Kategorie-Archiv: Krisentheorie

Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Luhmanns Sinnkonzeption, in der jede Operation nicht nur sich selbst in ihrer Aktualität präsentiert, sondern immer auch nichtaktualisierte, aber im nächsten Moment aktualisierbare, mögliche Anschlussoperationen bereithält, sieht Sinn im Grunde als per se anschlussfähigen Verweisungsüber­schuss. Würde man einen phänomenologischen Gegenbeweis antreten können, in dem es Sinn­phänomene gibt, die sich nicht als ein solcher Überschuss von Verweisungen auf weitere Möglichkei­ten anzeigen, sondern auf sich selbst verweisen, wäre dies im Sinne Luhmanns der ‚differenzlose Begriff, der sich selbst mitmeint‘, mithin zu verstehen als nachmetaphysischer Letztbegriff, der nicht in einem letzten ontologischen oder transzendentalen Grund verankert ist oder durch jedwede fremde Unterscheidung bestimmt werden könnte.

Der systemtheoretische Sinnbegriff wäre somit danach zu befragen, wie er ‚sich selbst mitmeint‘, wozu wir bei Luhmann finden:  „Die sinngebende Unterscheidung von Aktualität und Potentialität tritt auf der Seite des Aktuellen in sich selbst wieder ein; denn aktuell kann nur sein, was auch möglich ist.“ Diese Form des Selbstbezugs, mit dem ausge­schlossen wird, dass es irgendein sinnvolles Ereignis geben kann, das nicht in einen offenen Möglichkeitshorizont hineinverweist, findet sich in ähnlicher Weise auch bei Frankl. „Denn niemals ‚ist’ der Mensch – immer ‚wird’ er erst; niemals ist er einer, der von sich sagen dürfte: Ich bin, der ich bin – immer ist er einer, der von sich nur sagen kann: Ich bin, der ich werde – oder: Ich werde, der ich bin – ich ‚werde’ actu [der Wirklichkeit nach], der ich potentia [der Möglichkeit nach] ‚bin’.“

Wäh­rend Frankl seinen Gedanken jedoch auf dem Einfluss der von ihm postulierten geistigen Dimension des Menschen aufbaut, sieht Luhmann in der Endlosschleife von Aktualität und Potentialität den Sinn in allem gegenwärtigen Erleben und Handeln als gegeben an. Im Lichte einer ‚Krise‘ könnte jedoch ebendiese Endlosschleife als ‚unterbrochen‘ an­gesehen werden, mit anderen Worten als nicht mehr sinngebend. Doch diesen Einwand lässt Luh­manns Sinnbegriff nicht zu, da er den Sinn aller psychischen und sozialen Systeme als gegeben unter­stellt und damit Sinnfragen und Sinnprobleme als nichtig erklärt – was nicht zuletzt Habermas in Kritik zieht.

Und auch für die in diese praktische Arbeit mit Menschen an Situationen, denen die Betroffenen einen Grad an Sinnverlust, -gefährdung oder sogar Sinnlosigkeit zuweisen, bedeutete die Orientierung an Luhmann automatisch das Ende jeglichen Diskurses. Es wäre förmlich sinnlos, von Sinnlosigkeit zu sprechen – was über einen humorvollen Umweg zwar zu Frankl führen würde, denn für diesen ist der Mensch auch im größten Leid seinen ‚Sinn nicht los‘, diese Humoreske jedoch als Erkenntnis erst am Ende eines sinnzentriert gestalteten Arbeitsprozess mit einem durch eine Krise belasteten Menschen erwartet werden darf.

Und wenn mit diesen Hinweisen die Begrenzungen des systemtheoretischen Sinnbegriffs für die Ar­beit in der Krisenberatung skizziert werden sollten, da das Luhmannsche Theorem „Sinn verweist immer wieder auf Sinn und nie aus Sinnhaftem heraus auf etwas anderes“ den beobachtbaren Phänome­nen in der Arbeit mit massiv belasteten Klienten fundamental widerspricht, da hier Sinn als ‚laufen­des Aktualisieren von Verweisungen‘ nicht mehr stattfindet, stellt sich die Frage, durch was dieses Aktualisieren wieder belebt werden kann und dies in extremo in einer Lebenssituation, in der der Mensch auf sich allein gestellt ist und nicht durch Angebote an Pertubationen jedweder Art zu neuen Selektionen angeregt werden kann.

Sucht man bei Luhmann selbst nach einer Beschreibung eines solchen ‚Etwas‘, dann fällt sein an die Metapher vom ‚blinden Fleck‘ erinnernder Hinweis auf: „Aber alles, was in der Welt der Sinnsysteme rezipiert und bearbeitet werden kann, muß diese Form von Sinn [eine Aktualisierung von Möglich­keiten, A.d.Autors] annehmen; sonst bleibt es momenthafter Impuls, ohne Verknüpfbarkeit, ohne Kommunikabilität, ohne Effekt im System.“

Während Luhmann solche Ereignisse wegen ihrer Anschlusslosigkeit aus seinem Sinnbegriff herausnimmt und als psychosomatische Effekte interpre­tiert, räumt ihnen Frankl eine ganz andere Bedeutung bei, wenn er schreibt: „Der Zufall ist der Ort, an dem das Wunder nistet – oder besser gesagt, nisten kann; denn immer kann etwas nur – niemals muß es mehr als bloßer Zufall sein.“ Der Ort des Wunders, des überraschenden Impulses, des An­rufs an das Gewissen steht für Frankl als die Gelegenheit zum Kontakt mit der Transzendenz. Einen solchen Moment, der befreit ist von normativen Differenzen, zudem eine kritische Würdigung des­sen, was einem da ‚zu-fällt‘ möglich bleibt und aufgrund seiner noch nicht gegebenen Verknüpfbar­keit oder Vorerfahrung als ein Apriori verstanden werden kann, wollen wir verstehen als den Mo­ment ‚distanzierten Normativität‘, in dem ‚das Geistige zur Tür herein kommt‘.

In einem solchen Moment vollzieht sich etwas gegen die psychophysischen Strukturen, es wird etwas deutlich, was zuvor durch die Belastungen des Krisen­ereignisses nicht erblickt werden konnte. Im griechischen Begriff ‚Emphase‘ findet sich eine für die­sen Kontext angemessene Bestimmung. Emphase-Momente verlaufen wider den systemtheoreti­schen Sinnbegriff, und Luhmann sucht seine Position zu verteidigen, wenn er sagt: „Unausweichlich bleibt daher das Problem, die Aktualität des Erlebens mit der Transzendenz seiner anderen Möglich­keiten zu integrieren, und unausweichlich auch die Form der Erlebnisverarbeitung, die dies leistet. Sie nennen wir Sinn. Es gibt demnach kein sinnloses Erleben.“

Systemtheoretisch verstandene Sinnlosigkeiten in Momenten der Emphase formuliert Luhmann um als „Herstellung von Erstaunlich­keiten.“ Wenn mithin ‚systemtheoretische Sinnlosigkeit‘ als ‚erstaunlicher Sinn‘ verstanden wer­den kann, dann ist bewiesen, dass es Sinn gibt, der den Sinnbegriff der Systemtheorie transzendiert – diesen Sinn nennen wir das Geistige [lat.:‚logos‘, griech. ’nous‘].

