Kategorie-Archiv: Philosophie und Krise

Spielverderber Sokrates

Sokrates, mittlerweile ist sein Werk auch schon seit 2.400 Jahren unauslöschlich in der Philosophie verankert, fordert uns Sinntheoretiker immer wieder heraus. So ist seine Erkenntnis, dass kein Mensch Wahrheit zweifelsfrei feststellen kann, vielmehr diese stets nur den konkret beobachtbaren Dingen vorbehalten ist, ein echter Brocken. Insbesondere, wenn wir von unserer Seite behaupten, dass für jeden Menschen zu jeder Zeit Sinn im Leben gegeben ist. Konkret beobachtbar ist er nicht und doch – so postulieren wir – ist er da. Eine sokratisch-philosophische Frechheit also, oder?

Für Sokrates war alles jenseits der Wahrheit pure Behauptung. Und wurde diese auch noch als die einzig wahre hingestellt, war einem die Zornesröte im Antlitz des alten Griechen sicher. Sokrates als Verderber des Spiels mit Konjunktiven, Eventualitäten, Reduktionismen und Absolutismen.

Als wahr gilt im Alltagsverständnis, was einen beobachtbaren Ausschnitt real gegebener Umstände zutreffend beschreibt. Wahr ist also, dass ich gerade vor einem Bildschirm sitze. Wahr ist, dass ich schreibe. Wahr ist, dass es knapp 11 Uhr ist. Wahr ist – glaube ich – auch, dass ich mir all dem subjektiv gewiss bin. Aber so einfach ist es nicht. Wenn ich es als wahr ansehe, dass ich schreibe, so bekämen einige Neurowissenschaftler bei diesem Satz eine Schnappatmung. Schließlich ist es doch das Gehirn, das den Befehl gibt, etwas motorisches so zu tun, dass eine bestimmte Taste gedrückt wird.

Bei den Anhängern Freuds wäre das, was ich hier gerade als wahr ansehe nichts anderes als überschüssige Libido. Irgendeinem Trieb folgend und unter Beachtung einer sozialen Norm ist mein Ich nun dabei, zwischen diesen beiden zu vermitteln und so etwas zu machen wie diesen Text. Andere ‚tiefen‘ Psychologen sehen das alles wieder anders, aber im Kern formulieren auch sie mehr Überzeugungen darüber was ‚Mensch‘ ist, als Wahrheiten. Ihre persönliche Überzeugungen werden so sukzessive zu Gewissheiten, zu subjektiven Gefühlen des Überzeugt-Seins.

Menschen brauchen diese Gefühle persönlicher Gewissheit, doch eins sollten sie nicht: Den Blick auf das zu versperren, was wahr ist. Bezweifelt ein Mensch seine Gewissheiten nicht, dann geschieht aber genau das. Die Wahrheit geht im Moor der Gewissheit unter. Um an die Wahrheit zu kommen, müssen ‚felsenfeste Überzeugungen‘ und die bekannte ‚absolute Sicherheit‘ für eine Weile weichen. Und damit auch der ‚Glaube‘, das ‚Bauchgefühl‘, die ‚Wahrscheinlichkeit‘, die ‚Intuition‘, der Mythos gemeinsam mit anderen sei man schlauer, Vorurteile und andere Nebengleise. Wahrheit braucht den rationalen, herrschaftsfreien Diskurs – mit anderen oder in der Selbstkommunikation.

Und wie ist das dann nun mit dem Sinn und der Wahrheit?

Weiterlesen

Ewige, alte Mär

Die Mär von der ‚Krise als Entwicklungschance‘ hält sich wacker. Sie suggeriert, dass Krisen zur Entwicklung erforderlich seien und eine quasi exklusive, besondere Möglichkeit der Reifung böten. Welch Armutszeugnis für die Spezies Mensch, wenn Kummer, Leid, Schmerz oder Qual die Ausgangsbasis von Entwicklung sein sollen!

Wohl begegnet man dem Phänomen, dass Menschen ihre Bequemlichkeitszone nicht verlassen und nicht mehr wahrnehmen, dass sich Umfeldbedingungen verändern und dies in der Folge zu Umbrüchen führt. ‚Aus Schaden wird man klug‘ ist dann ein gern gehörter Unsinn-Spruch. Er reduziert den Menschen auf ein Wesen, das sich von der bequemen Lust antreiben lässt und erst eines massiven Lebenshindernisses bedarf, um von ihr abzulassen.

