Kategorie-Archiv: Praxisbericht

Ewige, alte Mär

Die Mär von der ‚Krise als Entwicklungschance‘ hält sich wacker. Sie suggeriert, dass Krisen zur Entwicklung erforderlich seien und eine quasi exklusive, besondere Möglichkeit der Reifung böten. Welch Armutszeugnis für die Spezies Mensch, wenn Kummer, Leid, Schmerz oder Qual die Ausgangsbasis von Entwicklung sein sollen!

Wohl begegnet man dem Phänomen, dass Menschen ihre Bequemlichkeitszone nicht verlassen und nicht mehr wahrnehmen, dass sich Umfeldbedingungen verändern und dies in der Folge zu Umbrüchen führt. ‚Aus Schaden wird man klug‘ ist dann ein gern gehörter Unsinn-Spruch. Er reduziert den Menschen auf ein Wesen, das sich von der bequemen Lust antreiben lässt und erst eines massiven Lebenshindernisses bedarf, um von ihr abzulassen.

Wenn die Lust ihm dann vergangen ist, sucht der Mensch nach einem neuen Sinn oder kommt gar zur Ansicht, ohne das Lustvolle sei das Leben doch sinnlos. Beide Reflexe sind zwar ’normal‘, verkennen sie doch aber beide, dass Sinn per se gegeben ist und nicht erst ein neuer durch eine Krise entsteht und weiters, dass Sinn stets außerhalb des Menschen liegt, während Lust eine Qualität der menschlichen Psyche ist. Die ‚Währungen‘ Sinn und Lust sind somit eher vergleichbar mit Luft und Blut. Das eine liegt außerhalb von uns, das andere ist ‚hausgemacht‘. Die Frage, was für was von größerer Bedeutung ist, dürfte leicht zu beantworten sein – eine Ordnung, die auch Viktor Frankl stets hervorhob, wenn er darauf aufmerksam machte, dass Menschen, die dem Glück oder Erfolg hinterherlaufen, den Sinn dabei niemals finden können. Andersherum jedoch, der Mensch, der Sinn im Leben gefunden hat, in der Folge auch Glück, Zufriedenheit und Erfolg [Erfolg – er folgt dem Sinn] verspürt.

Ist man erst einmal der Versuchung erlegen, einen Menschen wie beschrieben auf seine Triebe zurückzuführen [re-reducere – zurückführen], dann ist naheliegend, ihm helfen zu wollen, dass dieser derart bedürftige ‚reduzierte Mensch‘ neue Widerstandskraft aufbaut. Dies wird heute weithin mit Resilienz [re-selire = zurückspringen] beschrieben. Ganze Trainerarmeen bieten ihre Geheimwaffen an, um Menschen in einen Zustand zu führen, nach erlittener Pein die Ketten einschränkender Verhaltens- oder Denkmuster zu sprengen, damit man stark und gereift aus der Krise komme. Das Dumme ist nur, dass die Selbstkonzept- und Resilienzforschung [Filipp,S.-H.: Selbstkonzeptforschung, 1993, Davis,N.: Resilience, 1999, Wustmann,C.: Resilienz, 2004] längst bewiesen hat, dass objektive Lebenslagen und individuelle Persönlichkeitsmerkmale subjektiv unterschiedlich wahrgenommen und bewältigt werden. Menschen entwickeln ihre Bewältigungsstrategien selbst, um den Alltagsanforderungen zu entsprechen. Dies ist auch in Krisen nicht anders – auch hier versuchen Menschen, mit ihren psychischen Bordmitteln die kritischen Gegebenheiten zu ordnen und mit ihnen umzugehen. In einem solchen psychischen Zustand auf ‚Kettensprengungen‘ zu setzen und zu ihnen mit welcher Form externer Motivation aufzurufen, kann nicht anders als fehlzuschlagen – dies wird wohl ein Grund dafür sein, dass es bis heute keine Wirksamkeitsstudie hinsichtlich wissenschaftlich begleiteter Resilienztrainings gibt.

Je bitterer, ungesunder, ruinöser usw. eine Situation empfunden und vielleicht als Krise bezeichnet wird, umso wichtiger ist es, den Betroffenen darin zu unterstützen, zuerst einmal die mit ihr verbundenen negativen Affekte wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dazu braucht es den Willen des Betroffenen und einen herzlichen, offenen Zugang dessen, der dem Menschen beisteht.

Nach dieser Stabilisierung kann damit begonnen werden, das herauszudestillieren, was trotz der Krise unauslöschlich geborgen ist: die Werte der Person und die mit ihnen seit je her und per se auch weiterhin gegebene Fähigkeit, Sinn zu finden. Mit dieser Grundfähigkeit geht jeder Mensch ins Leben – sie sich erst in Folge einer Krise bewusst zu machen, wird dann leider missverstanden als Reifung, die ohne die Krise nicht hätte stattfinden können. Ebendies immer und immer wieder zu kolportieren wird nicht dadurch besser, indem man es noch öfter behauptet. Im Gegenteil – diese Mär ist dem Menschen nicht angemessen. Ihn hingegen als sinnstrebiges Wesen zu würdigen, hätte vielmehr die Konsequenz, ihm dabei zu helfen, sich das eigene Wertesystem bewusst zu machen, es als Aktivposten auszuzeichnen, einen Schatz, den jeder Mensch mit sich herumträgt und mit dem weit mehr Positives bewirkt werden könnte als ihn erst dann auszupacken, wenn eine Not dazu aufruft.

