Kategorie-Archiv: Sinnzentrierte Psychotherapie

Die logotherapeuti­sche „Übersetzung“ der Zehn Gebote lautet:

  1. Gebot: Du sollst den Bezug zur Transzendenz nicht verlieren.
  2. Gebot: Du sollst dir deine Empfänglichkeit für Werte erhalten.
  3. Gebot: Du sollst zeitweise innehalten zur Zwiesprache mit deinem Gewissen.
  4. Gebot: Du sollst deinen Eltern die Fehler, die sie an dir begangen haben, verzeihen.
  5. Gebot: Du sollst die Sinnhaftigkeit des Lebens bedingungslos bejahen.
  6. Gebot: Du sollst die Lust als Nebenwirkung eines Aktes der Liebe geschehen lassen.
  7. Gebot: Du sollst nur an dich und auf dich nehmen, was für dich gemeint ist.
  8. Gebot: Du sollst das zwischenmenschliche Leid in der Welt nicht vermehren.
  9. Gebot: Du sollst die Zusammengehörigkeit der Familie achten und bewahren.
  10. Gebot: Du sollst nicht ein Haben intendieren, sondern ein Sein.

(In: E. Lukas, Spirituelle Psychologie, München: Kösel Verlag 1998, S. 44f.)

Existenzphilosophische Betrachtung von Krisen

Haben Krisen einen Eigensinn? Manche Menschen glauben ja, sie hätten Reifeprozesse nur vollziehen können, weil sie Krisen zu überwinden hatten. Nun gut, es ist schwer gegen diese Meinung zu argumentieren, weil sie ja stets ‚ex post‘ formuliert wird. Unsere Arbeitshaltung entspricht sie nicht – im Gegenteil: wir sind davon überzeugt, dass Krisen vermieden werden können, wenn ein Mensch sich seine Werte bewusst macht und sie präventiv und szenarisch mit seinem Lebensmodell in Abgleich bringt.

Ist eine individuelle Krise jedoch erst einmal im Gange, dann hat sie immer einen bedrohlichen Charakter und verletzt das menschliche Streben nach Gleichgewicht, Harmonie, Zugehörigkeit,
Eingebundenheit, Ungestörtheit. Die Orientierung im Leben, die Kontrolle über das eigene Leben, zumindest in einem bestimmten Maß, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wird dieses Grundbedürfnis erfüllt, vermittelt das existentielle Sicherheit. Demgegenüber werden Daseinskrisen als emotionale Erschütterung empfunden und rufen zur Klärung der eigenen Existenz auf.

EIne Reihe von Krisentheoretikern ist nun der Ansicht, dass diese Klärung nur mit Krisen überhaupt zu bewerkstelligen ist. Als ein Beispiel sei genannt: „Der Mensch verwirklicht seine eigentliche Existenz nur in der Krise und nur durch die Krise. Und weil diese eigentliche Existenz nur im Prozeß und nie als Ergebnis zu erringen ist, so heißt das: Der Mensch existiert nur, sofern er in der Krise steht.“ [Bollnow] Die Idee, Krisen würden gebraucht, um als Mensch auf eine höhere existenzielle Ebene zu gelangen, mutet in unserem Empfinden als reduzierend [der Mensch ist nichts anderes als das Ergebnis seiner Krisen] und inhuman an.

Nahezu wohltuend ist hingegen die Perspektive von Kierkegaard, der Krise nicht in den Kontext von Gefahr setzt, sondern von Transformation und ‚Metamorphose’. Krise meint hier den Übergang eines psychischen in einen geistigen Zustand des Menschen. Auf psychischer Ebene erfährt der Mensch zum Beispiel Leid, er fühlt sich psychisch belastet oder sogar krank – doch durch den Übergang auf die geistige, sinnorientierte Ebene erhebt sich die Person über ihr Leid. Und dies nicht, weil in jeder Krise eine Chance steckt oder es in jeder Krise einen Sinn zu entdecken gilt, sondern weil es trotz einer Krise eine weitere Ebene gibt, auf der Sinn gefunden werden kann. Nur: Diese Ebene gibt es auch ohne Krise, weshalb wir dafür plädieren, eine persönliche Entwicklung auf geistiger Ebene einzuleiten, um über diesen Prozess in den Zustand zu kommen, ‚Herr‘ über jede Krise zu bleiben.

