Kategorie-Archiv: Sinnzentrierte Psychotherapie

Der große Unterschied

Als damals meine Tochter gestorben ist, fühlte ich mich auf einen Schlag leer, körperlich und im Kopf. Ich konnte nicht mehr richtig schlafen und ich achtete nicht mehr auf meine Ernährung. Das Leben war wertlos geworden, Vieles wurde mir fremd, meine Freunde, mein Mann, meine Arbeit. Die Tournee bei meinen Ärzten brachte nichts, bis mir meine Frauenärztin in meiner Krise von der Logotherapie erzählte. Zum Glück fand ich in dieser Therapie einen Weg aus meinem tiefen Tal. Meine Tochter kommt nicht wieder, und das ist sehr traurig. Aber ich habe für mich erkannt, welchen Unterschied es für mich macht, Sinn im Leben oder Sinn in der Rolle der Mutter zu finden. Die Unterschied kann ich jetzt fühlen, und das war für mich der Schlüssel aus der Krise. [Eine Patientin, 43 Jahre]

Viktor Emil Frankl fand bei seinen Lehrern Freud und Adler nicht das, was für ihn als das eigentliche Anliegen einer Therapie galt – dem Menschen zu helfen, Sinn im Leben zu erkennen und zu entfalten. Als Arzt und Philosoph wurde er in seinen Gedanken von Persönlichkeiten wie Scheler, Jaspers und Heidegger beeinflusst, die alle auf ihre Weise betonten, dass sich der Mensch mit seiner inneren Freiheit trotz gewisser Bedingungen seiner Lebensumstände auf Sinn ausrichten kann. Selbst dann, wenn das Grauen unermesslich erscheint.

In vielen Ländern der Erde ist Frankls Logotherapie institutionell etabliert und anerkannt. In Deutschland steht dem die Zusammensetzung der Psychotherapeutenkammer im Weg, ein Gremium, in dem insbesondere Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeuten darüber ‚wachen‘, was aus psychologischer Sicht dem Menschen helfen kann und was nicht. Vielleicht hat dies mit dazu beigetragen, dass es bislang nur circa 200 Therapeuten in Deutschland gibt, die ihre Praxis ausschließlich auf das Feld der Logotherapie ausrichten. Viele andere Therapeuten sehen die Logotherapie hingegen als ergänzendes ‚Schmankerl‘, ohne dabei einen der wesentlichen Unterschiede konzeptionell herauszuarbeiten und transparent zu machen: Der Pychotherapeut arbeitet am Psychischen, der Logotherapeut am Geistigen – und das Geistige ist nicht Teil des Psychischen. Wer über diesen Aspekt verbal hinwegschludert, entfaltet nur äußerst unzureichend die positive Kraft, die in der das Geistige fokussierenden Logotherapie gegeben ist.

Echte Logotherapie bedeutet für den Patienten Sinnarbeit. Der Therapeut kann den Sinn nicht ‚machen‘, aber er weiß, wie Menschen ihn finden können. Ohne Couch, ohne Esoterik, ohne Schnickschnack, ohne Reduktionismus.

Für Frankl war klar, der Mensch ist weit mehr als seine unbewußten Triebe, Phantasien, Begierden, Wünsche und Machtstrebungen. Jeder Mensch verfügt zudem über unbewußt Geistiges über etwas, was man ‚Lebensgewissen‘ nennen könnte, aber was sich eines genauen Begriffes entzieht. Ein Logotherapeut weiß, dass sich der Sinn im Leben gerade in Krisen oft schlagartig und ganz unerwartet im ‚richtigen‘ Moment zeigt. Sinn wird dann ‚vorgefunden‘. Der Mensch merkt dann, dass er sich diesen Sinn nicht gemacht hat, sondern eine Instanz in ihm dazu beigetragen hat, ihn zu erkennen. Ist er gefunden, endet ein Prozess, sich nach ihm zu sehnen und mit allerlei Suchen und Versuchungen zu meinen, ihn finden zu müssen. Wenn der Sinn gefunden ist, können Suche, Sucht, Sehnsucht und andere psychische, aber wirkungslose Anstrengungen weichen.

Wenn Sie also einmal einen Menschen in einer Krise erleben, dann mag es in einem passenden Moment vielleicht hilfreich sein, ihn auf die Logotherapie aufmerksam zu machen. Dies ist schon deshalb wichtig, weil die meisten Ärzte die Logotherapie nicht kennen oder wenn sie von ihr einmal gehört haben kaum in der Lage sind, sie inhaltlich zu vermitteln.

Kann man Sinn machen? – I

Als mir 1987 im Rahmen meiner Vorbereitungen auf meine Diplomarbeit zum Thema Unternehmensethik das Werk von Viktor Frankl zum ersten Mal begegnete, habe ich ihn nachweislich gelesen. Verstanden habe ich ihn damals noch nicht. Mir erschienen Begriffe wie das Geistige, die Transzendenz oder der noopsychische Antagonismus recht knorrig. Auch, dass der Sinn nicht menschengemacht sei, sondern stets außerhalb des Menschen darauf wartet, gefunden zu werden, erschien mir schon als recht psycho.