Zudem impliziert Luhmanns Formulierung, „die sinngebende Unterscheidung von Aktualität und Po­tentialität tritt auf der Seite des Aktuellen in sich selbst wieder ein; denn aktuell kann nur sein, was auch möglich ist“, dass es ausgeschlossen sei, ein sinnvolles Ereignis anzunehmen, das nicht in einen offenen Möglichkeitsraum verweist. Mit dem ‚logos‘ wurde jedoch genau dieses Ereignis vor­gestellt. Mit Eintreten des ‚logos‘ tritt die Unterscheidung von Aktualität und Potentialität auf der Seite der Möglichkeit aus sich selbst wieder aus [wir können dies im Sinne Frankls Selbsttranszendie­rung nennen].

Der durch den ‚logos‘ eintretende Sinn lässt sich offenkundig durch den regulären systemtheoretischen Sinnbegriff nicht abdecken, dieser Sinn ist es jedoch, der für die Krisen in der Lebenswelt eines Menschen zugänglich bleibt, in denen es keinen Verweis auf andere Möglichkeiten gibt und in denen es zudem nicht geboten ist, dem Anspruch an Bewältigung der Situation durch ein Ausweichen in ein zum Beispiel lust- oder machtbetontes Lebensterrain zu begegnen. Eine derartig geprägte Situ­ation, für die der Mensch kommunikativ nicht präpariert ist, entzieht sich funktional ausdifferenzier­ten, pseudohaft absichernden Sinnangeboten. Im Gegenteil, eine solche Situation bedingt einen Zugang zu einem unverzichtbaren Sinn, der es ermöglicht, die durch die Krise obsolet gewordenen Selbstbeschreibungen aufzulösen und neue entwickeln zu helfen.

Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Ein Vergleich des sinn- und systemtheoretischen Sinnbegriffes führt in Gesprächen über das Thema ‚Krise‘ irgendwann zur Frage, ob ein Mensch eigentlich auf Sinn verzichten kann, um eine Krise zu überstehen. Sich als Praktiker an dieser Stelle zu äußern, adressiert sowohl die an Frankl zuweilen gerichtete Kritik einer metaphysischen Färbung seiner Sinntheorie als auch die Tragweite der systemtheoretischen Perspektive, mit der Luhmann zentrale philosophische Denktraditionen zum Sinnbegriff abweist.

„Die alteuropäische Tra­dition hatte einen auf Gutheit und Perfektion bezogenen Realitätsbegriff gepflegt und dem die ‚wesentlichen‘ Sinnbezüge zugeordnet. Damit waren Grenzen der Kompatibilität und aus der Ord­nung herausfallende Phänomene, war im Übergang zur Neuzeit zuweilen auch eine an der Ordnung scheiternde, verfallende Welt signalisiert“, kritisiert Luhmann den ontologischen Sinnbegriff. Und auch den mentalistischen Zugang verweigert er, indem er attestiert: „Die Neuzeit hat entsprechende Vorentscheidungen in die Theorie des Subjekts übernommen. Wenn Sinn, wie zumeist, mit Bezug auf das Subjekt definiert wird, wirkt diese Tradition nach, die aus ihrem Leitbegriff das Unwillkommene, ‚Sinnlose‘ ausschließt“. Drittens stellt sich Luhmann gegen die Begriffsauffassung, die für ihn dadurch entstand, dass „nach der Kritik des ins Extrem getriebenen Subjektivismus sich schließlich ein ‚hermeneutischer‘ Sinnbegriff etabliert hat, der auf verstehende Einordnung in einen überge­ordneten Zusammenhang abstellt – so wie Texte in einem umfassenderen Kontext verstanden wer­den müssen. Damit wird die ‚Erfahrung der Sinnlosigkeit‘ formulierbar als Versagen dieser Einord­nung, als Isolierung des Jeweiligen, als Zufallsabhängigkeit“.

Mit seiner Begriffskritik stellt Luhmann das Faktum heraus, dass die Philosophie den Sinn stets aus bestimmten Richtungen angeschaut hat – sei es im Aspekt des Seins, des Bewusstseins oder des Ver­standenseins. Meist lag dabei die Vorstellung zugrunde, das jeweilige Sinnverständnis auf alle gege­benen Phänomene übertragen zu können. Spätestens jedoch mit zunehmender Technisierung bekam die Idee einer unhinterfragbar gegebenen Realität Risse und förderte eine Skepsis gegenüber den einstigen Paradigmen. Stand zuvor im Vordergrund, dem Menschen nahezubringen, dass Sinn ist, wurde in der Folgezeit fokussiert wie Sinn für das Subjekt gegeben ist, um mit immer weiter zuneh­mender Subjektivierung zu postulieren, dass es etwas wie einen für alle Subjekte gleichermaßen zu verstehenden Sinn ohne Vermittlungsinstanz nicht geben kann.

Luhmann greift dies auf, indem er zurückgeht „auf einen allgemeineren, die Schranken des Verstehens überschreitenden, schlechthin universalen Sinnbegriff“, der seines Erachtens deshalb erforderlich wird, weil: „Man begreift die Funktionsweise von Sinn nicht zureichend, wenn man sie auf eine Sinnvolles legitimierende Identität bezieht – sei es den an sich perfekten Kosmos, sei es das Subjekt, sei es den sinngebenden Kontext. Dieser Identität wird dann die Unterscheidung von Sinnvollem und Sinnlosem abgenötigt, die sie als Identität nicht mehr leisten kann. Die Herkunft der Unterscheidung bleibt dunkel, bleibt ein Problem der Theodizee.“

Im Kern stört Luhmann die normative positive Zuschreibung im Sinnbegriff, mit dem ‚sinnvoll‘ und ‚sinnlos‘ voneinander abgegrenzt wird – und findet mit diesem Gedanken auch bei Frankl eine Entsprechung, wenn dieser sagt: „Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muß, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll – und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will. So kommt es denn, daß er entweder nur will, was die anderen tun – und da haben wir den Konformismus –, oder aber er tut nur, was die anderen wollen, von ihm wollen – und da haben wir den Totalitaris­mus.“

Es ist anzunehmen, dass Frankls Verdikt des Totalitären der Kritik Luhmanns nahesteht, wenn Sinn mutiert zu einer Instanz eines Erlaubnisgebers, der bestimmt, was als Sinngutes oder Sinndefektes anzusehen ist. „Kosmologien oder Subjekte — in jedem Fall lief die Respezifikation von Sinn über ausgezeichnete Teile der Welt, die ihre eigenen Konturen beanspruchen konnten und Cha­otisches, Sinnloses nicht ausschlossen, sondern nur nach außerhalb verwiesen. Man kann auch sagen: Der bevorzugte Sinn hatte es mit privilegierten Wesenheiten, privilegierten Zeiten und Plät­zen, privilegierten Vorstellungen zu tun, die Ordnung zu garantieren hatten. Er wurde zugleich repräsentativ eingesetzt für das Ganze. Das Vokabular der Kosmologie oder der Subjektivität wurde mit Orientierungswert versehen, mit einem Rest von Defekten, die dann der Welt oder der Gesell­schaft angelastet werden mußten.“ [Luhmann]

Ohne an dieser Stelle die Positionen der Kritischen Theorie zu vertiefen, mag der Gedanke von Jürgen Habermas, den Sinnbegriff in eine Theorie der umgangssprachlichen Kommunikation einzubetten, als Versuch angesehen werden, eben die Umgangssprache zu einem der von Luhmann kritisierten pri­vilegierten Plätze zu entwickeln. Habermas postuliert: „Der Sinn des Sinnes besteht zunächst darin, daß er intersubjektiv geteilt werden, daß er für eine Gemeinschaft von Sprechern und Handelnden identisch sein kann. Identität der Bedeutung verweist nicht auf Negation, sondern auf die Bürgschaft intersubjektiver Geltung. Diese Fragestellung bleibt Luhmann verschlossen.“