Wenn die Lust ihm dann vergangen ist, sucht der Mensch nach einem neuen Sinn oder kommt gar zur Ansicht, ohne das Lustvolle sei das Leben doch sinnlos. Beide Reflexe sind zwar ’normal‘, verkennen sie doch aber beide, dass Sinn per se gegeben ist und nicht erst ein neuer durch eine Krise entsteht und weiters, dass Sinn stets außerhalb des Menschen liegt, während Lust eine Qualität der menschlichen Psyche ist. Die ‚Währungen‘ Sinn und Lust sind somit eher vergleichbar mit Luft und Blut. Das eine liegt außerhalb von uns, das andere ist ‚hausgemacht‘. Die Frage, was für was von größerer Bedeutung ist, dürfte leicht zu beantworten sein – eine Ordnung, die auch Viktor Frankl stets hervorhob, wenn er darauf aufmerksam machte, dass Menschen, die dem Glück oder Erfolg hinterherlaufen, den Sinn dabei niemals finden können. Andersherum jedoch, der Mensch, der Sinn im Leben gefunden hat, in der Folge auch Glück, Zufriedenheit und Erfolg [Erfolg – er folgt dem Sinn] verspürt.

Ist man erst einmal der Versuchung erlegen, einen Menschen wie beschrieben auf seine Triebe zurückzuführen [re-reducere – zurückführen], dann ist naheliegend, ihm helfen zu wollen, dass dieser derart bedürftige ‚reduzierte Mensch‘ neue Widerstandskraft aufbaut. Dies wird heute weithin mit Resilienz [re-selire = zurückspringen] beschrieben. Ganze Trainerarmeen bieten ihre Geheimwaffen an, um Menschen in einen Zustand zu führen, nach erlittener Pein die Ketten einschränkender Verhaltens- oder Denkmuster zu sprengen, damit man stark und gereift aus der Krise komme. Das Dumme ist nur, dass die Selbstkonzept- und Resilienzforschung [Filipp,S.-H.: Selbstkonzeptforschung, 1993, Davis,N.: Resilience, 1999, Wustmann,C.: Resilienz, 2004] längst bewiesen hat, dass objektive Lebenslagen und individuelle Persönlichkeitsmerkmale subjektiv unterschiedlich wahrgenommen und bewältigt werden. Menschen entwickeln ihre Bewältigungsstrategien selbst, um den Alltagsanforderungen zu entsprechen. Dies ist auch in Krisen nicht anders – auch hier versuchen Menschen, mit ihren psychischen Bordmitteln die kritischen Gegebenheiten zu ordnen und mit ihnen umzugehen. In einem solchen psychischen Zustand auf ‚Kettensprengungen‘ zu setzen und zu ihnen mit welcher Form externer Motivation aufzurufen, kann nicht anders als fehlzuschlagen – dies wird wohl ein Grund dafür sein, dass es bis heute keine Wirksamkeitsstudie hinsichtlich wissenschaftlich begleiteter Resilienztrainings gibt.

Je bitterer, ungesunder, ruinöser usw. eine Situation empfunden und vielleicht als Krise bezeichnet wird, umso wichtiger ist es, den Betroffenen darin zu unterstützen, zuerst einmal die mit ihr verbundenen negativen Affekte wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dazu braucht es den Willen des Betroffenen und einen herzlichen, offenen Zugang dessen, der dem Menschen beisteht.

Nach dieser Stabilisierung kann damit begonnen werden, das herauszudestillieren, was trotz der Krise unauslöschlich geborgen ist: die Werte der Person und die mit ihnen seit je her und per se auch weiterhin gegebene Fähigkeit, Sinn zu finden. Mit dieser Grundfähigkeit geht jeder Mensch ins Leben – sie sich erst in Folge einer Krise bewusst zu machen, wird dann leider missverstanden als Reifung, die ohne die Krise nicht hätte stattfinden können. Ebendies immer und immer wieder zu kolportieren wird nicht dadurch besser, indem man es noch öfter behauptet. Im Gegenteil – diese Mär ist dem Menschen nicht angemessen. Ihn hingegen als sinnstrebiges Wesen zu würdigen, hätte vielmehr die Konsequenz, ihm dabei zu helfen, sich das eigene Wertesystem bewusst zu machen, es als Aktivposten auszuzeichnen, einen Schatz, den jeder Mensch mit sich herumträgt und mit dem weit mehr Positives bewirkt werden könnte als ihn erst dann auszupacken, wenn eine Not dazu aufruft.