Auf die Idee, dass gerade dieses Gedankengut einmal meine eigene wissenschaftliche Basis darstellen würde, dass ich über Frankl, den Sinn, die Sinntheorie insbesondere im Krisenkontext meine Promotion ablegen würde, bin ich damals nicht gekommen. Mit der Zeit aber wuchs das Interesse daran, in die einst empfundene Ordnung im Leben mit unbequemen Fragen Unordnung zu schaffen. Als Coach und Therapeut tat ich dies ohnehin schon – nur waren die Empfänger meine Klienten. Nun aber war es eine Frage, die auf mich selbst zielte. Eine der typischen Frankl-Fragen, deren Gewicht dann deutlich wird, wenn das Staunen über sie etwas abgeklungen ist:
„Auf welche Frage meines Lebens bin ich die Antwort?“

Fragen wie diese hatten schon immer ihren Reiz für mich. Aber so konkret auf die eigene Person zielend haben sie doch etwas Riskantes. Wieso sollte mein Leben mich fragen? Welchen Platz nimmt es ein, um überhaupt fragen zu können? Wieso sollte ich eigentlich antworten sollen? Und wenn ja, was ist, wenn ich die Antwort nicht finde? Und wieso Frage und nicht Fragen? Und wieso Antwort und nicht Antworten? Welche Verantwortung übernehme ich dafür, diese eine Frage als die meines Lebens anzusehen? Woran merke ich, dass diese Frage für mich stimmt?

Fragen über Fragen und doch mit anderem Sog als zum Beispiel die Frage, warum sich Niklas Luhmann nach epischer Abhandlung seines reduktionistischen Sinnverständnisses irgendwann doch dazu hinreißen läßt, den Momenten sogenannter Emphase die Funktion zuzusprechen, Erstaunlichkeiten herzustellen. Diese Erstaunlichkeiten seien die Verstörer der Sinnlosigkeit. Nun, das aber wusste auch schon Aristoteles als er mit weniger Worten darauf hinwies, dass der ‚Sinn zur Türe herein kommt‘. Zu beweisen, dass der alte Wein in einem systemtheoretisch neuen Schlauch daherkommt, ist fraglos wichtig. Wesentlich ist es nicht.

Zurück zum Wesentlichen. Wenn sich meine Klienten in ihrer Ordnung eingerichtet haben, dann schaffen wesentliche Fragen angemessene Unordnung. Und wenn die Unordnung einen Menschen schier in Zweifel zieht, dann bringen wesentliche Antworten eine neue Ordnung, Zwischen Ordnung und Unordnung findet sich das Nachdenken über das, was erstaunt hat und woran man noch zweifelt.

Und wenn man als Philosoph nicht nur philosophiert, sondern auch therapiert, dann entdeckt man schnell, dass es Menschen gibt, bei denen zwischen Ordnung und Unordnung kein Türspalt frei ist, damit über das, was sich dort findet, gestaunt werden kann. Ohne Türspalt aber keine Frage, keine Sinnfrage. Ohne Spalt ist die Ordnung in Unordnung und die Unordnung ist in Ordnung. Die Freiheit, die darin liegt, diesen Kreislauf zu unterbrechen, erscheint unerreichbar. Sich die Frage nach dem Sinn zu stellen, erscheint sinnlos. Es gibt doch nichts mehr zu staunen. Oder doch? Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

 

[wird fortgesetzt]

Die bezeugte Angst

Gibt es ein Angst-Gedächtnis? [Wortherkunft ‚Gedächtnis‘: seit dem 9. Jahrhundert meint der Begriff ‚bezeugt‘. Hier können wir also sagen: Der Mensch bezeugt ein Erlebnis, in dem eine unbewusste Angst eingebunden ist.]

Als ‚unbewusstes Angstgedächtnis‘ des Menschen verstehen wir eine psychische Instanz, die unabhängig ist vom expliziten Gedächtnis, das Ereignisse, Situationen und Fakten speichert.

Der Genfer Arzt und Psychologe Edouard Claparède (1873-1940) behandelte eine Frau, die unter Amnesie litt. Personen oder Situationen war die Patientin nicht in der Lage zu erinnern. Auch ihr Arzt, Dr. Claparède, musste ihr stets aufs Neue sagen, wer er war. Als er während einer Visite eine Heftzwecke in seiner Hand versteckt hielt und damit seine Patienten begrüßte, erschrak diese unter deutlichem Schmerz.

EInige Tage später, verweigerte die Frau den Handschlag, ohne ihren Arzt jedoch zu erkennen. Einen Grund für ihre Angst konnte sie nicht nennen, dennoch ‚bezeugte‘ sie sie mit ihrem Verhalten. Für Claparède war klar: es muss ein zweites Gedächtnis geben, ein Angstgedächtnis.

