Archiv für den Monat: Dezember 2016

So schließt sich der Kreis

Ein amerikanischer Ingenieur eines Automobilzulieferers steht in einem kleinen mexikanischen Fischerdorf am Pier und beobachtet, wie ein kleines Fischerboot mit einem Fischer an Bord anlegt. Es hat einige riesige Thunfische geladen. Der Ingenieur gratuliert dem Mexikaner zu seinem prächtigen Fang und fragt ihn, wie lange er für seine Fang gebraucht hat.

Der Mexikaner antwortet: „Ein paar Stunden nur. Nicht lange.“ Daraufhin fragt der Ingenieur, warum er denn nicht länger auf See geblieben ist, um noch mehr zu fangen. Der Mexikaner sagt, die Fische reichen ihm, um seine Familie die nächsten Tage lang zu versorgen.

„Aber was tun sie denn den Rest des Tages?“
„Mein Tag schaut so aus. Ich schlafe morgens aus, gehe ein bisschen fischen; spiele mit meinen Kindern, mache mit meiner Frau Maria nach dem Mittagessen eine Siesta, gehe ins Dorf
spazieren, trinke dort ein Gläschen Wein und spiele Gitarre mit meinen Freunden.“

Der Ingenieur: „Ich bin ein Absolvent einer bedeutenden Hochschule, achte auf Effizienz und habe eine Null-Fehler-Toleranz. Ich könnte ihnen ein bisschen helfen. Sie sollten mehr Zeit mit Fischen verbringen und von dem Erlös ein größeres Boot kaufen. Mit dem Erlös hiervon wiederum könnten sie mehrere Boote mit ausgereifter Motorik und Sicherheitstechnik kaufen. So wären Sie auch für eine stürmische See gerüstet. Das machen Sie, bis Sie eine ganze Flotte haben. Statt den Fang an einen Händler zu verkaufen, könnten Sie direkt an die Fischfabrik verkaufen, die ich unweit gesehen habe. Schließlich könnten Sie eine eigene Fischverarbeitungsfabrik eröffnen und Produktion, Verarbeitung und Vertrieb selbst kontrollieren.Sie könnten dann dieses kleine Fischerdorf verlassen und nach Mexiko City oder Los Angeles und vielleicht sogar New York City umziehen, von wo aus Sie dann ihr florierendes Unternehmen leiten.“

Der Mexikaner: „Und wie lange wird dies alles dauern?“
„So etwa 15 bis 20 Jahre.“

„Und was dann?“
„Dann kommt das Beste. Wenn die Zeit reif ist, könnten sie mit ihrem Unternehmen an die Börse gehen; ihre Unternehmensteile verkaufen und sehr reich werden. Sie könnten Millionen verdienen.“

„Millionen. Und dann?“
„Dann könnten Sie aufhören zu arbeiten. Sie könnten in ein kleines Fischerdorf an der Küste ziehen, morgens lange ausschlafen, ein bisschen fischen gehen, mit ihren Kindern spielen, eine Siesta mit ihrer Frau machen, in das Dorf spazieren, am Abend ein Gläschen Wein genießen und mit ihren Freunden Gitarre spielen. Sie hätten dann ein ausgefülltes Leben.“

Die KrisenPraxis wünscht Ihnen ein ausgefülltes,
krisenfreies und erfreuendes 2017.

Sie haben auch Wünsche für uns? Wir freuen uns über sie – team@krisenpraxis.de

Jahresend-Wunsch an die Evolution

Zum Jahresende darf man sich ja etwas wünschen. Gesundheit und ein langes Leben sind so die Klassiker. Nicht schlecht, aber ich habe trotzdem einen anderen. Ich habe den Wunsch an die Evolution, dass sie es fertigbringt, irgendwann einmal die Neugeborenen von Anbeginn sprechen lassen zu können. Also, so richtig, mit dem vollen Programm.

Ich glaube, dies würde einen wirkungsvollen Beitrag dafür leisten, dass die den Kindern per se gegebene Resilienz nicht dadurch in den ersten Lebensjahren erodiert, weil die sie umgebenden Personen meinen, sie müssten ihre Kinder erst ’sozialisieren‘.

Wer ein Kind sozialisiert, der geht offenbar davon aus, dass es nicht sozial ist. Wer jedoch davon ausgeht, dass ein Kind bereits alles Wesentliche für sein Leben mitbringt und es dann darin unterstützt, das seinem Wesen Entsprechende auszuformen, der folgt einem an eine Goethe-Weisheit angelehnten Satz:

„Wenn man ein Kind wirklich sieht wie es ist und es nicht zu dem macht, was es aus eigener Anschauung sein soll, dann kann man es darin unterstützen, zu dem zu werden, der es werden kann.“

Könnten uns doch die Kinder direkt ab Beginn ihres Lebens nur sagen, wie sie sind. Manche Therapiestunde könnte eingespart werden.