Dass Habermas damit seinerseits den umgangssprachlichen Sinnbegriff in einer normativen Differenz verankert und dabei dem positiven Aspekt des ‚Sinn als zwanglose Verständigung‘ den negativen gegenüberstellt, nämlich Verständigung dann als ungenügend anzusehen, wenn sie nicht dem Ideal der kommunikativen Ver­nunft folgt, führt zwischen ihm und Luhmann zu einem veritablen Theorienstreit. Auf der einen Seite hat man es mit einem in sich differenzierten Sinnbegriff zu tun, der einen bestimmten Sinn aufwertet und anderen – womöglich als Unsinn disqualifizierten – normativ nach außen verweist, oder man pointiert auf der anderen Seite einen differenzlosen universalen deskriptiven Sinnbegriff, bei dem Sinnloses aus­geschlossen wird, weil er erst gar nicht in den Kontrast zu einem minderwertigen Sinn gestellt wird.

Beide Positionen eint die Vorstellung eines Sinns, der erzeugt wird – sei es aus einem kommunikati­ven Handeln heraus, sei es aus einem ausdrücklichen Verzicht auf normative Wertungen heraus. Frankl sieht diesen Zugang ebenso und sagt: „Was sich erzeugen läßt, ist entweder subjektiver Sinn, ein bloßes Sinngefühl, oder – Unsinn.“ 

Doch, und hier wird die Brisanz der Idee des ‚erzeugten Sinns‘ im Kontext von ‚Krise‘ deutlich, müsste ein Subjekt dann wohl auf Sinn verzichten, wenn ihm seine Situation als eine solche erscheint, in der Sinn zu erzeugen aus seiner Sicht unmöglich ist? Ein solch finales Urteil jedoch würde ausblenden, dass die Vorstellung einer Nichterzeugungsmöglichkeit von Sinn impliziert, dass es so etwas wie Sinn gibt. Frankl regt hierzu an: „Wie könnte die Natur in die condition humaine jemals ein Sinnbedürfnis eingepflanzt haben, gäbe es nicht auch wirklich einen Sinn, besser gesagt, existierten nicht auch wirklich Sinnmöglichkeiten, die sozusagen darauf warten, von uns auch in Wirklichkeit umgesetzt zu werden“ und schließt diesen Gedanken mit der Analo­gie: ‚Durst ist der Beweis für die Existenz von so etwas wie Wasser. Sinnlosigkeitsempfinden der Beweis der Existenz von so etwas wie Sinn.‘

Würde also der Versuch unternommen, einen theoretischen Entwurf zu leisten, in dem der Sinnbegriff sich zum einen normativer Differenzen entsagt, zum anderen es dennoch möglich sein soll, Kritik zu erhalten und Werturteile zu formulieren und der zudem die Franklsche Perspektive eines Sinn-Aprioris aufgreift, dann würde sich die Frage nach dem Begriff stellen, der in der Lage ist, eine solche quasi distanzierte Normativität zu begründen.

 

Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Wenn nun für Luhmann Gesellschaft Kommunikation betreibt und diese damit die Möglichkeiten zur Pertubation des Verwei­sungshorizontes bereitstellt, so muss ‚Sinn als Substanz der emergenten Kommunikation‘ verstanden werden. Die geistige Dimension stellt hierfür bei Frankl die angemessene Parallele dar, während die Selbsttranszendenz einen Beitrag dafür leistet, quasi an anderer Stelle zu einer möglichen Pertuba­tion von Selektion zu führen.

Soll ‚Sinn‘ in dieser Weise zu Unterschieden führen, ein Klient durch gefundenen Sinn eine Veränderung in seinem Leben verantworten können, so scheint dazu die Bedingung ‚in Gesellschaft‘ zu kommen eine wesentliche zu sein. Alltagssprachlich mag die Empfehlung an einen Menschen, der sich in einer Belastungssituation sieht, ‚doch einmal unter Leute zu gehen‘ einen Hinweis in diese Richtung zu setzen – spiegelt er doch die Option wider, den Hori­zont der eigenen Verweisungen zu erweitern. Es liegt nahe anzunehmen, dass es dabei ratsam ist, die Nähe zu Leuten zu suchen, deren Interesse und Achtsamkeit in Bezug auf den aktuell gegebenen Verweisungshorizont gegeben ist.

Eine solche Form ‚sinngerichteter Kommunikation‘ ermöglicht dem Klienten sowohl Mehrdeutigkeiten und Perspektivenwechsel, die zu ihrer Justierung zum einen Klarheit in Bezug auf das individuelle Wertesystem und zum anderen aus Luhmannscher Sicht auch Zeit benötigen, weil: „Die Entfaltung von Sinn bedarf immer des Rückgriffs auf zeitliche Komplexität, und da Zeit immer begrenzt zur Verfügung steht, muß sich jede Sinn­operation entsprechend einschränken und ihre Selektionen wählen aus dem Sinnhorizont gerade deswegen diejenigen Verweisungen aus, die Selektionen ermöglichen, weil der Horizont unendlich ist. Wenn aber der Sinnhorizont unendlich ist, dann können die entsprechenden Selektionen nicht schon durch die Verwendung von Sinn konditioniert werden.“ Vielmehr scheint aus dieser Perspek­tive die Annahme gerechtfertigt, dass die Konditionierungen von Selektionen [Luhmann nennt diese ‚Struktur‘] durch die Systeme geschaffen werden.  Der Aufbau von Strukturen bedarf jedoch wiede­rum der Zeit, so dass ein Sinnhorizont nicht unabhängig von seiner Systemgeschichte gesehen wer­den kann, das heißt: „Er hängt von den bereits im und durch das Erleben gemachten Erfahrungen im Falle psychischer Systeme und von den bereits gemachten kommunikativen Erfahrungen im Falle sozialer Systeme ab.

Diese These steht nur bedingt im Einklang mit Frankl, und der dabei wohl größte Unterschied liegt in der Annahme, der Sinnhorizont sei unendlich. Frankl verweist bei seinen Ausführungen über die Ob­jektivität von Sinn auf Max Wertheimer, der bereits darauf hingewiesen habe, dass „jeder einzelnen Situation ein Forderungscharakter innewohnt, eben der Sinn, den die mit dieser Situation konfon­tierte Person zu erfüllen hat, und dass ‚the demands of the situation‘ als ‚objective qualities‘ anzu­sprechen sind.“

Hingegen, dass im Finden von Sinn die Struktur des Wertesystems – und mit die­sem das, was im gestrigen Beitrag ‚Systemgeschichte‘ genannt wurde – bedeutend ist, wird dadurch erhellt, dass „alles, was eine Sinnmöglichkeit darstellt, etwas Wertvolles sein muss und wenn das Wertvolle verwirklicht worden ist, Sinn erfahrbar ist.“