Wissenschaftliche Untersuchungen und Studien hinsichtlich der neuronalen Verortung und medikamentösen und therapeutischen Arbeit an Ängsten gibt es seither zuhauf und eine wirkungsvolle Behandlung von Angsterkrankungen ist heute eher möglich als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Als eine präventive Methode zum Umgang mit Ängsten bietet sich die aktive Bewusstmachung von Situationen an, die im Leben Angst um Werteverlust erzeugt haben. Beispiel: Wurde man als Kind einmal eingesperrt und erlebte diese Situation als Angst auslösend, so kann man bei der Frage: Welchen Wert fühle ich heute, dass ich ihn in jener Situation nicht mehr verwirklichen konnte, vielleicht den Wert ‚Freiheit‘ nennen oder den Wert ‚Initiative‘ oder den Wert ‚Ruhe‘. Oder, wenn man vielleicht irgendwann einmal an einem Lebensmittel zu ersticken drohte, so kann dieses Erleben heute mit der Bedrohung eines Verlustes des Wertes ‚Kontrolle‘ oder des Wertes ‚Vertrauen‘ oder des Wertes ‚Sicherheit‘  in Verbindung gebracht werden.

In einer präventiven wertebasierten Angstanalyse schreiben sich unsere Patienten nach einer entsprechenden Vorbereitung eine mit Angst verbundene, erlebte Situation ‚zeugenhaft‘ in kurzen, sachlichen Sätzen auf. Dann reflektieren sie den mit dieser Situation verbundenen angenommenen Werteverlust. Dieser Wert wird im nächsten Schritt umfassend biografisch gewürdigt. Ist dies geschehen, wird mit der Person das mit dem Wert verbundene Gefühl geklärt und dessen Relevanz für das vor der Person liegende Leben erörtert. Mithilfe positiver Imaginationen wird das Wertegefühl in den Kontext der aktuellen Lebensphase gestellt, in der sich die Person befindet. Die angestrebte Wirkung besteht darin, dass die Person den einst bedroht erlebten Werteverlust gegen ein revitalisiertes Wertegefühl tauscht und – in einer Analogie zu Frankl – der Patient sich sagen kann: ‚Ich muss mir von meiner Angst doch nicht alles gefallen lassen.‘

Krisenbewältigung = Selbstwachstum + Willensbahnung

Wer in einer Krise steckt. der will sie zumeist möglichst schnell wieder loswerden. Das ist verständlich, denn die negativen Empfindungen sind derart stark, dass die mit ihnen verbundenen ‚psychischen Schmerzen‘ oft in gleicher Stärke erlebt werden, als wäre eine körperliche Verletzung oder Krankheit eingetreten. Viktor Frankl nannte dieses Phänomen schon in der Mitte des letzten Jahrhunderts ‚psycho-physischer Parallelismus‘ – heute ist diese Erkenntnis gängiges Wissen in der Psychosomatiklehre.

Und weil man Schmerzen nicht lange ertragen mag, versuchen viele Menschen, ihnen mit einem ‚viel hilft viel‘ aktionistisch zu begegnen. Auch dies ist in der Psychologie bekannt – wir sprechen hier von sogenannten Erstreaktionen, die aus den beiden psychischen Systemen ‚Empfinden‘ und ‚Gewohnheitshandeln‘ hervorgehen. Die Gefahr, der Fehler, der eingetretene Mangel oder Verlust wird zuerst als ernster Zustand bewusst ‚empfunden‘ und wird dann mit unbewusst vollzogenen Gewohnheitshandlungen – in der Regel in Form von Abwehrmechanismen – versucht, in den Griff zu bekommen. Im psychischen Rucksack eines Menschen finden sich – je nach individueller Entwicklung – eine Reihe solcher Abwehrhandlungen. Klassiker sind zum Beispiel die Leugnung der Lage [… ist doch gar nicht so schlimm] oder die Verdrängung [… was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß]. Je nach Temperament einer Person [sanguinisch-cholerisch-melancholisch oder phlegmatisch] werden diese Abwehrstrategien mit individueller Energie vollzogen. Und je nach Situation gesellt sich dann auch noch eine erste negative emotionale Erstreaktion [Angst, Trauer, Wut oder Scham] hinzu.

‚Psycho-logisch‘ können wir nun sagen, dass – würde eine solche Erstreaktion positive Wirkung zeigen – der Mensch gar keine Krise haben kann, sondern lediglich ein gegebenenfalls komplexes Problem. Wirkliche Krisen zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass ein derart schnelles ‚Lösungsmittel‘ nicht verfügbar ist. Und weil es nicht zur Verfügung steht, gerät der Mensch in den Zustand des Selbstzweifels [was soll ich nur machen …]. Jetzt nimmt er wahr, dass die eigene Welt wirklich ‚aus den Fugen‘ geraten ist.

Und wie das Wort ‚Zwei-fel‘ anzeigt, hat die Person nun auch zwei Möglichkeiten, sich den Bedingungen zu stellen: entweder mit Resignation, Selbstaufgabe, Rückfall in alte Verhaltensmuster, Krankheit, Suizid. Oder mit einem Perspektivenwechsel, der ihn befähigt, den trotz der Situation zwar verloren geglaubten aber per se nicht verloren gegangenen Sinn wiederzufinden und sich neu auf ihn auszurichten [selbstgesteuerte Motivation]. Wird dieser Weg gegangen, kommen zwei andere psychische Systeme ins Spiel: das fühlende Selbst und das denkende Ich.
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Das Fühlsystem beinhaltet alle Lebenserfahrungen des Menschen und insbesondere sein Wertesystem. Das Denksystem hingegen plant, formt Absichten und entwickelt Ideen und ermöglicht die Willensbahnung, also den Übergang ins Handeln.Von diesen beiden Systemen stellt das Fühlsystem den eigentlichen Schatz zur Bewältigung einer Krise bereit.