Werte haben in diesem Verständnis eine ähnliche Qualität wie Wissen – sie nutzen sich auch bei mehrfacher Anwendung nicht ab. Die eigenen Werte zu wissen, ist aus unserer Sicht daher der beste Weg dafür, auch in nicht vermeidbaren kritischen Lebenssituationen einen derart robusten Umgang mit sich selbst und der eingetretenen Lage zu pflegen, so dass trotz allem, zu dem was das Leben einfordert, ja gesagt werden kann.

Im Kern geht es genau um dieses ‚trotzdem‘, wenn ein Mensch etwas ‚überwinden‘ will. Ohne einen Willen zum Sinn mitzudenken, ist der Überwindungswille des Menschen gar nicht recht vorstellbar. Wofür überhaupt will ich meine Krise überwinden? Diese Frage weist hin auf ‚Sinn‘.

Nimmt der Mensch an, dass es dieses Wofür gibt [Anm.: weiß er bereits, dass es stets ein Wofür gibt, dann empfindet er das Leid, den Verlust, die Trennung, die Verfehlung zwar als starke Last, sein Zustand ist jedoch nicht als Krise zu bezeichnen], dann erkennt man dies anhand verschiedener Hinweise. Ein solcher Mensch zeigt an, dass er sich in einer Krise befindet, dass er im Selbstzweifel steht, dass er an Verbesserung glaubt, dass er im Kern handlungsbereit ist, dass er sich nicht ‚abgeben‘ will, dass er realistisch hinsichtlich des Aufwandes ist, dass er seine Verantwortung erkennt, dass es Fragen des Lebens gibt, die jetzt zur Beantwortung anstehen:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Dass diese Fragen auch ohne Krise nach Antwort rufen, geht oft im Alltäglichen unter. Wer sich Zeit dafür nimmt, handelt krisenpräventiv und erspart sich damit manche Zukunftslast.

Dass aber selbst in größter Lebensnot diese Fragen nicht nur beantwortet, sondern in konkrete Handlung umgemünzt werden können, zeigt dieses von vielen Beispielen:

Der sechsjährige Tijn wird vermutlich sterben. Sein Hirntumor konnte bisher nicht wirklungsvoll behandelt werden. Und was tut Tijn? Er ruft seine niederländischen Landsleute dazu auf, sich die Nägel zu lackieren, etwas Geld für kranke Kinder zu spenden und drei Freunde zu bitten, dies ebenso zu tun. Nägel lackieren? Tijn hatte dies selbst einmal gemacht und sich über die bunten Finger gefreut. Offenkundig hat der Junge damit Werten wie Kreativität, Tatkraft, und Lebendigkeit Ausdruck verliehen. Mit Blick auf viele Kinder, die an unheilbaren Krankheiten oftmals sogar noch jünger sterben, meinte Tijn, eine solche Aktion könnte diesen Kindern doch helfen. Ist es schwierig, sich die Antworten vorzustellen, die dieser Junge wohl auf diese Fragen gegeben hätte?:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Tijn hat sinnvoll gehandelt. Und der Erfolg folgte: Eine derart hohe Spendensumme wurde in Holland noch nie im Rahmen einer privat initiierten Aktion eingesammelt.

„Der Mensch wird, was er wird,
durch die Sache, die er zu der seinen macht.“
Karl Jaspers

‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 4

Dieses Gefühl von Selbstbewusstsein, Klarheit der eigenen Maßstäbe und Freude am möglichen Erleben einer guten Umsetzung eines komplexen Projektes stabilisiert – der Klient setzt sich auf der Bühne genau auf den Stuhl, an dem jemand die Säge angesetzt hat und beginnt laut zu erzählen, welche nächsten Schritte unter seiner Führung zu erwarten sind. Die Kakophonie der anderen Akteure verstummt als sie ihn ‚durch-tönen [per-sonare] hören. Der Vorhang fällt und man hört, wie die Bühne für den nächsten Akt umgebaut wird, während unser Klient sich auf der nächsten Bühne hinter den Kulissen eine Flasche Wein ergattert und beschwingt an die Kabinentür klopft, um der Frau, seiner Frau, der er spontan diesen Kurzurlaub im Mittelmeer schenkte zu berichten, dass nun vieles wieder dabei sei, in bessere Bahnen zu kommen und seine Aufmerksamkeit jetzt nur ihr gälte – was im Sinne der Diskretion mit dem Schließen des Vorhangs seinen Abschluss findet. ‚Bravo‘ hört er eine Stimme aus dem Theaterdunkel.