Wer sich selber treu bleiben will,
kann nicht immer anderen treu bleiben.

Christian Morgenstern

Ein Freund ist einer,
der die Melodie Deines Herzens kennt
und sie Dir wieder ins Gedächtnis ruft,
wenn Du sie vergessen hast.

Spruch aus Ruanda

Kann man sich selbst los werden?

Ich gebe es zu, es hat Phasen in meinem Therapeutenleben gegeben, in der ich diesen Teil von mir gern los geworden wäre: Therapeut sein und immer wieder erklären, wie Frankl den Menschen sieht, wie wir Sinn verstehen, warum ich den Menschen als sinnstrebend ansehe, warum Krisenprävention so wichtig ist und immer wieder: Probleme anhören, von Abgründen erfahren, sich Situationen schildern lassen, die mich staunen lassen, was Menschen zu tragen in der Lage sind.

Dann geht es los. Diagnosen stellen, Fragen stellen und etwas in Frage stellen, klären, zum Perspektivenwechsel ermuntern und ermutigen. Rückfälle aushalten, neuen Anlauf nehmen. Das hat schon einige Male richtig an Kräften, Nerven und Geduld gezehrt. Und dann die Frage, wenn nicht diese Aufgabe, welche sonst wäre wohl besser für mich? Irgendwann bin ich auf Stadtgärtner gekommen. Da wäre ich draußen, müsste kaum reden, hätte wenig Stress, sähe am Ende des Tages, was ich geschafft habe, Verantwortung? Sicher weniger als Therapeuten, Busfahrer, Kindergärtner oder Leiter von Kernkraftwerken. Chef, Ämter, Dokumente, Computer? Kaum – mein Ding wären Baumsäge, Rosendünger, Grünschnitt-Deponie.

Gärtnerleben – ein Leben mit größerer Zufriedenheit? Noch einmal nachgedacht wird mir klar, egal welche berufliche Rolle ein Mensch ausübt: Es ist weniger die Frage wichtig, ob dieser oder jener Beruf zufrieden macht. Wichtiger ist, wie ein Mensch grundsätzlich zufrieden ist? Und als ich mir diese Frage vorlegte war mir klar, dass ich dann grundsätzlich zufrieden bin, wenn ich einen Beitrag leisten kann dafür, dass Menschen sich nicht verfehlen. Das kann ich zwar auch in der Natur, wenn ich als Gärtner Wege so anlege, dass Menschen an ihr Ziel kommen. Oder als Lehrer, wenn ich Wissen so aufbereite, dass Menschen mögliche Entwicklungschancen nicht verfehlen. Diese Rollen können erbauend sein – und anstrengend. Und doch: beide Rollen gehen nicht aufs Ganze. Das Ganze besteht für mich darin, dafür zu arbeiten, dass der Mensch sich nicht verfehlt. Das lohnt alle Anstrengung. Und die Form, in der dieser Inhalt möglich ist, heißt nun einmal nicht Gärtner.

„Jetzt weiß ich, warum ich einen Psychotherapeuten brauche.
Ich brauche jemanden, der mir sagt, was ich weiß, damit ich es glauben kann.“

Patienten-Weisheit

„Also flieht vor sich selbst beständig ein jeder. Aber was hilft das Fliehen?
Kann man sich selbst doch nicht entfliehen; das Ich geht überall mit hin, der lästige Begleiter.“

Seneca

Berlin

Und wieder liegen Blumen am Boden und Schilder mit dem bekannten ‚Warum?‘. Wieder haben Sender ihr Programm geändert, um alles haarklein von den Geschehnissen – diesmal rund um den Breitscheidplatz – zu berichten. Zwar wird nun verstärkt dazu aufgerufen, nicht vorschnell zu urteilen und Gerüchten aufzusitzen, um dann in nächster Sekunde aber doch Parallelen und Halblogiken zu verbreiten. Das ist das Business und, das ist so psycho-üblich.

In den nächsten Diskussionen und Interviews wird überlegt, was denn nun zu tun sei. Die Meinungen schwanken zwischen Betonabsperrungen, ‚die aber die Stimmung drücken‘ und ‚man kann nicht alle öffentlichen Plätze sichern‘. Auch diese Minuten Sendezeit sind also mit bekannten Perspektiven gefüllt, übliches Business, das die Ohren ermuntert, auf Durchzug zu schalten.

