Kategorie-Archiv: Sinnzentrierte Psychotherapie

Wertekrisen und Sinnfindung

Nicht nur schwere körperliche und psychische Erkrankungen, sondern auch Schicksalsschläge, die nicht in einer Krankheit bestehen, gehören zum Arbeitsfeld der Logotherapie. Es geht in solchen Lebenssituationen meist um einen großen Wertverlust:

  • eine Freundschaft, eine Partnerschaft zerbricht,
  • eine Ehe wird geschieden,
  • ein Arbeitsplatz muß aufgegeben und ein materieller Verlust hingenommen werden,
  • eine große Enttäuschung muß aufgearbeitet werden,
  • der Tod oder die schwere Erkrankung einer nahestehenden Person müssen akzeptiert werden,
  • ein nicht wieder gutzumachender Fehler lastet auf der Person

Die so entstehende existentielle Erschütterung wirkt sich aus im Psychischen und-oder im Somati­schen, z.B. so, dass jemand so traurig ist [psychoreaktive De­pression] und dass er nichts mehr essen kann [psychosomatische Reaktion]. Die geis­tige Frustration liefert dann den Grund zum Traurigsein; das Traurigsein ist eine emotionale [psychische] Verstimmung, die sich ihrerseits auf den Eßvorgang, also ins Körperliche [Somatische] hinein auswirkt.

Der Wertverlust ist der Grund der geistigen Frustration und eine logotherapeuti­sche Hilfe wird sich auf das Thema Wert und Werte konzen­trieren, genaugenommen auf die Frage, wie sich die Person zu diesem oder jenem Wertverlust einstellt. Es gilt, dem Menschen nahezubringen, dass sie durch die Art und Weise, wie sie sich zum Wertverlust innerlich einstellt, ihn aushält und akzeptie­rt, wiederum neue Werte in ihr Leben hineinschaffen kann –  neue Werte, die den erlittenen Wertverlust auf einer ,höheren Ebene‘ ausgleichen.

Als Therapeut steht man hier oft vor dem Phänomen, dass man eher die Möglichkeit des Sinnvollen im Leid bei der betroffenen Person ’sieht‘ als der Leidende selbst. Ein leidender Mensch wird ein Stück weit werteblind, er zweifelt an sich und bezweifelt nicht das Leid [diese Perspektive wechseln zu helfen, gehört mit ins Spektrum der logotherapeutischen Arbeit]. Der vom Werteverlust betroffene Mensch braucht einen geschützten Raum, in dem er die Chancen ausloten kann, die ihm jenseits des Leides verblieben sind. Es geht um die Rettung des – gar nicht so selten sehr großen – Rests, ohne mit dem Rest das Verlorene ersetzen zu wollen. Diesem ‚guten Rest‘ die Aufmerksamkeit zu spenden führt zu einer spürbaren Änderung im Verhalten: Grübeleien über Unabänderliches wird reduziert, Selbstvorwürfe und Selbstmitleid schwinden, Hilflosigkeit und Machtlosigkeit werden gewendet in progressives Handeln.

Krankheitskrisen und Sinnfindung

Wenn wir Menschen in unserer Praxis begrüßen, die über ein unabänderliches körperli­ches Leiden berichten, folgen wir dem sinntherapeutischen Prinzip, nicht als Therapeut eine seelische Krankheit zu behandeln, sondern als Mensch einen anderen Menschen therapeutisch zu unterstützen, der eine Erkrankung hat. Dem körperlich Erkrankten wird geistiger Halt vermittelt, der ihn vor Verzweiflung bewahrt, sein Gemüt stärkt und positive Gefühle heraufreguliert, um ihm über diese grundsätzliche Verbesserung zu ermöglichen, Sinn zu finden trotz körperlicher und psychischer Last. 

Mütter ahnen diese Zusammenhänge instinktiv und lesen zum Beispiel ihren kranken Kindern lustige Geschichten vor, um sie bei Laune zu halten. Im Erwach­senendasein bleibt die Affektlage im Prinzip jedoch nur dann positiv, wenn der Erkrankte seine Existenz trotz der Krankheit als sinnvoll erlebt. Ein Indiz dafür, dass ein Mensch dies tut, lässt sich erkennen, wenn der betroffene Mensch den Humor nicht verliert. Wie oft erleben wir es, dass uns unsere Gesprächspartner mit einem frechen Witz oder munteren Anekdoten zum Lachen bringen, und das, obwohl es ihnen schwer ums Herz ist. Was sich in solchen Situationen Bahn bricht ist das, was wir ‚geistige Dimension‘ nennen.

Anders als in vielen Denktraditionen, die den Menschen reduzieren auf Körper und Psyche und geistige Prozesse ihrerseits noch einmal reduzieren auf Gehirnaktivitäten (und diese dann wiederum als Körperliches und/oder Psychisches interpretieren), sieht die Logotherapie den Menschen ausgestattet mit einer dritten Dimension, mit der des Geistes. Diese Dimension wird nicht vererbt, sie ist anders als das mit der Zeugung übertragene psychophysisch-genetische Substrat, die absolut einzigartig-originäre Potenz, mit der ein Mensch als Person sich ihrer körperlichen und psychischen Grundlagen bedient, um ihr Leben auf ihre Art zu gestalten.

