Kategorie-Archiv: Krisenauslöser

Alternative Fakten

Verschiedene Studien zur Arbeitsmotivation ‚belegten‘:
1. 2016 gingen 85% der Deutschen montags mit schlechter Laune in die Woche
2. im Januar schlägt sich schlechtes Wetter auf die Stimmung
3. nach Weihnachtsfeiern und vielen Terminen fällt man ins Jahresanfangsloch
4. unmotivierte Mitarbeiter sind kein saisonales Problem
5. zum Jahreswechsel Bilanz zu ziehen, kann die Stimmung trüben
6. mehr als 50% der Deutschen konnte sich 2016 vorstellen, ihren Arbeitgeber zu wechseln
7. Gründe: als ungerecht empfundenes Gehalt, schlechte Arbeitsatmosphäre, fehlender Respekt
8. aber: nur wenige suchen aktiv nach einem neuen Job
9. viele quittieren den Dienst, gehen aber weiter zur Arbeit
10 .wer 2016 beruflich unglücklich war, hatte in 70% der Fälle fehlende Entwicklungsmöglichkeiten
11. Karrierechancen werden immer geringer – die Unzufriedenheit steigt und so weiter und so fort

Wir bieten alternative Fakten:
ad 1. wer schlechte Laune hat, kann lernen, seine negativen Affekte herunterzuregulieren
ad 2. wem das Wetter im Januar das Gemüt belastet, der kann dann mit der Affektregulation beginnen
ad 3. statt zu feiern, kann man mit einem Therapeuten den Plan für die Affektregulierung erarbeiten
ad 4. wer das dann doch lieber im Sommer macht: auch okay
ad 5. Bilanz zu ziehen ist ohnehin Quark, denn was war, lässt sich eh nicht mehr ändern
ad 6. die anderen 50% haben offenbar keine Vorstellungskraft – diese kann auch trainiert werden
ad 7. Gehalt, Stimmung …: alles gute Gründe, die negativen Affekte regulieren zu lernen
ad 8. das ist schlau: wer will schon einen schlecht gelaunten Bewerber gegenüber sitzen haben
ad 9. das ist dumm, vor allem montags
ad 10. entwickeln kann man nur, was verwickelt ist. Schlechte Laune und Dummheit aber sind sichtbar.
ad 11. Karriere bedeutet etymologisch: ‚Fahrstraße‘. Ob diese Fahrstraße zum Berg oder ins Tal führt, kann nur der Lenker entscheiden.

Gedankensplitter ‚Bedürfnisse und Krisenprävention‘

Entlang der tiefenpsychologischen Tradition wissen wir um die vier Grundbedürfnisse des Kindes nach Bindung, Orientierung und Kontrolle, nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung.

Anders als bei vielen anderen Säugetieren, ist der Mensch lange Zeit vollkommen schutzlos und alleine nicht lebensfähig. Babys und Kleinkinder sind deutlich länger von ihrer Mutter, ihren anderen Bezugspersonen und ihrer sozialen Umwelt abhängig, das Bindungsbedürfnis wird daher zu einer Psycho-Logik. Da aber auch der Erwachsene aufgrund begrenzter physischer Verteidigungsmechanismen alleine kaum für seine Sicherheit sorgen und er diese nur arbeitsteilig mit anderen erreichen kann, bleibt das damit einhergehende Bindungsbedürfnis auch bei ihm erhalten, Um Bindung [er]leben zu können, sind Vertrauen und Kontinuität relevant. Die ‚Währungen‘, in denen diese beiden Werte ‚gehandelt‘ werden, können sich je nach Lebensalter verändern: zum Beispiel von einem Vertrauen, das sich in Geborgenheit zeigt bis zum Vertrauen, das durch lebendigen Wissenstransfer zum Ausdruck kommt oder dem Vertrauen, wichtige Lebensentscheidungen in die Hände eines anderen Menschen zu legen.

