Archiv für den Monat: November 2016

ErMUTigende Fragen

Ergänzen Sie einmal die Fragen so, wie sie für Sie derzeit stimmen würden, wenn Sie Ihnen von einer Person gestellt würden:

Wie haben Sie soviel Mut aufgebracht, ….

Was hat Ihnen die Kraft gegeben, …

Wie haben Sie es geschafft, trotz allem ….

Wie konnte es Ihnen gelingen, ….

Und welche Antworten könnten Sie sich auf diese Fragen geben?

Fragen Sie diese Fragen doch einmal eine Kollegin, einen Freund, ein Kind, die Nachbarin …. und achten Sie auf die Form der Antwort. Sie werden staunen.

Ein kleiner Tipp für ein gutes Partnergespräch am Abend.
Stellen Sie ihm/ihr doch einmal diese Fragen:

Was bewegt Dich jetzt am meisten ?
Mit welchen Gefühlen bist Du gerade hier?
Was ist im Augenblick am schwierigsten für Dich?
Gibt es etwas, was Du Dir von mir wünscht?

Sie werden durch diese Fragen viel erfahren.

Wie verstehen Sie ‚Reife‘?

Carl Friderich von Weizsäcker: „Es gibt keine Reifung ohne Krisen, weder im Leben eines Individuums noch im Leben einer Kultur.“

Lexikon der Biologie: Reifung kann als Entwicklungsminimalprogramm verstanden werden, das selbst dann abläuft, wenn die Lebensbedingungen einen Erfahrungserwerb erschweren oder unmöglich machen.

Ein Erwachsener hat dann eine Reife, wenn er jene notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse erworben hat, die ihn befähigen, die für sein Leben und Fortkommen notwendigen Entscheidungen selbständig und eigenverantwortlich zu treffen.

Posttraumatische Reifung: „Positive psychologische Veränderungen, die von Betroffenen als Ergebnis oder Folge des Bewältigungsprozesses von extrem belastenden Lebensereignissen berichtet werden.“ [Tedeschi und Calhoun]

Menschen reifen dadurch, dass sie Krisen erleben – Sätze wie diese lehnen wir kategorisch ab. Wir halten es für unmenschlich, Reifung von Krisen abhängig zu machen. Im Gegenteil: Wir kennen Menschen, die als reife Persönlichkeit auftreten, in ihrem Leben jedoch nach eigenem Bekunden keine Krise erlebt haben. Und wir kennen Menschen, bei denen wir nach ihren Krisen einen anderen Reifegrad erwartet hätten. Persönliche Reifung gelingt durch Prävention. Sie ermöglicht Souveränität im ernsten Lebensereignis.“ [Ralph Schlieper-Damrich, KrisenPraxis]

…. und Sie: Wie verstehen Sie Reife?

Bandura’s Selbst und Frankl’s Sinn

Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung ist ein zentraler Bestandteil der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura. Es beschreibt die Überzeugung einer Person, über ihre individuellen Kompetenzen Einfluss auf ihre Handlungen und darüber wieder zum Beispiel auf ihre gesundheitliche Verfassung ausüben zu können.

Wenn ein Mensch Erfahrungen mit seiner Umwelt macht, so liegen diesen kognitive Prozesse zugrunde, aus denen sich letztlich neue Verhaltensweisen ergeben können. Sieht sich ein Mensch in der Lage, neuen Situationen wirkungsvoll entgegentreten zu können, so zeigt sich dies in seiner Fähigkeit, sich selbst bewerten, verstärken und gezielt regulieren zu können [und umgelehrt].

Drei Arten von Kognitionen sind in diesem Kontext voneinander zu unterscheiden:

  • Die Person hat allgemeine Erwartungen darüber, welchen Ausgang eine Situation nehmen wird.
  • Die Person hat Überzeugungen, dass es Handlungen gibt, durch die sie eine bestimmte Situation beeinflussen, eine Gefahr bewältigen bzw. ein Problem lösen kann.
  • Die Person hat die starke Überzeugung, das sie selbst in der Lage ist, eine solche Handlung durchzuführen.