Die sinnzentrierte Psychotherapie [Logotherapie], hier als Daseinsprävention verstanden, ist die einzige Therapierichtung, die eine solche Entwicklung persönlicher Stabilität für schwere Zeiten substanziell ermöglicht.

Die Zukunft der Logotherapie?

„In 1948, Dr. Viktor Frankl, whom I believe was the greatest psychiatrist of the twentieth century, and the founder of Logotherapy – which means Meaning Therapy, invited us to change our way of thinking about body, mind, and soul. He suggested that we should envision this trinity as that of a personal or spiritual core encompassed by two peripheral layers: one of psyche or soul, and the other of soma. All  three layers, he said, extend through all our layers of consciousness which, later if we agree with Dr. Ken Wilber, have been created on an infrastructure of six revolutionary stages, whose energy frequencies have adapted to these changes and brought to focus the pivotal role of Memory in those functions.“

aus: Cox, R.H.: Spirituality as a working model in brief psychotherapy
Spiritual Approaches to Emotional and Behavioral Change, Springfield, 2016

Anmerkung: Ken Wilber gilt als Protagonist der Integralen Theorie. Die auf ihr aufbauende, noch in den Kinderschuhen steckende integrale Psychotherapie mag aus meiner Sicht eines Tages die sinnzentrierte Psychotherapie Viktor Frankls auf anregende Weise erweitern.

Wertekrisen und Sinnfindung

Nicht nur schwere körperliche und psychische Erkrankungen, sondern auch Schicksalsschläge, die nicht in einer Krankheit bestehen, gehören zum Arbeitsfeld der Logotherapie. Es geht in solchen Lebenssituationen meist um einen großen Wertverlust:

  • eine Freundschaft, eine Partnerschaft zerbricht,
  • eine Ehe wird geschieden,
  • ein Arbeitsplatz muß aufgegeben und ein materieller Verlust hingenommen werden,
  • eine große Enttäuschung muß aufgearbeitet werden,
  • der Tod oder die schwere Erkrankung einer nahestehenden Person müssen akzeptiert werden,
  • ein nicht wieder gutzumachender Fehler lastet auf der Person

Die so entstehende existentielle Erschütterung wirkt sich aus im Psychischen und-oder im Somati­schen, z.B. so, dass jemand so traurig ist [psychoreaktive De­pression] und dass er nichts mehr essen kann [psychosomatische Reaktion]. Die geis­tige Frustration liefert dann den Grund zum Traurigsein; das Traurigsein ist eine emotionale [psychische] Verstimmung, die sich ihrerseits auf den Eßvorgang, also ins Körperliche [Somatische] hinein auswirkt.

Der Wertverlust ist der Grund der geistigen Frustration und eine logotherapeuti­sche Hilfe wird sich auf das Thema Wert und Werte konzen­trieren, genaugenommen auf die Frage, wie sich die Person zu diesem oder jenem Wertverlust einstellt. Es gilt, dem Menschen nahezubringen, dass sie durch die Art und Weise, wie sie sich zum Wertverlust innerlich einstellt, ihn aushält und akzeptie­rt, wiederum neue Werte in ihr Leben hineinschaffen kann –  neue Werte, die den erlittenen Wertverlust auf einer ,höheren Ebene‘ ausgleichen.

Als Therapeut steht man hier oft vor dem Phänomen, dass man eher die Möglichkeit des Sinnvollen im Leid bei der betroffenen Person ’sieht‘ als der Leidende selbst. Ein leidender Mensch wird ein Stück weit werteblind, er zweifelt an sich und bezweifelt nicht das Leid [diese Perspektive wechseln zu helfen, gehört mit ins Spektrum der logotherapeutischen Arbeit]. Der vom Werteverlust betroffene Mensch braucht einen geschützten Raum, in dem er die Chancen ausloten kann, die ihm jenseits des Leides verblieben sind. Es geht um die Rettung des – gar nicht so selten sehr großen – Rests, ohne mit dem Rest das Verlorene ersetzen zu wollen. Diesem ‚guten Rest‘ die Aufmerksamkeit zu spenden führt zu einer spürbaren Änderung im Verhalten: Grübeleien über Unabänderliches wird reduziert, Selbstvorwürfe und Selbstmitleid schwinden, Hilflosigkeit und Machtlosigkeit werden gewendet in progressives Handeln.