Auf welche Frage seines Lebens war der Klient in diesem Mehrteiler wohl die Antwort? Vielleicht auf die, ob er bereit ist, einen Beitrag dafür zu leisten, das, was aus dem Lot geraten scheint, wieder in eine gute Richtung zu lenken? Die geistige Dimension ermöglicht es dem Klienten, den Sinn in der belasteten, brisanten, erschütternden Situation zu finden und einen guten Weg zu wählen. Gleichsam steht der Klient auch in der Verantwortung, dem ‚Sinnanruf‘ zu folgen.
Erkenntnisgewinne, die durch Werteklarheit zwar entstehen, dann jedoch nicht zur Besserung der Selbstregulation genutzt werden, entsprechen zwar der grundsätzlichen Freiheit des Menschen, sich ‚widersinnig‘ auf Situationen einzustellen oder sich in ihnen zu verhalten. Nicht jedoch der Verantwortlichkeit, die sich aus dieser Freiheit ergibt. Ein neues Verständnis der Freiheit kann nur gewonnen werden, wenn Freiheit nicht nur Bedingung für Verantwortlichkeit, sondern als konkrete
immer auch Resultat von Verantwortlichkeit ist.

Der Mensch ist frei zum Verantwortlichsein, er ist frei zum Wozu. Er ist frei zum Sinn, und zum Unsinn. Er ist frei, sich zu verfehlen, etwas zu verschulden, Wichtiges zu versäumen … Und er ist verantwortlich, dies zu erkennen. Er ist frei, sich zu versöhnen, etwas zu verteidigen, zu vertrauen … Er ist frei, sich zu verantworten, um frei zu sein. Es wundert in diesem Zusammenhang nicht, dass sich Viktor Frankl erstaunt darüber zeigte, dass eine Freiheitsstatue die Ostküste der USA ziert, sie im Westen jedoch keine Verantwortungsstatue balanciert.

‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 3

In diesem Moment kommt die Regieanweisung: „Spielen Sie auf dieser Bühne nun so mit, so dass der, der in Ihrem Sessel sitzt, erkennt, wozu es gut ist, dass Sie hier mitwirken und Ihnen dafür
Applaus spendet.“

Ich habe wahrgenommen, Daniel, dass es Dir nicht so gut geht wie ich es Dir wünsche, und so dachte ich, besuche ich Dich. Vielleicht möchtest Du über etwas sprechen. Dankbar greift Daniel das Angebot auf und erzählt von seinen Sorgen um Geld und den Erhalt von Familie und Status. Die Liste der Kümmernisse ist lang, und Daniel wirkt recht zerknirscht als durch den Klienten gefragt wird: „Einmal angenommen, das alles, was Du Dir da ausmalst, trifft wirklich ein – was in Deinem Leben würde davon nicht berührt und unbeschadet fortbestehen?“

Daniel vermag eine Reihe menschlicher Qualitäten zu benennen, die er als unabhängig vom Verlauf der beruflichen Problemlage ansieht. „Was wäre nun,“ – Daniel erwartet die nächste Frage – „wenn es genau umgekehrt wäre: Die berufliche Situation wäre bestens und all das, was Du eben als unbeschadet ansahst, wäre nun so belastet wie Du es eben im Beruflichen beschrieben hast?“

Daniel spürt, wie ihm dieses Szenario nahe geht. „Ich habe verstanden, was Du mir sagen willst, guter Freund.“ Unser Klient verabschiedet sich von dieser Bühne ohne zu sehen, wie der Stuhl im Publikum vor lauter Zustimmung wackelt.

Schon ist er in seinem ‚eigentlichen‘ Drama, die Fetzen fliegen, es wird intrigiert, es fallen unschöne Worte, eine Säge wird an einem Stuhlbein angesetzt. Und wieder meldet sich die Regie: „Spielen Sie auch auf dieser Bühne so mit, so dass der, der in Ihrem Sessel sitzt, erkennt, wozu es gut ist, dass Sie hier mitwirken und Ihnen dafür Beifall schenkt.“

Nicht so einfach, denkt sich der Klient. Ich habe ein neues Qualitätssicherungssystem eingeführt als ich die Leitungsrolle in dieser Abteilung übernahm. Erfahrungen habe ich damit reichlich aus früheren Kontexten und das System bringt nachhaltige, gute Ergebnisse. Dass einige meiner Mitarbeitenden das Neue als Angriff auf ihre Bequemzone ansehen würden, war vorauszusehen. Dass sie jedoch solche Geschütze auffahren, das System als verstecktes Beurteilungsmittel beim Betriebsrat anprangern und mich im Management-Feedback so stark verurteilen, so dass meine beiden Matrixvorgesetzten an meiner Führungsrolle zweifeln und mir zudem mit immer neuen, bohrenden Fragen nach den Inhalten des Systems anzeigen, dass ihre Loyalität zu mir schwindet – das nagt schon gewaltig an mir. Ich stehe unter Erwartungsdruck der Geschäftsleitung, habe eine fundierte Primärkompetenz in Bezug auf das Thema Qualitätsmanagement, zudem wurde ich für dieses Thema eingestellt und das übergeordnete Projektmanagement zwingt mich zu zeitnahen Entscheidungen.