Will man wissenschaftlich nachweisen, dass es eine solche dritte Dimension gibt, dann braucht es eine besondere Konstellation einer menschlichen Lebenssituation. Mit dem 1966 geborenen Iren Christopher Nolan, der seit seiner Geburt spastisch gelähmt und völlig stumm ist, ist eine solche Lebenssituation gegeben. Nolan ist nicht in der Lage, einfachste, verlässlich abrufbare Bewegungen durchzuführen. Mittels eines am Kopf befestigten Stabes versucht er durch Nicken, die Tasten der Schreibmaschine zu treffen und dies erschwert durch Krämpfe und Verspannungen, die ihm alle  Willenskraft abfordert, will er einem ihm wichtigen Gedanken festhalten.

Mit seinem autobiographischen Roman „Unter dem Auge der Uhr“ erzählt er die Geschichte einer Behinderung eines Mannes, der nie einen Dialog geführt hat, der seine Sprache nie zuvor erproben konnte, dessen Weltwahrnehmung einzig auf Hören und Sehen reduziert ist. Reduzierten wir diese Person auf seine körperliche [extrem behinderte] Dimension oder auf seine durch Ängste, Schmerz und Leid geprägte psychische Dimension, bliebe nichts weiter als ein Opfer der Umstände, als ein Mensch mit hartem Schicksal.  Die freie geistige Stellungnahme und Leistung, die ihm trotz körperlicher Behinderung und seelischer Frustration sogar zu einem angesehenen Literaturpreis verhalf, enthüllt eine Haltung, die von keinerlei äußeren oder inneren Ursachen mehr ableitbar ist, sondern in der Freiheit des Menschen schlechthin gründet. Die geistige Freiheit des Menschen ist es, die es ihm ermöglichte, in der Behinderung, trotz der Behinderung und durch sie hindurch seinem Leben einen Sinn abzuringen.

Geistiges steht daher für unsere therapeutische Arbeit über dem körperlich-organischen Geschehen. Die Trotzmacht des Geistes, wie Viktor Frankl diese besondere Dimension nennt, wirkt selbst dann, wenn Körper und Psyché jegliche Wirkungsbereitschaft von Außen und oberflächlich betrachtet unmöglich erscheinen lassen.

Es gibt eine freie Stellungnahme, die sich freilich im Rahmen des individuell Mögli­chen vollzieht. Was einem möglich ist, ist dem anderen nicht möglich, denn jeder ist eben auf seine Weise Individuum, aber jeder kann unter seinen Möglichkeiten sich für diejenigen entscheiden, die für ihn, gemäß seiner Situation, am sinnvollsten sind.

Zu Ende gedacht bedeutet dies: Ist der psychophysische Organismus — das Instrument der geistigen Person — schwer krank oder behindert, kann sich die geistige Person nicht (oder kaum oder nur sehr schwach) ausdrücken, aber sie ist unversehrt da. Denn: Die geistige Person kann nicht erkranken, sie ist jenseits von Krankheit und Tod [Frankl]. In ihr ist die Würde des Menschen begründet. Eine Erkrankung kommt nur an den psychophysischen Organismus heran und eine medizinische Behand­lung richtet sich primär auf die ‚Reparatur‘ dieses kranken Organismus. Die Trotzmacht des Geistes anzusprechen, ist nun die Aufgabe der Logotherapie. Sie rückt das Erhaltene ins Zentrum der therapeutischen Begleitung und verhilft dem Menschen zu erkennen, was  ihm noch offensteht und welche Aufgabe des Lebens mit diesem Unversehrten zu erfüllen gilt. Christopher Nolan hat diese Aufgabe angenommen und wenn man ein wenig um sich herumschaut, dann weiß man: nicht nur er ….

Symbiose und Krise

Krise, so haben wir in der Krisenpraxis mehrfach ausgeführt, meint ‚entscheidende Wendung‘. Und unter einer Symbiose [griech.: syn = gemeinsam; bios = leben] versteht man eine Form des Zusammenlebens. Biologisch betrachtet meint Symbiose, dass Lebewesen sich gegenseitig zu ihrem jeweiligen Vorteil in ihren Lebensnotwendigkeiten unterstützen. So betrachtet wird ‚Leben‘ zu einer mehr oder weniger starken Abhängigkeit von anderen Leben. Leben vermag es, anderes Leben zu ermöglichen, so dass es sich gegenseitig entwickeln und wachsen kann. Aus entwicklungspsychologischer Sicht kann Symbiose als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Nähe und Zugehörigkeit verstanden werden, sei es zur Familie, einer Gruppe, einem Volk.

Zugehörigkeit zu verlieren, löst Angst aus. Ihr Ur-Sprung liegt in der Angst des Säuglings, eine Loslösung von seiner Mutter zu erfahren. Die Abhängigkeit zu ihr und der von ihr ausgehenden körperlichen und seelischen Versorgung sichert das Überleben, ein – in unserem Verständnis – Überleben hin zum eigenen Leben. Das eigene Leben als Folge vorangegangener Loslösung gewisser Zugehörigkeiten zu verstehen, ermöglicht einen Blick auf eine Seite eines Phänomens, das zu beobachten ist, wenn die ‚Loslösung‘ misslingt: das Phänomen des Symbiosetraumas.

