Kategorie-Archiv: Sinn und Krise

Sinn-Spannung

Wer sein eigenes Leben als sinnlos empfindet,
der ist nicht nur unglücklich, sondern auch kaum lebensfähig.
Albert Einstein

Der Pluralismus unserer modernen Zeit führt in seinem Rucksack eine Vielzahl von Werteverwirklichungsangeboten mit sich, die verursachen, dass ehemals stabile Wert- und Deutungssysteme wie die Familie, nationale Identitäten, Glaubensinstanzen oder – im Kontext der Profit-Organisationen – die Management-Elite in ihrer „Sinn-Erzeugungskraft“ relativiert werden.

Der Mensch wird zur Selektion verführt, zum Konsum des besten Augenblicks. Die Folge ist meist Entfremdung und Unverbindlichkeit – man spürt sie, wenn Menschen in lebhaften Opportunismus und schwächelnde Loyalitäten fallen. Dieser „stabile Pragmatismus“ ist quasi der Trend für jede Glücksindustrie, die suggeriert, dass die „Flucht in die Sucht“ (und hier meinen wir sowohl alle gängigen als auch alle befremdlichen Ausprägungen) eine geeignete Form ist, sich der Mühe der Sinnfindung zu entledigen.

Menschen auf der Suche nach Sinnerfüllung bemerken aber irgendwann, dass die Delegation an Glücks- und Heilsbringer fundamental keine Änderung bewirkt. In einem solchen Zustand erleben wir Menschen, wenn sie von ‚Sinnkrise‘ sprechen. Welche Signale beschreiben uns berufstätige Klienten, deren Wunsch nach vermisster Sinnerfüllung im Job sie zu uns führt?

Häufig wird erwähnt, dass externen Erwartungen und Appellen an eine individuelle Aktivität keine angemessene Sinnqualität gegenübersteht, dass die vorhandenen Kräfte „ohne Sinn und Verstand“ eingesetzt werden oder auch dass sich ein Gefühl von Interesselosigkeit an den Befindlichkeiten der großen und der kleinen Welt entwickelt hat. Nicht selten finden sich in den ersten Gesprächen Worte der Verwunderung, dass die höchsten Instanzen im Unternehmen nicht die Energie zur Förderung von Sinn aufbringen können. Der Verwunderung folgt meist der Gedanke, dass es möglicherweise diesen Instanzen ebenso an Sinnerleben mangeln könnte – ein Umstand, der tröstet, aber nicht wirklich hilft. Was bleibt, ist eine existenzielle Frustration.

Was meist offenkundig fehlt ist eine Art gesunder Spannung für eine sinnvolle Antwort auf die Frage, die einem das Leben stellt. Entsteht diese Sinn-Spannung nicht, leidet der Mensch unter dem Empfinden, „gestorben zu werden“ – die Berichte selbst junger Menschen, die sich in einem Umfeld der Un-Spannung (des Ungebraucht-Seins, des Unbeachtet-Seins, des Ungefordert-Seins…) erleben, zeigen uns, dass existenzielle Frustration nicht davon abhängig ist, ob ein Mensch vor diesem Empfinden bereits den Zustand der Sinn-Spannung einmal erlebt hat. Möglicherweise beeinflusst dies zwar die Energie eines Menschen, einen bereits einmal anders erlebten positiven Zustand wieder erreichen zu wollen, die situative Qualität des Erlebens von Sinnlosigkeit scheint davon jedoch unberührt.

Den Aufbau einer Sinn-Spannung zu begleiten, darf nun nicht so verstanden werden, als dass wir für unsere Klienten Sinn erzeugen oder Sinn als Beratungsprodukt geben könnten. Dies zu versuchen, würde dazu führen, dass der Klient unser Leben lebt. Im Gegenteil, wir haben uneingeschränktes Zutrauen in unsere Klienten, die Antworten auf die Fragen des Lebens selbständig zu finden.