Werte haben in diesem Verständnis eine ähnliche Qualität wie Wissen – sie nutzen sich auch bei mehrfacher Anwendung nicht ab. Die eigenen Werte zu wissen, ist aus unserer Sicht daher der beste Weg dafür, auch in nicht vermeidbaren kritischen Lebenssituationen einen derart robusten Umgang mit sich selbst und der eingetretenen Lage zu pflegen, so dass trotz allem, zu dem was das Leben einfordert, ja gesagt werden kann.

Im Kern geht es genau um dieses ‚trotzdem‘, wenn ein Mensch etwas ‚überwinden‘ will. Ohne einen Willen zum Sinn mitzudenken, ist der Überwindungswille des Menschen gar nicht recht vorstellbar. Wofür überhaupt will ich meine Krise überwinden? Diese Frage weist hin auf ‚Sinn‘.

Nimmt der Mensch an, dass es dieses Wofür gibt [Anm.: weiß er bereits, dass es stets ein Wofür gibt, dann empfindet er das Leid, den Verlust, die Trennung, die Verfehlung zwar als starke Last, sein Zustand ist jedoch nicht als Krise zu bezeichnen], dann erkennt man dies anhand verschiedener Hinweise. Ein solcher Mensch zeigt an, dass er sich in einer Krise befindet, dass er im Selbstzweifel steht, dass er an Verbesserung glaubt, dass er im Kern handlungsbereit ist, dass er sich nicht ‚abgeben‘ will, dass er realistisch hinsichtlich des Aufwandes ist, dass er seine Verantwortung erkennt, dass es Fragen des Lebens gibt, die jetzt zur Beantwortung anstehen:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Dass diese Fragen auch ohne Krise nach Antwort rufen, geht oft im Alltäglichen unter. Wer sich Zeit dafür nimmt, handelt krisenpräventiv und erspart sich damit manche Zukunftslast.

Dass aber selbst in größter Lebensnot diese Fragen nicht nur beantwortet, sondern in konkrete Handlung umgemünzt werden können, zeigt dieses von vielen Beispielen:

Der sechsjährige Tijn wird vermutlich sterben. Sein Hirntumor konnte bisher nicht wirklungsvoll behandelt werden. Und was tut Tijn? Er ruft seine niederländischen Landsleute dazu auf, sich die Nägel zu lackieren, etwas Geld für kranke Kinder zu spenden und drei Freunde zu bitten, dies ebenso zu tun. Nägel lackieren? Tijn hatte dies selbst einmal gemacht und sich über die bunten Finger gefreut. Offenkundig hat der Junge damit Werten wie Kreativität, Tatkraft, und Lebendigkeit Ausdruck verliehen. Mit Blick auf viele Kinder, die an unheilbaren Krankheiten oftmals sogar noch jünger sterben, meinte Tijn, eine solche Aktion könnte diesen Kindern doch helfen. Ist es schwierig, sich die Antworten vorzustellen, die dieser Junge wohl auf diese Fragen gegeben hätte?:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Tijn hat sinnvoll gehandelt. Und der Erfolg folgte: Eine derart hohe Spendensumme wurde in Holland noch nie im Rahmen einer privat initiierten Aktion eingesammelt.

„Der Mensch wird, was er wird,
durch die Sache, die er zu der seinen macht.“
Karl Jaspers

Kann man Sinn machen? – I

Als mir 1987 im Rahmen meiner Vorbereitungen auf meine Diplomarbeit zum Thema Unternehmensethik das Werk von Viktor Frankl zum ersten Mal begegnete, habe ich ihn nachweislich gelesen. Verstanden habe ich ihn damals noch nicht. Mir erschienen Begriffe wie das Geistige, die Transzendenz oder der noopsychische Antagonismus recht knorrig. Auch, dass der Sinn nicht menschengemacht sei, sondern stets außerhalb des Menschen darauf wartet, gefunden zu werden, erschien mir schon als recht psycho.