Franz Ruppert, auf dessen Forschung der Begriff zurückgeht, fokussiert dabei einen anderen Aspekt: Wenn die gesunde Autonomieentwicklung des Kindes durch Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, durch unsichere oder nicht gelungene Bindungsversuche der Eltern, durch Erfahrungen von Verlust oder Trennung, durch körperliche oder psychische Erkrankungen der Eltern oder durch Co-Abhängigkeiten, Vernachlässigung, Missbrauchs- und Gewalterfahrung vom Elternsystem ausgehend erschwert werden und die Befriedigung der Liebesbedürfnisse des Kindes darunter leidet, dann begünstigt dies die Entwicklung eines derartigen Traumas.

Die tiefenpsychologische Sichtweise sieht nun ein Kind vor sich, das eine innere Unsicherheit empfindet, weil es über einen unzureichenden Spielraum verfügt, um ein Selbstverständnis für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, resp. um natürliche Begrenzungen zu erfahren. Als ‚psycho-logische‘ Folge kann sich das Kind nur schwer von seinem/n Eltern[teil] lösen und weiter in der Folge selbst als Erwachsener sich noch emotional von den Stimmungen und Befindlichkeiten der eigenen Eltern abhängig fühlen.

Ohne in Frage stellen zu wollen, dass die vorgeburtliche und frühkindliche Bindung insbesondere zur Mutter [natürlich aber auch zum Vater] und deren psychische wie körperliche Verfassung auf das Kind Einfluss nehmen und ohne zu bezweifeln, dass unbefriedigte emotionale Bedürfnisse des Kindes bei ihm zu negativen, Stress auslösenden Empfindungen führen können, so sei auf die sinntheoretisch, logotherapeutische Perspektive hingewiesen. Dass nämlich der [spätestens] erwachsene Mensch jederzeit frei und verantwortlich ist, zu entscheiden, ob er sich weiterhin als in dieser Weise reduziert und abhängig erleben oder ob er sich seinem ‚trotz allem‘ gesunden Geisteskern zuwenden will, der stets unbeschadet bleibt – selbst dann, wenn die Psyche eingedenk der gemachten Erfahrungen bestrebt ist, mit ihren mühevollen und oftmals vergeblichen Verarbeitungsprozessen die ‚Oberhand‘ zu gewinnen.

Es lässt sich nur schwer ermessen, welche Anstrengungen die kindliche Psyche unternimmt, wenn eine ihrerseits in ihrer eigenen Kindheit symbiotisch unterversorgte Mutter nun ihr Kind unterversorgt und das Kind seinerseits nur überleben kann, wenn es seiner Mutter folgt und seinen traumatisierten und von Existenzangst geprägten Anteil ebenso abspaltet wie es die Mutter tat. Die Bandbreite der Interpretationen ist groß. Der Psychoanalytiker Arno Grün geht zum Beispiel davon aus, dass Kinder, die nicht um ihrer Selbstwillen geliebt werden, ihr eigentliches Selbst verraten müssen und sich zu angepassten, sich unterordnenden Menschen entwickeln. Da wir – so seine Ansicht – abhängig sind von unseren Eltern, übernehmen wir deren Wertesystem mit der Folge: „Ich werde so, wie du mich haben willst, damit du für mich sorgst.“

Diametral dazu unsere Haltung aus der Logotherapie: Verhält sich der Mensch symbiotisch entlang des Wertesystems seiner Eltern[teile], so erodiert dadurch sein eigenes Wertesystem ohne jedoch verloren zu gehen. Es zu revitalisieren und damit der traumatischen Einwirkung zu entziehen, vermag der Mensch dann, wenn er im beschriebenen Kontext die Haltung einnimmt: „Wenn ich mich einzig so nehme, wie ich symbiotisch traumatisiert bin, dann mache ich mich schlechter. Wenn ich mich aber so nehme, wie ich selbst sein soll, dann verhelfe ich mir dazu, der zu werden, der ich werden kann.“ [frei nach Frankl, der seinerseits in einem solch freien Verständnis auf einen Satz von Goethe verweist].

Diese Haltung einzunehmen ist aus einem naheliegenden Grund zweckdienlich: Da die einmal vom Kind übernommenen Traumainhalte keine Zuordnung in der eigenen Biographie finden [vielmehr gehören sie ja originär zur Biografie des Elternteils], ist das Erleben dieser Fremdgefühle für den Jugendlichen oder Erwachsenen extrem verwirrend. Bei einem Symbiosetrauma sind die eigenen Gefühle wie abgespalten, man erlebt sich deutlich fremdbestimmt. Wird der Person bewusst, dass sie sich in der Biografie des Elternteils verstrickt hat, so kann die Person versuchen, sich diese Verstrickungsdynamik bewusst zu machen. Eine dies unterstützende Therapie bleibt dabei vergangenheitsorientiert und fokussiert auf das jeweilige Elternteil mit deren Psychodynamik. Eine solche Perspektive nimmt die Logotherapie nicht ein. Im Kern anerkennt sie was ist [auch das bisherige Leid], verhilft dem Patienten dann jedoch zu, sich vorrangig seiner eigenen Werte und der sich aus ihnen ableitbaren Einstellungen, Haltungen, Motive und Verhaltensweisen bewusst zu werden. Diese Arbeitsschritte dienen dazu, dem derart logotherapeutisch begleiteten Menschen zu ermöglichen, seinerseits nun jedoch konstruktiv-wertebewusst symbiotische Beziehungen eingehen zu können.