Sinnfindung ist vom Klienten zu leisten. Ein unserer Sicht wesentlicher Einstieg in diese Arbeit ist eine genaue Reflexion der eigenen und übertragenen Werte des Menschen. Werte sind die Bandscheiben des Sinn-Rückgrats. Sie sind für uns die Variablen im Sinnfindungsprozess. Dem Kant’schen Idealismus, dass Werte Eigenschaften seien, die zur Hochschätzung würdig machen, fügen wir den Gedanken hinzu, dass im Wertekanon eines Menschen neben Fundamentalwerten eine Reihe operativer Werte verankert sind. Fundamentalwerte führen bei Nichtbeachtung im Gewissen des Menschen zu existentiellen Stör-Erlebnissen. Operative Werte führen bei Nichtbeachtung in kritischer Situation zu massiven systemischen Konflikten oder – handelt man wider Wert – zumindest zu einem „flauen Gefühl“, das auf eine reduzierte eigene Gewissenhaftigkeit zurückzuführen ist.

Spielverderber Sokrates

Sokrates, mittlerweile ist sein Werk auch schon seit 2.400 Jahren unauslöschlich in der Philosophie verankert, fordert uns Sinntheoretiker immer wieder heraus. So ist seine Erkenntnis, dass kein Mensch Wahrheit zweifelsfrei feststellen kann, vielmehr diese stets nur den konkret beobachtbaren Dingen vorbehalten ist, ein echter Brocken. Insbesondere, wenn wir von unserer Seite behaupten, dass für jeden Menschen zu jeder Zeit Sinn im Leben gegeben ist. Konkret beobachtbar ist er nicht und doch – so postulieren wir – ist er da. Eine sokratisch-philosophische Frechheit also, oder?

Für Sokrates war alles jenseits der Wahrheit pure Behauptung. Und wurde diese auch noch als die einzig wahre hingestellt, war einem die Zornesröte im Antlitz des alten Griechen sicher. Sokrates als Verderber des Spiels mit Konjunktiven, Eventualitäten, Reduktionismen und Absolutismen.

Als wahr gilt im Alltagsverständnis, was einen beobachtbaren Ausschnitt real gegebener Umstände zutreffend beschreibt. Wahr ist also, dass ich gerade vor einem Bildschirm sitze. Wahr ist, dass ich schreibe. Wahr ist, dass es knapp 11 Uhr ist. Wahr ist – glaube ich – auch, dass ich mir all dem subjektiv gewiss bin. Aber so einfach ist es nicht. Wenn ich es als wahr ansehe, dass ich schreibe, so bekämen einige Neurowissenschaftler bei diesem Satz eine Schnappatmung. Schließlich ist es doch das Gehirn, das den Befehl gibt, etwas motorisches so zu tun, dass eine bestimmte Taste gedrückt wird.

Bei den Anhängern Freuds wäre das, was ich hier gerade als wahr ansehe nichts anderes als überschüssige Libido. Irgendeinem Trieb folgend und unter Beachtung einer sozialen Norm ist mein Ich nun dabei, zwischen diesen beiden zu vermitteln und so etwas zu machen wie diesen Text. Andere ‚tiefen‘ Psychologen sehen das alles wieder anders, aber im Kern formulieren auch sie mehr Überzeugungen darüber was ‚Mensch‘ ist, als Wahrheiten. Ihre persönliche Überzeugungen werden so sukzessive zu Gewissheiten, zu subjektiven Gefühlen des Überzeugt-Seins.

Menschen brauchen diese Gefühle persönlicher Gewissheit, doch eins sollten sie nicht: Den Blick auf das zu versperren, was wahr ist. Bezweifelt ein Mensch seine Gewissheiten nicht, dann geschieht aber genau das. Die Wahrheit geht im Moor der Gewissheit unter. Um an die Wahrheit zu kommen, müssen ‚felsenfeste Überzeugungen‘ und die bekannte ‚absolute Sicherheit‘ für eine Weile weichen. Und damit auch der ‚Glaube‘, das ‚Bauchgefühl‘, die ‚Wahrscheinlichkeit‘, die ‚Intuition‘, der Mythos gemeinsam mit anderen sei man schlauer, Vorurteile und andere Nebengleise. Wahrheit braucht den rationalen, herrschaftsfreien Diskurs – mit anderen oder in der Selbstkommunikation.

