Kategorie-Archiv: Viktor E. Frankl

Die Gegenwart der Logotherapie

Vor geraumer Zeit machte das Viktor Frankl Institut (VFI) in Wien darauf aufmerksam, dass es Entwicklungen in Deutschland gibt, den Stellenwert der Logotherapie inhaltlich zu diskreditieren. Leider hat sich dazu von Seiten der Verursacher bislang wenig bewegt, daher an dieser Stelle noch einmal weiter unten das Schreiben des VFI.

Ergänzend will ich darauf hinweisen, dass es im Markt zu einer Reihe von Fehlern in der Veröffentlichung von Marken kommt. Irreführend sind diese Fehler, weil sie suggerieren, der Begriff ‚Logotherapeut‘ sei markenrechtlich geschützt. Dem ist nicht so.

Diese beiden Marken wurden angemeldet [Quelle: Deutsches Marken- und Patentamt]:

 

 

Der Einsatz der Marke ist in Wortform so erlaubt: Logotherapeut/DGLE ®
Nicht jedoch so: Logotherapeut® DGLE – denn diese Schreibweise erklärt das Wort ‚Logotherapeut‘ als geschützt.

Leider haben die ‚Macher‘ dieses unsäglichen und mit dem Gedankengut Frankls nicht zu vereinbarenden Vorgehens die Anwender der Marke nicht nur nicht über die inhaltliche Absurdität des Vorhabens in Kenntnis gesetzt, sondern zudem unzureichend darüber informiert, wie die Marke richtig zu schreiben ist. Rechtsstreitigkeiten sind damit vorprogrammiert und bedauerlich gerade für dienjenigen, die im Glauben an eine gute Sache sich zu dieser Form der ‚Markierung‘ haben hinreißen lassen.

Nun zum Schreiben des Viktor Frankl Instituts, dem wir uns vollumfänglich anschließen:

Update: Die ‚Marke‘ wurde zwischenzeitlich übertragen an:
FÖDERATION LOGOTHERAPIE PROFESSION –
EUROPA (FLP-EU) EWIV, 71672, Marbach a. N., DE
Geschäftsführer: Jürgen Burgstaller

 

Die Zukunft der Logotherapie?

„In 1948, Dr. Viktor Frankl, whom I believe was the greatest psychiatrist of the twentieth century, and the founder of Logotherapy – which means Meaning Therapy, invited us to change our way of thinking about body, mind, and soul. He suggested that we should envision this trinity as that of a personal or spiritual core encompassed by two peripheral layers: one of psyche or soul, and the other of soma. All  three layers, he said, extend through all our layers of consciousness which, later if we agree with Dr. Ken Wilber, have been created on an infrastructure of six revolutionary stages, whose energy frequencies have adapted to these changes and brought to focus the pivotal role of Memory in those functions.“

aus: Cox, R.H.: Spirituality as a working model in brief psychotherapy
Spiritual Approaches to Emotional and Behavioral Change, Springfield, 2016

Anmerkung: Ken Wilber gilt als Protagonist der Integralen Theorie. Die auf ihr aufbauende, noch in den Kinderschuhen steckende integrale Psychotherapie mag aus meiner Sicht eines Tages die sinnzentrierte Psychotherapie Viktor Frankls auf anregende Weise erweitern.

Datenschutz und Fleischeslust

Manch Unternehmer hat bei der neuen Datenschutzverordnung wohl das Gefühl gehabt, ‚eine Krise zu kriegen‘. Alle seien beruhigt: Es ist nur eine Verordnung, sie wird uns nicht umbringen. Vielleicht aber zuweilen sogar amüsieren. Den folgenden Text hat ein guter Freund uns heute übermittelt.


Ihre Genuss-Fleischerei informiert zur Datenschutz-Grundverordnung

ACHTUNG!

In unserer Fleischerei fragen wir Sie manchmal nach Ihrem Namen und merken uns, welches Fleisch Ihnen am liebsten ist.
Wenn Ihnen das nicht recht ist, rufen SIe beim Betreten der Fleischerei laut:
ICH BIN NICHT EINVERSTANDEN!!