Die Kunst, sich selbst zu leben

Wie Sie es auch nennen wollen, ob Lebenskunst, techné, ars vitae oder ars vivendi – allemal meint Lebenskunst ein wertebewusst geführtes Leben und damit die Kunst, in einer Beziehung zum eigenen Selbst zu stehen und zu wissen, wie man mit sich selbst umgeht.

Aber es mutet schon seltsam an, wenn man sich fragt, wie man zu sich selbst in Beziehung steht. Braucht es nicht immer mindestens zwei in einer Beziehung? In der psychologischen Tradition findet sich oftmals das Tandem „Ich“ und „Selbst“, manchmal auch das „Denkende Ich“ und das „Fühlende Selbst“. In der von uns vertretenen Sinntheorie sehen wir auch das „Original des Selbst im Kind“ und den „Typus des Ich im Erwachsenen“. Das Selbst ist für uns mit Geburt gegeben. Frankl: „Der Mensch ist mit Geburt Person.“ Wenn er mit Geburt Person [per-sonare: durchtönen] ist, was tönt dann durch? Das dem neugeborenen Kind Selbstverständliche, sein Original – letztlich die sich in seinem Verhalten originär zeigenden Werte.

Über die Zeit seiner Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen macht der Mensch eine Werte-Entwicklung durch. Er erfährt Erosionen seiner originären Werte, weil Eltern und Umwelt andere für angemessener erachten. Nach und nach kann so der Mensch die Beziehung zu sich selbst verlieren. Empfindet dies der Mensch, so äußert sich dies oft im Wunsch, wieder ’selbst-ständig‘ werden zu wollen. Ständig dem eigenen Selbst zu entsprechen bedingt, sich der originären Werte und ihrer Entwicklung bewusst zu werden. Dies nennen wir „Selbstbewusstheit“.

Das bewusst gemachte Selbst spendet dem ‚Ich‘ Orientierung. Es ermöglicht dem Ich eine besondere Form der Freiheit, nämlich die Freiheit, sich für etwas oder jemanden hinzugeben, der man gerade nicht selbst ist. Ist sich das Selbst seiner ’sicher‘, ist es sich ‚vertraut‘, dann ist das Fundament gelegt, in der Welt das sehen zu können, was wir in der Logotherapie unter ‚Sinn‘ verstehen. Will ein Mensch diese besondere Form der Freiheit erlangen, dann ist die Bedingung, an das ‚Ich‘, dass es lernt, wie das ‚Selbst‘ das Leben bisher geführt hat und was sich das ‚Selbst‘-verständlich machen muss, um notwendige Veränderungen im Leben einleiten zu können.

Warum kein Therapeut der Welt einem diese Arbeit ‚abnehmen‘ kann:

  • Selbst ist alles, was unweigerlich nicht Sache eines anderen ist. Selbstaufklärung können andere Menschen für einen selbst nicht leisten.
  • Selbst dann, wenn man von sich selbst absehen will, braucht es dieses ‚Selbst‘. Das, was zur ‚Selbst-Distanzierung‘ beiträgt, ist das ‚Ich‘. An das ‚Ich‘ wendet sich der Therapeut.
  • Es ist absurd, davon auszugehen, dass ein ‚Ich‘ ohne ein ‚Selbst‘ sein kann. Und umgekehrt. Als Therapeuten unterstützen wir daher ein ‚Ich‘ darin, ‚Selbstkenntnis‘ aufzubauen.
  • Nur man selbst kann sagen, wie man zum Ich geworden ist. Und wer man im nächsten Moment geworden sein will.

Die Methode der Wahl in diesem therapeutischen Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung ist die Logotherapie oder eine auf ihr basierende Beratung.

Wirkfaktoren der Psychotherapie

Klaus Grawe, Psychotherapieforscher, hat fünf zentrale Wirkfaktoren herausgearbeitet, die eine psychotherapeutisch erfolgreiche Behandlung eines Patienten beeinflussen. Es sind:

  • Therapeutische Beziehung: Die Qualität der Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem  Klienten trägt signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei.
  • Ressourcenaktivierung: Die Eigenarten, die die Patienten in die Therapie mitbringen, werden als positive Ressource für das therapeutische Vorgehen genutzt. Das betrifft vorhandene motivationale Bereitschaften, Fähigkeiten und Interessen der Patienten.
  • Problemaktualisierung: Die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, werden unmittelbar erfahrbar. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass Therapeut und Klient reale Situationen aufsuchen, in denen die Probleme auftreten, oder dass sie durch besondere therapeutische Techniken die Probleme erlebnismäßig aktualisieren.
  • Motivationale Klärung: Die Therapie fördert mit geeigneten Maßnahmen, dass der Patient ein klareres Bewusstsein der Determinanten (Ursprünge, Hintergründe, aufrechterhaltende Faktoren) seines problematischen Erlebens und Verhaltens gewinnt.
  • Problembewältigung: Die Behandlung unterstützt den Patienten mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen (direkt oder indirekt) darin, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit seinen Problemen zu machen.