So erlebe ich die aktuelle Situation als extrem belastend und ich fühle mich den menschlichen Reaktionen hilflos ausgesetzt. Ich weiß nicht mehr, wem ich vertrauen kann und vermute mittlerweile eine stabile Lobby gegen mich. Auf dieser Bühne fühle ich mich schon recht seltsam, das Harlekin-Kostüm passt nicht so recht in die Landschaft, ich hatte keine Zeit, es auszutauschen. Dann der Druck von so vielen Seiten und die Aggressivität – da geht vieles nicht zusammen. Andererseits, so wie ich hier stehe, wirke ich sicher als Reizfigur, als bunter Vogel, dem viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde und wird. Ich stehe im Mittelpunkt des Geschehens, bin sichtbar – das könnte ich auch nutzen und denen, die bisher weniger Aufmerksamkeit erhielten, weil ihre Ideen nicht so ankamen wie meine Erfahrungen, etwas Rampenlicht spenden.

Es kann gut sein, dass durch Würdigung dessen, was vor mir da war, die Situation bereits leicht entspannt. Und wenn mehr Licht auf den Kreis der Mitarbeitenden fällt, werde ich es auch leichter haben, mein Wissen über das neue System zu teilen als wenn ich im Dunklen tappe und nicht erkennen kann, wer sich wie zum Neuen einstellt. Gleichwohl empfinde ich, dass die Position, die ich einnehme auch von mir verlangt, sie auszufüllen und Widerständen zu trotzen. Bei allen Giftpfeilen, die bisher geschossen wurden, ist eines ja nicht geschehen – ich bin mir nicht aus meinem Rahmen gefallen.

‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 2

Der Klient hängt sein Sakko als Platzhalter über die Sessellehne, klettert in sein erstes buntes, lautes Bühnenbild und erhält nun aus der Regie eine Anweisung: „Spielen Sie auf dieser Bühne so
mit, so dass der im Sessel erkennt, wozu es gut ist, dass Sie hier mitwirken und Ihnen dafür Applaus zollt.“ Und so sondiert der Klient seine erste Szene. Was weiß er von dieser Bühne? Was kann er hier tun? Was wäre schön, würde es geschehen? Wer ist er hier?

Der Klient erkennt, er sitzt in diesem Raum und das Laute, Bunte und Fröhliche zieht an den Fensterscheiben vorbei – es ist ein Umzug mit lauter Harlekinen. Er erinnert sich, dass er früher gerne an solchen besonderen Festen teilgenommen hat, da gehörte er sogar einem Traditionsverein an. Ob im Schrank wohl noch das alte Kostüm liegt? Tatsächlich, sogar mit Bügelfalte. Schnell ist er angezogen, wie schräg er ausschaut, schreiend komisch. Aus dem dunklen Publikumsraum dringen wohlgesinnte Klatschgeräusche an sein Ohr, als er sich entscheidet, für den Moment seinen Bereichsleiter-Hut abzulegen und sich dieser Stimmung hinzugeben.

In dieser Heiterkeit kommt der Umzug auch an einem Haus vorbei, das der Klient seit langem kennt. Da wohnt sein Freund Daniel. Wie es ihm wohl geht? In den letzten Anrufen klang er arg niedergedrückt. Das Zulieferunternehmen, in dem Daniel seit 14 Jahren arbeitet, hat durch die Finanzkrise stark gelitten und nun stehen er und viele andere Mitarbeitenden in der Kurzarbeit. Ob die Insolvenz zu vermeiden ist, steht in den Sternen. Seine Familie ist über diese Situation noch gar nicht in Gänze informiert – Daniel möchte nicht, dass sie sich zu viele Sorgen macht. Das war der letzte Stand der Dinge. Nun steht der Harlekin-Klient vor der Tür und fragt sich, ob er klingeln soll. Er schwankt – womöglich wird Daniel die vor ihm stehende Heiterkeit als Affront gegen sein eigenes Leid interpretieren? Er will ihn nicht zusätzlich belasten, aber vielleicht tut es Daniel ja auch ganz gut, wenn sich ein neues Gefühl zu der bekannten Beklommenheit hinzugesellt. Was soll‘s, sagt sich der Klient, und klingelt – und befindet sich damit mitten auf seiner nächsten Bühne. Daniel öffnet, sein Gesicht liegt in Falten, und erst im zweiten Moment erkennt er seinen Freund, der da in buntem
Glöckchen-Kostüm vor ihm steht.

‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 1

In einem schmucken Sessel, der um die komplette Achse drehen kann, blickt der Klient nach und nach auf ganz verschiedene Bühnen in seinem Leben. Auf der ersten geht es recht munter zu, da
ist es bunt, laut und fröhlich, und der Klient fühlt sich in seinem Sessel wohl und zum Applaus veranlasst. Das Stück gefällt.