Und wie ist das dann nun mit dem Sinn und der Wahrheit?

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Am Sinn kommt man nicht vorbei – erst recht nicht in Krisen

Jeder Mensch muss sich selbst ‚be-sinn-en‘, andere Menschen können diesen Prozess zwar positiv beeinflussen, die Antworten auf die zentralen Fragen des Lebens muss jedoch jeder Mensch selbst finden und geben. Das ist auch gut so, denn wäre es anders, dann könnten moralische Appelle ‚wie jemand zu sein habe‘ als Sinnangebote verpackt werden und letztlich einen Menschen komplett fremdbestimmen. Dass wir solche Angebote kennen, sei es durch Botschaften aus der Werbung, der Mode, von Sekten oder sektiererischen Gruppierungen, aber auch in Unternehmen, in denen mit materiellen Verlockungen Pseudo-Sinn ‚gestiftet‘ wird, ändert nichts am Faktum: So wie Durst der ‚Beweis‘ für die Existenz von so etwas wie Wasser ist [einem Bild des Österreichern Franz Werfel], so ist Sinnlosigkeitsgefühl ein Beweis für den stets gegebenen Sinn.

Die Ortung des Sinns übernimmt der menschliche Sinnkompass, das Gewissen. Es ist nicht gleichzusetzen mit einem anerzogenen oder kulturell beeinflussten ethischen Bewusstsein. Vielmehr steht das Gewissen vor reflektierter Moral, es ist gleichsam ‚prä-logisch‘, also als Geistiges bereits da, bevor der Mensch seinen Verstand einschaltet. Jedoch – und dies erleben wir im Coaching und in Therapie immer wieder – versperrt der Verstand zuweilen vehement den Zugang zum Sinnvollen. Dann blockieren bestimmte eingebrannte Denksätze, vermeintliches Erfahrungswissen oder eben die schon genannten Pseudo-Sinnangebote die Tür zum Sinn. Krisen – so zeigt die Erfahrung – sind oftmals durch diese Blockaden gekennzeichnet. Der Denksatz: ‚Es wird schon irgendwie gut gehen‘, kann ein solcher Satz sein, der Sicherheit vorgaukelt und dem Menschen ein nicht zu haltendes Versprechen gibt.

Verliert ein Mensch in einer Krise dann ‚Sinn‘, dann bedeutet dies nicht, dass es keinen mehr gibt, sondern lediglich, dass die Möglichkeiten der Sinnverwirklichung unter dem Einfluss der Krise nicht mehr erkannt werden. Beginnt nun die Sinnsuche – oder, ist dieser Prozess im Rahmen einer Krisenprävention bereits ‚durchlebt‘ worden – dann startet die ‚Entdeckung einer Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit‘ [Frankl]. Dass Menschen sich in Krisen aufmachen, ihrem Leben wieder neuen Sinn zu verleihen, ist ein weiteres Indiz dafür, dass es ihn gibt, jederzeit und eben auch in Krisen.

Sinn: die beste Stressprophylaxe

Dass sich die Bedeutung gesellschaftlicher Strukturen wie die der Kirche, vieler Vereine, auch der Familie für viele Menschen heute stark verändert zeigt, ist mittlerweile eine weithin bestätigte Beobachtung. Um so wichtiger wird es für Menschen, zu klären, wo Sinn gefunden werden kann, wenn ihn die bisher üblichen Sinnquellen nicht mehr vermitteln.