In unserer therapeutischen Arbeit orientieren wir uns an diesen klugen Maßstäben. Sei es im Therapiekonzept der Logotherapie oder im Therapiekonzept der Logotherapie mit integierten Interventionen aus der Schematherapie [Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie]

Vom Geistigen zum Psychischen

Die Seelenkunde, die Psychologie, beschreibt und erklärt menschliches Verhalten, die Entwicklung des Menschen in seinen Lebensphasen und die inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen für die Formung seines Verhaltens. Die klassische Psychotherapie hat als Prozess der Heilung der Affektseele die Aufgabe, die seelische Verfassung eines Menschen derart zu stabilisieren, so dass er freikommt von den mit seiner Erkrankung verbundenen belastenden Gedanken und Vorstellungen. Einfach gesagt – die Psychotherapie wirkt seelenheilend mit einer erhofften Wirkung auf der Verstandesebene.

Viktor E. Frankl, Arzt, Psychiater und Philosoph und Begründer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie (nach Freud und Adler) hat mit seiner Logotherapie eine neue Perspektive auf den Menschen herausgearbeitet. Wie der Begriff Logotherapie bereits andeutet, geht es Frankl um eine Heilung des Psychischen durch das Geistige. Für Frankl ist der Mensch ein nach Sinn suchendes, geistige Wesen. Sinnfindung wird so zum zentralen Thema des Heilungsprozesses, und mit ihm in der Folge auch zu einer Wirkung auf der psychischen Ebene.

Anders als die Psychologie, in der Seelisches verstandesorientiert erklärt wird, ist unsere Arbeitsform darauf ausgerichtet, die Bedeutung des Geistigen seelisch zu erklären. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch seinen Sinn verfehlt oder aber ihn entdeckt. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch um seine Belastung kreist, wenn die Gedanken zu Ängsten, Zwängen oder Selbstvorwürfen werden, weil der Sinn als verloren angesehen wird? Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn sich der Mensch nicht mehr alles von sich selbst gefallen lässt und einen Willen zum Sinn zeigt.

Neben der psychologischen Arbeit, gibt es in unserem Vorgehen daher immer auch einen ‚logopsychischen‘ Anteil. Wichtiger als ein solcher neuer Begriff ist für uns, die dahinter stehende Arbeitshaltung und -richtung zu vermitteln. Wenn wir ‚logopsychisch‘ [und nicht nur psychologisch] arbeiten, dann erzielen wir eine integrative Wirkung in der Weise, dass zuerst belastete Persönlichkeitsanteile (z.B. bestimmte Verhaltensmuster, einengende Glaubenssätze, Minderwertigkeits-Erlebnisse) von unbelasteten Anteilen gelöst werden, so dass die dem Menschen zur Verfügung stehenden Ressourcen ebenso klar hervortreten wie die Aspekte, die derzeit nicht im Lot sind.

Auf die belasteten Anteile blicken wir dann differenziert. Wie äußern sich die Belastungen, welche Symptome zeigen sie, wie treten sie auf? Wer alles gehört zum Raum der Belastung – unmittelbar und mittelbar? Wer oder was in diesem Belastungsraum wirkt mit welcher Energie auf die Person ein? Welche Gedanken gibt es bereits zu der wahrgenommenen Belastung? Welcher Teil der Belastung kann als Aspekt des ursprünglichen Selbst der Person angesehen werden, und welcher Teil repräsentiert die von der Person übernommenen realen oder gedeuteten Zuschreibungen der Umwelt? Was geschieht in den verschiedenen Systemen, in denen die Person agiert, wenn die Belastung auftritt und wenn sie nicht auftritt?

Jeder Mensch kommt sowohl „selbst“ als auch „selbst gemacht“. Die geistige Dimension des Menschen (der logos) ist in der Lage, diese Unterschiede herauszuarbeiten, wiederholende Muster zu erkennen, Bewegungen im System transparent zu machen und Störungen und Blockaden aufzulösen. Eine solche Arbeitsform macht die Logotherapie zur idealen Form individueller Krisenprävention.

Die Therapie ohne Bett

Ohne diese drei großen Wiener ist die Psychologie nicht zu denken. ohne sie wäre Psychotherapie ein Fremdwort. Sigmund Freud (1856-1939) riet Menschen zu Befreiung durch Lust, Alfred Adler (1870-1937) zur Macht gegen das Empfinden der Minderwertigkeit und Viktor Frankl (1905-1997), Universitätsprofessor und Vorstand der Neurologischen Abteilung an der Wiener Poliklinik, zur Ausrichtung auf den Sinn im Leben.

An Dutzenden von Hochschulen hielt Frankl Vorträge. Er war Gastprofessor in Harvard und Dallas, Bergsteiger und Komponist eines Tangos. Seine Sinntheorie und Sinntherapie ist weltbekannt.