Nebenan hingegen wird ein trauriges Spiel geboten. Da sitzt ein Freund alleine in einem düsteren Raum, vor ihm nur ein Telefon und viele Zeitungen auf dem Tisch, der Blick getrübt. Der Freund hat Probleme im Beruf, das ist bekannt. Man sollte ihm zu Hilfe kommen – …

… aber, daraus wird nichts, denn auf der nächsten Bühne spielt sich gerade ein wahrhaftiges Drama ab. Dort ist das ‚eigentliche‘ Problem. Der Klient im Sessel wird nervös. Er hört Personen über ‚low performance‘ sprechen, eine Mitarbeitergruppe füllt Beurteilungsbögen mit dicken Rotstiften aus, an der Wand ein Bild mit dem Konterfei des Klienten – umgerüstet zur Dartscheibe, auf die verschiedene Akteure immer wieder treffsicher ihre Pfeile abwerfen. Eine Musik, die an die Filmmusik der untergehenden Titanic erinnert, rundet die Inszenierung ab. Der Klient seufzt, sein Blick verrät: Wann kommt hier endlich der Vorhang? Aber warum nicht einfach nach nebenan schauen? Da richtet sich gerade eine Frau, die dem Klienten irgendwie bekannt vorkommt, in einer Schiffskabine ein. Fröhlich pfeifend leert sie einige Koffer und vermittelt den erwartungsvollen Eindruck, dass es da sicher gleich an der Türe klopfen wird. Und tatsächlich, jemand, der nur als Kontur im grellen Gegenlicht wahrzunehmen ist, erscheint mit Handy am linken Ohr und einer Flasche Rotwein mit zwei Gläsern in der rechten Hand. Er wirkt aufgewühlt und verärgert.

Der Klient beschreibt seinen Erlebniszustand als belastet, verkrampft – das Schauspiel auf seinen Bühnen habe ihn recht erschüttert. Er suche nach etwas, was mehr Freude vermittle, nicht nach einer wie auf der ersten, vielmehr nach einer tiefen Lebensfreude. Aber das hätten diese Bühnen nicht zu bieten. Er fragt sich, warum er ein Ticket für solche Aufführungen gekauft hat? Am liebsten hätte er sein Geld zurück oder aber, es müsste sich wirklich etwas an dieser Szenerie ändern. Ob er dazu einen Beitrag leisten wolle? Gerne, soweit es in seinen Möglichkeiten läge! Und so wird der Klient eingeladen, ein Symbol für sich an seinem schmucken Sessel zu belassen und nun ‚selbst‘ auf die erste Bühne zu steigen.

Mit Werten aus der Berufs-Ehe-Krise – Teil 6

Fortsetzung von gestern

Hierzu nutze ich die LebensWerte‐Kartenbox, die in Logotherapie und Coaching dazu eingesetzt wird, Klienten eine Hilfestellung in ihrer Werte‐Klärungsarbeit zu leisten. Über 400 redaktionell beschriebene Wertebegriffe stehen der Klientin zu Verfügung und sie wählt die für sie relevanten heraus auf der Basis der Frage: „Wenn Sie in sich hineinspüren und schauen, was Ihrem Wesen zutiefst entspricht, welche Beschreibungen sind dann für Sie zutreffend?“

Werte, nicht nur wichtig, sondern wesentlich

Die Klientin wählt aus dem Kartensatz knapp 50 Wertebegriffe aus. Als einen der nächsten Schritte erhält sie die Aufgabe, diejenigen Werte herauszusuchen, die sie im Zusammenhang mit dem von ihr geschilderten „angefressen, angezweifelt, klein gemacht zu werden“ als belastet ansieht. Es sind dies: Fleiß, Stärke, Improvisation, Selbstsicherheit, Rationalität, Gelassenheit, Antrieb, Individualität, Respekt, Vertrauen, Unvoreingenommenheit, Wissbegierigkeit, Spontaneität, Zähigkeit, Zielstrebigkeit.

WerteFrauLUm herauszuarbeiten, ob die Werte von Dritten projiziert wurden oder sich aus eigenen biografischen Begebenheiten heraus erinnern lassen, wird mit jedem Begriff ein Zeitstrahl in die Vergangenheit verbunden, und die Klientin reflektiert Wahrnehmungen und Ereignisse, die sie mit dem jeweiligen Wert in Berührung bringt. Den Wert „Zielstrebigkeit“ verbindet sie so zum Beispiel mit einem Satz aus dem Elternhaus als sie acht Jahre alt ist: „Nur mit einem Ziel erreichst Du viel!“. Den Wert „Unvoreingenommenheit“ verbindet sie mit einem Auslandsjahr in Kenia, als sie in der gymnasialen Oberstufe sich entschloss, ein Schuljahr in Afrika zu verbringen, um eine andere Kultur kennen zu lernen und ihr Umfeld – vor allem die Brüder – in ihrem Entschluss, gerade nach Afrika zu gehen, für „unsere Kleine“ doch ein gewisses „Wiederkehr‐Risiko“ sahen.

Durch diese Reflexionen kann die Klientin gut herausfiltern, welche der Werte ihre ureigene Lebensgeschichte zeichnen und welche Werte von ihr übernommen wurden. Der Wertekanon „Zielstrebigkeit“, „Zähigkeit“ und „Stärke“ wird dabei von der Klientin als durch ihre Familie ihr „übertragen“ und in seiner Wuchtigkeit heute eher als hinderlich und belastend empfunden. Während sie die Werte „Großzügigkeit“, „Gelassenheit“,  „Unvoreingenommenheit“, „Selbstsicherheit“, „Vertrauen“ und „Respekt“, die sie durch selbst verantwortete Lebensetappen entwickelt hat, zwar eher als förderlich, aber durch die aktuellen beruflichen und privaten Ereignisse ins Hintertreffen geraten sieht. Und „Selbstsicherheit“, „Vertrauen“ und „Respekt“ seien dabei die Werte, die ihr Mann mit seinem Verhalten verletzt habe.