Wir werden dann zukünftig so tun, als würden wir Sie nicht kennen.


 

Krankheitskrisen und Sinnfindung

Wenn wir Menschen in unserer Praxis begrüßen, die über ein unabänderliches körperli­ches Leiden berichten, folgen wir dem sinntherapeutischen Prinzip, nicht als Therapeut eine seelische Krankheit zu behandeln, sondern als Mensch einen anderen Menschen therapeutisch zu unterstützen, der eine Erkrankung hat. Dem körperlich Erkrankten wird geistiger Halt vermittelt, der ihn vor Verzweiflung bewahrt, sein Gemüt stärkt und positive Gefühle heraufreguliert, um ihm über diese grundsätzliche Verbesserung zu ermöglichen, Sinn zu finden trotz körperlicher und psychischer Last. 

Mütter ahnen diese Zusammenhänge instinktiv und lesen zum Beispiel ihren kranken Kindern lustige Geschichten vor, um sie bei Laune zu halten. Im Erwach­senendasein bleibt die Affektlage im Prinzip jedoch nur dann positiv, wenn der Erkrankte seine Existenz trotz der Krankheit als sinnvoll erlebt. Ein Indiz dafür, dass ein Mensch dies tut, lässt sich erkennen, wenn der betroffene Mensch den Humor nicht verliert. Wie oft erleben wir es, dass uns unsere Gesprächspartner mit einem frechen Witz oder munteren Anekdoten zum Lachen bringen, und das, obwohl es ihnen schwer ums Herz ist. Was sich in solchen Situationen Bahn bricht ist das, was wir ‚geistige Dimension‘ nennen.

Anders als in vielen Denktraditionen, die den Menschen reduzieren auf Körper und Psyche und geistige Prozesse ihrerseits noch einmal reduzieren auf Gehirnaktivitäten (und diese dann wiederum als Körperliches und/oder Psychisches interpretieren), sieht die Logotherapie den Menschen ausgestattet mit einer dritten Dimension, mit der des Geistes. Diese Dimension wird nicht vererbt, sie ist anders als das mit der Zeugung übertragene psychophysisch-genetische Substrat, die absolut einzigartig-originäre Potenz, mit der ein Mensch als Person sich ihrer körperlichen und psychischen Grundlagen bedient, um ihr Leben auf ihre Art zu gestalten.

Will man wissenschaftlich nachweisen, dass es eine solche dritte Dimension gibt, dann braucht es eine besondere Konstellation einer menschlichen Lebenssituation. Mit dem 1966 geborenen Iren Christopher Nolan, der seit seiner Geburt spastisch gelähmt und völlig stumm ist, ist eine solche Lebenssituation gegeben. Nolan ist nicht in der Lage, einfachste, verlässlich abrufbare Bewegungen durchzuführen. Mittels eines am Kopf befestigten Stabes versucht er durch Nicken, die Tasten der Schreibmaschine zu treffen und dies erschwert durch Krämpfe und Verspannungen, die ihm alle  Willenskraft abfordert, will er einem ihm wichtigen Gedanken festhalten.

Mit seinem autobiographischen Roman „Unter dem Auge der Uhr“ erzählt er die Geschichte einer Behinderung eines Mannes, der nie einen Dialog geführt hat, der seine Sprache nie zuvor erproben konnte, dessen Weltwahrnehmung einzig auf Hören und Sehen reduziert ist. Reduzierten wir diese Person auf seine körperliche [extrem behinderte] Dimension oder auf seine durch Ängste, Schmerz und Leid geprägte psychische Dimension, bliebe nichts weiter als ein Opfer der Umstände, als ein Mensch mit hartem Schicksal.  Die freie geistige Stellungnahme und Leistung, die ihm trotz körperlicher Behinderung und seelischer Frustration sogar zu einem angesehenen Literaturpreis verhalf, enthüllt eine Haltung, die von keinerlei äußeren oder inneren Ursachen mehr ableitbar ist, sondern in der Freiheit des Menschen schlechthin gründet. Die geistige Freiheit des Menschen ist es, die es ihm ermöglichte, in der Behinderung, trotz der Behinderung und durch sie hindurch seinem Leben einen Sinn abzuringen.