Ab dem Alter von zwei Jahren weiß das Kind, dass es ein ‚Ich‘ hat und versprachlicht dies entsprechend. Mit seinem ‚Ich‘ markiert der Mensch ab dieser Entwicklungsphase den Übergang zwischen seinem ‚Selbstsystem‘ und seiner ‚Welt‘. Sein Selbstsystem entfaltet sich immer stärker durch die Verarbeitung der Empfindungen, die auf ihn einwirken. Selbstbewusstsein, Selbststeuerung, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstbestimmtheit, Selbstkontrolle, Selbstsicherheit, Selbstmotivation – all diese Selbst-Prozesse führen zum Selbst-Wachstum über das sich der Mensch über den Weg der Selbst-Reflexion sich selbst klar wird und dies mit der Instanz des Ich ’seiner‘ Welt mitteilt. Wird das Kind oder der Erwachsene aus seiner ‚Welt‘ im welcher derart empfundenen Weise auch immer angegriffen, entwickelt das Selbstsystem einen Schutz: Selbstschutz durch Abwehrmechanismen.

Das Empfinden von Fremdbestimmung, Manipulation, Diskreditierung kann einen solchen Selbstschutz bewirken, aber auch körperliche Gewalt bis hin zu Auslösern von Krisen, die den Menschen zum Selbstzweifel führen. Das ‚Ich‘ ist verunsichert, weil es sich nicht mehr auf den Schutz des Selbst verlassen kann. Der durch den Krisenauslöser verursachte Wegfall an Orientierung trifft im Selbst auf den Verlust von Kontrolle – das Ich weiß nun nicht mehr ‚ein‘ noch ‚aus‘.

Ab Kleinkindalter hat der Mensch das Bestreben, an Autonomie zu gewinnen. Da anfangs aber von seiner Umwelt komplett abhängig, entwickelt sich nun das Bedürfnis, den eigenen Selbstwert zu erhöhen und ‚Erniedrigungen‘ abzuwehren. Kommunikation wird zum wichtigen Bindeglied zwischen Selbstbildformung und Fremdwahrnehmung. Eigene Handlungen, Beobachtungen, Lernprozesse und soziale Interaktionen ermöglichen, das Selbstbild immer weiter zu entwickeln – ein nie endender Prozess, dessen Güte sich gerade dann beweist, wenn potenziell krisenauslösende Ereignisse es erfordern, an Grenzen zu gehen und die Situationen zu meistern.

Rückschläge und Niederlagen greifen das Selbstbild und mit ihm den Grad der Autonomie an. Steht dieser ‚Gefahr‘ ein entwickelter Grad an Selbstverantwortung gegenüber, der sich nicht bloß in ermutigender Selbstüberschätzung erschöpft, sondern die auch untermauert ist durch eine bewusst vollzogene Krisenprävention, dann sinkt die Abhängigkeit von externen Interventionen im Krisenfall.

Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung ist so alt wie die ersten Phasen in der Entwicklung der Psychologie. Dem Freud’schen Lustprinzip folgend wird ein Mensch seine Energie auch darauf verwenden, bei psychischem Schmerz die damit verbundenen Unlustgefühle zu beenden. Das ist interessant, zeigt es doch an, dass Menschen durchaus in der Lage sind, nicht nur Ziele, sondern auch ‚Antiziele‘ verfolgen zu können. Wird die Abwehr eines unangemessenen Umgangs mit einem Krisenzustand angestrebt und wird dies als positiv angesehenes Ziel verstanden, dann – nach Freud – braucht es zum Erreichen Lust, zum Beispiel in Form innerer Zufriedenheit, Stolz oder Genugtuung,

Aus unserer Perspektive trägt dieses Lustempfinden jedoch meist nicht lange genug. Die bessere Wirkung entsteht, wenn der Mensch ein ‚Wofür‘ hat, das sein Engagement in individueller Krisenprävention robust unterstützt. Leiste ich mit Krisenprävention einen Beitrag zur Gewinnung größerer Lebensfreude, die mich von stresshaften Gedanken zugunsten eines lebendigen Familien- und Berufslebens befreien kann, dann bin ich eher bereit, diese Aufgabe zu erfüllen als ’nur‘ mit in Aussicht gestelltem ‚Stolz‘ darauf, die mit der Krisenprävention verbundenen Aufgaben zu erfüllen.