Der Managementvordenker Prof. Fredmund Malik bestätigt zudem die Wahrnehmung vieler berufstätiger Menschen, dass auch Unternehmen ihre sinnvermittelnde Qualität zunehmend einbüßen. Alles in allem droht dem Menschen in unserer Zivilgesellschaft eine kollektive Sinnleere. Malik konstatiert daher, dass die Sinntheorie Frankls für ihn wichtigste Motivationslehre sei und er sich darüber wundere, dass dieses Wissen bei Führungskräften bislang fast unbekannt ist. Ein Grund dafür liegt wohl in der ‚Verantwortung zur Sinnfindung‘, die Frankl jedem Menschen zuschreibt. Die Zeiten, in denen ‚Sinn‘ wie auf dem Silbertablett angeboten wurde, ist zwar nicht vorbei, eher im Gegenteil. Nur: Menschen merken immer stärker, dass diese Angebote nicht den persönlichen Sinngehalt ansprechen, sondern meist eher zur Befriedigung der Bedürfnisse der Anbieter dienen.

Dabei ist der Weg, auf dem der einzelne Mensch den Sinn in seinem Leben finden kann, weniger abstrakt als man vielleicht denkt. Die Formel dazu lautet: Sinnfindung durch Werteverwirklichung. Und die damit verknüpfte Anforderung an den einzelnen Menschen besteht darin, sein Wertesystem zu erkunden. Die Kernfrage lautet: Kenne ich die Werte, die mir im Leben wesentlich sind?

In einer geleiteten Werteanalyse werden Menschen immer wieder überrascht, welche Werte sie in ihrem Leben von anderen übernommen, abgelehnt, verändert oder entwickelt haben. Ist das Wertesystem klar herausgearbeitet, dann ist dies das Fundament, auf dem sich Einstellungen, Motive, Ziele, Verhalten und Handlungen begründen. Mit dieser Klarheit kommt der Mensch in den Genuss, im Einklang mit sich selbst zu sein. Ohne eine solche Klarheit, wird das Leben eher schwammig und beeinflussbar. Die Folge sind Fremdbestimmung, Unzufriedenheit und Stress, denn wer dafür sorgt, dass andere für die eigene Lebensfreude verantwortlich gemacht wird, der darf sich nicht wundern, wenn dabei die eigene Sinnfindung auf der Strecke bleibt.

Rein ins Leben – hin zum Sinn

Wird ein Mensch ins Leben geboren, dann wird er früher oder später auf die Idee kommen, sich danach zu fragen, was es mit dem Leben, der Welt, den Menschen und Dingen so auf sich hat. Irgendwann wird ihm wichtig werden zu wissen, welche übergeordnete  Qualität dem eigenen Leben zugeschrieben werden soll. Lautet die Antwort, dass das eigene Leben so spaßhaft, lustvoll oder amüsant wie nur möglich gestaltet werden soll? Frei nach dem Motto: ‚liebe deine Triebe‘? Oder lautet sie vielleicht, dass das Leben durchzuboxen ist, dass es nur Sieger und Verlierer geben kann und es darauf ankommt, Vorteile wo immer geht abzuschöpfen? Frei nach dem Motto: ‚am Ende zähl nur ich‘?  Worauf soll es ankommen? Auf Lust, auf Macht – oder doch eher auf Sinn?

Sein Leben ‚psychisch‘ zu führen, bedeutet letztlich, einen egozentrierten Standpunkt einzunehmen. An diesem Standpunkt zählen Lust und Macht. Sie sind auf den ersten Blick reizvoll und allemal meistens auch legitim. Bleiben sie jedoch die einzigen Perspektiven im Leben, dann bedeutet dies, eine ständige Suche nach dem Neuen, dem noch Lustvolleren, dem noch Mächtigeren, dem Höher-Schneller-Weiter-Geiler-Bunter-Lauter-… zu betreiben. Ohne das alles, bleibt der Standpunkt leer.

Strebt der Mensch nach Erfüllung seines Lebenssinns, dann geht er auf die Suche nach einem Platz, der mehr ist als er selbst. Dieser Platz gibt dem Dasein seinen Wert und stellt sicher, dass der Mensch sein Recht auf ein gelingendes Leben bewahrt. Jeder Mensch hat einen solchen Platz – auch, wenn er daran kaum [mehr] glauben kann. Diesen Platz zu finden, steht in der Verantwortung des einzelnen Menschen. Niemand anderes kann diese Verantwortung abnehmen. Einmal gefunden, trägt er dazu bei, dass der Mensch nicht mehr nur ‚auf der Oberfläche‘ sein Leben lebt. Auf diesem Platz verwirklicht der Mensch seine zutiefst individuelle ’seelische DNA‘, seine Werte.