Auf die Idee, dass gerade dieses Gedankengut einmal meine eigene wissenschaftliche Basis darstellen würde, dass ich über Frankl, den Sinn, die Sinntheorie insbesondere im Krisenkontext meine Promotion ablegen würde, bin ich damals nicht gekommen. Mit der Zeit aber wuchs das Interesse daran, in die einst empfundene Ordnung im Leben mit unbequemen Fragen Unordnung zu schaffen. Als Coach und Therapeut tat ich dies ohnehin schon – nur waren die Empfänger meine Klienten. Nun aber war es eine Frage, die auf mich selbst zielte. Eine der typischen Frankl-Fragen, deren Gewicht dann deutlich wird, wenn das Staunen über sie etwas abgeklungen ist:
„Auf welche Frage meines Lebens bin ich die Antwort?“

Fragen wie diese hatten schon immer ihren Reiz für mich. Aber so konkret auf die eigene Person zielend haben sie doch etwas Riskantes. Wieso sollte mein Leben mich fragen? Welchen Platz nimmt es ein, um überhaupt fragen zu können? Wieso sollte ich eigentlich antworten sollen? Und wenn ja, was ist, wenn ich die Antwort nicht finde? Und wieso Frage und nicht Fragen? Und wieso Antwort und nicht Antworten? Welche Verantwortung übernehme ich dafür, diese eine Frage als die meines Lebens anzusehen? Woran merke ich, dass diese Frage für mich stimmt?

Fragen über Fragen und doch mit anderem Sog als zum Beispiel die Frage, warum sich Niklas Luhmann nach epischer Abhandlung seines reduktionistischen Sinnverständnisses irgendwann doch dazu hinreißen läßt, den Momenten sogenannter Emphase die Funktion zuzusprechen, Erstaunlichkeiten herzustellen. Diese Erstaunlichkeiten seien die Verstörer der Sinnlosigkeit. Nun, das aber wusste auch schon Aristoteles als er mit weniger Worten darauf hinwies, dass der ‚Sinn zur Türe herein kommt‘. Zu beweisen, dass der alte Wein in einem systemtheoretisch neuen Schlauch daherkommt, ist fraglos wichtig. Wesentlich ist es nicht.

Zurück zum Wesentlichen. Wenn sich meine Klienten in ihrer Ordnung eingerichtet haben, dann schaffen wesentliche Fragen angemessene Unordnung. Und wenn die Unordnung einen Menschen schier in Zweifel zieht, dann bringen wesentliche Antworten eine neue Ordnung, Zwischen Ordnung und Unordnung findet sich das Nachdenken über das, was erstaunt hat und woran man noch zweifelt.

Und wenn man als Philosoph nicht nur philosophiert, sondern auch therapiert, dann entdeckt man schnell, dass es Menschen gibt, bei denen zwischen Ordnung und Unordnung kein Türspalt frei ist, damit über das, was sich dort findet, gestaunt werden kann. Ohne Türspalt aber keine Frage, keine Sinnfrage. Ohne Spalt ist die Ordnung in Unordnung und die Unordnung ist in Ordnung. Die Freiheit, die darin liegt, diesen Kreislauf zu unterbrechen, erscheint unerreichbar. Sich die Frage nach dem Sinn zu stellen, erscheint sinnlos. Es gibt doch nichts mehr zu staunen. Oder doch? Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

 

[wird fortgesetzt]

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 10

Einheit von Leib und Seele

„Ein und dasselbe Leben ist es, das in seinem Innesein psychisch, in seinem Sein für andere leibliche Formgestaltung besitzt. Der physiologische und der psychische Lebensprozess sind ontologisch streng identisch. Sie sind nur phänomenal verschieden – aber auch phänomenal streng identisch in den Strukturgesetzen und in der Rhythmik ihres Ablaufs.“

„Wenn wir Psychisches und Physiologisches nur als zwei Seiten ein und desselben Lebensvorgangs nehmen, denen zwei Betrachtungsweisen desselben Vorgangs entsprechen, dann muss das X, das eben diese beiden Betrachtungsweisen selbst vollzieht, dem Gegensatz von Leib und Seele überlegen sein. Dieses X ist nichts anderes als der selbst nie gegenständlich werdende, alles vergegenständlichende Geist. So wesensverschieden aber auch ,Leben‘ und ,Geist‘ sind, so sind doch beide Prinzipien im Menschen aufeinander angewiesen: der Geist ideiert das Leben. Den Geist aber in Tätigkeit zu sehen und zu verwirklichen: das vermag das Leben allein.“