Reflexion der Verletzung kindlicher Bedürfnisse

In verschiedenen psychologischen Theorien wurden die Grundbedürfnisse von Menschen zusammengestellt. Klaus Grawe, führender Wissenschaftler in der Psychotherapieforschung, stellt vier Grundbedürfnisse heraus:

  • Bindungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
  • Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
  • Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

In der therapeutischen Praxis steht meist die konkrete Verletzung kindlicher Bedürfnisse im Fokus, die sich an Grawes Ordnungsrahmen orientieren:

  • Sichere Bindung zu anderen Menschen haben (Sicherheit, Stabilität, nährende Zuwendung und akzeptiert werden)
  • Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl entwickeln können
  • Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Emotionen auszudrücken
  • Spontaneität und Spiel
  • Realistische Grenzen gesetzt bekommen und selbst die Kontrolle innehaben

Ob es zur Verletzung kindlicher Bedürfnisse gekommen ist, können Menschen zuweilen nicht erinnern. Sie äußern dann eher vage Vermutungen oder spüren subtil, dass irgendetwas nicht ganz in Ordnung war. Manchmal vermag die Reflexion von Fähigkeiten [in Anlehnung an Nussbaum], etwaigen ‚Verletzungen‘ in der Vergangenheit nachspüren zu können. Dahinter steht die These, dass dauerhaft verletzte Bedürfnisse dazu führen, dass der Mensch nur in eingeschränktem Maße Fähigkeiten dieser Art entwickelt:

  • Fähig zu sein, bis zum Ende eines vollständigen menschlichen Lebens leben zu können [dies bedingt z.B. die Fähigkeit, sich von lebensschädigenden Substanzen fernhalten oder Risikoverhalten eindämmen zu können].
  • Fähig zu sein, eine gute Gesundheit zu haben [Ernährung, Unterkunft, Sexualität[ – dies bedingt die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, der autonomen Willensäußerung usw.
  • Fähig zu sein, unnötigen Schmerz und Leid zu vermeiden [hierzu gehört auch die Fähigkeit zur Krisenprävention].
  • Fähig zu sein, zu phantasieren, zu denken und zu schlußfolgern.
  • Fähig zu sein, auch emotional Bindungen zu Dingen und Personen zu unterhalten.
  • Fähig zu sein, sich ein Bild von einem guten Leben zu machen [Lebensentwurf].
  • Fähig zu sein, soziale Interaktion in Form von Mitgliedschaft, Freundschaft, Beruf usw. auszuüben.
  • Fähig zu sein, in Anteilnahme für und in Beziehung zu Tieren, Pflanzen und zur Welt der Natur zu leben.
  • Fähig zu sein, zu lachen, zu spielen, zu genießen usw.
  • Fähig zu sein, das eigene Leben zu leben [dies bedingt die Klarheit des eigenen Wertesystems].

Haben Sie alle Fähigkeiten in Ihrer Wahrnehmung hinreichend entwickelt? Wem oder welchen Umständen könnten Sie dafür danken?

Jahresend-Wunsch an die Evolution

Zum Jahresende darf man sich ja etwas wünschen. Gesundheit und ein langes Leben sind so die Klassiker. Nicht schlecht, aber ich habe trotzdem einen anderen. Ich habe den Wunsch an die Evolution, dass sie es fertigbringt, irgendwann einmal die Neugeborenen von Anbeginn sprechen lassen zu können. Also, so richtig, mit dem vollen Programm.

Ich glaube, dies würde einen wirkungsvollen Beitrag dafür leisten, dass die den Kindern per se gegebene Resilienz nicht dadurch in den ersten Lebensjahren erodiert, weil die sie umgebenden Personen meinen, sie müssten ihre Kinder erst ’sozialisieren‘.

Wer ein Kind sozialisiert, der geht offenbar davon aus, dass es nicht sozial ist. Wer jedoch davon ausgeht, dass ein Kind bereits alles Wesentliche für sein Leben mitbringt und es dann darin unterstützt, das seinem Wesen Entsprechende auszuformen, der folgt einem an eine Goethe-Weisheit angelehnten Satz:

„Wenn man ein Kind wirklich sieht wie es ist und es nicht zu dem macht, was es aus eigener Anschauung sein soll, dann kann man es darin unterstützen, zu dem zu werden, der es werden kann.“

Könnten uns doch die Kinder direkt ab Beginn ihres Lebens nur sagen, wie sie sind. Manche Therapiestunde könnte eingespart werden.