Seine 16 Bücher — in zwölf Sprachen einschließlich des Chinesischen übersetzt — haben Millionen-Auflage. Frankls Werk „Der Mensch auf der Suche nach Sinn“ wurde allein in den USA ein halbe Million mal verkauft und viermal zum „Buch des Jahres“ gewählt. Der Psychologie-Papst aus Harvard, Gordon Allport, der dem Buch ein Vorwort schrieb, nannte es eine „neue Brücke zwischen Amerika und Wien“. Vermutlich sind Frankls Bücher und die seiner ‚Schüler‘ die Publikationen über Psychologie, die am häufigsten auch den Weg in Bücherregale von Menschen gefunden haben, die sich an sich wenig für Psychotherapie interessieren. Frankls Menschenbild, dass der Mensch nach Sinn strebt und das Geistige des Menschen per se gesund ist, berührt den Menschen auch dann, wenn er unter keiner psychischen Erkrankung leidet.

Während Freuds Psychoanalyse um das Lustprinzip und Adlers Individualpsychologie um das Streben nach Macht zentriert war, rückt Frankls „Logotherapie“ — in Fachkreisen „dritte Wiener Schule“ genannt — den heute frustrierten „Willen zum Sinn“ in den Mittelpunkt. Laut Frankl ist das Freudsche Zeitalter der sexuellen Frustration vorbei: „Heute sind wir existentiell frustriert.“

Die existentielle Frustration wirkt sich auch auf politische und gesellschaftliche Verhältnisse aus. Entweder will der Mensch, so Frankl, „nur das, was die anderen tun: das ist dann der Konformismus der westlichen Welt; oder er tut nur das, was die anderen wollen, und das ist der Totalitarismus der östlichen Welt“.

Einen bedeutenden Grund für das „existentielle Vakuum“ sieht Frankl in der Langeweile, für die gerade Überflußgesellschaften wie wir sie in den Erste-Welt-Nationen vorfinden anfällig sind.

Sinntherapeutisches Arbeiten bedeutet nun nicht, dem Klienten oder Patienten einen Sinn zu geben. Vielmehr gilt es, den „Willen zum Sinn“ zu wecken und dafür zu sensibilisieren, „dass das Leben einen Sinn hat, gleich unter welchen Bedingungen“.

Die Funktion des Therapeuten ist daher eine rein katalytische, die Kräfte zur Sinnfindung mobilisiert. Oft ist gerade diese Mobilisierung der Grund für eine recht schnelle Gesundung der Person. Methodisch mag dies daran liegen, dass anders als in langen tiefenpsychologischen oder verhaltenstherapeutischen Prozessen weniger die Aufklärung der psychischen Ursachen von Krankheiten im Vordergrund steht, sondern auf eine aktive,verantwortliche Auseinandersetzung der Person mit seinem Beschwerdebild gesetzt wird.
Dass dieses Vorgehen gerade dort wenig Freunde findet, wo mit Krankheit Geld verdient wird, liegt auf der Hand. Dazu ein Bonmot aus den Lebzeiten des Wiener Professors: Während er in seiner Klinik von amerikanischen Psychiaterkollegen umlagert wurde, die die Logotherapie studieren wollten, entzogen ihm die österreichischen Behörden das Ausbildungsrecht für angehende Fachärzte mit der Begründung, seine Abteilung verfüge nicht über die vorgeschriebenen 20 Betten.
Tja, in der Logotherapie muss man nicht ins Bett. Man darf sitzen. Aufrecht.
 

Der große Unterschied

Als damals meine Tochter gestorben ist, fühlte ich mich auf einen Schlag leer, körperlich und im Kopf. Ich konnte nicht mehr richtig schlafen und ich achtete nicht mehr auf meine Ernährung. Das Leben war wertlos geworden, Vieles wurde mir fremd, meine Freunde, mein Mann, meine Arbeit. Die Tournee bei meinen Ärzten brachte nichts, bis mir meine Frauenärztin in meiner Krise von der Logotherapie erzählte. Zum Glück fand ich in dieser Therapie einen Weg aus meinem tiefen Tal. Meine Tochter kommt nicht wieder, und das ist sehr traurig. Aber ich habe für mich erkannt, welchen Unterschied es für mich macht, Sinn im Leben oder Sinn in der Rolle der Mutter zu finden. Die Unterschied kann ich jetzt fühlen, und das war für mich der Schlüssel aus der Krise. [Eine Patientin, 43 Jahre]

Viktor Emil Frankl fand bei seinen Lehrern Freud und Adler nicht das, was für ihn als das eigentliche Anliegen einer Therapie galt – dem Menschen zu helfen, Sinn im Leben zu erkennen und zu entfalten. Als Arzt und Philosoph wurde er in seinen Gedanken von Persönlichkeiten wie Scheler, Jaspers und Heidegger beeinflusst, die alle auf ihre Weise betonten, dass sich der Mensch mit seiner inneren Freiheit trotz gewisser Bedingungen seiner Lebensumstände auf Sinn ausrichten kann. Selbst dann, wenn das Grauen unermesslich erscheint.