Geistiges steht daher für unsere therapeutische Arbeit über dem körperlich-organischen Geschehen. Die Trotzmacht des Geistes, wie Viktor Frankl diese besondere Dimension nennt, wirkt selbst dann, wenn Körper und Psyché jegliche Wirkungsbereitschaft von Außen und oberflächlich betrachtet unmöglich erscheinen lassen.

Es gibt eine freie Stellungnahme, die sich freilich im Rahmen des individuell Mögli­chen vollzieht. Was einem möglich ist, ist dem anderen nicht möglich, denn jeder ist eben auf seine Weise Individuum, aber jeder kann unter seinen Möglichkeiten sich für diejenigen entscheiden, die für ihn, gemäß seiner Situation, am sinnvollsten sind.

Zu Ende gedacht bedeutet dies: Ist der psychophysische Organismus — das Instrument der geistigen Person — schwer krank oder behindert, kann sich die geistige Person nicht (oder kaum oder nur sehr schwach) ausdrücken, aber sie ist unversehrt da. Denn: Die geistige Person kann nicht erkranken, sie ist jenseits von Krankheit und Tod [Frankl]. In ihr ist die Würde des Menschen begründet. Eine Erkrankung kommt nur an den psychophysischen Organismus heran und eine medizinische Behand­lung richtet sich primär auf die ‚Reparatur‘ dieses kranken Organismus. Die Trotzmacht des Geistes anzusprechen, ist nun die Aufgabe der Logotherapie. Sie rückt das Erhaltene ins Zentrum der therapeutischen Begleitung und verhilft dem Menschen zu erkennen, was  ihm noch offensteht und welche Aufgabe des Lebens mit diesem Unversehrten zu erfüllen gilt. Christopher Nolan hat diese Aufgabe angenommen und wenn man ein wenig um sich herumschaut, dann weiß man: nicht nur er ….

Die Werte-Säge schärfen

Immer mehr Menschen wollen in ihrem Leben mehr Zeit und innere Ruhe finden und doch reißt sie der temporeiche Strom der täglichen Anforderungen einer rastlosen Gesellschaft immer wieder mit. Auf das Wesentliche zu schauen und nicht nur auf das Wichtige, rückt immer wieder in den Hintergrund. Und die Folge ist: Das Leben ist schwer, aber es entspricht einem nicht. Das Empfinden lautet dann: Sinnkrise.

In der Therapie fragen sich dann die Menschen: Was habe ich verfehlt, was übersehen?

Um diese Fragen zu beantworten, braucht es Entstressung. Durch eine ruhige und substanzielle Klärungsarbeit hinsichtlich der eigenen Werte. Wir haben dazu für unsere logotherapeutische Begleitung ein Verfahren entwickelt, mit dem sich das Wertesystem herausdestillieren lässt, das weitgehend unabhängig von Sozialisationsprozessen durch Eltern und Umwelt ist. Dieses Verfahren braucht keine große Vorbereitung, kein üppiges Budget oder ewige Therapiestunden. Aber es braucht die Bereitschaft, dem Gedankengut Viktor Frankls zu folgen, in dem der Mensch anders als in anderen psychotherapeutichen Schulen nicht reduziert wird – weder auf Triebe, Minderwertigkeitskomplexe noch auf die Einflussnahme des Unbewussten.