Krankheitskrisen und Sinnfindung

Wenn wir Menschen in unserer Praxis begrüßen, die über ein unabänderliches körperli­ches Leiden berichten, folgen wir dem sinntherapeutischen Prinzip, nicht als Therapeut eine seelische Krankheit zu behandeln, sondern als Mensch einen anderen Menschen therapeutisch zu unterstützen, der eine Erkrankung hat. Dem körperlich Erkrankten wird geistiger Halt vermittelt, der ihn vor Verzweiflung bewahrt, sein Gemüt stärkt und positive Gefühle heraufreguliert, um ihm über diese grundsätzliche Verbesserung zu ermöglichen, Sinn zu finden trotz körperlicher und psychischer Last. 

Mütter ahnen diese Zusammenhänge instinktiv und lesen zum Beispiel ihren kranken Kindern lustige Geschichten vor, um sie bei Laune zu halten. Im Erwach­senendasein bleibt die Affektlage im Prinzip jedoch nur dann positiv, wenn der Erkrankte seine Existenz trotz der Krankheit als sinnvoll erlebt. Ein Indiz dafür, dass ein Mensch dies tut, lässt sich erkennen, wenn der betroffene Mensch den Humor nicht verliert. Wie oft erleben wir es, dass uns unsere Gesprächspartner mit einem frechen Witz oder munteren Anekdoten zum Lachen bringen, und das, obwohl es ihnen schwer ums Herz ist. Was sich in solchen Situationen Bahn bricht ist das, was wir ‚geistige Dimension‘ nennen.

Anders als in vielen Denktraditionen, die den Menschen reduzieren auf Körper und Psyche und geistige Prozesse ihrerseits noch einmal reduzieren auf Gehirnaktivitäten (und diese dann wiederum als Körperliches und/oder Psychisches interpretieren), sieht die Logotherapie den Menschen ausgestattet mit einer dritten Dimension, mit der des Geistes. Diese Dimension wird nicht vererbt, sie ist anders als das mit der Zeugung übertragene psychophysisch-genetische Substrat, die absolut einzigartig-originäre Potenz, mit der ein Mensch als Person sich ihrer körperlichen und psychischen Grundlagen bedient, um ihr Leben auf ihre Art zu gestalten.

Will man wissenschaftlich nachweisen, dass es eine solche dritte Dimension gibt, dann braucht es eine besondere Konstellation einer menschlichen Lebenssituation. Mit dem 1966 geborenen Iren Christopher Nolan, der seit seiner Geburt spastisch gelähmt und völlig stumm ist, ist eine solche Lebenssituation gegeben. Nolan ist nicht in der Lage, einfachste, verlässlich abrufbare Bewegungen durchzuführen. Mittels eines am Kopf befestigten Stabes versucht er durch Nicken, die Tasten der Schreibmaschine zu treffen und dies erschwert durch Krämpfe und Verspannungen, die ihm alle  Willenskraft abfordert, will er einem ihm wichtigen Gedanken festhalten.

Mit seinem autobiographischen Roman „Unter dem Auge der Uhr“ erzählt er die Geschichte einer Behinderung eines Mannes, der nie einen Dialog geführt hat, der seine Sprache nie zuvor erproben konnte, dessen Weltwahrnehmung einzig auf Hören und Sehen reduziert ist. Reduzierten wir diese Person auf seine körperliche [extrem behinderte] Dimension oder auf seine durch Ängste, Schmerz und Leid geprägte psychische Dimension, bliebe nichts weiter als ein Opfer der Umstände, als ein Mensch mit hartem Schicksal.  Die freie geistige Stellungnahme und Leistung, die ihm trotz körperlicher Behinderung und seelischer Frustration sogar zu einem angesehenen Literaturpreis verhalf, enthüllt eine Haltung, die von keinerlei äußeren oder inneren Ursachen mehr ableitbar ist, sondern in der Freiheit des Menschen schlechthin gründet. Die geistige Freiheit des Menschen ist es, die es ihm ermöglichte, in der Behinderung, trotz der Behinderung und durch sie hindurch seinem Leben einen Sinn abzuringen.

Geistiges steht daher für unsere therapeutische Arbeit über dem körperlich-organischen Geschehen. Die Trotzmacht des Geistes, wie Viktor Frankl diese besondere Dimension nennt, wirkt selbst dann, wenn Körper und Psyché jegliche Wirkungsbereitschaft von Außen und oberflächlich betrachtet unmöglich erscheinen lassen.