Das schöne dabei ist: Es ist nie zu spät, den Platz des Lebenssinns zu suchen.
Aber noch schöner ist: Es ist auch nie zu früh.

Sie brauchen noch mehr Motivation zur Sinnsuche? Die Forschung der Psychoneuroimmunologie zeigt, dass Sinnerfüllung eindeutig positiv auf die individuelle Gefühlslage, und darüber auf die Immunlage des Menschen wirkt. Wer um seinen Sinn im Leben weiß, fühlt sich mit sich im Einklang. Und das ist von jeher der wirksamste Schutz gegen die Kräfte, die täglich auf einen Menschen einwirken. Sinnorientierung gilt somit als das stärkste Element in der Prävention von Krisen. ist ein fundamentales Element seelischer wie körperlicher Gesundheit, besonders in Krisensituationen.

Über sich hinausweisen …

Ein Unglück ist einem Menschen geschehen – und der Betroffene entwickelt eine Idee, wie vermieden werden kann, dass dies anderen Menschen auch passiert.
Ein Paar entzweit sich – und doch achten beide darauf, dass ihre Kinder in einem guten und gesunden familiären Klima weiterhin aufwachsen.
Ein Mensch kann durch Krankheit seiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen – und er überwindet seinen Verlust, indem er erkennt, dass er über Potenziale verfügt, die er in einem anderen Themenfeld konstruktiv einsetzen kann. ….

Selbsttranszendenz ist eine Fähigkeit des Geistes, sich über sich hinaus auf die Aufgabe und Frage zu beziehen, die das Leben dem Menschen in seiner Krise stellt. Viktor Frankl versteht diese Gabe als „anthropologischen Tatbestand, daß Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist, auf etwas oder auf jemanden: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf mitmenschliches Sein, dem er da begegnet. Und nur in dem Maße, in dem der Mensch solcherart sich selbst transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst; im Dienst an einer Sache – oder in der Liebe zu einer anderen Person! Mit anderen Worten: ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine andere Person. Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst – übersieht und vergisst.“ [Frankl in: Ärztliche Seelsorge]

Selbsttranszendenz meint ‚Selbstvergessenheit‘, also eine Haltung, mit der der Mensch keine Zentrierung auf das eigene Ego zeigt, sondern sich offenhält für seine ‚Welt‘ mit ihren Möglichkeiten der Werteverwirklichung – auch dann, wenn durch eine Krise eben diese ‚Welt‘ verletzt oder erschüttert wurde.

Wenn die eigene Lebenswelt erschüttert wird – Teil 1

Krisen erhöhen die Komplexität schlagartig. Wird ohne eine individuelle Krisensituation die Komplexität erhöht, dann gelingt die Bewältigung einer solchen Situation meist mit ‚Vertrauen‘. Als Beispiel dafür kann die Lebenslage eines berufstätigen Paares angesehen werden, das parallel zum Beruf ein Haus baut. Schnell wachsen die Informationen von und über Gewerke zu einem Berg an Details heran, denen die Bauherren nur dadurch herabregeln können, indem sie den von ihnen beauftragten Handwerkern Vertrauen schenken. Geschieht dies anfänglich ohne hinreichende Prüfung der erwarteten Kompetenzen, durch Gutgläubigkeit oder auch durch ein naives Verständnis der Themen, so kann dies im Fiasko enden. Ist jedoch – präventiv – ein gutes Maß an Einschätzung des Könnens entwickelt worden, so kann nun das gerechtfertigte Vertrauen zur Verringerung der individuellen Lasten genutzt werden.