Und es braucht etwas, was für viele Menschen an sich heute das Schwierigste ist. Stille. Die Hektik der Zeit, das Überbrücken jeder kleinsten Pause, die Dauerzerstreuung erschweren die Werteklärung immens. Wer es nicht schafft, das Beeinflussungspotenzial moderner Medien hinreichend zu dämpfen, wird nicht die innere Stimmen hören können, die es braucht, um sich seiner Werte bewusst zu werden. Wie der Einzelne dies schaffen kann, steht daher für uns am Anfang der Prozessarbeit – ohne eine solche Vereinbarung ist der Prozesserfolg gefährdet, und das wollen wir nicht.

Ist das Wertesystem geklärt, dann ist die individuelle ‚Säge‘ wieder scharf. Ohne diese Klärung stumpft sie ab, Entscheidungen, Handlungen und Verhaltensiweisen werden immer diffuser und der Mensch versteht sich selbst nicht mehr.

Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Werteklärung? Jetzt! Aber allemal bestmöglich nicht erst dann, wenn eingetreten ist, was die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in ihren Stressreports seit Jahren beständig veröffentlicht: mehr als 50% der befragten Berufstätigen arbeiten unter starkem Termin- und Leistungsdruck, ebenso viele haben Rückenschmerzen, jeder
Dritte regelmäßig Kopfschmerzen, jeder Vierte Schlafstörungen, jeder Fünfte deutliche Anzeichen massiver Erschöpfung. Wer seine Werte erst dann klärt, wenn sein ‚Profil‘ abgefahren ist, braucht mehr Aufwand, um sich für diese Arbeit zu stabilisieren und in die Stille zu kommen.

Vom Geistigen zum Psychischen

Die Seelenkunde, die Psychologie, beschreibt und erklärt menschliches Verhalten, die Entwicklung des Menschen in seinen Lebensphasen und die inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen für die Formung seines Verhaltens. Die klassische Psychotherapie hat als Prozess der Heilung der Affektseele die Aufgabe, die seelische Verfassung eines Menschen derart zu stabilisieren, so dass er freikommt von den mit seiner Erkrankung verbundenen belastenden Gedanken und Vorstellungen. Einfach gesagt – die Psychotherapie wirkt seelenheilend mit einer erhofften Wirkung auf der Verstandesebene.

Viktor E. Frankl, Arzt, Psychiater und Philosoph und Begründer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie (nach Freud und Adler) hat mit seiner Logotherapie eine neue Perspektive auf den Menschen herausgearbeitet. Wie der Begriff Logotherapie bereits andeutet, geht es Frankl um eine Heilung des Psychischen durch das Geistige. Für Frankl ist der Mensch ein nach Sinn suchendes, geistige Wesen. Sinnfindung wird so zum zentralen Thema des Heilungsprozesses, und mit ihm in der Folge auch zu einer Wirkung auf der psychischen Ebene.

Anders als die Psychologie, in der Seelisches verstandesorientiert erklärt wird, ist unsere Arbeitsform darauf ausgerichtet, die Bedeutung des Geistigen seelisch zu erklären. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch seinen Sinn verfehlt oder aber ihn entdeckt. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch um seine Belastung kreist, wenn die Gedanken zu Ängsten, Zwängen oder Selbstvorwürfen werden, weil der Sinn als verloren angesehen wird? Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn sich der Mensch nicht mehr alles von sich selbst gefallen lässt und einen Willen zum Sinn zeigt.

Neben der psychologischen Arbeit, gibt es in unserem Vorgehen daher immer auch einen ‚logopsychischen‘ Anteil. Wichtiger als ein solcher neuer Begriff ist für uns, die dahinter stehende Arbeitshaltung und -richtung zu vermitteln. Wenn wir ‚logopsychisch‘ [und nicht nur psychologisch] arbeiten, dann erzielen wir eine integrative Wirkung in der Weise, dass zuerst belastete Persönlichkeitsanteile (z.B. bestimmte Verhaltensmuster, einengende Glaubenssätze, Minderwertigkeits-Erlebnisse) von unbelasteten Anteilen gelöst werden, so dass die dem Menschen zur Verfügung stehenden Ressourcen ebenso klar hervortreten wie die Aspekte, die derzeit nicht im Lot sind.