Es gibt eine freie Stellungnahme, die sich freilich im Rahmen des individuell Mögli­chen vollzieht. Was einem möglich ist, ist dem anderen nicht möglich, denn jeder ist eben auf seine Weise Individuum, aber jeder kann unter seinen Möglichkeiten sich für diejenigen entscheiden, die für ihn, gemäß seiner Situation, am sinnvollsten sind.

Zu Ende gedacht bedeutet dies: Ist der psychophysische Organismus — das Instrument der geistigen Person — schwer krank oder behindert, kann sich die geistige Person nicht (oder kaum oder nur sehr schwach) ausdrücken, aber sie ist unversehrt da. Denn: Die geistige Person kann nicht erkranken, sie ist jenseits von Krankheit und Tod [Frankl]. In ihr ist die Würde des Menschen begründet. Eine Erkrankung kommt nur an den psychophysischen Organismus heran und eine medizinische Behand­lung richtet sich primär auf die ‚Reparatur‘ dieses kranken Organismus. Die Trotzmacht des Geistes anzusprechen, ist nun die Aufgabe der Logotherapie. Sie rückt das Erhaltene ins Zentrum der therapeutischen Begleitung und verhilft dem Menschen zu erkennen, was  ihm noch offensteht und welche Aufgabe des Lebens mit diesem Unversehrten zu erfüllen gilt. Christopher Nolan hat diese Aufgabe angenommen und wenn man ein wenig um sich herumschaut, dann weiß man: nicht nur er ….

Symbiose und Krise

Krise, so haben wir in der Krisenpraxis mehrfach ausgeführt, meint ‚entscheidende Wendung‘. Und unter einer Symbiose [griech.: syn = gemeinsam; bios = leben] versteht man eine Form des Zusammenlebens. Biologisch betrachtet meint Symbiose, dass Lebewesen sich gegenseitig zu ihrem jeweiligen Vorteil in ihren Lebensnotwendigkeiten unterstützen. So betrachtet wird ‚Leben‘ zu einer mehr oder weniger starken Abhängigkeit von anderen Leben. Leben vermag es, anderes Leben zu ermöglichen, so dass es sich gegenseitig entwickeln und wachsen kann. Aus entwicklungspsychologischer Sicht kann Symbiose als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Nähe und Zugehörigkeit verstanden werden, sei es zur Familie, einer Gruppe, einem Volk.

Zugehörigkeit zu verlieren, löst Angst aus. Ihr Ur-Sprung liegt in der Angst des Säuglings, eine Loslösung von seiner Mutter zu erfahren. Die Abhängigkeit zu ihr und der von ihr ausgehenden körperlichen und seelischen Versorgung sichert das Überleben, ein – in unserem Verständnis – Überleben hin zum eigenen Leben. Das eigene Leben als Folge vorangegangener Loslösung gewisser Zugehörigkeiten zu verstehen, ermöglicht einen Blick auf eine Seite eines Phänomens, das zu beobachten ist, wenn die ‚Loslösung‘ misslingt: das Phänomen des Symbiosetraumas.

Franz Ruppert, auf dessen Forschung der Begriff zurückgeht, fokussiert dabei einen anderen Aspekt: Wenn die gesunde Autonomieentwicklung des Kindes durch Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, durch unsichere oder nicht gelungene Bindungsversuche der Eltern, durch Erfahrungen von Verlust oder Trennung, durch körperliche oder psychische Erkrankungen der Eltern oder durch Co-Abhängigkeiten, Vernachlässigung, Missbrauchs- und Gewalterfahrung vom Elternsystem ausgehend erschwert werden und die Befriedigung der Liebesbedürfnisse des Kindes darunter leidet, dann begünstigt dies die Entwicklung eines derartigen Traumas.

Die tiefenpsychologische Sichtweise sieht nun ein Kind vor sich, das eine innere Unsicherheit empfindet, weil es über einen unzureichenden Spielraum verfügt, um ein Selbstverständnis für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, resp. um natürliche Begrenzungen zu erfahren. Als ‚psycho-logische‘ Folge kann sich das Kind nur schwer von seinem/n Eltern[teil] lösen und weiter in der Folge selbst als Erwachsener sich noch emotional von den Stimmungen und Befindlichkeiten der eigenen Eltern abhängig fühlen.