In vielen Ländern der Erde ist Frankls Logotherapie institutionell etabliert und anerkannt. In Deutschland steht dem die Zusammensetzung der Psychotherapeutenkammer im Weg, ein Gremium, in dem insbesondere Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeuten darüber ‚wachen‘, was aus psychologischer Sicht dem Menschen helfen kann und was nicht. Vielleicht hat dies mit dazu beigetragen, dass es bislang nur circa 200 Therapeuten in Deutschland gibt, die ihre Praxis ausschließlich auf das Feld der Logotherapie ausrichten. Viele andere Therapeuten sehen die Logotherapie hingegen als ergänzendes ‚Schmankerl‘, ohne dabei einen der wesentlichen Unterschiede konzeptionell herauszuarbeiten und transparent zu machen: Der Pychotherapeut arbeitet am Psychischen, der Logotherapeut am Geistigen – und das Geistige ist nicht Teil des Psychischen. Wer über diesen Aspekt verbal hinwegschludert, entfaltet nur äußerst unzureichend die positive Kraft, die in der das Geistige fokussierenden Logotherapie gegeben ist.

Echte Logotherapie bedeutet für den Patienten Sinnarbeit. Der Therapeut kann den Sinn nicht ‚machen‘, aber er weiß, wie Menschen ihn finden können. Ohne Couch, ohne Esoterik, ohne Schnickschnack, ohne Reduktionismus.

Für Frankl war klar, der Mensch ist weit mehr als seine unbewußten Triebe, Phantasien, Begierden, Wünsche und Machtstrebungen. Jeder Mensch verfügt zudem über unbewußt Geistiges über etwas, was man ‚Lebensgewissen‘ nennen könnte, aber was sich eines genauen Begriffes entzieht. Ein Logotherapeut weiß, dass sich der Sinn im Leben gerade in Krisen oft schlagartig und ganz unerwartet im ‚richtigen‘ Moment zeigt. Sinn wird dann ‚vorgefunden‘. Der Mensch merkt dann, dass er sich diesen Sinn nicht gemacht hat, sondern eine Instanz in ihm dazu beigetragen hat, ihn zu erkennen. Ist er gefunden, endet ein Prozess, sich nach ihm zu sehnen und mit allerlei Suchen und Versuchungen zu meinen, ihn finden zu müssen. Wenn der Sinn gefunden ist, können Suche, Sucht, Sehnsucht und andere psychische, aber wirkungslose Anstrengungen weichen.

Wenn Sie also einmal einen Menschen in einer Krise erleben, dann mag es in einem passenden Moment vielleicht hilfreich sein, ihn auf die Logotherapie aufmerksam zu machen. Dies ist schon deshalb wichtig, weil die meisten Ärzte die Logotherapie nicht kennen oder wenn sie von ihr einmal gehört haben kaum in der Lage sind, sie inhaltlich zu vermitteln.

Kann man Sinn machen? – I

Als mir 1987 im Rahmen meiner Vorbereitungen auf meine Diplomarbeit zum Thema Unternehmensethik das Werk von Viktor Frankl zum ersten Mal begegnete, habe ich ihn nachweislich gelesen. Verstanden habe ich ihn damals noch nicht. Mir erschienen Begriffe wie das Geistige, die Transzendenz oder der noopsychische Antagonismus recht knorrig. Auch, dass der Sinn nicht menschengemacht sei, sondern stets außerhalb des Menschen darauf wartet, gefunden zu werden, erschien mir schon als recht psycho.

Auf die Idee, dass gerade dieses Gedankengut einmal meine eigene wissenschaftliche Basis darstellen würde, dass ich über Frankl, den Sinn, die Sinntheorie insbesondere im Krisenkontext meine Promotion ablegen würde, bin ich damals nicht gekommen. Mit der Zeit aber wuchs das Interesse daran, in die einst empfundene Ordnung im Leben mit unbequemen Fragen Unordnung zu schaffen. Als Coach und Therapeut tat ich dies ohnehin schon – nur waren die Empfänger meine Klienten. Nun aber war es eine Frage, die auf mich selbst zielte. Eine der typischen Frankl-Fragen, deren Gewicht dann deutlich wird, wenn das Staunen über sie etwas abgeklungen ist:
„Auf welche Frage meines Lebens bin ich die Antwort?“

Fragen wie diese hatten schon immer ihren Reiz für mich. Aber so konkret auf die eigene Person zielend haben sie doch etwas Riskantes. Wieso sollte mein Leben mich fragen? Welchen Platz nimmt es ein, um überhaupt fragen zu können? Wieso sollte ich eigentlich antworten sollen? Und wenn ja, was ist, wenn ich die Antwort nicht finde? Und wieso Frage und nicht Fragen? Und wieso Antwort und nicht Antworten? Welche Verantwortung übernehme ich dafür, diese eine Frage als die meines Lebens anzusehen? Woran merke ich, dass diese Frage für mich stimmt?