Auf die belasteten Anteile blicken wir dann differenziert. Wie äußern sich die Belastungen, welche Symptome zeigen sie, wie treten sie auf? Wer alles gehört zum Raum der Belastung – unmittelbar und mittelbar? Wer oder was in diesem Belastungsraum wirkt mit welcher Energie auf die Person ein? Welche Gedanken gibt es bereits zu der wahrgenommenen Belastung? Welcher Teil der Belastung kann als Aspekt des ursprünglichen Selbst der Person angesehen werden, und welcher Teil repräsentiert die von der Person übernommenen realen oder gedeuteten Zuschreibungen der Umwelt? Was geschieht in den verschiedenen Systemen, in denen die Person agiert, wenn die Belastung auftritt und wenn sie nicht auftritt?

Jeder Mensch kommt sowohl „selbst“ als auch „selbst gemacht“. Die geistige Dimension des Menschen (der logos) ist in der Lage, diese Unterschiede herauszuarbeiten, wiederholende Muster zu erkennen, Bewegungen im System transparent zu machen und Störungen und Blockaden aufzulösen. Eine solche Arbeitsform macht die Logotherapie zur idealen Form individueller Krisenprävention.

Werte und die Entwicklungstheorie von Jean Piaget

Auch wenn man sich darauf verständigt, dass es sowohl gesellschaftlich und elterlich anerzogene, als auch individuelle Werte gibt, bleibt doch die Frage nach dem Ursprung der Werte. Nach Jean Piaget durchschreitet der Mensch verschiedene Stufen der moralischen Entwicklung. Für ihn ist die moralische Entwicklung eng verbunden mit der menschlichen kognitiven Leistungsfähigkeit. Die kognitive Entwicklung des Menschen ist ein kontinuierlicher Versuch, die Welt zu verstehen, sie für sich zu ordnen, aus ihr Sinn zu generieren, um handeln und sich in ihr bewegen zu können.

Piagets Entwicklungstheorie zeichnet einen Menschen, der durch kognitive Prozesse lernt zu selektieren, wahrzunehmen, zu überlegen, einzusehen, zu planen, zu erwarten oder zu antizipieren. Kognitives Lernen bedeutet für ihn nicht passive Reizaufnahme, sondern aktive Anpassung (Adaption).

Aus anfangs einfachen Schemata, wie z.B. das Greifschema, bilden sich im Laufe der Entwicklung Systeme von Schemata bzw. kognitive Strukturen, die es dem Menschen ermöglichen, eine einheitliche Sinnes- und Handlungswelt zu konstruieren. Versucht ein kleines Kind mit der Hand nach einer Rassel zu greifen, so wird diese seiner Vorstellung vom Greifen hinzugefügt. Diese „Einverleibung“ eines Elementes an die jeweils eigene Struktur (hier das Greifschema des Kindes) nennt Piaget ‚Assimilation‘.

Auch Strukturen verändern sich, wenn sie nicht mehr den Erfordernissen der Umwelt entsprechen können (Akkommodation). Das Kind, das nach Wasser greift wird erfolglos bleiben, solange es sein Schema nicht an die Besonderheiten der Umwelt anpasst und aus dem Greifen ein Schöpfen wird.

Am Anfang der kognitiven Weiterentwicklung eines Menschen steht das Erleben eines Ungleichgewichtes, wie beispielsweise eine Wahrnehmung einer Umwelt, die dem bisherigen Wahrnehmungsmuster widerspricht. Um das Gleichgewicht wiederzufinden, müssen die bestehenden Strukturen aufgelöst und neue Elemente erkannt werden.