Wenn also Sinnfindung einhergeht mit Werteverwirk­lichung, dann kann der Sinnhorizont nicht unendlich sein, sondern muss sich an den Grenzen des individuellen Wertesystems orientieren. In concreto bedeutet dies auch, dass ein psychisches System nach einer Pertubation die hierdurch bewirkten neuen Informationen dann aus dem eigenen Verwei­sungshorizont selektieren wird, wenn diese anschlussfähig sind mit den Grenzen des eigenen be­wussten Wertesystems. Dabei gilt in Übereinstimmung mit Frankls ‚Sinn ist stets ad personam et ad situationem‘, dass „die Selektion, die ein Bewußtsein vornimmt, nur für dieses System gilt, sie läßt sich weder in die Kommunikation noch in ein anderes Bewußtsein übertragen.“ 

Für die opera­tive Arbeit in der Krisenberatung schwerwiegender ist jedoch, dass eine gegebene Anschlussfähigkeit einer Selektion ans Wertesystem eine sinnorientiert vollzogene Handlung nicht erzwingt. Während für Luhmann Handlungen allgemein durch Attribuierungen bewirkt werden und damit die Sinnbestimmung in die subjektive Verantwortung des Einzelnen gelegt wird, beruft sich Frankl auf die Verantwortung zur Selbstwerdung, wenn er sagt: „Ich handle nicht nur gemäß dem, was ich bin, sondern ich werde auch gemäß dem, wie ich handle.“ Und – detaillierter dargestellt: „Eine Handlung ist das Überführen einer Möglichkeit in die Wirklichkeit. Was die sittliche Handlung anbetrifft, läßt es der sittlich Handelnde bei der Einmaligkeit einer sittlichen Handlung nicht bewenden: er tut ein Weiteres, indem er den Actus in einen Habitus überführt. Was sittliche Handlung war, ist nun sittliche Haltung.“ Mit dieser eher moralisierenden These greift Frankl wesentlich weiter als Luhmann, der einen Handelnden als jemanden versteht, der auf Grund von Zwecken oder Präferenzen diskriminiert.

Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Systemtheoretischer Sinnbegriff

Nach der Betrachtung des transzendenten Sinnverständnisses bei Frankl kommt nun die systemtheoretische Perspektive in den Vergleich. Machen wir es konkret: Die Akteure in einer Krisenberatung bilden als geschlossene, selbstreferentielle, autopoietische Systeme Operationen aus, die hier Sinnsysteme genannt werden sollen.

Anders als bei der Diskussion um den je individuellen Grad eines Sinns im Leben, der in Krisensituationen bis hin als nicht mehr gegeben interpretiert wer­den kann, gilt es hier, den formalen, nicht in Frage zu stellenden Sinnhorizont zu beschauen, den die Akteure mit ihren je eigenen Sinnsystemen aufspannen.

Dabei soll in diesem Zusammenhang die Perspektive Luhmanns fokussiert aufgegriffen werden, da dieser – ebenso wie Frankl dem Reduktio­nismus kritisch gegenüber stehend – dem Gedanken widerstrebte, die Konstruktion von Wirklichkeit sei durch individuelle personale Entscheidungen frei wählbar. Betont Frankl aus seiner psycholo­gischen Sicht, dass der Mensch nicht frei sei von Bedingungen, hingegen frei, sich zu ihnen so oder so zu stellen, sagt Luhmann, dass die Vorstellungen eines Menschen im Sinne seiner Weltanschauungen „durch die Teilnahme an gesellschaftlichen Kommunikationszusammenhängen dermaßen sozialisiert [sind], daß nur die Entscheidungsfreiheiten bestehen, die gesellschaftlich verständlich gemacht wer­den können“, mithin es etwas als gemeinsam Erkanntes gegeben sein muss, um Verständigung zwischen Menschen zu ermöglichen.

Luhmann postuliert, dass das Bewusstsein des Individuums als operativ geschlossenes autopoietisches System fungiert, das sich konfrontiert sieht mit einer Gesell­schaft, die „nicht mehr die Lösungsrichtung vor[zeichnet], sondern nur noch das Problem; sie tritt dem Menschen nicht mehr als Anspruch an moralische Lebensführung gegenüber, sondern nur als Komplexität, zu der man sich auf je individuelle Weise kontingent und selektiv zu verhalten hat.“

Das Bewusstsein kann somit verstanden werden als „eingebettet in soziale Systeme mit ih­rem sozialen Gedächtnis, der Kultur. Die jeweilige Kultur liefert die Texte, die als Irritation von Be­wusstseinssystemen selbstreferenziell verarbeitet werden. Die Strukturen einer Person, ihre Lebens­äußerungen, sind damit kulturell erzeugte Texte, die durch die autopoietische Organisation des Bewusstseins einer Person verarbeitet werden. Eine Person ist damit immer Bewusstsein plus Kultur“ und dabei stets „das Wesen, das sich frei macht von dem, wodurch es bestimmt ist.“

Während nun die psychischen Systeme als Bewusstsein fungieren, ohne dabei kommunizieren zu können, ist es bei sozialen Systemen geradewegs andersherum. Trotz der Unterscheidung zwischen psychischer [bewusster] und sozialer [kommunikativer] Realität ist zu beachten, dass sich Kommuni­kation wie auch Bewusstsein in ihrer jeweiligen Autopoiesis über den Aufbau und die Aktualisierung von Sinn herausformen. „Wenn man Sinn als etwas fasst, das soziale und psychische Systeme über­greift und verbindet, so kann Sinn nicht als Beziehung etwa eines Wortes zu seiner Bedeutung oder als Zeichen beziehungsweise als Regelsystem einer Zeichenverkettung angesehen werden. Da Erleben, Wahrnehmen, Kommunizieren, Handeln etc. nach Luhmann immer schon und auch ohne Zeichenverwendung als Sinnoperationen aufgefaßt werden müssen, sollte Sinn als laufendes Aktualisieren von Verweisungen verstanden werden.² [zit. nach H.Wasser]. 

Da eine Sinndefinition bedingen würde, zu wissen, worum es sich bei ‚Sinn‘ handelt, rät Luhmann dazu, Sinn phänomenologisch als differenz­losen, sich selbst immer mitmeinenden Begriff zu verstehen im Sinne eines Überschusses an Verweisun­gen von Aktualisiertem auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns: „Etwas steht im Blick­punkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns. Alles, was intendiert wird, hält in dieser Form die Welt im ganzen sich offen, garantiert also immer auch die Aktualität der Welt in der Form der Zugänglichkeit.“

Wenn ein psychisches System [im allgemeinen also Affekt und Kognition] nicht kommuniziert, dann steht hier in Frage, was einen Menschen einen erlebten Zustand als Krise vermitteln lässt. Für Luhmann wählt ein Ereignis einen Systemzustand aus und formt damit die Information ‚Krise‘. Eine Information rekurriert dabei auf eine gegebene Struktur und verändert diese. Die Information ‚Krise‘ kann somit als Ereignis verstanden werden, „das eine Verknüpfung von Differenzen bewirkt.“ Wird nun Sinn als laufendes Aktualisieren von Verweisun­gen verstanden und bewirkt ‚Krise‘ eine neue Verknüpfung von Differenzen, so bedeutet dies in diesem Zusammenhang, dass ein Mensch aus seinem ‚Verweisungshorizont‘ eine Selektion vornimmt, diese dann als Information [„Krise“] ‚zur Sprache bringt‘, sie einem anderen Menschen ‚mitteilt‘ und dieser nun aus seinem Verweisungshorizont mittels erhaltender Information seinerseits für sich eine neue Information formt und seinerseits eine Selektion vornimmt.