Von Hexen und Tornados

Bedrohungen sind allgegenwärtig. In den Medien reihen sie sich auf wie an einer Perlenkette, erst ein Beben, dann Terror, dann Tsunami, ein Super-Gau, ein Brückenzusammenbruch, Brexit, dann wieder Terror … die individuelle Wahrscheinlichkeitsrechnung führt letztlich dazu, dass einige Menschen nicht mehr Schweinefleisch essen, sich beim public viewing den Fußball anschauen oder die Türkei als Reiseland meiden.

Was heute die Medien übernehmen, war früher einmal mit dem Glauben an Gestirne verbunden.Unglücke, ob zwei Menschen zueinander passen oder auch nicht – für vieles wurden Sterne befragt. Noch weiter zurück in der Geschichte wurden böse Geister für das Ungemach der Welt verantwortlich gemacht. Manchmal in Gestalt von Hexen – fünf Millionen Frauen galten derart als Risiko, dass sie über die Jahrhunderte hinweg ihr Leben lassen mussten, anfänglich initiiert durch den Klerus, ab ca. 1520 auch durch die weltliche Gerichtsbarkeit.

Gut, der Hexenglaube ist heute nicht mehr allzu weit verbreitet, viele Menschen haben jedoch durchaus die Hoffnung, dass es eine Art Schutzengel und so etwas wie ein individuelles Schicksal für sie gibt. Gustav Mahler komponierte deshalb keine 9.Symphonie, da viele andere Komponisten wie etwa Beethoven nach der ‚Neunten‘ verstarben. Zu dumm, nach seiner zehnten, die an sich seine Neunte war, verstarb auch er.

Andere Menschen sind da schon risikofreudiger. Tornadojäger in den USA [und vermutlich auch bald bei uns], Glotzer auf der Autobahn [die dann aber oft selbst Schaden nehmen, weil sie Unfälle provozieren], Schönheits-OP-Junkies, Autojagden in Großstädten und – natürlich – die Anhänger diverser Extremsportarten – der Glaube daran, dass über den Kitzel hinaus die Lage wohl schon beherrschbar sei, greift immer mehr um sich. Ob der Grund darin zu finden ist, dass wir an sich in einer [noch hinreichend] sicheren Gegend der Welt leben? Viktor Frankl wusste bereits: In Kriegszeiten gibt es keine Neurosen. Dann gehts ums Überleben. Sicherheit und Neurose scheinen eine seltsame Liaison einzugehen.

Aus der Luftfahrtforschung ist bekannt, dass der Grad an Sicherheit für andere wie für die eigene Person zunimmt, wenn die handelnden Piloten, Techniker, Ingenieur usw. davon ausgehen, dass einzig ihre Eigenverantwortlichkeit für das Ergebnis zählt. Sind die Akteure jedoch schicksalsgläubig, dann steigt die Unsicherheit um das Zehnfache. Die Sicht auf die Welt hat also einen unmittelbar Einfluss auf das Risikoniveau. Wir leiten hieraus ab, dass die Eigenverantwortlichkeit im Kontext der individuellen Krisenprävention dazu dient, den Grad an Sicherheit deutlich zu erhöhen. Der Glaube daran, das ‚wenn das Schicksal es will, es ohnehin passiert‘, erhöht jedoch das Risikoniveau immens. Andersherum: wer sich Schicksalsfantasien hingibt, investiert nicht in Prävention.
Eigenverantwortlichkeit ist dabei nicht gleichzusetzen mit Selbstbestimmung. Bei letzterer denkt die Person, die Regeln des Handelns selbst setzen zu können. Ist eine Person davon überzeugt, so steigt das Risikoniveau – von Dränglern auf der Autobahn ist dieses Verhalten nur zu gut bekannt.