Ohne in Frage stellen zu wollen, dass die vorgeburtliche und frühkindliche Bindung insbesondere zur Mutter [natürlich aber auch zum Vater] und deren psychische wie körperliche Verfassung auf das Kind Einfluss nehmen und ohne zu bezweifeln, dass unbefriedigte emotionale Bedürfnisse des Kindes bei ihm zu negativen, Stress auslösenden Empfindungen führen können, so sei auf die sinntheoretisch, logotherapeutische Perspektive hingewiesen. Dass nämlich der [spätestens] erwachsene Mensch jederzeit frei und verantwortlich ist, zu entscheiden, ob er sich weiterhin als in dieser Weise reduziert und abhängig erleben oder ob er sich seinem ‚trotz allem‘ gesunden Geisteskern zuwenden will, der stets unbeschadet bleibt – selbst dann, wenn die Psyche eingedenk der gemachten Erfahrungen bestrebt ist, mit ihren mühevollen und oftmals vergeblichen Verarbeitungsprozessen die ‚Oberhand‘ zu gewinnen.

Es lässt sich nur schwer ermessen, welche Anstrengungen die kindliche Psyche unternimmt, wenn eine ihrerseits in ihrer eigenen Kindheit symbiotisch unterversorgte Mutter nun ihr Kind unterversorgt und das Kind seinerseits nur überleben kann, wenn es seiner Mutter folgt und seinen traumatisierten und von Existenzangst geprägten Anteil ebenso abspaltet wie es die Mutter tat. Die Bandbreite der Interpretationen ist groß. Der Psychoanalytiker Arno Grün geht zum Beispiel davon aus, dass Kinder, die nicht um ihrer Selbstwillen geliebt werden, ihr eigentliches Selbst verraten müssen und sich zu angepassten, sich unterordnenden Menschen entwickeln. Da wir – so seine Ansicht – abhängig sind von unseren Eltern, übernehmen wir deren Wertesystem mit der Folge: „Ich werde so, wie du mich haben willst, damit du für mich sorgst.“

Diametral dazu unsere Haltung aus der Logotherapie: Verhält sich der Mensch symbiotisch entlang des Wertesystems seiner Eltern[teile], so erodiert dadurch sein eigenes Wertesystem ohne jedoch verloren zu gehen. Es zu revitalisieren und damit der traumatischen Einwirkung zu entziehen, vermag der Mensch dann, wenn er im beschriebenen Kontext die Haltung einnimmt: „Wenn ich mich einzig so nehme, wie ich symbiotisch traumatisiert bin, dann mache ich mich schlechter. Wenn ich mich aber so nehme, wie ich selbst sein soll, dann verhelfe ich mir dazu, der zu werden, der ich werden kann.“ [frei nach Frankl, der seinerseits in einem solch freien Verständnis auf einen Satz von Goethe verweist].

Diese Haltung einzunehmen ist aus einem naheliegenden Grund zweckdienlich: Da die einmal vom Kind übernommenen Traumainhalte keine Zuordnung in der eigenen Biographie finden [vielmehr gehören sie ja originär zur Biografie des Elternteils], ist das Erleben dieser Fremdgefühle für den Jugendlichen oder Erwachsenen extrem verwirrend. Bei einem Symbiosetrauma sind die eigenen Gefühle wie abgespalten, man erlebt sich deutlich fremdbestimmt. Wird der Person bewusst, dass sie sich in der Biografie des Elternteils verstrickt hat, so kann die Person versuchen, sich diese Verstrickungsdynamik bewusst zu machen. Eine dies unterstützende Therapie bleibt dabei vergangenheitsorientiert und fokussiert auf das jeweilige Elternteil mit deren Psychodynamik. Eine solche Perspektive nimmt die Logotherapie nicht ein. Im Kern anerkennt sie was ist [auch das bisherige Leid], verhilft dem Patienten dann jedoch zu, sich vorrangig seiner eigenen Werte und der sich aus ihnen ableitbaren Einstellungen, Haltungen, Motive und Verhaltensweisen bewusst zu werden. Diese Arbeitsschritte dienen dazu, dem derart logotherapeutisch begleiteten Menschen zu ermöglichen, seinerseits nun jedoch konstruktiv-wertebewusst symbiotische Beziehungen eingehen zu können.

Die Kunst, sich selbst zu leben

Wie Sie es auch nennen wollen, ob Lebenskunst, techné, ars vitae oder ars vivendi – allemal meint Lebenskunst ein wertebewusst geführtes Leben und damit die Kunst, in einer Beziehung zum eigenen Selbst zu stehen und zu wissen, wie man mit sich selbst umgeht.