Fragen über Fragen und doch mit anderem Sog als zum Beispiel die Frage, warum sich Niklas Luhmann nach epischer Abhandlung seines reduktionistischen Sinnverständnisses irgendwann doch dazu hinreißen läßt, den Momenten sogenannter Emphase die Funktion zuzusprechen, Erstaunlichkeiten herzustellen. Diese Erstaunlichkeiten seien die Verstörer der Sinnlosigkeit. Nun, das aber wusste auch schon Aristoteles als er mit weniger Worten darauf hinwies, dass der ‚Sinn zur Türe herein kommt‘. Zu beweisen, dass der alte Wein in einem systemtheoretisch neuen Schlauch daherkommt, ist fraglos wichtig. Wesentlich ist es nicht.

Zurück zum Wesentlichen. Wenn sich meine Klienten in ihrer Ordnung eingerichtet haben, dann schaffen wesentliche Fragen angemessene Unordnung. Und wenn die Unordnung einen Menschen schier in Zweifel zieht, dann bringen wesentliche Antworten eine neue Ordnung, Zwischen Ordnung und Unordnung findet sich das Nachdenken über das, was erstaunt hat und woran man noch zweifelt.

Und wenn man als Philosoph nicht nur philosophiert, sondern auch therapiert, dann entdeckt man schnell, dass es Menschen gibt, bei denen zwischen Ordnung und Unordnung kein Türspalt frei ist, damit über das, was sich dort findet, gestaunt werden kann. Ohne Türspalt aber keine Frage, keine Sinnfrage. Ohne Spalt ist die Ordnung in Unordnung und die Unordnung ist in Ordnung. Die Freiheit, die darin liegt, diesen Kreislauf zu unterbrechen, erscheint unerreichbar. Sich die Frage nach dem Sinn zu stellen, erscheint sinnlos. Es gibt doch nichts mehr zu staunen. Oder doch? Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

 

[wird fortgesetzt]

Die bezeugte Angst

Gibt es ein Angst-Gedächtnis? [Wortherkunft ‚Gedächtnis‘: seit dem 9. Jahrhundert meint der Begriff ‚bezeugt‘. Hier können wir also sagen: Der Mensch bezeugt ein Erlebnis, in dem eine unbewusste Angst eingebunden ist.]

Als ‚unbewusstes Angstgedächtnis‘ des Menschen verstehen wir eine psychische Instanz, die unabhängig ist vom expliziten Gedächtnis, das Ereignisse, Situationen und Fakten speichert.

Der Genfer Arzt und Psychologe Edouard Claparède (1873-1940) behandelte eine Frau, die unter Amnesie litt. Personen oder Situationen war die Patientin nicht in der Lage zu erinnern. Auch ihr Arzt, Dr. Claparède, musste ihr stets aufs Neue sagen, wer er war. Als er während einer Visite eine Heftzwecke in seiner Hand versteckt hielt und damit seine Patienten begrüßte, erschrak diese unter deutlichem Schmerz.

EInige Tage später, verweigerte die Frau den Handschlag, ohne ihren Arzt jedoch zu erkennen. Einen Grund für ihre Angst konnte sie nicht nennen, dennoch ‚bezeugte‘ sie sie mit ihrem Verhalten. Für Claparède war klar: es muss ein zweites Gedächtnis geben, ein Angstgedächtnis.

Wissenschaftliche Untersuchungen und Studien hinsichtlich der neuronalen Verortung und medikamentösen und therapeutischen Arbeit an Ängsten gibt es seither zuhauf und eine wirkungsvolle Behandlung von Angsterkrankungen ist heute eher möglich als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Als eine präventive Methode zum Umgang mit Ängsten bietet sich die aktive Bewusstmachung von Situationen an, die im Leben Angst um Werteverlust erzeugt haben. Beispiel: Wurde man als Kind einmal eingesperrt und erlebte diese Situation als Angst auslösend, so kann man bei der Frage: Welchen Wert fühle ich heute, dass ich ihn in jener Situation nicht mehr verwirklichen konnte, vielleicht den Wert ‚Freiheit‘ nennen oder den Wert ‚Initiative‘ oder den Wert ‚Ruhe‘. Oder, wenn man vielleicht irgendwann einmal an einem Lebensmittel zu ersticken drohte, so kann dieses Erleben heute mit der Bedrohung eines Verlustes des Wertes ‚Kontrolle‘ oder des Wertes ‚Vertrauen‘ oder des Wertes ‚Sicherheit‘  in Verbindung gebracht werden.

In einer präventiven wertebasierten Angstanalyse schreiben sich unsere Patienten nach einer entsprechenden Vorbereitung eine mit Angst verbundene, erlebte Situation ‚zeugenhaft‘ in kurzen, sachlichen Sätzen auf. Dann reflektieren sie den mit dieser Situation verbundenen angenommenen Werteverlust. Dieser Wert wird im nächsten Schritt umfassend biografisch gewürdigt. Ist dies geschehen, wird mit der Person das mit dem Wert verbundene Gefühl geklärt und dessen Relevanz für das vor der Person liegende Leben erörtert. Mithilfe positiver Imaginationen wird das Wertegefühl in den Kontext der aktuellen Lebensphase gestellt, in der sich die Person befindet. Die angestrebte Wirkung besteht darin, dass die Person den einst bedroht erlebten Werteverlust gegen ein revitalisiertes Wertegefühl tauscht und – in einer Analogie zu Frankl – der Patient sich sagen kann: ‚Ich muss mir von meiner Angst doch nicht alles gefallen lassen.‘