Bandura sieht in der Selbstwirksamkeitserwartung einen wesentlichen Beitrag für eine mögliche Verhaltensänderung, zum Beispiel, dass sie durch eine zur Selbstberuhigung geeignetes Verhalten in der Lage ist, eine Krisensituation zu bewältigen. [Frankl’s Sinntheorie würde dies um die Perspektive erweitern, dass ein Mensch der um ein Wofür im Leben weiß, ein solches Verhalten eher zu zeigen in der Lage ist als ein Mensch, der an seinem Sinn im Leben zweifelt.]

Ist Banduras Theorie die Grundlage therapeutischer Interventionen, dann ist deren Ziel, dass Patienten sich in bestimmten SItuationen als nicht mehr hilflos ausgeliefert empfinden, Dabei geht es nicht um reale Fähigkeiten oder Fertigkeiten der Person, sondern darum, ob sie daran glaubt, den Anforderungen gewachsen zu sein. Im Fokus steht also die subjektive Verfügbarkeit von Bewältigungshandlungen, die nicht objektiv gegebenen Handlungsressourcen entsprechen müssen. [Frankl’s Sinntheorie setzt hingegen an dem per se gegebenen, konkreten Sinn im Leben an, der sich durch Verwirklichung von konkreten und bewusst gemachten Werten findet.]

Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung und einer aus ihr resultierenden Selbstmotivation, sind eher in der Lage, neue Verhaltensweisen anzunehmen, sie einzuüben und über längere Zeit auch aufrechtzuerhalten. [Wir vermuten entlang der Argumentation Frankls, dass ein Mensch seine Selbstwirksamkeit auf einem hohen Niveau entfaltet, wenn er um den Sinn in seinem Leben weiß. Ist sein Sinn- und Wertebewusstsein nicht gegeben, dann leidet darunter entsprechend die intrinsische Selbstwirksamkeitserwartung und die Person wird abhängig von den Ermutigungen und Zuschreibungen von außen.]

 

Die bezeugte Angst

Gibt es ein Angst-Gedächtnis? [Wortherkunft ‚Gedächtnis‘: seit dem 9. Jahrhundert meint der Begriff ‚bezeugt‘. Hier können wir also sagen: Der Mensch bezeugt ein Erlebnis, in dem eine unbewusste Angst eingebunden ist.]

Als ‚unbewusstes Angstgedächtnis‘ des Menschen verstehen wir eine psychische Instanz, die unabhängig ist vom expliziten Gedächtnis, das Ereignisse, Situationen und Fakten speichert.

Der Genfer Arzt und Psychologe Edouard Claparède (1873-1940) behandelte eine Frau, die unter Amnesie litt. Personen oder Situationen war die Patientin nicht in der Lage zu erinnern. Auch ihr Arzt, Dr. Claparède, musste ihr stets aufs Neue sagen, wer er war. Als er während einer Visite eine Heftzwecke in seiner Hand versteckt hielt und damit seine Patienten begrüßte, erschrak diese unter deutlichem Schmerz.

EInige Tage später, verweigerte die Frau den Handschlag, ohne ihren Arzt jedoch zu erkennen. Einen Grund für ihre Angst konnte sie nicht nennen, dennoch ‚bezeugte‘ sie sie mit ihrem Verhalten. Für Claparède war klar: es muss ein zweites Gedächtnis geben, ein Angstgedächtnis.

Wissenschaftliche Untersuchungen und Studien hinsichtlich der neuronalen Verortung und medikamentösen und therapeutischen Arbeit an Ängsten gibt es seither zuhauf und eine wirkungsvolle Behandlung von Angsterkrankungen ist heute eher möglich als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Als eine präventive Methode zum Umgang mit Ängsten bietet sich die aktive Bewusstmachung von Situationen an, die im Leben Angst um Werteverlust erzeugt haben. Beispiel: Wurde man als Kind einmal eingesperrt und erlebte diese Situation als Angst auslösend, so kann man bei der Frage: Welchen Wert fühle ich heute, dass ich ihn in jener Situation nicht mehr verwirklichen konnte, vielleicht den Wert ‚Freiheit‘ nennen oder den Wert ‚Initiative‘ oder den Wert ‚Ruhe‘. Oder, wenn man vielleicht irgendwann einmal an einem Lebensmittel zu ersticken drohte, so kann dieses Erleben heute mit der Bedrohung eines Verlustes des Wertes ‚Kontrolle‘ oder des Wertes ‚Vertrauen‘ oder des Wertes ‚Sicherheit‘  in Verbindung gebracht werden.