‚Auf was kann ich noch vertrauen‘ –  dieser Satz spiegelt jedoch die Verzweiflung wider, wenn das Fiasko eingetreten ist, eine unerwartete, auf das eigene Lebensmodell zerstörerisch einwirkende Krise erlebt wird. Sicher ganz ‚falsch‘ ist die Reaktion, nichts und niemandem mehr zu vertrauen – so menschlich eine solche Reaktion auch sein mag und so verständlich sie zuweilen auch ist, bedenkt man, dass bei aller Katastrophe sich die Welt einfach weiterdreht und sich morgen schon die anfängliche Anteilnahme durch Dritte weitgehend aufgelöst haben kann oder abgelöst wird von einem Interesse an Themen, die den Schmerz des Einzelnen in den Hintergrund rücken lassen. Dass diese Form der Distanzierung an sich hilfreich ist, um durch sie die Selbstmotivationskräfte des Betroffenen anzuregen, wieder auf die Beine zu kommen, wird aus der Perspektive von Betroffenen zwar oft als beklagenswert, zu früh, zu kalt, zu unmenschlich empfunden. Dennoch: der soziale Prozess als solcher verhilft dazu, sich aus dem vom Brennglas der Krise geworfenen Licht zu entfernen und – wenn auch erst unscharf – wieder die Konturen der ’noch heilen Lebensumgebung‘ sehen zu können.

Anmerkung: Wenn wir mit Menschen über ‚individuelle Krisenprävention‘ sprechen und sie darin beraten, dann verläuft dieser Prozess genau andersherum. Das ‚Brennglas der sicheren Gewohnheiten und des ‚das kann mir doch nicht passieren“  wird erweitert um die Konturen der möglicherweise ’nicht mehr heilen Lebensumgebung‘ und um den bestmöglichen Umgang mit ihr.

In der Unschärfe, die von betroffenen Menschen in Krisen zum Beispiel versprachlicht wird mit: ‚ich weiß nicht so recht, wie es weitergehen kann …‘, ‚mir fehlt die Phantasie, daran zu glauben, dass ich wieder Freude im Leben erfahren werde …‘, wird ein ’neues Nachdenken über sich‘ erforderlich. Wer bin und bleibe ich ‚trotz der Krise‘, welche Verantwortung gilt es nun für mich, zu übernehmen? Welche trotz oder durch die Krise entstandenen, neuen Strukturen können mir helfen, wieder Vertrauen zu schöpfen? Welche Strukturen sind nicht betroffen und können von mir genutzt werden und erhalten mir ein Gutteil an Berechenbarkeit? 

wird morgen fortgesetzt

Sinnfrage und Sterbehilfe

Nach dem Sinn im Leben, nach seiner Existenz und nach dem Sinn seiner Existenz fragen zu können, ist eine spezifisch menschliche Fähigkeit. Derzeit befindet sich unsere Gesellschaft in einer intensiven Debatte rund um das Thema Sterbehilfe. Die Perspektiven spiegeln personale Ethik wider, berühren Fragen der Verantwortungsübertragung, nehmen rechtliche Aspekte ins Visier und zeigen das jeweils individuelle Menschenbild des jeweiligen Autors und Redners auf.
Was der Gesetzgeber zu klären und regeln versucht, wird eines Tages zu einem neuen Verständnis der Möglichkeiten führen, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende zu machen.

Davon aber ganz unberührt bleibt die Frage nach dem Sinn im Leben im Einfluss von Leid, Schmerz oder Alter. Diese Frage kommt vor der Frage, wie das Leben zu beenden sei. Wird der Sinn in Frage gestellt, wird die Tür zum Lebensende weit geöffnet. Gerade in diesen existenziell kritischen Situationen kann der Mensch weiterhin Sinn finden, wenn er offen bleibt für die Aufgaben, die das Leben ihm stellt und deren Erfüllung nicht ihm selbst zugute kommen.