Die dritte Welle schickt dann die Politik. Die eine Seite sieht nun aber wirklich das harte Durchgreifen als zwingend an und mobilisiert im Twittergewitter zu einem Vorgehen, das die andere Seite als in Deutschland nur leider als allzu altbekannt kommentiert. Dass Deutschland nun nicht mehr sicher sei – als hätte es jemals derart verstandene Umwelt-Sicherheit gegeben – illusionieren Möchtegernmächtige. Von Maß und Mitte ist auch zu hören und von Analogien zu Paris, Brüssel und vielen anderen Orten und davon, dass mehr Aufwand in Sachen Sicherheit den einzelnen Menschen halt doch nicht sicher machen kann. So geht dann in den nächsten Tagen alles wieder zurück an den Anfang, wenn auch mit Trauerbeflaggung … – vielleicht findet ja sogar ein Vorstandsvorsitzender eines Medienhauses den Weg zu den Angehörigen der Toten und Verletzten, um diesen aus den Erlösen der medialen Endlosschleifen einen Beitrag zur Überwindung der womöglich ernsten Auswirkungen der Tat zu leisten?

Gibt es weitere Sichtweisen? Viktor Frankl hat immer wieder in noch größerem Grauen erlebt, dass es eine Instanz im Menschen gibt, die sich über die Prozesse in seiner Psyche hinwegsetzen kann. Eine geistige Dimension, die den Menschen als das auszeichnet, was er auch ist – ein Wesen, dem es stets möglich ist, etwas zu tun, was über ihn selbst und seinen Egoismus, Fanatismus, Infantilismus, Dogmatismus und jedem anderen individuellen…ismus hinwegschauen lässt. Diese Dimension hat mit verantworteter Entscheidungsfreiheit zu tun, die jeder Mensch hat, auch dann, wenn es ihm schlecht geht und er sich psychisch – und weil dies so einfach ist – hinreißen lässt von allem, was sich wider das Gute und wider die Güte des Menschen und des Mensch-Seins stellt. Und was seine Psyche hinlenkt zu Radikalismus, Extremismus, Kollektivismus und den vielen anderen …ismen, die ihr Ziel erreichen, wenn das Geistige vernebelt ist.

Viktor Frankl hat unzählige Stunden erlebt, in denen das Geistige allemal hätte vollends vernebelt werden können. Doch dies ließ er nicht zu. Auch dann nicht, als er sich auf dem Wiener Rathausplatz in einer denkwürdigen Rede klar dafür aussprach, dass es keine kollektive Schuld geben kann, eben weil es auch keine kollektive Freiheit und Verantwortung gibt. Jeder Mensch hat vielmehr – auch, wenn er dies vielleicht selbst kaum glauben mag – seinen gewissen, persönlichen Entscheidungsspielraum. Entscheidet er sich, Sinnvolles zu tun, ist das sein persönlicher Verdienst. Wenn er das Gegenteil tut, ist das seine persönliche Schuld.

Der Täter von Berlin hat sich gegen Sinnvolles entschieden, seine Schuld ist individuell. Ihm womöglich ex post die Möglichkeit abzusprechen, sich doch nicht gegen die Personen gewehrt haben zu können, die Teil der Infiltration mit Unsinn waren, würde diesen Mann auf das Niveau eines rein triebhaften Tieres degradieren. Würde dies getan, wäre den Hintermännern etwas Infames gelungen: sie hätten dann gezeigt, dass es ihnen möglich ist, Menschen auf ein ‚Etwas‘ zu reduzieren. Kein Mensch aber ist bloß ‚Etwas‘, der Täter ist ein ‚Jemand‘, der in der Verantwortung bleibt für seine Handlung. Nie wird er dies zurückdelegieren können an eine ’schwierige Jugendzeit‘, ‚gefühllose Eltern‘, ‚demütigende Umweltzustände‘, ‚ihn allein lassende politische, wirtschaftliche oder andere Verhältnisse‘ oder ‚Personen, die ihn radikalisierten‘ usw. Ganz allein verantwortet er seine Schuld, so wie er frei war, sich gegen seine Handlung auszusprechen. Es gibt keine Kollektivschuld. Und sollte es bei dieser Person eine nachweisliche Verbindung zu diesem Gebilde geben, das medial als IS etikettiert wird, dann hielte ich es persönlich dennoch für nicht abwegig, davon auszugehen, dass es dort neben aller islamistischen Gedankenwelt auch Menschen gibt, in deren Gewissen die Grundordnungen des Mensch-Seins erhalten geblieben sind und in denen das Geistige in der Lage wäre, sich über das Psychische hinwegzusetzen. Über das Psychische?

stern-kuhlÜber das Modell der vier psychischen Systeme von Professor Julius Kuhl haben wir in der KrisenPraxis bereits berichtet. Unter dem Stichwort ‚Kuhl‘ können Sie über ‚Suche‘ diese Beiträge zur weiteren Orientierung abrufen.