Da Sinn dadurch gefunden wird, indem ein Mensch seine Werte verwirklicht, ist die Kenntnis des eigenen Wertesystems verbunden mit den von ihm ausgehenden positiven Gefühlen der Schlüssel zur Überwindung der Belastungssituation durch wiedergefundenen Sinn. Das Dumme ist nun zumeist, dass Menschen sich ihre Werte selten bewusst machen. Und wenn sie sie sich bewusst machen wollen, ihnen unklar ist, wie sie dies methodisch anstellen sollen oder wie sie herausfinden können, welche ihrer Werte wirklich ihre eigenen sind und nicht Übertragungen durch Verhaltenserwartungen ihrer Eltern oder weiterer Bezugspersonen im Leben.

Um hier Werteklärung im Sinne bewussten Selbstwachstums herbeizuführen, ist das Gespräch mit einem darauf spezialisierten Logotherapeuten [sinn- und werteorientierte Psychotherapie] oder logotherapeutisch versierten Coachs die Methode der Wahl. Kein anderer psychologischer Zugang ist derart im Rahmen einer Kurzzeitbegleitung wirkungsvoll – über 600 Evaluationsstudien belegen dies eindrücklich.

Noch besser ist es allemal, diese Klärungsarbeit nicht erst dann zu leisten, wenn eine Krise eingetreten ist. Die anormale Situation mit ihrer Brisanz und emotionalen Überflutung plus die Erkenntnis, das eigene Wertesystem womöglich bislang nur unzureichend reflektiert zu haben, strengt die betroffene Person oft zu sehr an.

Besser ist hier die individuelle Krisenprävention, genau mit einem solchen integrierten Ansatz der werteorientierten Klärungsarbeit. Unser Konzept Life2Me, das im Winter 2016/2017 an den Start gehen wird, bietet diese Möglichkeit an.

Die Existenz analysieren?

Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse [1905-1997] begründete mit seiner ‚Existenzanalyse‘ sein sinntheoretisches Gedankengut. Die Existenzanalyse kann verstanden werden als das ‚Menschenbild‘, auf dem operativ die Arbeit der sinnzentriert therapeutischen Praxis fußt. Diese sinnzentrierte Therapie nennt Frankl ‚Logotherapie‘ [logos – hier verstanden als ‚Sinn‘]. Frankl steht hierbei zwar in der Tradition der Existenzphilosophie [Jaspers, Heidegger, Kierkegaard] und der Phänomenologie [Scheler], geht aber über beide hinaus.

Die Existenzanalyse begleitet den Menschen auf der Suche nach seinem individuellen Sinn im Leben und die Logotherapie begleitet ihn dort, wo er diesen Sinn nicht finden kann, um die vorhandenen Hindernisse und Blockaden aufzuspüren und aufzulösen. Existenz [existere = hervortreten] ist dabei stets ein Prozess, denn der Mensch kann zu jeder Zeit entscheiden. Und was entscheidet er? Wer er im nächsten Moment sein will. Im Rahmen einer Existenzanalyse steht daher nicht die Analyse von Existenz im Fokus, sondern es wird analysiert, wie ein Mensch existiert.

Existenziell zu leben meint logotherapeutisch, in Freiheit und Verantwortung selbstbestimmt zu leben. Ein solches Leben sagt ‚unbedingt‘ Ja zum Leben, es wartet nicht darauf, dass andere das eigene Leben positiv beeinflussen, es ist ein ‚entscheidendes‘ Leben. Gelingt es nicht, eine Entscheidung zu finden, also nicht ‚ja‘ zum [Arbeits-, Beziehungs-, …]Leben zu sagen, dann sind die Logotherapie oder das Logocoaching die Methoden der Wahl. Sie sind die Plattform, auf der verloren gegangene Orientierung wieder zurückgefunden werden kann.

Das Ziel der Logotherapie und des Logocoachings ist die Bewusstmachung und Intensivierung der individuell gelebten Sinnfülle durch die Hinführung zu einer frei gewählten Verantwortung. Dabei – und das unterscheidet die Logotherapie von allen anderen Therapierichtungen – wird der Mensch nicht als das Ergebnis innerpsychischer Prozesse oder umweltlicher Einflüsse allein angesehen. Physis, Psyche und Umwelt nehmen zwar Anteil, wesentlicher jedoch ist die Fähigkeit des Menschen über sich selbst hinauszureichen, für jemanden oder etwas da zu sein, was man nicht wieder selber ist.

Sinnverwirklichung [Frankl] ist daher deutlich mehr als Selbstverwirklichung [Maslow]. Sinn zu verwirklichen bedeutet, das Recht auf ein gelingendes Leben einzulösen. Dies führt dazu, dass in der Logotherapie und im Logocoaching das, was jetzt und ab sofort möglich ist, immer stärker im Fokus steht als das, was war oder durch was auch immer Begrenzungen erfuhr. Das Gründeln in der Vergangenheit wird so wenig wie irgend möglich und so viel wie absolut zum Not wenden erforderlich praktiziert. Warum diese Zuspitzung? Weil: Am Ende jeden Tages zählt nur die konkrete Handlung, nicht das Wissen um mögliche Handlung.