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 9

„Der Mensch ist das Lebewesen, das kraft seines Geistes sich zu seinem Leben prinzipiell asketisch – die eigenen Triebimpulse unterdrückend und verdrängend – verhalten kann. Mit dem Tier verglichen, das immer ,Ja‘ zum Wirklichsein sagt – auch da noch, wo es verabscheut und flieht -, ist der Mensch der ‚Neinsagenkönner‘, der ewige Protestant gegen aIle bloße Wirklichkeit.“

„Nach meiner Überzeugung ist durch jene negative Tätigkeit, jenes ,Nein‘ zur Wirklichkeit, jene Abstellung, Inaktivierung der Wirklichkeit und Bild gebenden Triebzentren keineswegs das Sein des Geistes, sondern gleichsam nur seine Belieferung mit Energie und damit seine Manifestationsfähigkeit bedingt. Als solcher ist der Geist in seiner ,reinen‘ Form ursprünglich ohne alle ‚Macht‘, ‚Kraft‘, ‚Tätigkeit‘. Um irgendeinen noch so kleinen Grad von Kraft und Tätigkeit zu gewinnen, muss jene Askese, jene Triebverdrängung und gleichzeitige Sublimierung hinzukommen.“

„Eben der Geist ist es, der bereits die Triebverdrängung einleitet, indem der idee- und wertgeleitete geistige ,Wille‘ den widerstreitenden Impulsen des Trieblebens die zu einer Triebhandlung notwendigen Vorstellungen versagt, um die Triebimpulse so zu koordinieren, dass sie das geistgesetzte Willenprojekt ausführen, in Wirklichkeit überführen. Diesen Grundvorgang nennen wir ‚Lenkunq‘, die in einem ,Hemmen‘ und ,Enthemmen‘ von Triebimpulsen durch den geistigen Willen besteht. Was aber der Geist nicht vermag, ist dies: selbst irgendwelche Triebenergie erzeugen oder aufheben, vergrößern oder verkleinern.“

[wird fortgesetzt]

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 8

Wesensmerkmale des Menschen: Gegenstandsunfähigkeit

„Der Mensch allein – sofern er Person ist – vermag sich über sich emporzuschwingen und von einem Zentrum gleichsam jenseits der raumzeitlichen Welt aus alles, darunter auch sich selbst, zum Gegenstand seiner Erkenntnis zu machen.“

„Der Geist ist das einzige Sein, das selbst gegenstandsunfähig ist – er ist reine, pure Aktualität, hat sein Sein nur im freien Vollzug seiner Akte. Das Zentrum des Geistes, die ,Person‘, ist also weder gegenständliches noch dingliches Sein, sondern nur ein stetig selbst sich vollziehendes [wesenhaft bestimmtes] Ordnungsgefüge von Akten. Die Person ist nur in ihren Akten und durch sie.“

Alles Seelische ist gegenstandsfähig – nicht aber der Geistesakt, die Intentio, das die seelischen Vorgänge selbst noch Schauende. Zum Sein unserer Person können wir nur sammeln, zu ihm hin uns konzentrieren – nicht aber es objektivieren. Auch fremde Personen sind als Personen nicht gegenstandsfähig.“

[wird fortgesetzt]

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 7

Wesensmerkmal des Menschen: Selbstbewusstsein / Selbstbewusstwerden

„Der geistige Akt, wie ihn der Mensch vollziehen kann, ist im Gegensatz zu der einfachen Rückmeldung des tierischen Leibschemas und seiner Inhalte wesensgebunden an eine zweite Dimension und Stufe des Reflexaktes. Wir wollen diesen Akt ,Sammlung‘ nennen und ihn und sein Ziel zusammenfassend ‚Selbstbewusstsein‘ nennen.

