Archiv für den Monat: November 2018

Die logotherapeuti­sche „Übersetzung“ der Zehn Gebote lautet:

  1. Gebot: Du sollst den Bezug zur Transzendenz nicht verlieren.
  2. Gebot: Du sollst dir deine Empfänglichkeit für Werte erhalten.
  3. Gebot: Du sollst zeitweise innehalten zur Zwiesprache mit deinem Gewissen.
  4. Gebot: Du sollst deinen Eltern die Fehler, die sie an dir begangen haben, verzeihen.
  5. Gebot: Du sollst die Sinnhaftigkeit des Lebens bedingungslos bejahen.
  6. Gebot: Du sollst die Lust als Nebenwirkung eines Aktes der Liebe geschehen lassen.
  7. Gebot: Du sollst nur an dich und auf dich nehmen, was für dich gemeint ist.
  8. Gebot: Du sollst das zwischenmenschliche Leid in der Welt nicht vermehren.
  9. Gebot: Du sollst die Zusammengehörigkeit der Familie achten und bewahren.
  10. Gebot: Du sollst nicht ein Haben intendieren, sondern ein Sein.

(In: E. Lukas, Spirituelle Psychologie, München: Kösel Verlag 1998, S. 44f.)

Mit den Jahren runzelt die Haut,
mit dem Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele.

Albert Schweitzer

Soma und Seele

Von Rudolf Virchow, dem berühmten Arzt der Berliner Charité, ist der Hinweis überliefert, er habe im Laufe seines Lebens an die tausend Leichen seziert, aber nie eine Seele gefunden. Wie er wohl nach ihr gesucht haben mag? Ob er überhaupt an sie glaubte? Mag sein, dass er als naturwissenschaftlich wie sozial ausgerichteter Mediziner auf andere Aspekte des menschlichen Lebens ausgerichtet war.

Virchow gilt auch als ‚Erfinder‘ des Begriffes ‚Kunstfehler‘, der einen „Verstoß gegen die anerkannten Regeln der Heilkunst infolge eines Mangels an gehöriger Aufmerksamkeit oder Vorsicht“ zum Ausdruck bringt. Nicht zu erkennen, dass es eine Wechselwirkung zwischen Soma und Psyche gibt [Frankl spricht vom psychophysischen Parallelismus], die – einfach ausgedrückt – besagt, dass körperliche Beschwerden unmittelbare Wirkung auch auf psychischer Ebene zeigen und umgekehrt, müsste wohl als ärztlicher wie therapeutischer Kunstfheler angesehen werden.

Viele Krankheiten lassen sich nicht auf bloße körperliche Dysfunktionen zurückführen, sie haben oft seelische Ursachen. In der psychotherapeutischen Begleitung von Menschen sehen wir täglich, wie das unsichtbare Seelische auf die körperliche Konstitution Einfluss nimmt. Wir sehen es an der Körperhaltung, der Stimme, dem Gang, dem Gesichtsausdruck. Der psychosomatisch qualifizierte Arzt auch an organischen Symptomen, am Blutbild, an Krankheitsverläufen. Umgekehrt bedeutet dies für uns als Krisenpräventologen: Wenn Menschen sich mit möglichen Krisen präventiv befassen, dann bewahren sie sich einen Grundschutz ihrer Seele und werden weniger krankheitsanfällig, wenn eine brisante Situation wirklich eintritt. Ein wenig Prävention sollte sich daher jeder Mensch wert sein.

Ein kleiner Beitrag zur Krisenprävention

Mit unserem Verfahren Life2Me® konnten wir bereits viele Menschen hilfreich in der präventiven Krisenarbeit unterstützen. Anfängliche Beklemmungen, wohin einen wohl die Überlegungen führen würden, wichen schnell dem guten Gefühl, einen wichtigen Beitrag zur eigenen Stabilisierung geleistet zu haben. Am Ende des individuellen Reflexionsprozesses können Fragen wie diese klar beantwortet werden

  • Was sind meine wichtigsten liebenvollen und freundschaftlichen Beziehungen, die mich trotz einer Krise tragen werden?
  • Was sind meine wichtigsten Erfahrungen, auf die ich trotz einer Krise fest bauen kann?
  • Was ist trotz eines Krisengeschehens mein Sehnen, mein Träumen, mein Glaube …. mein weiterer Weg.
  • Was sind die Werte, die ich trotz einer Krise verwirklichen werde? [Anmerkung: diese Frage ist von zentraler Bedeutung in der Krisenprävention, denn in einer Krise kann ein Mensch nicht entscheiden, welche Werte Vorrang haben, zum Beispiel Freiheit oder Bindung, Sicherheit oder Risiko – Konsequenz oder Nachgiebigkeit, ….)
  • Welche Gewohnheiten werde ich trotz einer Krise pflegen, welches Verhalten werde ich entwickeln?
  • Welche Ängste werde ich trotz Krisenprävention zulassen, sollte eine Krise wirklich eintreffen, welche seelischen Verletzungen jedoch werde ich abweisen?
  • Was bleibt trotz einer Krise das Schöne, an dem ich mich orientieren werde?Antworten auf diese Fragen formen eine Geschichte, die nicht nur dann gut zu erzählen ist, wenn ein Mensch eine Krise erlebt. Im Gegenteil: Sie helfen im Hier und Jetzt dabei, das Leben sinnvoll auszurichten. Sie ermöglichen das gute Maß an Selbstliebe, das ‚hos seauton‚ (Liebe andere, ‚wie dich selbst‘)

Die Klugheit gibt nur Rat,
die Tat entscheidet.