Geraten psychische Systeme in einen Zustand der Überforderung oder Überdehnung, dann zeigt sich in unserem kulturellen Verständnis eine individuelle Persönlichkeitsakzentuierung, die sozial auf Ablehnung, Widerstand oder zumindest Irritation führen kann. Zum Beispiel:

Wenn ein Mensch, die Dinge oder Themen, die für ihn nicht ‚in Ordnung‘ sind, versucht ‚in Ordnung zu bringen‘, dann wird sein Empfindungssystem [verantwortlich für unstimmigkeitssensible Objekterkennung] aktiv und in der Regel wird dieser Mensch dann als ’sorgfältig‘ erlebt. Überdehnt sich dieses System, dann entsteht a la longue eine Form von Zwanghaftigkeit im Denken und-oder Handeln, die dem Menschen selbst und-oder seinem Umfeld als überbetont erscheint, solange der Mensch nicht in der Lage ist, dieses Verhalten zu justieren und einer dauerhaften Überdehnung entgegenzusteuern.

Oder: Wenn ein Mensch aus seiner Lebenserfahrung heraus seine Ansichten mitteilt, seine Position vertritt, seine Entscheidungen trifft, dann wird man ihn als ’selbstbestimmt‘ erleben. Überdehnt sich dieses System und ist der Mensch der Überzeugung, er ’selbst‘ sei der Inbegriff der Klarheit und des Gefühls darüber, wie ‚Welt‘ anzuschauen sei, dann wird dies oft als aggressive Zurschaustellung, Überheblichkeit und Arrogranz, zuweilen mit antisozialen oder mit paranoiden Zügen, erlebt.

Jeder ‚Persönlichkeitsstil‘ kann somit aus ‚psycho-logischer‘ Sicht in die Überdehnung und pathologische Ausformung geraten und ein Mensch täte gut daran, durch Reflexion des Selbstbildes und-oder durch achtsames Hinhören auf verantwortungsvolle Rückmeldungen vertrauter Personen mit entsprechenden ‚Übungen‘ auf die Stärkung der Selbststeuerung hinzuarbeiten, so eine solche Überdehnung wahrgenommen wird.

Und was tun Menschen?
Ebenfalls ‚psycho-logisch‘ gehen sie allzu oft entweder in den Angriff über [‚du musst mich so nehmen, wie ich bin‘] oder in die Flucht [‚ich mag mich ja selbst nicht‘] oder in die Erduldung [‚ich kann daran nichts machen, so ist es eben‘]. Versucht die klassische Psychologie, die Ursachen für Persönlichkeitsakzentuierungen herauszudestillieren, dann landet man zumeist bei einer zentralen Aussage: Menschliches Verhalten ist zur Hälfte durch Genetik, zur anderen Hälfte durch Umwelt determiniert.

Und warum tun Menschen das?
Aus Viktor Frankls sinntheoretischer ‚anthropo-logischer‘ Perspektive können wir dazu sagen: Weil Menschen allzu oft kein Wofür sehen, wozu es gut sein könnte, sich für jemanden oder für etwas in Liebe oder Hingabe einzusetzen, das nicht mit dem eigenen Egoismus in Verbindung steht. Jedoch dort, wo sie dieses Wofür doch sehen, sprengen sie zum Glück ebenso oft den Rahmen ihrer sogenannten Abhängigkeit von Genetik und Umwelt.

Genau diese Sprengung fand gerade gestern Abend am Breitscheidplatz vielfach statt. Menschen, die nicht an sich dachten, sich vielmehr selbst vergaßen und sich denen hingaben, die morgen vielleicht schon nicht mehr wissen, wer ihnen half oder wer sie rettete.

Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben,
vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet. [Viktor Frankl]

Danke denen, die sahen, was das Leben von ihnen gestern Abend erwartete. Genau diese Fähigkeit wird es sein, die allen -ismen zum Trotz den Menschen davor bewahren kann, zu glauben, er sei nichts anderes als ein rein psychophysisches Wesen, das Spielball seiner Triebe oder seiner Treiber ist.