Aber es mutet schon seltsam an, wenn man sich fragt, wie man zu sich selbst in Beziehung steht. Braucht es nicht immer mindestens zwei in einer Beziehung? In der psychologischen Tradition findet sich oftmals das Tandem „Ich“ und „Selbst“, manchmal auch das „Denkende Ich“ und das „Fühlende Selbst“. In der von uns vertretenen Sinntheorie sehen wir auch das „Original des Selbst im Kind“ und den „Typus des Ich im Erwachsenen“. Das Selbst ist für uns mit Geburt gegeben. Frankl: „Der Mensch ist mit Geburt Person.“ Wenn er mit Geburt Person [per-sonare: durchtönen] ist, was tönt dann durch? Das dem neugeborenen Kind Selbstverständliche, sein Original – letztlich die sich in seinem Verhalten originär zeigenden Werte.

Über die Zeit seiner Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen macht der Mensch eine Werte-Entwicklung durch. Er erfährt Erosionen seiner originären Werte, weil Eltern und Umwelt andere für angemessener erachten. Nach und nach kann so der Mensch die Beziehung zu sich selbst verlieren. Empfindet dies der Mensch, so äußert sich dies oft im Wunsch, wieder ’selbst-ständig‘ werden zu wollen. Ständig dem eigenen Selbst zu entsprechen bedingt, sich der originären Werte und ihrer Entwicklung bewusst zu werden. Dies nennen wir „Selbstbewusstheit“.

Das bewusst gemachte Selbst spendet dem ‚Ich‘ Orientierung. Es ermöglicht dem Ich eine besondere Form der Freiheit, nämlich die Freiheit, sich für etwas oder jemanden hinzugeben, der man gerade nicht selbst ist. Ist sich das Selbst seiner ’sicher‘, ist es sich ‚vertraut‘, dann ist das Fundament gelegt, in der Welt das sehen zu können, was wir in der Logotherapie unter ‚Sinn‘ verstehen. Will ein Mensch diese besondere Form der Freiheit erlangen, dann ist die Bedingung, an das ‚Ich‘, dass es lernt, wie das ‚Selbst‘ das Leben bisher geführt hat und was sich das ‚Selbst‘-verständlich machen muss, um notwendige Veränderungen im Leben einleiten zu können.

Warum kein Therapeut der Welt einem diese Arbeit ‚abnehmen‘ kann:

  • Selbst ist alles, was unweigerlich nicht Sache eines anderen ist. Selbstaufklärung können andere Menschen für einen selbst nicht leisten.
  • Selbst dann, wenn man von sich selbst absehen will, braucht es dieses ‚Selbst‘. Das, was zur ‚Selbst-Distanzierung‘ beiträgt, ist das ‚Ich‘. An das ‚Ich‘ wendet sich der Therapeut.
  • Es ist absurd, davon auszugehen, dass ein ‚Ich‘ ohne ein ‚Selbst‘ sein kann. Und umgekehrt. Als Therapeuten unterstützen wir daher ein ‚Ich‘ darin, ‚Selbstkenntnis‘ aufzubauen.
  • Nur man selbst kann sagen, wie man zum Ich geworden ist. Und wer man im nächsten Moment geworden sein will.

Die Methode der Wahl in diesem therapeutischen Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung ist die Logotherapie oder eine auf ihr basierende Beratung.

Wirkfaktoren der Psychotherapie

Klaus Grawe, Psychotherapieforscher, hat fünf zentrale Wirkfaktoren herausgearbeitet, die eine psychotherapeutisch erfolgreiche Behandlung eines Patienten beeinflussen. Es sind:

  • Therapeutische Beziehung: Die Qualität der Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem  Klienten trägt signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei.
  • Ressourcenaktivierung: Die Eigenarten, die die Patienten in die Therapie mitbringen, werden als positive Ressource für das therapeutische Vorgehen genutzt. Das betrifft vorhandene motivationale Bereitschaften, Fähigkeiten und Interessen der Patienten.
  • Problemaktualisierung: Die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, werden unmittelbar erfahrbar. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass Therapeut und Klient reale Situationen aufsuchen, in denen die Probleme auftreten, oder dass sie durch besondere therapeutische Techniken die Probleme erlebnismäßig aktualisieren.
  • Motivationale Klärung: Die Therapie fördert mit geeigneten Maßnahmen, dass der Patient ein klareres Bewusstsein der Determinanten (Ursprünge, Hintergründe, aufrechterhaltende Faktoren) seines problematischen Erlebens und Verhaltens gewinnt.
  • Problembewältigung: Die Behandlung unterstützt den Patienten mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen (direkt oder indirekt) darin, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit seinen Problemen zu machen.