Na endlich: Die Suche nach Sinn als Voraussetzung für ein gelingendes Leben erübrigt sich

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater und Psychoanalytiker und Aufsichtsrat der Sigmund-Freud-Privatstiftung. Ein echter Freudianer also.

Und was sagte Freud?: „Im Moment, da man nach dem Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank, denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht; man hat nur eingestanden, dass man einen Vorrat an unbefriedigter Libido hat, und irgend etwas muss damit vorgefallen sein, eine Art Gärung, die zur Trauer und Depression führt.“ [Freud in einem Brief an Marie Bonaparte, zit. n. Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud, 1962]

Und was schreibt Thomashoff? In seinem Buch ‚Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit‘:

fot1„Unsere psychischen Bedürfnisse sind also im Spannungsfeld zwischen Beziehung und Bewirken angesiedelt. Wir streben nach Geborgenheit, aber zugleich nach der Eroberung der Welt. […] Dort wo diese beiden Grundbedürfnisse unserer Psyche ausreichend befriedigt werden, werden wir mit Zufriedenheit belohnt. Dann ist unser Leben erfüllt. Die Suche nach einem höheren Sinn als vermeintliche Voraussetzung für ein gelingendes Leben erübrigt sich [Hervorh. d. V.]. Schließlich erweist sich die viel gepriesene Sinnsuche bei näherer Betrachtung meist als Ersatzstrategie für das Zurechtkommen in einer unabwendbar frustrierenden Realität. Das kann in Ausnahmesituationen berechtigt sein, im Allgemeinen ist es das nicht, lenkt es doch allzu sehr davon ab, das Leben wirklich zu leben und dort, wo möglich, die Dinge zu ändern. Andernfalls kommt es zu Frust. […] Und dennoch sucht alle Welt nach Sinn.

Hintergrund ist die Frage nach dem Warum, sie beherrscht unser Denken. Die Suche nach einer Erklärung aktiviert unser Motivationszentrum, und finden sie [.] dann werden wir belohnt. Wir wollen uns auskennen, wollen Zusammenhänge verstehen. Unser Belohnungssystem ist darauf ausgerichtet, zum Überleben ist das hilfreich. Überall sehen wir kausale Verknüpfungen. Manche bewähren sich, andere halten sich, selbst wenn sie komplett unsinnig sind, solange sie das Überleben nicht ernsthaft gefährden. […] Immer wenn es in der Wirklichkeit mies läuft, kann der wahre oder vermeintliche Sinn darüber hinweghelfen. Da verwundert es nicht, wenn die Sinntherapie, Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor Frankl an einem Ort entwickelt wurde, an dem Überleben unmöglich schien: Im Horror des Konzentrationslagers.“

Die Haupthesen also sind:

  • Psychische Bedürfnisse sind im Spannungsfeld zwischen Beziehung und Bewirken angesiedelt.
  • Sinnsuche ist Ersatzstrategie, um in der frustrierenden Realität zurechtkommen. Sie lenkt jedoch davon ab, das Leben wirklich zu leben und dort, wo möglich, die Dinge zu ändern.
  • Hintergrund ist die Frage nach dem Warum, sie beherrscht unser Denken. Die Suche nach einer Erklärung aktiviert unser Motivationszentrum.
  • Immer, wenn es in der Wirklichkeit mies läuft, kann der wahre oder vermeintliche Sinn darüber hinweghelfen.

Und da hier Viktor Frankl und dessen Sinnlehre in die Argumentation verknüpft wird [Frankl ist nach Freud und Adler der Begründer der 3. Wiener Schule der Psychotherapie] sind einige Korrekturen unabdingbar. Denn leider gibt es viele Anhänger von Psychotherapieschulen, die Frankl zwar gelesen, jedoch nicht verstanden haben oder sein Gedankengut bewusst verzerrt wiedergeben. Kollege Thomashoff ist aufgrund seiner vorgenommenen Verknüpfung leider keine Ausnahme.

Wir wollen die Korrekturen an den in dem gelesenen Abschnitt stehenden Haupthesen anlehnen:

  • Psychische Bedürfnisse sind im Spannungsfeld zwischen Beziehung und Bewirken angesiedelt. Werden diese ausreichend befriedigt, werden wir mit Zufriedenheit belohnt.  Die Suche nach einem höheren Sinn als vermeintliche Voraussetzung für ein gelingendes Leben erübrigt sich.

Die Psycho-Logik dieses Satzes lässt sich unterschreiben. Werden psychische Bedürfnisse befriedigt, dann bekommt das psychische Fühlsystem das, was es braucht, um über die Botenstoffe im Gehirn mitzuteilen: Mir geht es gut. Sie, Kollege Thomashoff, nennen das Zufriedenheit. Das sei Ihnen gegönnt. Mir wäre das deutlich zu wenig, denn ich nenne das ‚momentanes Wohlbefinden‘. Und das kann ich mir für 10 Euro auch auf dem Oktoberfest kaufen, wenn ich in lustvoller Beziehung zu meiner Partnerin bewirke, mit ihr ein Karussell zu entern und ein paar Runden zu drehen.