Da es in diesem Prozess weder eine kau­sale Sicherheit dafür gibt, dass der Informationsempfänger auf gleiche Weise wie der Sender selek­tiert, der Sender ferner auch keine Verstehensleistung beim Empfänger bewirken kann, kann Luh­mann vollzogene Kommunikation definierenals eine [immanent unwahrscheinliche] Synthese ver­schiedener Selektionen, als Synthese von Information, Mitteilung und Verstehen.“

Damit Kommu­nikation als realisiert angesehen werden kann, muss ein Verstehen gegeben sein – bei ‚dia-logischer‘ Kommunikation demnach ein gleichzeitiges Aktualisieren von Sinn, das aus der Selektion von Mitteilung und Verstehen besteht und gleichwohl auch die Option des Missverstehens offenhält, da die Vermutung, etwas missverstanden zu haben das Verstehen voraussetzt, etwas nicht verstanden zu haben. Implizit macht dieser Hinweis auch auf das Verhältnis zwischen Kommunikation und Be­wusstsein aufmerksam, denn obzwar Kommunikation Systeme, Bewusstsein, Sprache u.a. braucht, besteht sie doch „nicht aus dem, worauf sie angewiesen ist. Sie besteht aus der Einheit der Selek­tionen und findet eine dieser Selektionen nicht statt, so findet keine Kommunikation statt, auch wenn alle übrigen Bedingungen gegeben sind.“ [zit. nach H.Wasser]

Da hieraus unmittelbar folgt, dass nur Kommunika­tion kommunizieren kann, postuliert Luhmann weiter, dass was immer Kommunikation betreibt, Gesellschaft ist. Die über Kommunikation ausdifferenzierte Gesellschaft in einzelne ‚sozi­ale Systeme‘ führt ad ultimis jedoch nicht zum ‚System‘ Mensch, sondern für Luhmann zum ‚psychi­schen System‘ und zum ‚physischen System‘, die strikt getrennt voneinander operieren.

Das dem psychischen System zugeordnete Bewusstsein kann dadurch einen Beitrag zur Verständigung zwi­schen Menschen leisten, indem es eine Versprachlichung von mehr oder weniger ausgeprägten Wahrnehmungskompatibilitäten unter Einfluss eines gegebenen Mitteilungsdrangs vollzieht. Ein psy­chisches System kann somit die für Kommunikation erforderlichen Selektionen zwar ‚pertubieren‘, jedoch nicht sicherstellen, dass ein anderes psychisches System seinerseits diese Pertubationen als Informationen aus dem je eigenen Verweisungshorizont selektiert. Kommunikation ist somit allem Erleben psychischer Systeme gegenüber emergent.

‚Übersetzt‘ auf Frankl ist die Analogie, dass ein Mensch einem anderen keinen Sinn machen kann, diesem Gedanken entsprechend und im Kontext Krisentherapie oder Krisencoaching für die Zusammenarbeit mit einem Klienten bedeutend. Da individuelles Bewusstsein die psychische Dimension nicht ‚verlassen‘ kann, Kommunikation ihrerseits nicht ins Bewusstsein vorstoßen kann, verbleibt in der Pertubation die Möglichkeit, den Klienten zu einer selbstverant­wortlichen Sinnfindung anzuregen.

Im Sinne Frankls kann dabei das ‚Sinn-Organ‘, das Gewissen, als die Instanz interpretiert werden, die durch einen Sinnanruf – zum Beispiel im Rahmen eines sinn­zentrierten Gesprächs über die Biografie des Klienten – pertubiert wird.

Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Heute und in den kommenden Tagen stelle in zusammenhängend zwei mir in meiner Arbeit als Therapeut und Krisencoach zentrale wissenschaftliche Positionen vor, die das Verständnis und den Umgang mit dem Begriff ‚Sinn‘ kennzeichnen. Eine der beiden Positionen nehme ich dabei selbst in meiner Arbeit beständig ein, die andere erlebe ich oftmals in meiner Klientel – zum Beispiel bei Menschen mit starkem technisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund. Dieser Text soll einen Beitrag dazu leisten, die eigene Haltung entsprechend transparent zu machen und indirekt auch auf die Schwierigkeit aufmerksam machen, die gegeben ist, wenn beide Positionen aufeinanderprallen und dialogisch nebeneinander gestellt und gewürdigt werden sollen.

Die beiden Positionen sind zum einen der systemtheoretische Sinnbegriff, hier insbesonders fokussiert auf Niklas Luhmann, zum anderen der sinntheoretische Sinnbegriff, den wir dem Gedankengut Viktor Frankls entnehmen.


Sinntheoretischer Sinnbegriff

Viktor Frankl macht in seiner Sinntheorie einen Unterschied zwischen dem Sinn des Lebens und dem Sinn im Leben. „Der Mensch ist immer schon ausgerichtet und hingeordnet auf etwas, das nicht wieder er selbst ist, sei es eben ein Sinn, den er erfüllt, oder anderes menschliches Sein, dem er begegnet. So oder so: Menschsein weist immer schon über sich selbst hinaus, und die Transzendenz [auf deutsch: Selbstvergessenheit, A.d.Autors] ihrer selbst ist die Essenz menschlicher Existenz“. Diese Haltung verweist zum einen auf einen Grundpfeiler des Bildes vom Menschen, der den Sinn als grundsätzlichen ‚Lebenssinn‘ als für den Men­schen zwar nicht erfahrbar, aber als per se und jederzeit gegeben ansieht. Und zum anderen auf den ‚Sinn im Leben‘, den der Mensch findet, indem er jede Situation als Person durch Verwirklichung seiner Werte gestaltet.

Die von Frankl zitierte Selbsttranszendenz erschöpft sich dabei nicht im bei Menschen so oft beobachtbaren ‚Über-sich-selbst-hinaus-Gehen‘ [wie wir es zum Beispiel in der grandiosen Hilfe der in unser Land kommenden Flüchtlinge, in der liebevollen Zuwendung von Menschen in Kliniken, Heimen oder Hospizen, in der permanenten Anstrengung von Menschen in Lehrberufen und vielen anderen Rollen in Familie und Beruf wahrnehmen können]. Frankl anerkennt auch die Möglichkeit, dass der Mensch sich auf einen personalen Gott hin transzendiert. Mit Verweis auf Max Schelers Impulse zur ‚Wertethik‘ und seine eigene religiöse Verankerung betonend [ohne diese als conditio sine qua non seiner Sinntheorie zugrundezulegen] sagt er, „sofern ich existiere, existiere ich auf Sinn und Werte hin; sofern ich auf Sinn und Werte hin existiere, existiere ich auf etwas hin, das mich selbst notwendig an Wert überragt, das wesentlich von höherem Wertrang ist als mein eigenes Sein – mit anderen Worten: ich existiere auf etwas hin, das auch schon kein Etwas sein kann, sondern ein Jemand sein muß, eine Person bzw. – als ein meine Person Überragendes – eine Überperson sein muß. Mit einem Wort: sofern ich existiere, existiere ich immer schon auf Gott hin.“ Allgemein gilt für Frankl „das eigentliche Sein des Menschen ist die Existenz, und der letzte Sinn des Lebens ist die Transzen­denz.“

Neben – erstens – der Transzendenz auf die ‚Welt‘, mit der Frankl das ‚Bei-Sein‘ und das ‚Bei-einander-Sein‘ in Form einer Liebe oder Hingabe auf Sachen, Dinge oder Aufgaben meint, formuliert er – zweitens – auch die Möglichkeit einer Transzendenz auf einen ‚Gott‘. In einer dritten Bedeutung steht Transzendenz für das Gerichtet-Sein des Menschen auf einen letztgültigen Wert, auf ein Absolutes also, sofern der Mensch nicht ‚Gott‘ als dieses Absolute begreift [z. B. individuell letzt-gültige Werte wie Freiheit, Ge­rechtigkeit oder Gleichheit]. In Gang gesetzte Sinnfindungsprozesse können somit in drei großen Transzendenzfeldern münden: In Liebe oder Hingabe, in einem Gott oder in einem Letztgültigen.