Auf einen kurzen Nenner gebracht kann man vermuten, dass Menschen, die über eine reflektierte Weltsicht verfügen, in der das Bewusstsein für erforderliches Handeln unter Unsicherheit entwickelt und die Eigenverantwortlichkeit des eigenen Handelns als Erfordernis akzeptiert sind, über ein höheres Grad an Risikohandhabungskompetenz verfügen als andere.

Das Erleben einer Unternehmenskrise – V

Fortsetzung von Teil IV

Naturkatastrophen, Veränderungen der Vertriebskanäle oder Abnehmerstrukturen durch politische Einflussnahmen, der unerwartete Tod des Firmengründers, eines Patentinhabers oder Hauptkunden – dies und noch viel mehr können in der Biografie eines Unternehmens einen Bruch herbeiführen. Einen weit größeren Anteil an Unternehmenskrisen jedoch nehmen Fehlentscheidungen von Managern ein, nicht selten mit dem besonderen Beigeschmack, dass diese aus der Kompetenzperspektive von Mitarbeitern vorausgesehen werden. Diese erkennen anhand ihrer Steuerungsinstrumente, Budgets oder Kundendaten, dass das Unternehmen einen gefährlichen Kurs fährt – trifft diese Kompetenz jedoch auf eine Kultur des Weghörens, der Infragestellung des Mitarbeiterwissens durch die Führungskräfte oder auch des Machthungers von Managern, dann verpasst die Organisation die Möglichkeit, des rechtzeitigen Gegenlenkens. Aus Gesprächen mit Interim Managern im Turnaround-Management wissen wir, dass viele Führungskräfte der Krise mit Abwehrstrategien nach dem ‚Prinzip irrationaler Hoffnung‘ begegnen. Oft ist Grund eine erwartete Schmach und die Scham, sich im privaten wie beruflichen Umfeld für den Schlitterkurs der Firma rechtfertigen zu müssen.

Der Führungsstil, enger gefasst die psychischen Persönlichkeitsmerkmale der für die Existenzsicherung der Organisation verantwortlichen Führungskräfte, werden aus diesem Licht betrachtet zu einem Engpassfaktor für das Krisenmanagement. Verhalten, dem eine ausgeprägte Egozentrik oder Zwanghaftigkeit oder Depressionsneigung oder Hyperaktivität zugrunde liegt, muss unter dem Einfluss von Handlungs- und Entscheidungsdruck besonderes Augenmerk [aber von wem?] geschenkt werden. Was sich im ‚Normalfall‘ für das Unternehmen durchaus günstig erweist und sich in Charme, Überzeugungsstärke, Furchtlosigkeit oder Initiative zeigt, kann umschwenken in Empathie-, Distanz- oder auch Gewissenlosigkeit.

Auch ohne eine Krisensituation ist jenes Managementverhalten für ein Unternehmen riskant, das sich auf die Mehrung des eigenen Gewinns konzentriert. Wird dies flankiert durch die Suche nach Schuldigen im personellen Umfeld oder ‚im Markt‘, dann stellt sich an sich die grundsätzliche Frage, ob am Verbleib dieser ‚Führungsperson‘ ein Unternehmen auf Dauer ein Interesse haben kann. Ähnlich bedenklich ist, in den eigenen Reihen Führungskräfte zu wissen, die sich mit einer Art Kompetenz- oder Vernetzungsillusion in Erscheinung bringen. Ein solches Managementverhalten ist in Krisen dann besonders fatal, weil eine solche Situation mit dem Selbstbild der Personen nicht übereinkommt und die Reaktion meist darin besteht, als Erster von Bord des angeschlagenen Schiffes zu gehen.

Wie nun auch immer die für eine ‚hausgemachte‘ Krisensituation dysfunktionalen Persönlichkeitsmerkmale ausschauen sollten, eins ist klar: Das grundsätzliche Verhalten der für die Existenzsicherung des Unternehmens verantwortlichen Personen war offenkundig unpassend – wäre es passend gewesen, hätte das Unternehmen keine Krise erfahren. Dies kann man beklagen, in einer Krise jedoch nicht ändern, also kann die Bewältigung nur durch Personen initiiert werden, die außerhalb des betroffenen Management-Kreises zu suchen und zu finden sind.