In unserer therapeutischen Arbeit orientieren wir uns an diesen klugen Maßstäben. Sei es im Therapiekonzept der Logotherapie oder im Therapiekonzept der Logotherapie mit integierten Interventionen aus der Schematherapie [Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie]

Vom Geistigen zum Psychischen

Die Seelenkunde, die Psychologie, beschreibt und erklärt menschliches Verhalten, die Entwicklung des Menschen in seinen Lebensphasen und die inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen für die Formung seines Verhaltens. Die klassische Psychotherapie hat als Prozess der Heilung der Affektseele die Aufgabe, die seelische Verfassung eines Menschen derart zu stabilisieren, so dass er freikommt von den mit seiner Erkrankung verbundenen belastenden Gedanken und Vorstellungen. Einfach gesagt – die Psychotherapie wirkt seelenheilend mit einer erhofften Wirkung auf der Verstandesebene.

Viktor E. Frankl, Arzt, Psychiater und Philosoph und Begründer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie (nach Freud und Adler) hat mit seiner Logotherapie eine neue Perspektive auf den Menschen herausgearbeitet. Wie der Begriff Logotherapie bereits andeutet, geht es Frankl um eine Heilung des Psychischen durch das Geistige. Für Frankl ist der Mensch ein nach Sinn suchendes, geistige Wesen. Sinnfindung wird so zum zentralen Thema des Heilungsprozesses, und mit ihm in der Folge auch zu einer Wirkung auf der psychischen Ebene.

Anders als die Psychologie, in der Seelisches verstandesorientiert erklärt wird, ist unsere Arbeitsform darauf ausgerichtet, die Bedeutung des Geistigen seelisch zu erklären. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch seinen Sinn verfehlt oder aber ihn entdeckt. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch um seine Belastung kreist, wenn die Gedanken zu Ängsten, Zwängen oder Selbstvorwürfen werden, weil der Sinn als verloren angesehen wird? Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn sich der Mensch nicht mehr alles von sich selbst gefallen lässt und einen Willen zum Sinn zeigt.

Neben der psychologischen Arbeit, gibt es in unserem Vorgehen daher immer auch einen ‚logopsychischen‘ Anteil. Wichtiger als ein solcher neuer Begriff ist für uns, die dahinter stehende Arbeitshaltung und -richtung zu vermitteln. Wenn wir ‚logopsychisch‘ [und nicht nur psychologisch] arbeiten, dann erzielen wir eine integrative Wirkung in der Weise, dass zuerst belastete Persönlichkeitsanteile (z.B. bestimmte Verhaltensmuster, einengende Glaubenssätze, Minderwertigkeits-Erlebnisse) von unbelasteten Anteilen gelöst werden, so dass die dem Menschen zur Verfügung stehenden Ressourcen ebenso klar hervortreten wie die Aspekte, die derzeit nicht im Lot sind.

Auf die belasteten Anteile blicken wir dann differenziert. Wie äußern sich die Belastungen, welche Symptome zeigen sie, wie treten sie auf? Wer alles gehört zum Raum der Belastung – unmittelbar und mittelbar? Wer oder was in diesem Belastungsraum wirkt mit welcher Energie auf die Person ein? Welche Gedanken gibt es bereits zu der wahrgenommenen Belastung? Welcher Teil der Belastung kann als Aspekt des ursprünglichen Selbst der Person angesehen werden, und welcher Teil repräsentiert die von der Person übernommenen realen oder gedeuteten Zuschreibungen der Umwelt? Was geschieht in den verschiedenen Systemen, in denen die Person agiert, wenn die Belastung auftritt und wenn sie nicht auftritt?

Jeder Mensch kommt sowohl „selbst“ als auch „selbst gemacht“. Die geistige Dimension des Menschen (der logos) ist in der Lage, diese Unterschiede herauszuarbeiten, wiederholende Muster zu erkennen, Bewegungen im System transparent zu machen und Störungen und Blockaden aufzulösen. Eine solche Arbeitsform macht die Logotherapie zur idealen Form individueller Krisenprävention.