In der existenzphilosophischen Tradition Martin Heideggers – einem Weggefährten Frankls und deshalb an dieser Stelle erwähnt – besteht anders als bei Frankl kein Zusammen­hang zwischen Sinn und Werten. Für Heidegger ist Sinn dann gegeben, wenn sich etwas durch ver­stehendes Erschließen artikulieren lässt. Die Sinnhaftigkeit einer Handlung zu erfassen bedingt das Verständnis ihrer Auswirkungen, ihres ‚Woraufhin‘, Ziels oder Zwecks. Sinnvoll werden in diesem Kontext einzelne Prozesse, die mit einem ‚roten Faden‘ verbunden sind. Etwas ‚bloß Seiendes‘, zum Beispiel ein Telefon, hat an sich noch keinen Sinn, jedoch der übergeordnete Gesamtprozess, in den es eingebunden ist [im Telefon-Beispiel der allgemeine zwischenmenschliche Kommunikations­prozess]. Stimmt der Gesamtprozess mit dem entsprechenden Vorhaben des betreffenden Men­schen überein, werden der Zweck und das Ziel des Gesamtprozesses positiv bewertet und fördert der einzelne Prozess [Telefonat mit Person X] als Teil des Gesamtprozesses [Kommunikation im Allge­meinen] auf seine Weise das Erreichen des Endzieles [z. B. Kommunikation im Leben betrieben zu haben], dann erscheint dieser als sinnvoll.

Um einen sinnvollen Prozess in Gang zu setzen braucht es in diesem Kontext eine individuelle Moti­vation. Betrachtet ein Mensch zum Beispiel seine in der Sonne austrocknenden Pflanzen und kommt zum verstehenden Schluss, dass eine Wassergabe dienlich ist, dann wäre die darbende Pflanze ein ‚Motivgrund‘. Greift der Mensch nun handelnd ein, weil er um das Überleben der Pflanzen fürchtet, so erfüllt seine Handlung einen Zweck. Ist der übergeordnete Gesamtprozess [hier vielleicht die all­gemeine Sorge um das Wohl der Natur] vereinbar mit dem Vorhaben und Vorstellungen des Men­schen und bewertet der Mensch den Prozess positiv [im Sinne eines ‚es ist gut, sich um die Natur zu kümmern‘], dann entsteht im Verständnis Heideggers ein Sinn.

Ohne ‚logisches Verständnis eines Prozesses‘ scheint es in diesem Bild nicht möglich zu sein, Sinnhaf­tes zu begründen. Auch im existenzanalytischen Sinn Frankls spricht nichts dagegen, Sinn über diesen Weg einer logischen Herleitung zu finden – die Vorstellung jedoch, dass es eines solchen Weges zwingend bedarf, ist sinntheoretisch nicht haltbar. Um im Beispiel zu bleiben: Die darbende Pflanze setzt einen ‚Sinnanruf‘ in die Welt, unabhängig davon, welcher verständige Mensch auch immer ihre Situation wahrnimmt. Handelt aber nun ein Mensch und geschieht dies in Selbstvergessenheit, so könnte auf die Frage nach dem Grund seiner Handlung der Mensch sein Tun in den Kontext seiner Werte wie Naturverbundenheit, Achtsamkeit, Fürsorge rücken.

Durch Verwirk­lichung seiner Werte findet der Mensch den ohnehin bereits gegebenen Sinn in der Situation. Für diesen Menschen wird das Gießen ein ‚Akt der Selbsttranszendierung‘, zu einem geistigen Akt des Gewissens und nicht [nur] zu einem mentalen Akt des Wissens – es wird zu einer Selbst-‚verständlichkeit‘. Ob die Gieß-Handlung als zweckvolle ‚Arbeit‘ oder als selbstvergessene Hinwendung vollzogen wird: Beides mag den Pflanzen aktuell zu Hilfe kommen. Im Kontext ‚Krise‘ gilt es hingegen zu überprüfen, ob die Selbsttranszendenz als Kern der Sinntheorie Frankls in der Überwin­dung einer Krisensituation im Gegensatz zu einer rein ‚zweckdienlichen‘ Vorgehensweise einen besseren Dienst leisten kann. Dazu ist in Erinnerung zu rufen, dass für Frankl der Sinn dem Wollen als ‚Apri­ori‘ vorausgeht, denn „das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fra­gen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu ver-antworten hat.“

Frankl meint mit diesem Satz, dass der Mensch nur im Handeln seine Lebens­fragen beantworten kann. Das Verharren in der Erkenntnis reicht nicht aus, ebenso wenig der Ver­such – dem von Frankl abgelehnten Prinzip der Homöostase folgend –, mit einem künstlichen Gleichgewichtschaffen dem Sinnproblem aus dem Wege zu gehen. Wenn mithin Sinn als je konkreter Sinn in einer je konkreten Situation verstanden wird, dann folgt hieraus, dass das Sinn-Sollen außerhalb der eigenen Person liegt und damit eine Bewegung des Geistes erfordert. Diese Bewegung wird im Begriff der Selbsttranszendenz operationalisiert.

Eine Person kann nur dann ganz zu sich selbst kommen und sich erkennen, wenn sie ihren unikalen Sinn erfüllt und somit als ‚Nebenprodukt‘ sich selbst verwirklicht. „Aber nur in dem Maße, in dem der Mensch Sinn erfüllt, in dem Maße verwirk­licht er auch sich selbst: Selbstverwirklichung stellt sich dann von selbst ein, als eine Wirkung der Sinnerfüllung, aber nicht als deren Zweck.“ 

Zum in diesem Kontext relevanten Zusammenhang von objektivem und subjektivem Sinn meint Frankl: „Subjektiv ist der Sinn sofern, als es nicht einen Sinn für alle, sondern für jeden einen anderen Sinn gibt; aber der Sinn, um den es jeweils geht, kann nicht bloß subjektiv sein: er kann nicht bloßer Ausdruck und bloßes Spiegelbild meines Seins sein — wie der Subjektivismus und Relativismus es wissen und uns glauben machen wollen. Nun ist der Sinn nicht nur subjektiv, sondern auch relativ, will heißen, er steht in einer Relation zur Person — und zur Situation, in die ebendiese Person verwickelt und hineingestellt ist. In diesem Sinne ist der Sinn einer Situation ja wirklich relativ; er ist es bezüglich der Situation als einer jeweils einmaligen und einzigartigen. Die Person hat den Sinn der Situation zu erfassen und zu ergreifen, wahrzuhaben, wahrzunehmen und wahr zu machen, nämlich zu verwirklichen. Der Sinn ist also auf Grund seiner Situationsbezogenheit auch selber einmalig und einzigartig, und diese Einheit ‚des Einen, das not tut‘, macht dessen Transsubjektivität aus — macht aus, daß der Sinn nicht von uns gegeben wird, vielmehr eine Gegebenheit ist, mag deren Wahrnehmung und Verwirklichung auch noch so sehr der Subjektivität des menschlichen Wissens und Gewissens unterstellt sein. Die Fehlbarkeit menschlichen Wissens und Gewissens tut der Transsubjektivität des von menschlichem Wissen angepeilten Seienden und des von menschlichem Gewissen angepeilten Gesollten nicht Abbruch.“

Mythos ‚Krise und Chance‘

Victor H. Hair, Professor für Chinesische Sprache und Literatur an der Universität Pennsylvania, verweist auf den sich hartnäckigen Irrtum, das chinesische Schriftzeichen für Krise sei gleichermaßen zu interpretieren als Risiko/Gefahr und Chance/Gelegenheit.