Die Klientin stimmt zu, diese ‚Werte‐Gefühle‘ ihrem Mann in einem sinnzentrierten Paargespräch zu spiegeln.

Das Paargespräch

Im Paargespräch, das ich für Karin L. und ihren Mann moderiere und in denen sich beide ihre jeweiligen auf unterschiedliche Weise belasteten Gefühle schildern, wird beiden deutlich, dass ihre Bindungswerte „Liebe“, „Zuneigung“ und „Nähe“ zwar bei jedem auf seine Art verletzt wurden, jedoch diese Werte nach wie vor für ihre Partnerschaft als tragfähige, gemeinsame Brücke ansehen. Herr L. hat eine Aufmerksamkeit seiner Frau ins Gespräch mitgenommen, und als er um ihre Entschuldigung bittet und ihr ein kleines Symbol für seine Liebe überreicht, nimmt sie beides gerührt an. Eine mediierende Intervention war nicht erforderlich, ebenso argumentierten beide nicht in Richtung „Erhalt der Partnerschaft des Kindes wegen“ – vielmehr machten beide deutlich, wie unbeachtet bisher ihre lebensgeschichtlichen Werteentwicklungen waren und wie wichtig es war, diese Ebene in der Krisensituation in den Vordergrund zu rücken.
Karin L. hat sich mit ihrem Mann versöhnt. Die Partnerschaft ist seither weiterhin intakt.

Mit Werten aus der Berufs-Ehe-Krise – Teil 5

Fortsetzung von gestern

Als auch diese Bewerbung scheitert und sie wahrnimmt, dass die Stelle mit jemand „Inkompetenten“ besetzt wird, entscheidet sie, die mit ihrem Mann besprochenen Überlegungen der Familienplanung nun schon in die Tat umzusetzen. Sie wird schwanger und beantragt die ihr gesetzlich mögliche Eltern‐ und Erziehungszeit. Ihrem Unternehmen fühlt sie sich nach wie vor verbunden, und sie hofft, später – unter veränderten Systembedingungen – für weiterführende Aufgaben in Betracht gezogen zu werden.

Im Rahmen des sinnzentrierten Coachings, das Frau L. für sich nutzen möchte, um neben der privaten Situation auch einige Etappen aus ihrem Berufsleben zu reflektieren,  erzählt sie, dass alle Mitglieder ihrer Familie eine gute Ausbildung hätten und in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen eine anspruchsvolle Funktion bekleiden würden. Sie selbst „hinke aber nun hinterher“ und dann käme nun auch noch die tiefe Verletzung hinzu, die ihr Mann ihr mit seinem Verhalten zugefügt hätte. Das ist so, als hätte er mir das andere Bein auch noch weggezogen – „ich fühle mich richtiggehend stillgelegt“. Ihren beiden älteren Brüdern hätte sie früher stets beweisen müssen, dass Frauen auch „etwas auf dem Kasten haben“. Sie schildert einige Situationen, in denen sie sich „klein fühlte“, zum Beispiel konfrontiert mit Sticheleien und Verletzungen, dass das „was sie in dieser Konservenfabrik machen würde, doch bloß dazu diene, irgendein geschmackloses Zeug unter die Leute zu bringen“.

Solche Äußerungen wären zum einen inhaltlich falsch, wichtiger aber sei, dass sie sich als Person „angefressen“ fühle. Und die Absagen bei den beiden Bewerbungen „fressen sie auch an“. Und der Fauxpas ihres Mannes auch.

Die spürbare Wut der Klientin, ihr „ich bin angefressen“, lassen vermuten, dass etwas ihr zutiefst Wesentliches angegriffen wurde. Um dies genauer zu erkunden, stimmt die Klientin einer Werteanalyse zu.

wird fortgesetzt

 

Mit Werten aus der Berufs-Ehe-Krise – Teil 4

Fortsetzung von gestern

Manfred L. spürt, dass da etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Er versucht Erklärungen in der Arbeitslast, der Terminhetze, in der mangelnden Libido seiner Frau, in noch nicht qualifizierten Mitarbeitern u.a. zu finden.

Ist es – sokratisch gefragt – wahr, dass diese Bedingungen der Grund Ihres Handelns waren? Manfred L. erkennt, dass  es Ursachen für ihn gab zu handeln. Einen Grund, genau so zu handeln, gab es für ihn jedoch nicht. Ist es gut, dass Sie so handelten? Manfred L. erkennt, dass er die Verwirklichung u.a. seiner Werte Zuneigung, Vernunft, Gradlinigkeit und Bindung durch seine Handlung verfehlte. Ist es notwendig gewesen, in dieser Weise zu handeln? Auch hier erkennt Manfred L., dass ‚seine Not zu wenden’ in anderer Weise zu gestalten ist – sonst wäre ein ‚Rückfall’ unvermeidlich.