Ist die Krise überstanden, so kann die Analyse der die Krise auslösenden Verhaltensweisen ein erster wichtiger präventiver Schritt für das Verhindern weiterer kritischer Situationen darstellen. Wie war das Verhalten in der Phase des Crashs, welches Verhalten wurde von wem in der Phase des Turnaround gezeigt, welches Verhalten war maßgeblich für ein Gelingen der Konsolidierung, welches Verhalten zu zeigen wäre in der Nachkrisenzeit völlig ungeeignet? Neben der Reflexion dieser ‚lessons learned‘ ist ein mindest ebenso wichtiges Element das Angebot eines umfassenden verhaltensorientierten Coachings, um die kontinuierliche und substanzielle Entwicklung eines in seiner Wirkung förderlichen Verhaltens in Gang zu bringen.

Ombrophobie – Brontophobie

Haben Sie Angst vor Regen, Blitz und Donner? Dann gehören Sie auch zur Gruppe der Ombro- oder Brontophobikern – einer Gruppe von Personen, deren Zahl nach den jüngsten Unwettern mit ihren verheerenden Folgen für Menschen und Sachen weiter ansteigen wird.

Angst ist biologisch angelegt und gehört als Grundemotion zum Leben wie Freude, Trauer oder Wut. Wir bekommen Angst, um bei Gefahr rasch reagieren zu können. Es blitzt und donnert – fluchtartig ab in die Höhle, so war das zu Beginn des Menschen. Und wenn es nur der Blitz allein gewesen wäre … aber: Gefahren lauerten an allen Ecken, da war es praktisch, in Flucht oder Kampf gut qualifiziert zu sein. Heute sind immer noch die Emotionen in uns, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie wirklich zu Recht benötigen, sinkt. Also wohin mit der Angst, wenn es gute Gründe für sie nicht mehr gibt? Die Lösung: Wir machen uns die Gründe. Und ‚begründen‘ sie mit Ereignissen, deren Wahrscheinlichkeit nachweislich extrem niedrig ist. Beispiel: Flugangst. Statistisch liegt hier ein Unfall bei 1 : 30 Millionen. 25% der Menschen [laut Allensbach-Studie] haben Flugangst.

An sich in die Boeing 747 vergleichbar mit dem Bären in der Steinzeit. Nur, wer die Kontrolle über sich behält, braucht vor beiden keine Angst zu haben. Flucht vor dem Bären sicherte die Selbstkontrolle [meistens], aber beim Fliegen muss man die Kontrolle in fremde Hände legen [die man nicht kennt, von denen man nicht weiß, ob sie zu einem Menschen mit Lebensmüdigkeit gehören oder zu jemandem, der beim letzten Check die eine Schraube am Getriebe vergessen hat anzuziehen …]. Kontrollverlust, was mach ich nur? Am besten mehr über die Möglichkeit nachdenken, die Kontrolle wirklich zu verlieren. Katastrophierende Gedan­ken, Hyperreflexion, die Angst vor der Angst. Gegenstrategie: Tief atmen, Bauchatmung: ausatmen, bis vier zählen,
einatmen, bis drei zählen. Oder Wechselatmung durch die beiden Nasenlöcher. Oder: nur Kurzstrecken fliegen [wenn San Francisco nur in Europa läge]. Oder nur morgens fliegen, weil dann die Pillen vom Arzt länger wirken. So gewinnt man ein Stückchen Kontrolle wieder. Aber dann: Der Nachbar im Flieger hat auch Flugangst, auch Kontrollverlustangst. Ein Grund mehr für Angst – aber an der Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ändert sie nichts.

Warum nur diese Angst, heute, in unser aufgeklärten Gesellschaft? Die Wissenschaft weiß es nicht genau und vermutet eine Melange aus gelernten Botschaften wie ‚du kannst nichts, du weißt nichts‘ aus der Kindheit, einer für Angst passenden Genetik und biografischen Umwelterfahrungen. Aber es würde sich ändern, wüssten man um das Warum der eigenen Angst. Dadurch würde sie nicht weniger.