Aber bitte: Wie sichert dieses Gefühl Ihnen das Recht auf Ihr gelingendes Leben, das VOR IHNEN liegt? Wir nehmen hier aus sinnzentrierter Perspektive genau das Gegenteil von Ihnen an: Wer um den Sinn in seinem Leben weiß, wird TROTZ der allzu menschlichen psychischen Spannungen und Verspannungen, künftig seinen Halt nicht verlieren. Und dazu braucht es auch bitte nur ‚Sinn‘ – Sie suggerieren hingegen mit ‚höherem Sinn‘, dass hier etwas Unerreichbares, vielleicht Göttliches am Werk sein muss. Da Frankl allzu oft dieser Unsinn in den Mund gelegt wird, um von den Unzulänglichkeiten des eigenen Therapiekonzeptes abzulenken, sei ganz klar gestellt: Sinn ist immer da, um jeden Menschen. Er kann von jedem Menschen gefunden werden und dazu braucht es keinen Gott. Sinn kann nicht gemacht werden, schon gar nicht von einem Gehirn – aber für ein konstruktivistisch geprägtes Menschenbild, wie das, das Sie hier einbringen, ist dies vermutlich ebenso unfassbar wie für Ihren Lehrvater Freud, der den Menschen ja als krank ansah, wenn dieser das tat, was Frankl als das zentrale Humanum ansieht.

  • Sinnsuche ist Ersatzstrategie, um in der frustrienden Realität zurechtkommen. Sie lenkt jedoch davon ab, das Leben wirklich zu leben und dort, wo möglich, die Dinge zu ändern.

Mit Verlaub, auch das ist Unsinn.

Frankl gibt stets zu verstehen, dass am Ende des Tages nur die Handlung steht. Gerade das Spiel, in der eigenen tiefen Psyche herumzugründeln und viel Zeit mit der Hyperreflexion des Gewesenen zu verbringen – manchmal halt 80, 150 oder auch 300 Stunden Analyse – dreht die Aussage des Autors geradewegs um: Psycho-Analyse wird zur Ersatzstrategie.

Frankl: ‚Kennzeichnet es doch den spezifischen Modus des neurotischen Daseins, dass es der Mensch selbst ist, dass es seinen eigenen inneren Zustände sind, was sein Interesse gewinnt, während in gleichem Maße die Welt und die Gegenstände in ihr zurücktreten [Hervorh. d.V.].“  Genau: Der Mensch soll sich gerade mit den Themen befassen, die außerhalb von ihm liegen, er soll sich quasi selbst vergessen [Selbsttranszendenz meint bei Frankl Selbstvergessenheit]. Nur: das, womit er sich befasst, muss sinnvoll sein und nicht nur zweckdienlich. Und damit der Mensch weiß, dass etwas voller Sinn ist, gilt es, ihn mit Abgleich des eigenen, sich bewusst gemachten Wertesystems zu suchen. Dieses Vorgehen – nennen Sie, Kollege Thomashoff, es gerne Strategie – wir nennen es Not-Wendigkeit.

  • Hintergrund ist die Frage nach dem Warum, sie beherrscht unser Denken. Die Suche nach einer Erklärung aktiviert unser Motivationszentrum.

Genau, da stimme ich Ihnen gerne zu. Wenn der Mensch nach dem Warum fragt, kommt er in der Vergangenheit an. Und so er dort etwas findet, vielleicht eine Ressource, ein verborgenes Talent o.ä., das er aktivieren kann, dann fühlt sich das womöglich für ihn gut an. Da aber die Warum-Frage dazu einlädt, ihr immer weiter zu folgen und leider viele Menschen bereit sind, sich für ein immer mehr ‚Warum‘ entsprechend Rat und Begleitung von außen zu holen und dann bei allen Bemühungen um eine Antwort irgendwann frustriert sind, weil sie sie eben doch nicht gefunden haben, ist eines für uns ganz klar:

Mit ‚Warum‘ kommt der Mensch nicht ins HANDELN. ‚Warum‘ beherrscht – wie Sie sagen – das DENKEN. Und weil das Frankl schon vor 100 Jahren wusste, geht die Logotherapie den Weg, mit dem Menschen eine Antwort auf das ‚Wofür‘ zu finden. Mit ‚wofür‘ entscheidet sich ein Mensch. Und wofür entscheidet er sich im Kern? Er entscheidet, wer er im nächsten Moment sein will. Fredmund Malik dazu: „Es ist das Beste, was je zur Frage von Motivation gesagt wurde. Ja, ich halte Frankls Sinn-Theorie für die richtige Motivationslehre schlechthin.“

  • Immer wenn es in der Wirklichkeit mies läuft, kann der wahre oder vermeintliche Sinn darüber hinweghelfen.