Was ist aber nun in der aktuellen Situation wahr, gut und notwendig? Für Manfred L. wird diese Reflexion zum Übergang in seine geistige Dimension. „Wahr ist, dass ich frei und verantwortlich war.“ „Gut ist, dass mich mein Verhalten an meine Werte zurückführt und ich erkenne, dass ich nicht guten Gewissens gegen sie handeln kann.“ „Notwendig ist, meine Werte zu pflegen und zu kultivieren.“

Aus einer Reihe pragmatischer, kommunikativer, reflexiver Interventionen erarbeitet sich Manfred L. u.a. diese Aspekte: Nachdem ich mir gut vorstellen kann, wie meine Tochter wohl mit 15 Jahren aussehen wird und nachdem ich mir auch vorstellen kann, welche Fragen mir meine dann 15jährige Tochter wohl in Bezug auf meine vergangenen 15 Jahre stellen wird, nehme ich mir vor, immer dann, wenn ich alleine im Hotelzimmer bin, für sie zu beschreiben, was ich heute tat, wie ich mich heute fühlte, welche Gedanken ich heute an sie hatte, was mir heute wichtig war. Dieses Tagebuch nenne ich „Lockbuch für Jenny“, denn auf die erste Seite kommt eine ihrer Locken und eines Tages möchte ich sie mit diesem Buch „locken“, doch mehr über eine Zeit zu erfahren, deren Zeitzeuge sie ja nur partiell gewesen ist.

Meiner Frau werde ich sagen, dass ich meiner Verantwortung nicht mehr ausweiche. Ich habe gelernt, dass ich eine Frage meines Lebens, auf die nur ich die Antwort bin, zu beantworten habe und diese Antwort habe ich gefunden, wenn ich auf mich und meine Familie schaue. Ich werde sie um Entschuldigung bitten. In meinem Beruf werde ich die durchaus möglichen Veränderungen derart einleiten, so dass ich meine Leistungsfähigkeit und ‐ bereitschaft nicht durch einen Werteverlust in Gefahr bringe. Ich nehme mir immer wieder die Zeit, mein Gewissen danach zu befragen, was in relevanten Situationen wahr, gut und notwendig ist.

Die Situation der Partnerin

** Karin L. [arbeitet mit einer Coachkollegin] ist 31 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Mann Manfred in einer Großstadt, unweit ihres Arbeitgebers. Seit fünf Jahren arbeitet sie im Produktmanagement eines Konsumgüterherstellers. Vor zweieinhalb Jahren hat sie sich intern auf eine vakante Leitungsposition im Marketing beworben, wurde jedoch nicht berücksichtigt, da sie sich für eine solche Aufgabe noch Erfahrung in der Führung internationaler Teams aneignen müsse. Dies hat sie seither in verschiedenen Projektgruppen getan und nahm vor einem Jahr die Gelegenheit wahr, sich auf eine Position in einer neu geschaffenen Business Unit zu bewerben. Sie fühlt sich für die Aufgaben gut gerüstet und wähnt sich sicher, bei diesem „zweiten Anlauf“ erfolgreich zu sein.

 

Mit Werten aus der Berufs-Ehe-Krise – Teil 3

Fortsetzung von gestern

Manfred L. hat an jenem Tag alles gegeben, um das Kundenprojekt in trockene Tücher zu bringen. Am nächsten Tag soll das Abschlussgespräch stattfinden. Recht ausgelaugt kommt er ins Hotel, in dem er schon so oft zu Gast ist, wird vom Portier freundlich begrüßt und auf den neuen Barkeeper aufmerksam gemacht, der ihm sicher etwas Feines zusammenmixen würde. ‚Vielleicht’, murmelt L., aber so rechte Lust auf einen ‚Absacker‘ hat er nicht.

„Ich hab dann das Fenster geöffnet, den Fernseher eingeschaltet, hab geduscht, mich kurz ausgeruht und dann den Laptop eingeschaltet. Die Mails nahmen kein Ende. Das fühlte sich für mich so an als ob man ein Auto mit Motorschaden voll tankt und dann auch noch vergisst, den Zapfhahn wieder herauszuziehen bis der Sprit überläuft.“…. „Das war ein ganz schlechtes Gefühl, ich hab so gedacht, dass sich keiner um mich kümmert. Ich in diesem 08‐15‐ Zimmer, irgendwo mein Chef, der mich mit neuen Aufträgen ‚versorgt’, ein morgiger Tag mit gestressten Leuten und dann die Autobahn und dann und dann. Und wo bleibe ich?“ … „Dann hab ich angerufen und dann stand diese Frau vor mir, war freundlich und wir hatten eine tolle Nacht. Ich war sehr entspannt.“

Manfred L.´s psychische Dimension funktioniert bestens. Er fühlt sich erschöpft, getrieben und frustriert – er reagiert mit intensivem Verlangen. Dass es sich in sexueller Begierde zeigt und nicht in Form zum Beispiel ‚exzessiv‐ausgleichenden’ Sports, wilder kulinarischer Hingaben oder eines Kaufrauschs mag durch das Spiel von Genen, Hormonen, Trieben, Glaubenssätzen u.a. zu deuten sein – im Kern bleibt sie eine Fokussierung auf die Lust mit dem Wunsch nach psychischer ‚Sättigung’. „Als ich nach Hause ins Wochenende fuhr, war ich gut drauf und dachte, dass auch meine Frau mich in dieser Hinsicht weniger fordernd erleben würde als sie es bis jetzt wohl tat. Am Montag sollte es dann wieder mit den neuen Projekten motiviert weitergehen.“ Sich erneut in die Situation einfühlend, die den Impuls zur Handlung freisetzte, meint L., das wäre eine ‚Mischung aus Schwermut, Isolierung und Ärger’ gewesen.