Viktor Frankl rät: „Sie müssen sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen.“ Also auch nicht von Ihrer Angst. Um sie zu überwinden braucht es ein Wozu.
Wozu ist es gut, die Angst vorm Fliegen für die Zeit des Fluges zu vergessen? Wenn dieses Wozu stärker ist als das Warum, dann wird der Flug deutlich entspannter verlaufen.
Wozu ist es gut, die Angst vor Blitz und Donner für die Zeit des Unwetters zu vergessen?
Wozu ist es gut, die Angst vor Spinnen für die Zeit des Aufenthaltes im Keller zu vergessen? …
Die KrisenPraxis wünscht einen erfreuenden Flug.

Suizid – Wissen für den Alltag

Nach wie vor geistert der Mythos herum, dass Menschen, die vom Suizid sprechen, ihn nicht begehen. Der Wirklichkeit kommt eher nahe, dass gut 3/4 aller Suizidanten diesen zuvor, zuweilen auf subtile Weise ankündigen und damit der Umwelt die Chance geben, ihnen zu helfen. Sätze wie: „Es wäre wirklich das Beste, ich wäre nicht mehr da.“ oder „Ich werdet Euch noch umschauen, wenn Ihr Euer Projekt eines Tages einmal alleine fertigstellen müsst.“ …. – aber auch konkrete Handlungen wie auf ungewohnte und unangekündigte Weise damit zu beginnen, alle möglichen Sachen im Haushalt zu ordnen oder eine Tournee zu allen möglichen Freunden zu unternehmen, können Hinweise auf eine suizidale Stimmung sein.

Ein anderer Mythos meint, dass der, der sich wirklich umbringen will, nicht aufzuhalten sei. Das ist so auch nicht richtig, denn die meisten Suizide werden im Rahmen von akuten Krisen durchgeführt. Würde angemessen unterstützt, die Krise zu überwinden, dann könnte damit auch eine Lebensrettung verbunden sein. Jedoch, nicht immer werden die Krisen anderer, auch naher Menschen, wahrgenommen, passend gedeutet und thematisiert.

In der Krisenberatung stellen wir uns diese Fragen:

  • Gehört die betroffene Person einer Risikogruppe [Mensch in Beziehungskrise, Situation nach schwerem Verlust, Belastung durch Kränkungen und Beschämung, Überforderungen in der Familie, Schule, Arbeit] an?
  • Worin genau besteht die aktuelle Belastungssituation?
  • In welcher Phase steht die Person: Erwägung des Suizids – Abwägung und Ambivalenz – Entschluss [dieser zeichnet sich aus durch eine abrupte Beruhigung der Situation, indirekte Ankündigungen und Vorbereitungshandlungen wie zum Beispiel Testament schreiben, Medikamente sammeln]?
  • Gibt es in der Familie eine Suizidhäufung?
  • Inwieweit ist die suizidale Entwicklung fortgeschritten?
  • Werden konkrete Suizidgedanken geäußert?
  • Inwieweit erscheint die Person im Gespräch gedanklich eingeengt?
  • Entsteht das Gefühl, die betroffene Person emotional nicht mehr zu erreichen?

Dem Umfeld empfehlen wir:

  • Sprechen Sie Ihre Wahrnehmungen an und benennen Sie Ihre Gefühle der Person gegenüber.
  • Vergeuden Sie keine Zeit, sondern konfrontieren Sie die Person mit einer Unterstützungsleistung, die dem Menschen Hoffnung machen kann.
  • Holen Sie sich eigene Unterstützung durch einen Psychologen in Ihrer Nähe.
  • Vermeiden Sie vorschnelles Trösten, Appelle, Belehrung, argumentierendes Diskutieren, Herunterspielen der Situation.
  • Nehmen Sie Provokationen nicht persönlich, lassen Sie sich nicht durch Bagatellisierungsversuche einlullen.
  • Nehmen Sie sich Zeit, mit der Person die aktuelle Situation genau zu beleuchten. Suchen Sie nicht nach Veränderungsmöglichkeiten [Sie können davon ausgehen, dass das die Person längst alles hinter sich hat].