Das ist nicht leicht, wenn zum Beispiel eine schwere Pflegebedürftigkeit dazu führt, dass ein Mensch plötzlich und unvorbereitet in ein Heim übersiedeln muss. Fremde Hilfe zuzulassen, eine vertraute Umgebung aufzugeben, womöglich das alles im Zustand des Alleinseins – dieser Wandel mit damit einhergehenden Erwartungen an das Verhalten der Person, kann ein extremes Krisenempfinden bewirken. Der Grund liegt dabei in der Regel in einem Wertesystem, dessen Passung auf die neuen Bedingungen nicht gegeben ist und dessen An-Passung präventiv nicht vollzogen wurde. Gerade Menschen mit Werten aus den Kontexten Freiheit und Autonomie, Vorsicht und Distanz u.a. tun sich bei einem solchen Wechsel schwer. Kommen nun ein Nicht-mehr-gebraucht-werden, fremde Menschen, eigene Schmerzen usw. dazu, liegt nahe, sich die Frage zu stellen, wie das Leben zu beenden sei. Es ist heute anzunehmen, dass weit mehr Menschen sich die Frage heute vorlegen, als dass sie diese konkret mit ihrem Umfeld thematisieren. Die Angst, andere zu belasten, als schwach oder einer Therapie oder Fremdbetreuung bedürftig angesehen zu werden oder schlicht das Unwissen, mit wem eine derartig existenzielle Sorge auf Augenhöhe überhaupt besprochen werden kann, führen nicht selten zum Schweigen.

Aus sinnzentrierter Sicht strebt der Mensch solange er lebt, ob bewusst oder unbewusst, nach Sinn.
Um diesen Satz im Kontext eines Menschen, der krankheitsbedingt nicht mehr zu Erinnerungen, Regungen oder Äußerungen imstande ist, zu konkretisieren: Für die Logotherapie können Körper sowie Fühl- und Denkfunktionen erkranken. Die geistige Dimension des Menschen jedoch ist per se gesund. Im Menschenbild der Logotherapie verliert der Mensch nie seinen Sinn im Leben – wird einem erkrankten Menschen von Angehörigen abgesprochen, dass ’sein Leben angesichts der Aussichtslosigkeit der Situation nun doch sinnlos sei‘, wird dann ein Deutungsfehler begangen, wenn diese Bewertung der Angehörigen entweder auf der Basis ihres eigenen Wertesystems oder ihres Mitleids vorgenommen wird oder wenn sie das Leben des Betroffenen aus ihren eigenen Erlebnissen mit ihr heraus interpretieren, ohne dass es über die Werte des Betroffenen jemals ein tiefgängiges Gespräch gegeben hat. Ohne die Wertehaltung des Betroffenen konkret vor Augen zu haben, ist die Beurteilung, der Mensch habe keinen Sinn mehr im Leben, eher ‚leicht-sinnig‘. Auch der vorgetragene Wunsch eines Menschen, angesichts von Leid oder Schmerz sterben zu wollen, bleibt solange ‚frag-würdig‘, bis der Mensch hat deutlich machen können, keinen seiner Werte mehr verwirklichen zu können. Die Alltagspraxis zeigt, dass Gespräche in dieser Richtung kaum stattfinden – sie zu führen, gehört meist auch nicht zum Standardrepertoire einer ’normalen‘ Person. Sinnzentriert arbeitende Therapeuten, Seelsorger oder Pädagogen haben hier ihre methodisch bewährten, kommunikativen Zugänge.

Was hier als Arbeitsrahmen der Logotherapie skizziert wurde, reibt sich – wir wissen es – mit dem Dilemma, vor dem Menschen stehen, die der Frage ausgesetzt sind, einen Beitrag dafür zu leisten, um eine Person sterben zu lassen. Wir glauben auch nicht, dass die Gesetzgebung dieses Dilemma aufheben kann, sie kann lediglich den Rahmen schaffen, in dem Verantwortungsübernahme von Angehörigen und Ärzten legal bleibt. Jedoch – kein Paragraf wird ein wesentlich höheres Gut ersetzen können, auf das es in solchen extremsten Entscheidungen ankommt. Auf das Gewissen.