Finally, to those who would persist in disseminating the potentially perilous, fundamentally fallacious theory that “crisis” = “danger” + “opportunity,” please don’t blame it on Chinese!

Quelle

 

Ermöglichung als pädagogische Grundhaltung gegenüber Krisenbetroffenen

Dem pädagogischen Modell der Ermöglichung liegt die wissenssoziologische und kognitionstheoretische Erkenntnis zugrunde, dass Realität stets eine ’subjektiv interpretierte Wirklichkeit‘ ist. Das entscheidende Kriterium dafür, was Menschen für ‚wahr‘ und ‚richtig‘ halten, liegt nach dieser Auffassung bei den je subjektiven Perspektiven und nicht etwa getrennt und außerhalb von ihnen in einer ‚objektiven‘ Realität.

‚Wirklichkeit‘ entsteht in der Auffordnung, Erschließung, Interpretation und damit in der Bedeutungszuweisung durch den einzelnen Menschen. Hans Tietgens spricht deshalb davon, dass wir Menschen im ‚Modus der Auslegung leben‘.

Mit Hilfe persönlicher Deutungsmuster ordnen wir unsere Wirklichkeit in einer für uns selbst und/oder für unsere soziale Umgebung mehr oder weniger plausiblen Weise. Gleichzeitig reduzieren wir die Vielfalt von Wahrnehmungsreizen und Eindrücken. Das versteht die Biologie unter ‚Entlastungsfunktion‘. Erst durch diese Reduktion komplexer und differenzierter Umwelteindrücke mit Hilfe von Deutungsmustern werden wir handlungsfähig. Reduktion heißt ‚Filterung‘ [Generalisierung, Vereinfachung, Verzerrung z.B. die Welt durch eine „rosarote Brille“ sehen…]. Die subjektiv erworbenen bzw. konstruierten, aber sich bewährenden Deutungsmuster geben dem Lebensentwurf einen ‚Sinn‘, eine Orientierung und letztlich Sicherheit. Solange sich meine Deutungsmuster bewähren, muss ich sie nicht verändern. Schwierig empfinden die meisten Menschen Konfrontation, Irritation und Umlernen von Gewohnheiten und Routinen.

Als Beispiel möchte ich die sogenannten ‚kontrafaktischen Spielregeln‘ in der Methode ‚Brainstorming‘ nennen, welche alltägliche Regeln, die uns ganz selbstverständlich sind, bewusst ‚auf den Kopf stellen‘. In dieser Methode gilt es, die Generierung von wirklich kreativen Ideen durch zu ermöglichen, indem folgende ‚ungeschriebene‘ Spielregeln des Alltags außer Kraft gesetzt werden:

  • Unsere ’normale‘ Regel heißt z. B. „Alles was du – in beruflichen Situationen – sagst, muss überlegt und vernünftig sein!“. Die neue Regel lautet: ‚Spinnen ist erwünscht!‘.
  • Eine andere ’normale‘ Regel heißt z.B. „Hüte dich vor Redundanz. Alles, was du sagst, muss klar und eindeutig formuliert sein!“. Die neue Regel lautet: „Quantität geht vor Qualität!“.
  • Eine dritte ’normale‘ Regel heißt z.B. „Wenn etwas unvernünftig, unsinnig oder schlichtweg falsch ist … das musst du sofort kritisieren!“. Nun jedoch:  „Kritik erst nach Abschluss der Brainstorming-Phase!“.
  • Eine vierte ’normale‘ Regel heißt z.B. „Wenn du selbst im Rahmen eines Gesprächs oder einer Diskussion auf einen Einfall kommst, gibt ihn als deinen aus oder behalte ihn für dich und verwende ihn für einen Verbesserungsvorschlag!“. Jetzt lautet die Regel: „Das Copyright für Ideen im Brainstorming gehört der Gruppe!“

Meine Verhaltensmuster und meine Deutungsmuster hängen ursächlich eng zusammen. Die Sicherheit meines Verhaltens [meine Selbst-Sicherheit] hängt davon ab, dass ich meine Deutungsmuster nicht infrage stellen muss. Andererseits: Stelle ich meine Deutungsmuster nicht immer wieder auf den Prüfstand und erweitere sie situativ, dann können sie zu ‚Erstarrung‘, ‚Fixierung‘ und mangelnder Reaktionsfähigkeit, mangelnder Lern- und Arbeitsfähigkeit führen.

In diesem Zusammenhang kommt dem Begriff des Skriptes [im Sinne eines Verhaltensmusters] eine besondere Bedeutung zu. Skripte sind Ablaufprogramme, die das konkrete, wahrnehmbare Verhalten der Menschen strukturieren. Unter einem Handlungs-„Skript“ verstehe ich im engeren Sinne ein festes Muster für ein singuläres situationsspezifisches Verhalten oder ein festes Muster für die Variabilität situationsspezifischer Verhaltensweisen. Das [eher naturwissenschaftliche] Deutungsmuster – es gibt „richtige bzw. falsche Verhaltensweisen“ – engt Verhaltensmöglichkeiten entscheidend ein. Nur das Muster, welches grundsätzlich nach Alternativen von Verhalten fragt, öffnet den Menschen zu einem „echten“ situationsspezifischen Verhalten und zur Chance von Variabilität. Hier liegt die Kraft des Ermöglichungsansatzes, wenn die Person lernt, nach Alternativen zu fragen und sich immer wieder zu überprüfen.

Soll Verhalten nachhaltig und dauerhaft geändert werden, dann sind die individuellen ‚Welt-Interpretationen‘ (d.h. Deutungsmuster und Werthaltungen) genau zu beleuchten. Wird dies versäumt, dann werden Verhaltensweisen allenfalls oberflächlich aufgesetzt und in den meisten Fällen bleibt dies folgenlos, da sich die alten Gewohnheiten bald wieder durchsetzen werden. Krisencoachs, die auf dem Konzept der Ermöglichung arbeiten, beachten diesen Umstand.

Wenn die Krisenfalle zuschnappt

Wenn bewährte Handlungswege, die bisher Kontrolle, Kraft, Sicherheit oder auch Würde ‚garantierten‘ gerade dann und unerwartet nicht mehr wirken, wenn sie am dringendsten benötigt werden, dann fühlen sich Menschen meist inkompetent, schwach, hilflos und ausgeliefert. Die ohnehin schwierige Lage wird noch bedrohlicher und als gefährlich empfunden. Steigt nun der selbstgemachte Handlungsdruck, so steigt in der Folge auch das Ohnmachtserleben [denn wäre dies nicht so, dann hätte die Person ‚lediglich‘ ein Problem, das mit den vorhandenen ‚Bordmitteln‘ offenbar gelöst werden könnte].