Nein, Herr Kollege, aber danke für Ihre Ironie. Wir sehen das ganz anders: Wenn der Sinn [der nie wahr oder vermeintlich ist] im Leben gefunden ist, dann läuft die Wirklichkeit nicht mies. Denn wer ein Wofür im Leben hat, der erträgt fast jedes Wie. Und dieses Wofür kann dem Menschen niemand machen: keine Sucht, keine Unternehmensvision, keine Kirche, kein Therapeut, auch nicht Ihre Bücher oder meine oder Frankls. Dieses Wofür wartet jederzeit auf jeden Menschen, denn die Frage lautet nicht: Was kann mir mein Leben bieten, damit ich mich zufrieden fühle? Sondern: Auf welche Frage meines Lebens bin ich die Antwort, die ich mit meiner Freiheit verantworte? Und – vielleicht stimmen Sie zu – diese Frage kann nur der einzelne Mensch finden und beantworten.

Ich wünsche Ihnen zumindest von Herzen, dass es Ihnen gelingen möge, nie einem vermeintlichen Sinn aufzusitzen. Das wirkliche, von freudianischen Altlasten abgespeckte, verstehende Lesen der Literatur von Frankl kann dazu ein Beitrag sein.

Zehn Thesen zur Person

Das Menschenbild der Sinntheorie wurde durch Viktor Frankl in zehn Thesen zur Person verdichtet. Die Thesen lauten:

  1. Die Person ist ein Individuum: die Person ist etwas Unteilbares — sie lässt sich nicht weiter unterteilen, nicht aufspalten, und zwar deshalb nicht, weil sie Einheit ist.
  1. Die Person ist nicht nur in-dividuum, sondern auch in-summabile; d. h. sie ist nicht nur unteilbar, sondern auch nicht verschmelzbar, und dies ist sie deswegen, weil sie nicht nur Einheit, sondern auch Ganzheit ist.
  1. Jede einzelne Person ist ein absolutes Novum. Mit jedem Menschen, der zur Welt kommt, wird ein absolutes Novum ins Sein gesetzt, zur Wirklichkeit gebracht.
  1. Die Person ist geistig. Und so steht die geistige Person in Gegen­satz zum psychophysischen Organismus.
  1. Die Person ist existentiell und nicht faktisch. Der Mensch, als Person, ist kein faktisches, sondern ein fakultatives Wesen; er existiert als je seine eigene Möglichkeit, für oder gegen die er sich entscheiden kann.
  1. Die Person ist ichhaft, also nicht eshaft [im Sinne triebhaft]: sie steht nicht unter dem Diktat des Es.
  1. Die Person ist nicht nur Einheit und Ganzheit, sondern die Person stiftet auch Einheit und Ganz­heit: sie stiftet die leiblich-seelisch-geistige Einheit und Ganzheit, die das Wesen ‚Mensch‘ dar­stellt.
  1. Die Person ist dynamisch. Eben dadurch, dass sie sich vom Psychophysikum zu distanzieren und abzuwenden vermag, tritt das Geistige überhaupt erst in Erscheinung. Da sie dynamisch ist, dürfen wir die geistige Person nicht als Gegenstand betrachten, und darum können wir sie auch nicht als Substanz – zumindest nicht als Substanz im herkömmlichen Sinne – qualifizieren.
  1. Das Tier ist schon deshalb keine Person, weil es sich nicht über sich selbst stellen, sich gegenüber­zustellen imstande ist. Darum hat das Tier auch nicht das Korrelat zur Person, hat es auch keine Welt, sondern nur Umwelt.
  1. Die Person begreift sich selbst nicht anders denn von der Transzendenz her. Er ist auch nur Mensch in dem Maße, als er sich von der Transzendenz her versteht, — er ist auch nur Person in dem Maße, als er von ihr her personiert wird: durchtönt und durchklun­gen vom Anruf der Transzendenz. Diesen Anruf der Transzendenz hört er ab im Gewissen.

Die geistige Dimension des Menschen – II

Der Arzt Frankl bringt es auf den Punkt: „Wir wissen nicht, woher … der personale Geist zum organismischen Leib-Seelischen hinzukommt; aber eines ist gewiss, aus den Chromosomen geht er keinesfalls hervor“ … „die geistige Person … ist wesentlich ein In-dividuum und In-summabile;
sie ist wesentlich unteilbar und unverschmelzbar und kann als solche niemals aus Teilbarem und Verschmelzbarem hervorgehen …“

„Das Kind ist wohl Fleisch vom Fleische seiner Eltern, aber nicht Geist von ihrem Geiste. Immer ist es nur ein ‚leibliches‘ Kind – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: im physiologischen Wortsinn; in metaphysischem Sinn hingegen ist eigentlich jedes Kind – Adoptivkind. Wir adoptieren es in die Welt, ins Sein hinein.“

Der Mensch hat Geist und er ist geistiges Wesen – dieses Haben und Sein bündelt der Begriff ‚Logos‘. Das subjektiv Geistige meint die Person, die durch Verwirklichung ihrer Werte den Sinn im Leben findet. Das objektiv Geistige meint den per se gegebenen Sinn, auf den sich der Mensch in Freiheit und Verantwortung auszurichten vermag. Dass der Mensch in seiner geistigen Dimension ‚weltoffen‘ ist, heißt für Frankl, dass er „eigentlich oder zumindest ursprünglich über sich selbst hinaus nach etwas langt, dass nicht wieder er selbst ist, nämlich entweder nach einem Sinn, den zu erfüllen es gilt, oder nach einem Sein, dem zu begegnen oder zu lieben es gilt.“

Für Menschen in unerträglichen Situationen ist es tröstlich zu wissen, dass sie durchaus ihren ‚Verstand verlieren‘ dürfen, denn diese psychische Reaktion ist normal in der Begegnung einer anormalen Situation. Würden sie ihn nicht verlieren, dann hätten sie keinen.
Das Geistige jedoch ist niemals verloren, im Gegenteil, mit dem Geistigen gewinnt sich der Mensch zurück und vermag sogar, aus dem tiefsten Abgrund ‚triumphierend‘ hervorzugehen.