In einer präventiven wertebasierten Angstanalyse schreiben sich unsere Patienten nach einer entsprechenden Vorbereitung eine mit Angst verbundene, erlebte Situation ‚zeugenhaft‘ in kurzen, sachlichen Sätzen auf. Dann reflektieren sie den mit dieser Situation verbundenen angenommenen Werteverlust. Dieser Wert wird im nächsten Schritt umfassend biografisch gewürdigt. Ist dies geschehen, wird mit der Person das mit dem Wert verbundene Gefühl geklärt und dessen Relevanz für das vor der Person liegende Leben erörtert. Mithilfe positiver Imaginationen wird das Wertegefühl in den Kontext der aktuellen Lebensphase gestellt, in der sich die Person befindet. Die angestrebte Wirkung besteht darin, dass die Person den einst bedroht erlebten Werteverlust gegen ein revitalisiertes Wertegefühl tauscht und – in einer Analogie zu Frankl – der Patient sich sagen kann: ‚Ich muss mir von meiner Angst doch nicht alles gefallen lassen.‘

Rustikaler Humor

Der Bauarbeiter Huber fällt vom Gerüst und schlägt so unglücklich auf, dass er verstirbt. Einer der Kollegen muss die Aufgabe übernehmen, die traurige Nachricht der Ehefrau zu überbringen.

„Komm Georg, du bist der Polier und unser Chef. Mach du das.“

„Ach Leute, ich kenne die Frau schon von klein auf, ich kann das nicht“.

„Sepp, du warst sein bester Freund, geh du hin.“

„Das geht nicht. Die Kinder nennen mich sogar Onkel, das bricht ihnen das Herz, wenn ausgerechnet ich diese schlimme Nachricht überbringe.“

„Wer kann das jetzt übernehmen? Uzgür, wie sieht es mit dir aus?“

„Is geine Broblöm Alda.“

„Echt jetzt? Machst du das?“

„Warum nicht, was geht ey? Isch mach.“

Uzgür macht sich auf den Weg und die anderen fragen sich, ob das die richtige Entscheidung war.

Nach zwei Stunden kommt er wieder mit einem breiten Grinsen und einem Kasten Bier.

„Uzgür, wie hat sie es aufgenommen? Warum grinst du so und woher ist der Kasten Bier?

„Was geht, Alda, ich geklingelt, sie aufgmacht. Hab ich gesagt: „Kuckst du gute Frau, sind Sie die Witwe Huber?

Sagt sie: „Ich bin Frau Huber, aber keine Witwe“.

Sag ich: „Wettma Kastn Bier?“

(von einem Patienten überliefert)

Erst wirbeln wir den Staub auf und behaupten dann,
dass wir nichts sehen können.

George Berkeley

Immer diese Glaubenssätze

In einer Fußgängerzone steht ein Mann und klatscht alle 10 Sekunden in die Hände.

Als ein Passant ihn fragt, was er denn da tue, antwortet er:
„Ich vertreibe die wilden Elefanten“.

Erstaunt entgegnet der Passant:
„Aber hier sind doch gar keine Elefanten.“

Worauf der klatschende Mann zufrieden lächelt und feststellt:
„Sehen Sie, das Klatschen wirkt“.

nach Paul Watzlawick

Wirtschaft 4.0 – Krisenprävention 4.0

Intelligente Produkte – smart factory – Maschinenkommunikation – Machtergreifung der Technik – Triumphe des Digitalen über die menschliche Arbeit – Internet der Dinge …. – die Diskussion über die Industrie und Wirtschaft 4.0 ist heiß. Man spricht von der vierten industriellen Revolution. Re-Volution? Zurück-Wälzen? Von einem Zurück scheint auf den ersten Blick wirklich nicht die Rede zu sein. Wie schon bei den ersten drei sogenannten Revolutionen ‚Wasser- und Dampfkraft‘, ‚Elektrifizierung‘ und ‚Automatisierung und IT‘ – die wir alle überlebt haben, die aber auch über unser Leben mit ihren Bedingungen mitbestimmen und die motivieren können, über Leben noch einmal nachzudenken.