Es ist also ‚psycho-logisch‘, dass Kampf [in Form extremer Hektik] eine ungünstige Intervention darstellt. Ihre mangelhafte Wirkung führt im nächsten Schritt zu Gegenreaktionen der Flucht, der Vermeidung oder der Leugnung. Da auch diese ‚Strategie‘ misslingt, erstarrt die Person [in Form des ‚einfach-nicht-wahrhaben-Wollens‘, der Bewegungsarmut, der Unterwerfung an die vermeintlich unlösbare Situation].

Diese Eskalation wird begleitet durch den berühmten Tunnelblick, die Flutung mit Affekten wie der
Angst, Wut oder Niedergeschlagenheit und durch Abspaltung oder Verdrängung des Erlebens. Dem jetzt hohen Grad der Konfusion begegnen Menschen mit [Auto]-Aggression, um das Gefühl der Handlungskontrolle wiederzuerlangen. Dies jedoch auch nicht ohne Folge, denn nun stellen sich Schuldgefühle ein, da die Aggression womöglich gerade die Menschen vergrault hat, deren Unterstützung so wichtig ist. Das Risiko steigernder Suizidalität ist gegeben, allemal aber die Gefahr, dass sich das kontraproduktive Verhaltensmuster automatisiert, der Betroffene wie in Trance seine Impulskontrolle verliert. Es ist klar, dass in einem solchen Zustand Selbststeuerung, Planung oder die Klärung wichtiger Entscheidungen kaum mehr alleine möglich wird. Aber auch die externe Unterstützung, die dem Betroffenen hilft, eine neue Zielrichtung einzuschlagen, muss sich gewahr bleiben, dass ein neues Ziel nunmehr als ‚in Form gegossene Bedrohung‘ angesehen werden kann. Dann nämlich, wenn neben der Minderung der Selbststeuerung die Person sich zusätzlich fremdbestimmt [z.B. durch Ärzte, Banken, Familienmitglieder …] erlebt.

All diese psychischen Prozesse führen parallel [siehe bei Viktor Frankl die Aussagen zum ‚psycho-physischen Parallelismus] zu körperlicher Symptomatik wie: Hypertonie, erhöhter Herzfrequenz, Problemen mit der Atmung, der Körperkoordination, einem veränderten Muskeltonus, Hormonschwankungen, Hyperkinetik u.a.

Denkempfehlung: Wenn Sie von einer Krisensituation betroffen werden, dann versuchen Sie, die Haltung einzunehmen, dass nicht das Ereignis selbst die Situation zur Krise macht, sondern einzig die Art, wie Sie sie verarbeiten. Wenn Sie für sich klarhaben, dass ihre bestehenden Muster nicht geeignet sind, der Situation zu begegnen, dann ist Ihnen damit automatisch auch klar, dass nur [Denk-, Verhaltens-, Kommunikations …]-Muster, die Sie selbst neu anlegen und immer wieder – und damit verstärkend – einsetzen, einen Ausweg ermöglichen.

Unterstützung von außen muss darin bestehen, Sie zur Entwicklung dieser Muster an bestehende Ressourcen und Bedürfnisse wieder rückzubinden und damit der Aktivierung sogenannter negativer ‚Ego states‘ [wie sie sich in Selbstvorwürfen, Selbstwertminderungen … äußern] entgegenzuwirken.
Anmerkung: Diese persönlichen Entwicklungsschritte lassen sich auch präventiv gehen, mit deutlich geringerem Zeit- und Kostenaufwand als mitten in einer Krise.

Katastrophe

Eine Katastrophe zeigt sich dadurch, dass Versorgungsstrukturen, die erforderlich sind, um Grundbedürfnisse zu befriedigen, fundamental zusammenbrechen. Eine Katastrophe [z.B. Naturkatastophe, der Zusammenbruch einer Wirtschaftsordnung, die Zerstörung eines Sozialsystems …] kann individuell verschiedene Krisen auslösen.

Andersherum kann eine vermeidbare Krise auch katastrophale Folgen haben. Wenn zum Beispiel durch mangelnde Reflexivität des individuellen Wertesystems ebenso unreflektiert Verhaltensweisen gezeigt werden, deren Korrektur zwar möglich wären, jedoch ohne Korrektur existenziell katastrophale Auswirkungen zum Beispiel für Kinder in einer Familie haben können.

Dies führt – aufgrund jahrelanger Erfahrungen in unserer Praxis – zur Überlegung, dass einzig die konsequente Erkundung der eigenen Werte und ihre angemessene Entwicklung verhaltens- und handlungsbedingte Krisen vermeiden hilft.

Krise oder: das ‚Problem mit der Problemlösung‘

Anders als im deutschen Sprachraum wird Krise im Englischen nicht nur als bereits eingetretene Situation verstanden, sondern ebenso gelten bereits absehbare, die individuelle Stabilität gefährdende Ereignisse als Krise.

„Any event that is, or expected to lead to, an unstable and dangerous situation“ … „situation of a complex system, when the system functions poorly, an immediate decision is necessary, but the causes of the dysfunction are not known“

Bedenkt man weiterhin die völlig unterschiedliche Nutzung des Krisenbegriffes in der Medizin, der Wirtschaft, der Psychologie und anderen Disziplinen, dann empfiehlt sich als Klammer um alle Beschreibungen herum, eine Krise als individuelle Hypothese eines Beobachters über den Zustand eines Systems anzusehen, dessen relevante Funktionen zusammenzubrechen drohen, ohne dass gewusst wird, wie dieser Zusammenbruch zu verhindern ist.

Könnte ein solcher Zusammenbruch verhindert werden, könnten also Interventionen genutzt werden, deren Wirkweise bereits als gut bekannt sind, dann wäre die Situation nur ein ‚Problem mit einem mehr oder minder hohem Schwierigkeitsgrad‘ und die Intervention eine leistbare Aufgabe, die sich ergibt aus der Ist-Soll-Differenz im beobachteten System.

Eine Krise hingegen konstituiert sich, wenn der Beobachter seine Hypothese zu einem Problem macht und in dessen Folge ein ‚Problem mit der Problemlösung‘ erfährt – wir sprechen hierbei von einem Problem zweiter Ordnung. In unserer Krisenpraxis erleben wir zum Beispiel Patienten, die aus Angst, an einer Krankheit zu erkranken, die es vermehrt in der eigenen Familie gab, dass diese Patienten alle erdenklichen Kontrolluntersuchungen in Gang setzen. Führen diese Kontrollen zu keinem Ergebnis [der Patient hat nun ein Problem zweiter Ordnung], bleibt der Bedrohungszustand aus Sicht des Beobachters erhalten und wird nun als Krise empfunden [’selbst die Ärzte sind unfähig und finden meine Krankheit nicht]. Ein ‚weiter so‘ oder ein ’noch mehr davon‘ ist spätestens in dieser Situation unzweckmäßig. Die Situation erzwingt förmlich die ‚Musterbrechung‘ [was landläufig und aus unserer Sicht völlig unpassend als ‚Chance‘ tituliert wird] – ergo ein Umgang mit der Situation, der bei genauerer Analyse der individuellen Bewertungs- und Bedeutungsgebungsprozesse bereits meist viel früher hätte neu konzipiert werden können.

Unsere Krisenpräventions-These lautet daher: Nicht Krisen schaffen Entscheidungsspielräume, sondern die Klärung individueller Werte und der auf ihnen basierenden individuellen BeWERTungen ermöglicht rechtzeitige verantwortungsvolle Korrekturentscheidungen. Und diese Korrekturen schließlich mindern die fatalen Wirkungen einer Krise und erhalten die Handlungsfähigkeit im Umgang mit der Belastungssituation.