Weiterentwicklung ist nach der Auffassung Piagets nur dann möglich, wenn Assimilation und Akkommodation in einer gegenseitigen Wechselwirkung stehen, sie also komplementär sind. Die kognitiven Strukturen eines Menschen müssen, um in der Umwelt überhaupt Neues wahrzunehmen, genügend an diese angepasst sein. In der frühkindlichen Entwicklung wird diese Anpassung noch von außen, durch das widersprüchliche Element „aufgezwängt“, in der späteren Entwicklung sucht der Mensch aktiv eine Erweiterung seiner Fähigkeiten, er entwickelt regelrecht einen Forscherdrang nach neuen Aufgaben. Indem er sich an seine Umwelt anpasst, organisiert er sich selbst (Akkommodation) und schafft so erst die notwendige Fähigkeit, umgekehrt die Umwelt zu strukturieren (Assimilation).

Mit der Auflösung bestehender kognitiver Strukturen können neue Elemente erkannt werden. So entstehen neue Wertigkeiten und Relationen. Alte Elemente werden transformiert, neu organisiert oder gelöscht. Die neu erlangte Struktur wird auf andere Lebensbereiche übertragen und dadurch weiter erprobt und gefestigt. So können auch Probleme, die denen aus anderen Lebensbereichen nicht unmittelbar ähnlich sind, dennoch bewältigt werden (Generalisierung). Das Motiv für kognitive Entwicklung sind allerdings nicht äußere Reize, sondern innere Antriebe (Neugier, Interessen, Werthaltungen, Willenserlebnisse, Erfolgserlebnisse).

Das Konzept der kognitiven Entwicklung setzt voraus, dass der Mensch in Interaktion mit seiner Umwelt tritt. Nur so können Ungleichgewichte oder Widersprüchlichkeiten erkannt werden. Dieser Interaktionismus mit der Umwelt ist nach Piaget auch für die Entwicklung von Moral- und Wertvorstellungen notwendig. Erst in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt kann der Mensch seine Wertestrukturen aufbauen, verändern und festigen. Um sich mit der Umwelt auseinander zu setzen, muss der Mensch die Fähigkeit des logischen Denkens beherrschen: Erkennt der Mensch, „dass er nicht nur einen Bruder hat, sondern er gleichzeitig auch der Bruder seines Bruders ist, ist es ihm möglich, aus seiner Perspektive hinauszugehen und die eines anderen Menschen einzunehmen“. So entsteht ein Verständnis reziproker Beziehungen und gegenseitigen Handelns. Der Satz „handele nur so, wie du von anderen behandelt werden möchtest“ gewinnt erst mit der Erschließung dieser Logik seine wahre Bedeutung.

Piaget beschreibt nun drei wesentliche Stufen der moralischen Entwicklung. Auf der ersten Stufe, dem einfachen moralischen Realismus gibt es einen schlichten Zusammenhang zwischen Aktion und Sanktion im Sinne von „du darfst nicht, weil du bestraft wirst; würdest du nicht bestraft, dürftest du“. Die zweite Stufe, die heteronome Moral, fokussiert auf die Übernahme festgesetzter Haltungen im Sinne von „du darfst nicht, weil es eine Sünde ist und es daher verboten ist“. Auf der dritten Stufe, der autonomen Moral, wird das Verhaltens auf Grund eigener sozialer Verantwortung beurteilt, im Sinne von „du darfst nicht, denn wenn das alle täten, würde die Gesellschaft nicht funktionieren“.

Verkürzt man das Menschenbild Piagets, dann wird der Mensch zu einem sich anpassenden Wesen, dessen Entwicklungsprozess abhängt von seinen intellektuellen Fähigkeiten. Damit reduziert Piaget das Geistige des Menschen auf den Gehirnverstand. Als Impulsgeber für Entwicklung fungiert anfänglich die Erziehung, später die Umwelt. Sinn wird in diesem Verständnis ‚gemacht‘ – der aufmerksame Leser der Krisenpraxis wird erkannt haben, dass wir diesem reduktionistischem Konzept nicht zustimmen. ‚Aktive Anpassung‘, die Piaget postuliert, bedingt, dass es etwas im Menschen gibt, das zuvor bereits gegeben ist. Für Viktor Frankl ist dies der ‚Wille zum Sinn‘. Er ist das Ursprüngliche und bereits da, bevor alle Anpassung beginnt.