Franz Grillparzer

Die Krisen großer Musiker – heute: Ludwig van Beethoven

Wer kennt sie nicht, die Ode ‚an die Freude‘ von Ludwig van Beethoven (1770-1827) mit dem Grundtext von Friedrich Schiller:

„Freude, schoener Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was der Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
Wo dein sanfter Fluegel weilt.“

Bei der Uraufführung der 9. Sinfonie im Mai 1824 im Wiener Hoftheater war Beethoven bereits  völlig ertaubt. Er selbst schildert den Beginn seiner Schwerhörigkeit mit rund 30 Jahren als Hochton- und Sprachverständlichkeitsverlust, quälende Ohrgeräusche, Verzerrungen und Überempfindlichkeit für Schall. Seinen suizidalen Gedanken entkam er letztlich durch die Freude an der Musik, wie Auszüge aus seinem Testament nahelegen:

O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misantropisch haltet oder
erkläret, wie unrecht tut ihr mir; ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was
euch so scheinet […] aber bedenket nur, daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand
mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der
Hoffnung, gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überblick eines
dauernden Übels (dessen Heilung vielleicht Jahre dauern oder gar unmöglich ist)
gezwungen, mit einem feuerigen, lebhaften Temperamente geboren, selbst
empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern,
einsam mein Leben zubringen […] wie ein Verbannter muß ich leben […] solche
Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte
selbst mein Leben – nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück […] und so fristete ich
dieses elende Leben – wahrhaft elend; einen so reizbaren Körper, daß eine etwas
schnelle Veränderung mich aus dem besten Zustande in den schlechtesten versetzen
kann […] o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht
getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen seinesgleichen zu finden, der trotz
allen Hindernissen der Natur, doch noch alles getan, was in seinem Vermögen stand,
um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden …

Aber nicht nur das Gehör bereitete Beethoven Probleme, eine Vielzahl anderer Erkrankungen wie Pocken, Masern, Asthma bronchiale, Kurzsichtigkeit, Gelbsucht galt es für ihn zu überstehen.
Der Sinn, den er im Beitrag seiner Musik für die Menschen sah, wird die Grundlage dafür gewesen sein, ‚trotzdem Ja zum Leben gesagt zu haben‘.

Müde macht uns die Arbeit, die wir liegen lassen,
nicht die, die wir tun.

Marie von Ebner-Eschenbach

Existenzphilosophische Betrachtung von Krisen

Haben Krisen einen Eigensinn? Manche Menschen glauben ja, sie hätten Reifeprozesse nur vollziehen können, weil sie Krisen zu überwinden hatten. Nun gut, es ist schwer gegen diese Meinung zu argumentieren, weil sie ja stets ‚ex post‘ formuliert wird. Unsere Arbeitshaltung entspricht sie nicht – im Gegenteil: wir sind davon überzeugt, dass Krisen vermieden werden können, wenn ein Mensch sich seine Werte bewusst macht und sie präventiv und szenarisch mit seinem Lebensmodell in Abgleich bringt.

Ist eine individuelle Krise jedoch erst einmal im Gange, dann hat sie immer einen bedrohlichen Charakter und verletzt das menschliche Streben nach Gleichgewicht, Harmonie, Zugehörigkeit,
Eingebundenheit, Ungestörtheit. Die Orientierung im Leben, die Kontrolle über das eigene Leben, zumindest in einem bestimmten Maß, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wird dieses Grundbedürfnis erfüllt, vermittelt das existentielle Sicherheit. Demgegenüber werden Daseinskrisen als emotionale Erschütterung empfunden und rufen zur Klärung der eigenen Existenz auf.

EIne Reihe von Krisentheoretikern ist nun der Ansicht, dass diese Klärung nur mit Krisen überhaupt zu bewerkstelligen ist. Als ein Beispiel sei genannt: „Der Mensch verwirklicht seine eigentliche Existenz nur in der Krise und nur durch die Krise. Und weil diese eigentliche Existenz nur im Prozeß und nie als Ergebnis zu erringen ist, so heißt das: Der Mensch existiert nur, sofern er in der Krise steht.“ [Bollnow] Die Idee, Krisen würden gebraucht, um als Mensch auf eine höhere existenzielle Ebene zu gelangen, mutet in unserem Empfinden als reduzierend [der Mensch ist nichts anderes als das Ergebnis seiner Krisen] und inhuman an.

Nahezu wohltuend ist hingegen die Perspektive von Kierkegaard, der Krise nicht in den Kontext von Gefahr setzt, sondern von Transformation und ‚Metamorphose’. Krise meint hier den Übergang eines psychischen in einen geistigen Zustand des Menschen. Auf psychischer Ebene erfährt der Mensch zum Beispiel Leid, er fühlt sich psychisch belastet oder sogar krank – doch durch den Übergang auf die geistige, sinnorientierte Ebene erhebt sich die Person über ihr Leid. Und dies nicht, weil in jeder Krise eine Chance steckt oder es in jeder Krise einen Sinn zu entdecken gilt, sondern weil es trotz einer Krise eine weitere Ebene gibt, auf der Sinn gefunden werden kann. Nur: Diese Ebene gibt es auch ohne Krise, weshalb wir dafür plädieren, eine persönliche Entwicklung auf geistiger Ebene einzuleiten, um über diesen Prozess in den Zustand zu kommen, ‚Herr‘ über jede Krise zu bleiben.

Die sinnzentrierte Psychotherapie [Logotherapie], hier als Daseinsprävention verstanden, ist die einzige Therapierichtung, die eine solche Entwicklung persönlicher Stabilität für schwere Zeiten substanziell ermöglicht.

Wenn das Leben dir in den Hintern tritt,
dann solltest du den Schwung nutzen,
um vorwärts zu kommen.

Pierre Franck