Marie von Ebner-Eschenbach meinte einst, dass nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, unser Schicksal ausmacht. Die Frage lautet daher, was empfinden Menschen, wenn sie von Facetten des ‚4.0‘ in ihrem beruflichen Umfeld berührt werden? Allgemein können wir sagen: Werden die Empfindungen von einem negativen Affekt begleitet, meinen Menschen also, dass 4.0 etwas für sie aus ihrer ‚Ordnung‘ bringt, etwas aus dem Lot läuft, dann entstehen Affekte und Emotionen der Angst, Sorge, Trauer, Wut… – solche Reaktionen sind aus Unternehmersicht wenig hilfreich. Sie kosten Ressourcen. Aus Sicht eines Krisenpräventologen sind diese Reaktionen zwar menschlich ’normal‘, aber sie kosten Lebensfreude. Es stellt sich daher die Frage, wie der Umgang mit 4.0 gestaltet werden könnte, um die potenziell negativen Auswirkungen zu mindern. Und dafür, dass sie negativ empfunden werden können, sorgen u.a. ‚Nicht-Zahlen‘. Dies sind Zahlen, die in die Luft geworfen werden, um sich dort wie von Geisterhand in eine Art Gegenteil zu verwandeln, wenn sie wieder zurückkommen.

Beispiel: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stellt fest, dass 1,5 Millionen Arbeitsplätze durch die Wirtschaft 4.0 bis 2025 wegfallen werden. Die Zahl ist in der Luft. Nun aber: Es entstehen im gleichen Zeitraum auch 1.5 Millionen neue. Die Suggestion in den Köpfen vieler: Dann wird es ja nicht so schlimm. Oder: Im produzierenden Gewerbe wird es ein großes Minus geben! Dann: Aber da gibt es ohnehin einen Fachkräftemangel, also gleich sich das wieder aus. Oder: In den USA schätzt man, dass 47% aller Jobs durch die Digitalisierung wegfallen werden. In Deutschland schätzt man, dass 390.000 neue durch sie entstehen. Ergo: Wir schaffen das, besser.

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Ohne Worte

Der Vorstandschef eines großen Unternehmens ist zum Konzert eingeladen. Doch er kann zu Schuberts ‚Unvollendete‘ nicht gehen. Deshalb schenkt er die Karten seinem Personalchef.
Am nächsten Tag fragt er ihn, wie es ihm gefallen hat. Der Personaler antwortet: “Ich leite Ihnen meinen Bericht heute Nachmittag zu!“ Darin stand: Die vier Oboisten hatten über einen längeren Zeitraum hinweg nichts zu tun. Ihre Anzahl sollte gekürzt und deren Aufgaben auf das ganze Orchester verteilt werden, damit Arbeitsspitzen vermieden werden. Die zwölf Geiger spielen alle die gleichen Noten, die Anzahl der Mitarbeiter in diesem Bereich sollte daher drastisch gekürzt werden. Sollte hier tatsächlich eine große Lautstärke erforderlich sein, so könnte dies mit einem elektronischen Verstärker erreicht werden. Das Spielen von Viertelnoten erfordert einen hohen Aufwand. Dies scheint mir eine übertriebene Verfeinerung zu sein. Ich empfehle daher, alle Noten auf nächstliegende Halbe aufzurunden und dafür Studenten und Mitarbeiter mit geringeren Qualitäten einzusetzen. Es ist wenig sinnvoll, die Hornisten Passagen wiederholen zu lassen, die Streicher bereits gespielt haben. Würden derlei überflüssige Passagen gestrichen, könnte das Konzert von zwei Stunden auf zwanzig Minuten gekürzt werden. Hätte Schubert dies alles beachtet, dann hätte er ohne Zweifel seine Sinfonie beenden können.

(leicht veränderter Text aus der FAZ vom 16.11.1981 !)