Wenn Krisen ihren Ursprung in der Kindheit haben – II

Menschliche Bedürfnisse und ihre Verletzung stehen in engem Zusammenhang mit dem Empfinden von Krise. Müssen Bedürfnisse kurzfristig hintangestellt werden, so entsteht vielleicht eine Stresssymptomatik. Werden sie dauerhaft nicht befriedigt, zum Beispiel aufgrund eines erschütternden Ereignisses oder aufgrund ihrer Missachtung in der Kindheit, dann kann dies zu erheblichen Beeinträchtigungen in der psychischen Entwicklung eines Menschen führen.

In verschiedenen psychologischen Theorien wurden die Grundbedürfnisse von Menschen zusammengestellt. Klaus Grawe, führender Wissenschaftler in der Psychotherapieforschung, stellt vier Grundbedürfnisse heraus:

  • Bindungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
  • Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
  • Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

In der Schematherapie, in der die Verletzung kindlicher Bedürfnisse besonders stark im Fokus steht, sind fünf emotionale Bedürfnisse bedeutsam:

  • Sichere Bindung zu anderen Menschen haben (Sicherheit, Stabilität, nährende Zuwendung und akzeptiert werden)
  • Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl entwickeln können
  • Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Emotionen auszudrücken
  • Spontaneität und Spiel
  • Realistische Grenzen gesetzt bekommen und selbst die Kontrolle innehaben

Nach Schulz von Thun können diese Grundbedürfnisse so zusammengefasst werden:
wertvoll sein – geliebt sein – frei sein – verbunden sein.

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Wenn Krisen ihren Ursprung in der Kindheit haben – I

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Dieser Satz steht auf einem kleinen Brettchen, das in meinem Therapieraum hängt. Schon oft haben Klienten über diesen Satz geschmunzelt, manchmal auch wehmütig, zuweilen öffnete er aber auch eine finstere Kiste der Erinnerungen.

Das krude Bild von dem, was ein Kind auszeichnet, und das über Jahrhunderte hinweg, von Generation zu Generation weitergereicht wurde, führt Menschen auch heute noch zu Erinnerungen an Erlebnisse in ihrer eigenen Kindheit. Und mit ihren Erinnerungen verbinden sie Bezugspersonen, die ihrerseits Kindheitserlebnisse hatten, die diese mit Bezugspersonen aus ihrer Kindheit in Verbindung bringen. Wird das Bild vom Umgang mit Kindern nicht einer Bereinigung unterzogen, dann wundert nicht, dass Klienten berichten, sie seien als Kind mit den Attributen dumm, gierig, böse, unbeherrscht oder unwichtig belegt worden. Selbst das Alleingelassenwerden, das Schreienlassen, das Schmerzenertragenmüssen, das Gezüchtigt- oder Missbrauchtwerden stellen Klienten als die ‚Normalität‘ ihres Kindeslebens dar und bestätigen, was Lloyd deMause in seinem Buch über das historische Bild von Kindheit beschrieben hat. Die Vorstellung, die bis weit in die Neuzeit hineinreicht, dass ein Kind ohnehin später keine Erinnerung an diese frühe Zeit hat, wenn es erst einmal in die Schule gekommen ist, darf als ein Grund für das Verhalten Kindern gegenüber angenommen werden.

Nur langsam setzt sich heute ein Verständnis über das Kindsein durch, dessen Wirkung noch weitgehend unerforscht ist und womöglich auch erst in einigen Jahrzehnten dazu führen wird, ein wirklich neues Zeitalter der Begleitung von Kindern ins Leben zu begründen. Dieses Bild vom kindlichen Menschen sieht es an als Wesen, das wach- und empfindsam, schutz- und liebebedürftig, sofort sozial integriert und kommunikativ ist und das alle Erfahrungen ab der Zeugung im Gedächtnis bewahrt. Dieses Bild vom Kind hat in der neueren Entwicklungspsychologie eine Diskussion über die Bedürfnisse des Kindes in Gang gesetzt – und in der Folge zu Überlegungen geführt, die die Auswirkungen der unzureichenden Sicherung dieser Bedürfnisse auch im Erwachsenenalter thematisieren. Dazu in einigen Tagen mehr.