Die besondere Stellung der geistigen Dimension führt so in der Begleitung krisenbelasteter Menschen zu einer Arbeitshaltung, die die Betroffenen zuweilen selbst erstaunt. Ist die psychische
und/oder physische Dimension zwar ver- oder gestört, so gilt die geistige Person per se als nicht zerstörbar, sie ist stets gesund. Der Mensch in einer Krise hat daher womöglich starke psychische und körperliche Beeinträchtigungen, niemals jedoch geistige. Diese grundsätzliche, jedem Menschen gegebene Resilienz ist letztlich die Quelle der Bewältigung einer Krise.

Die geistige Dimension des Menschen – I

Der Mensch hat mehr als Körper und Psyche. Für Viktor Frankl ist die Geistigkeit, die geistige Dimension das ‚spezifisch Menschliche‘, die Eigentlichkeit des Menschen. Erst die geistige Dimension ermöglicht es dem Menschen, sich von sich selbst zu distanzieren, Abstand zu gewinnen – zum Beispiel von belastenden Glaubenssätzen, Verstimmungen, Ängsten, Zwängen.

War der Philisoph Max Scheler noch der Ansicht, der Geist sei dem Psychischen und Physischen als Instanz entgegengesetzt, überwindet Frankl diesen Dualismus, indem er Physis, Psyche und Nous [= Logos, das Geistige] nicht als Kategorien, sondern als Dimensionen versteht. Diese Haltung – man würde sie wohl heute ganzheitlich nennen –, den Menschen ‚frei zu sprechen‘ von seiner in anderen Psychologien festgeschriebenen Abhängigkeit vom Psychischen und Körperlichen, führt Frankl zu der Aussage, dass man dem Menschen wieder ‚Mut zum Geist‘ machen muss. Man muss ihm klarmachen, dass er Geist hat und dass er ein geistiges Wesen ist, sei er auch noch so schwer durch erschütternde, brisante Situationen belastet.

Mut zum Geist zu haben meint, die endliche und relative Freiheit zu nutzen, den gegebenen Bedingungen der Herkunft, der Kultur, der Zeit, der bisherigen Entwicklung des eigenen Bewusstseins, der Umwelt zu trotzen. Der Mensch hat diese Selbstbestimmungsfähigkeit, seine Eigentlichkeit ist die Freiheit, er ist ‚un-bedingt‘. Mut zum Geist zu haben meint für Frankl aber auch anzuerkennen, nicht zu wissen, woher der entscheidende Impuls kommt. Im aristotelischen Sinn sagt er: Der Geist kommt ‚zur Tür herein‘ oder wie Blaise Pascal es formulierte, „der Mensch ist sich selbst das rätselhafteste Ding der Natur, denn er kann nicht begreifen, was Körper und noch weniger, was Geist ist und am wenigsten von allem, wie ein Körper mit einem Geist vereint sein könnte. Das ist der Gipfel aller Schwierigkeiten, und indessen ist es unser eigenes Wesen. Wie Geist mit Körper zusammenhängt, kann von Menschen nicht begriffen werden; und doch besteht in eben diesem Zusammenhang der Mensch.“

Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

Mit dieser Frage kommt er irgendwann auf eine inhaltliche Zuspitzung: der Gesprächsprozess in Logotherapie oder sinnzentriertem Coaching.

Mit diesem Perspektivenwechsel begleite ich meine Klienten und Patienten hin zu einer für sie lebenswesentlichen Aussage: ‚Welchen Beitrag leiste ich dadurch, dass ich auf eine Frage meines Lebens die Antwort bin?‘

Nun beginnt das Denken und Grübeln und immer wieder verheddern sich die Gedanken in einem ‚was mache ich‘ oder einem ‚warum mache ich was‘. Diese Fragen jedoch führen zu Antworten des Lebenszwecks, zu etwas im Leben Wichtigen. Und so landet man dann oft bei Positionsbeschreibungen, Aufgaben, Rollenbezeichnungen oder Erwartungen anderer. Manchmal auch zu besonderen Fähigkeiten oder Kompetenzen, die man zeigt oder erworben hat. Nur: Ohne ein ‚Wofür‘ ist jede Kompetenz nicht mehr als ein biografisches Lebenssteinchen. Ohne ein ‚Wozu ist es gut, dass ich diese Kompetenz einsetze‘, bleibt sie nur ein Teil des Egos.

Welche Frage stellt Ihnen Ihr Leben gerade jetzt [wieder]?
Und sind [nicht haben] Sie die Antwort auf diese Frage?