 

 

Wofür? oder Warum? – die Sinnfrage

Menschen in Krisen stellen die Frage nach dem Sinn meist mit einem vorangehenden ‚Warum‘. Warum gerade ich, warum passiert das jetzt, warum wird mir dies oder jenes nicht ermöglicht …
Warumfragen stellen Verständnisfragen dar, sie stellt der ‚Gehirngeist‘, um Klärung in Sachverhalte und Vergleichsmöglichkeiten zu erhalten. Warum fragt nach Ur-Sachen. Mit ‚warum‘ fragen wir, wenn wir etwas tiefgründig erfassen wollen. ‚Warum‘ im Kontext eines Menschen, also zum Beispiel ‚warum hast Du Dich entschieden, diese Maschine und nicht die andere zu kaufen‘, fällt wieder auf den Menschen zurück, wenn er zum Beispiel antwortet: „Ich habe die Preise und Leistungen von A und B verglichen und nach diesen Hauptkriterien entschieden.“
Würde er antworten. „Weil diese Maschine für die Anforderungen der Mitarbeiter in der Abteilung X die bessere Alternative ist“, dann hätte er im strengen Sinne nicht auf ein ‚Warum‘ geantwortet, sondern auf ein ‚Wofür‘.

Die meisten Menschen nehmen eine solche Feindifferenzierung ihres Vokabulars nicht vor – und erschweren sich damit zuweilen lebenspraktisch den Zugang zum Sinn. Will sagen: Es gibt eine Art ‚Sinnsprache‘, die es Menschen erleichtert, abzukommen von formalen Gedanken oder Ursache-Wirkung-Zusammenhängen oder Blicken in die Vergangenheit. Das Wort ‚wofür‘ entspricht dabei eher einem Begriff der Sinnsprache, es öffnet neue Räume, es lockert die Verkrustungen, die Warum-Fragen bislang erzeugt haben können. Und – natürlich – werden Sie erleben können, dass Menschen ‚wofür‘ sagen, obwohl sie an sich ‚warum‘ meinen. Ein Satz wie: ‚wofür hast Du mich zur Welt gebracht‘, kann eine Antwort bewirken, die den Fragesteller auf die Welt des Antwortenden reduziert und damit die vielleicht erhoffte, erfreuende Wirkung verfehlt.

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.
Wittgenstein

In der Tat: Sinnfindungsprozesse gehen in der Arbeit in unserer Praxis meist einher mit Wortfindungsprozessen und wir achten sehr auf den Umgang mit diesen Fragen und Antworten:
‚Warum sind Sie hier?“ „Weil ich mehr über mich selbst erfahren möchte.“
‚Wofür sind Sie hier?“ „Um zu erkennen, was ich in meiner jetzigen Lebensphase beitragen kann.“

 

Opfersein oder Verantwortlichsein?

Verantwortlichkeit ist das Wesen menschlicher Existenz. Ex-istere = hervortreten, entstehen – Existenz als Prozess, sich aus dem Käfig des eigenen Ego zu befreien, sich nach außen zu wenden, hervorzutreten, Stellung zu beziehen, sich auf etwas, was man nicht mehr selbst ist, zu beziehen. Auf eine Aufgabe, einen Menschen, auf etwas, das gerade jetzt und gerade von mir zu tun ist.

Lebt der Mensch diese Freiheit zur Existenz nicht, versagt er sich die Verantwortung für die Aufgaben, die ihm sein Leben stellt, dann verfehlt er seine Sinnerfüllung. Die bekannten Folgen: psychische Erkrankungen, das Empfinden der Sinnleere, des – wie Frankl es nannte – existenziellen Vakuums.

Woran erkennen Sie Sinnleere? Einige beobachtbare Haltungen:
Dauernörgeln. Opferhaltung. Jammerei und Klagerei. Schuldigensuche. Flaches Gerede. Selbstverliebtheit. Gerüchteverbreitung. Egofokussierung …. – auf Dauer recht deutliche Zeichen für ein Lebensprovisorium mit erheblichem Krisenanfälligkeitsgrad.

Wer in seinem Umfeld solche Phänomene wahrnimmt, der dürfte damit eine Aufgabe vorliegen haben, mit seinen Möglichkeiten zu einer Veränderung dieser Haltungen beizutragen.