„Ob es eine Situation mit vergleichbaren Empfindungen gab? An sich nur dann, wenn ich konfrontiert war mit beruflichen Rollenerwartungen, denen ich noch nicht meinte, vollends gewachsen zu sein. Wenn man als Mensch mit Herz und Blut nicht wahrgenommen wird, an sich austauschbar ist, dann fehlen die Nähe und das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. So war es bei mir.“

Menschen brauchen einen Grund zum Glück

Frankl’s Sinntheorie führt den Menschen zur Erkenntnis, dass gewissenhaftes Denken und Handeln einen wesentlichen Beitrag zur Sinnerfüllung leistet ‐ und dieser dann Glück und Zufriedenheit folgen. „Je mehr der Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon. Der Mensch ist im Grunde nicht darauf aus, glücklich zu sein; was er in Wirklichkeit will ist, einen Grund dafür zu haben, um glücklich zu sein. Hat er diesen guten Grund, dann stellt sich das Glücksgefühl von selbst ein. In dem Maße hingegen, in dem er das Glücksgefühl direkt anpeilt, verliert er den Grund, den er dazu haben mag, aus den Augen, und das Glücksgefühl selbst sackt in sich zusammen. Mit anderen Worten, Glück muss er‐folgen und kann nicht er‐zielt werden“.

wird fortgesetzt

Mit Werten aus der Berufs-Ehe-Krise – Teil 2

Fortsetzung von gestern

Manfred L. zeigt im Coaching‐Gespräch ein klares und strukturiertes Denken, einen deutlichen Affekt, seine Körpersprache ist lebendig. Er vermag perspektivenreich seine private und berufliche Situation zu schildern, auch dass er seit der Geburt des Kindes fühlt, dass seine Frau die körperliche Nähe zu ihm nicht mehr in der Weise sucht, wie sie es zuvor tat. Sie habe ihm schon einmal gesagt, dass sie sich überfordert fühle, wenn er am Wochenende zu Hause sei, dort ja auch immer noch etwas für die Firma täte, die Bindung zum Kind nicht vertieft würde und er dann auch noch erwarte, dass es in der Erotik funke. Das könne er wohl verstehen, andererseits wären die Bedingungen halt wie sie sind, er würde seine Frau lieben und in die Vaterrolle schon noch hineinwachsen und so ungewöhnlich sei es doch wohl nicht, dass man als Mann auch die Nähe zur Frau suche – „aus dem Alter bin ich ja noch wirklich nicht heraus“.

Hat der Klient seine Bedingungen oder haben die Bedingungen ihn?

‚Die Bedingungen sind eben wie sie sind’ – ein solcher Satz, der eine Meinung wie in Stein meißelt, stellt einen recht gelungenen Einstieg in eine Arbeit mit ‚tieferen Schichten’ dar. Weniger in der Form, dass der Klient erklärt, warum die Bedingungen so wurden wie sie sind – dafür finden sich fraglos eine Fülle nachvollziehbarer Gründe, sondern vielmehr: Wozu sind die Bedingungen so wie sie sind ‚gut’? Welche Haltungen und Einstellungen nimmt der Klient ein, wenn er seine Bedingungen reflektiert? Kann er annehmen, dass jeder Mensch unter Bedingungen steht, jeder Mensch aber auch frei und verantwortlich dafür ist, sich zu diesen Bedingungen zu stellen – dass es immer ein ‚so oder so’ gibt? Vermag der Klient in die Klarheit darüber zu kommen, welche seiner Werte seine bisherigen Einstellungen und über diese auch seine Verhaltensmuster geprägt haben? Wird ihm bewusst, dass ein ‚sich zu den Bedingungen anders stellen’ eine Entwicklung seines Wertesystems bedeutet?  Hindert ihn etwas an dieser Werteentwicklung? Erkennt und fühlt er einen Sinn, der durch die Verwirklichung dieser Werte entsteht?
In dieser Phase des Gesprächs stehen Hypothesen im Raum wie: ‚die Vaterrolle bedingt einen Wertekanon, den der Klient noch nicht hinreichend entwickelt hat’; ‚die beruflichen Aufgaben erscheinen zunehmend sinnentleert’; ‚die Entwicklungen in den verschiedenen Lebensbereichen verlaufen zu schnell, die Selbstreflexion kommt zu kurz’; ‚zwischen dem Klienten und seiner Frau findet zu wenig Wertekommunikation statt’; ‚der Klient verliert sich selbst im Streben nach Pflichterfüllung’.

wird fortgesetzt