Das Tier hat Bewusstsein, im Unterschied von der Pflanze, aber es hat kein Selbstbewusstsein. Es besitzt sich nicht, ist seiner nicht mächtig – und deshalb auch nicht bewusst. Mit diesem Selbstbewusstwerden, dieser neuen Zurückbeugung und Zentrierung seiner Existenz, die der Geist möglich macht, ist das zweite Wesensmerkmal des Menschen gegeben.“

[wird fortgesetzt]

Max Scheler – und seine Kritik an der ‚Dualismus-Idee‘ des Rene Descartes

„Für die Neuzeit hat die klassische Theorie des Menschen ihre wirksamste Form gefunden in der Lehre des Descartes. Dadurch, dass dieser alle Substanzen in ,denkende‘ oder ,ausgedehnte‘ einteilte und lehrte, dass der Mensch allein aus diesen beiden in Wechselwirkung stehenden Substanzen besteht, hat Descartes in das abendländische Bewusstsein ein ganzes Heer von Irrtümern schwerster Art eingeführt.“

„Im äußersten Gegensatz dürfen wir sagen: Der physiologische und der psychologische Lebensprozess sind ontologisch streng identisch. Sie sind nur phänomenal verschieden – aber auch phänomenal streng identisch in den Strukturgesetzen und in der Rhythmik ihres Ablaufs. Die Kluft, die Descartes durch seinen Dualismus von Ausdehnung und Bewusstsein als Substanzen, zwischen Körper und Seele aufgerichtet hatte, hat sich heute fast bis zur Greifbarkeit der Einheit des Lebens geschlossen.“

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 6

Wesensmerkmal des Menschen: Existentielle Entbundenheit

„Stellen wir hier an die Spitze des Geistbegriffs seine besondere Wissensfunktion, dann ist die Grundbestimmung eines geistigen Wesens seine existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, Ablösbarkeit von dem Druck, von der Abhängigkeit vom Organischen, vom ,Leben‘ und allem, was zum Leben gehört – also auch von seiner eigenen triebhaften ,Intelligenz‘.

Ein ,geistiges‘ Wesen ist also nicht mehr trieb- und umweltgebunden, sondern ,umweltfrei‘ und ,weltoffen‘. Ein solches Wesen hat ‚Welt‘. Ein solches Wesen vermag ferner die auch ihm ursprünglich gegebenen ,Widerstands‘- und Reaktionszentren seiner Umwelt, die das Tier allein hat und in die es ekstatisch aufgeht, zu ,Gegenständen‘ zu erheben und das Sosein dieser Gegenstände prinzipiell selbst zu erfassen, ohne die Beschränkung, die diese Gegenstandswelt oder ihre Gegebenheit durch das vitale Triebsystem und die ihm vorgelagerten Sinnesfunktionen und Sinnesorgane erfährt.“

[wird fortgesetzt]

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 5

„Das Wesen des Menschen und das, was man seine ,Sonderstellung‘ nennen kann, steht hoch über dem, was man Intelligenz und Wahlfähigkeit nennt, und würde auch nicht erreicht, wenn man sich diese Intelligenz und Wahlfähigkeit quantitativ beliebig, ja ins Unendliche gesteigert vorstellte. Aber auch das wäre verfehlt, wenn man sich das Neue, das den Menschen zum Menschen macht, nur dächte als eine zu den psychischen Stufen noch hinzukommende neue Wesensstufe psychischer Funktionen und Fähigkeiten, die zu erkennen in der Kompetenz der Psychologie und Biologie Iäge.“

„Das neue Prinzip steht außerhalb all dessen, was wir ,Leben‘ im weitesten Sinne nennen können, Das, was den Menschen allein zum ,Menschen‘ macht, ist nicht eine neue Stufe des Lebens, sondern es ist ein allem und jedem Leben überhaupt, auch dem Leben im Menschen entgegengesetztes Prinzip.“ […. und dieses Prinzip lautet, dass der Sinn, nach dem ein Mensch im Leben strebt, nicht in ihm, sondern außerhalb von ihm zu finden ist. Damit einem Menschen es möglich wird, den außer ihm liegenden Sinn zu finden, muss er die Veränderung vom Menschen zur Person vollziehen.]

Der Begriff ,Person‘

Das Aktzentrum aber, in dem Geist innerhalb endlicher Seinssphären erscheint, bezeichnen wir als ‚Person‘, in scharfem Unterschied zu allen funktionellen Lebenszentren, die nach innen betrachtet auch ,seelische‘ Zentren heißen.“ Über ‚Geist‘ verfügt nur der Mensch als Person, erst er begründet seine ‚Sonderstellung‘.

[wird fortgesetzt]