahr später reflektiert er, dass die Situation grauenvoll war und dass es da nichts zu beschönigen gibt. Das Laufenlernen auf einer Prothese sei sehr viel schwieriger als erwartet und der Alltag sei mit vielen Veränderungen und Schwierigkeiten verbunden. Die Unbeweglichkeit und Abhängigkeit seien das, was ihn am meisten störe.

Im Interview wird er gefragt, ob er die Lektion des Unfalls für sein Leben verstanden habe.
Nein, antwortet er. Und er fügt hinzu: „Die erste Erfahrung, wie man von den Toten wieder aufersteht, habe ich gemacht. Jetzt geht es darum, wie geht das Leben weiter“.

Nein, antwortet er – und wir meinen, zu Recht. Es gibt da keine Lektion, es gibt da kein Schicksal. Lektion meint eine Erfahrung, durch die man lernen soll, etwas in Zukunft besser zu machen. Hier jedoch geht es nicht um ‚besser‚. Hier hat ein Mensch eine Situation erlebt, und ob er sie sich zu einer Krise macht, liegt in seiner Verantwortung. Herr Mross zieht aus unserer Sicht den richtigen Schluss. Sein Leben geht anders weiter. Alles Bisherige ist unauslöschlich geborgen, für alles Neue bleibt er frei, sich zu den Bedingungen zu stellen.