Diese Fähigkeit, sich auf einen Sinn im Leben auszurichten, ist im Kern jedem Menschen gegeben. Sie zu entwickeln, den ‚Sinn-Muskel‘ quasi nicht erschlaffen zu lassen, braucht wie alles im Leben Übung. Übungen, die nachweislich umso besser gelingen, je weniger man sich an den Menschen orientiert, die diese Form der Reife dadurch vermissen lassen, dass sie anstelle sinnvoller Handlungen ihre Energie auf niedere, triebgerichtete und damit in unserer Welt nicht mehr wirklich Ernst zu nehmende Parolen verschwenden.

Wie stark wäre wohl das, was jeder einzelne seine ‚Welt‘ nennt, wenn sich die vielen Menschen mit ausgeprägter Sinnfähigkeit wirklich zusammentäten, um der Einfalt des Psychischen [Wann schlägt der deutsche Rechtsstaat zurück? Wann hört diese verfluchte Heuchelei endlich auf? Es sind Merkels Tote! – zitiert:Marcus Pretzell, Twitter] die ‚Trotzmacht des Geistes‘  [Die Berliner Polizei dankte ausdrücklich den Verkäufern und Händlern rund um den Breitscheidplatz, von denen viele über Stunden die Rettungskräfte unterstützt hatten – zitiert; rbb-online.de] entgegenzustellen?

Kann man Sinn machen? – II

Der Begriff ‚Sinn‘ kennt verschiedene Verwendungsweisen. Eine meint soviel wie ‚Richtung‘  des Wortes Sinn unterschieden. Das Wort Sinn wird in der Bedeutung von Richtung verwendet und stellt den Menschen damit vor die Frage, wohin er sich aufmacht? Wofür ist es gut, sich hiermit und nicht damit zu befassen? Wozu braucht mich die Welt hier und nicht da? Diese Richtungsfrage ist – aus unserer Perspektive der sinnzentrierten Psychotherapie – bedeutender als die Frage nach dem ‚woher komme ich‘? Denn selbst wenn ich es mir wünschte, ich kann das ‚woher‘ nicht mehr ändern, sehr wohl aber das ‚wohin‘ [siehe auch Stichwort Orient].

Eine andere Bedeutung von Sinn hat mit der Fähigkeit des Menschen zu tun, dass er werten kann. Ich kann das Leben mit einem Kind in einer Rangfolge höher werten als das Leben in Ungebundenheit. Ich kann praktischem Denken einen höheren Wert beimessen als dem Denken n Ideen oder Konzepten. Ich kann Fernsehen mehr Wert zuschreiben als der FAZ. Menschen werten permanent und wenn etwas mehr Wert hat, dann könnten Menschen daraus schließen, dass es auch sinnvoll ist, es anzustreben, es zu besitzen. In einem solchen Sinnverständnis ist alles ein Gut. Und ein Gut ist, was wertvoll ist.

Die meisten der Sinnverständnisse führen den Menschen dazu, anzunehmen, er könne sich Sinn machen. Wenn ich also mein Leben mit einem Kind führen will, dann gestalte ich mein Lebensmodell so, dass das möglich wird. Dann macht es für mich Sinn, mein Leben so und nicht anders zu leben. Nur: In einer solchen Denkrichtung stellt der Mensch sich ins Zentrum und befragt sein Leben: „Liebes Leben, wie stelle ich es an, dass ich dich mit einem Kind an meiner Seite lebe?“ Und der Mensch wartet auf Antwort und bekommt sie meistens in Form einer selbst gemachten. Handelt er nun seiner eigenen Antwort entsprechend und führt dieses Handeln nicht zum Erfolg, dann empfindet der Mensch sein Leben schlechtenfalls als ’sinnlos‘. Erleben wir einen Menschen in einer solchen Verfassung, dann regen wir zum Perspektivenwechsel an. Zum Beispiel damit: Auf welche Ihrer Fragen hat Ihnen Ihr Leben genau so geantwortet wie Sie es erwarteten?

Antworten auf diese Frage sind spannend. Die antwortende Person gibt zu verstehen, dass sie Sinnproduzent war. Und wir fragen dann weiter nach dem Rezept, den Zutaten, den Bedingungen – und ernten nicht selten ein Staunen im Gesicht, wenn klar wird, von wie viel anderem als von der Person selbst es abhängt, dass etwas geschieht. Wenn klar wird, dass ‚Sinn‘ kein ‚Etwas‘ ist, das hergestellt wird. Sondern ein Vorhandenes, das gefunden wird.