Kategorie-Archiv: Sinnorientierte Erwachsenenbildung [Logoandragogik]

Wunsch – Zweck – Sinn

Ich wünsche mir eine gute Beziehung zu einem anderen Menschen. Aber will ich sie auch? Ich wünsche mir mehr Anerkennung für meine Leistung. Aber will ich sie auch? Ich wünsche mir größere Freiheitsgrade. Aber – will ich sie auch?

Zwischen wünschen und wollen erscheint eine größere Kluft als umgangssprachlich angezeigt. Zumeist wird davon ausgegangen, dass der, der sich etwas wünscht, das Gewünschte auch will. Was aber, wenn man sich zum Beispiel Tage der Erholung wünscht, dann jedoch nichts dafür tut, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht – wenn dem Wunsch keine Handlung folgt? Wie wird also aus einem Wunsch ein Wille?

Für Führungskräfte ist diese Frage zentral, wünschen sich doch viele ihrer Mitarbeitenden einen sicheren, gestaltungsreichen, finanziell interessanten, zukunftsrobusten Arbeitsplatz. Aber – wollen sie ihn auch?

Herr, mein Wille geschehe.

Höhere Tiere haben Wünsche, zum Beispiel ‚mit Freunden eine Runde Canasta zu spielen‘ oder ‚einen lange schon nicht mehr gesehenen Spielfilm anzuschauen‘. Höhere Tiere hemmen die Erfüllung eines Wunsches zugunsten der Erfüllung eines anderen, oder anders ausgedrückt: Ein Trieb siegt. Zutiefst menschlich ist hingegen das Vermögen, eigene Wünsche bewerten zu können und über den Vollzug der Bewertung etwas als wollenswert anzusehen.

Mit der Art seiner Wunschbewertung bezieht sich der Mensch auf sich selbst. Einer Wunschbewertung geht immer eine Selbstbewertung voraus. Wünsche ich mir eine anspruchsvolle Projekttätigkeit und bewerte dazu eine vorliegende Option, dann bewerte ich zuerst Aspekte meiner selbst, insbesondere meine Gefühle. Erst dann setze ich aus dieser Wertung heraus Energien frei, die als fester Wille, diese Tätigkeit auch auszuüben, interpretiert werden können.

Gewolltem Handeln geht also Selbstbewertung voraus und diese Bewertung kann quantitativ und qualitativ vollzogen werden. Eine quantitative Selbstbewertung findet zum Beispiel dann statt, wenn ich meine Kompetenzen, mein Wissen in den Vergleich mit anderen Personen rücke, die sich wie ich eine bestimmte berufliche Tätigkeit wünschen. Oder wenn ich reflektiere, wie viel ich in meine Qualifizierung investiert habe und nun einen Gegenwert für diesen Aufwand erwarte.

Eine qualitative Selbstbewertung hingegen wird offenkundig, wenn ich zum Beispiel eine Bewerbung für eine Tätigkeit zurückziehe, um damit einer anderen Person zu helfen, ein existenzielles Problem zu lösen. Der Wille zur Hilfe steht dann höher als der Wunsch für eine berufliche Tätigkeit. Willentlich derart zu handeln, dabei gegebenenfalls auch negative Gefühle zu überwinden [vielleicht, weil die andere Person sich zu einem früheren Zeitpunkt mir gegenüber nicht angemessen verhielt], erhält zumeist andere Zuschreibungen von Dritten wie: edel, tief, reif, frei, groß, stark.

Eine starke, qualitative Wertung gibt Auskunft über das ‚Wozu ist die Handlung gut‘, eine quantitative über ‚Welchem Zweck dient die Handlung?‘

Unter einem Zweck verstehen wir den Grund für zielgerichtete Handlungen unter dem Einfluss einer erwarteten Wirkung, die so stark ist, so dass das Bestreben, das Ziel zu erreichen, mit einer dafür ausreichenden Ressource unterstützt wird. Wer also etwas bezwecken will, muss auch die dem Zweck gemäßen Mittel wollen. Wer die Mittel nicht einzusetzen bereit ist, der will nicht – der wünscht bestenfalls.

Unter einem Sinn verstehen wir den ‚guten‘ Grund für wertebasierte Handlungen unter dem Einfluss einer stets gegebenen Wahlmöglichkeit, wobei sich der Handelnde in seiner sinnerfüllten Wahl einer anderen Person oder Sache hingibt. Wer dieses Gute nicht anzustreben bereit ist, der will nicht zutiefst – der bezweckt bestenfalls.

Wünscht sich eine Person nun eine berufliche Tätigkeit und artikuliert sie dabei eine quantitativ geprägte Selbstbewertung, so wird sie das, was sie wünscht, bereits als gut [im Sinne ‚gut für meine Zwecke‘] deuten.

Wünscht sie auf der Basis einer qualitativen Selbstbewertung, so kann sie erkennen, ob die Erfüllung des Wunsches für die Verwirklichung eigener, ihrem Wesen entsprechender Werte förderlich ist – letztlich, ob sie eine bestimmte Art von Person sein will. Bemerkt sie dabei, dass der Wunsch zum Beispiel nach einer bestimmten Tätigkeit im Unternehmen sie selbst kompromittiert – vielleicht weil ein Streben nach Erfüllung dieses Wunsches wissentlich zu einer seelischen Verletzung einer anderen Person führen würde –, so kann sie wollen, dem Wunsch nicht weiter zu folgen. Eine solche Person kann sich selbst gegenüber ein Veto einlegen. Oder nach Viktor Frankl: Eine Person muss sich von sich selbst doch nicht alles gefallen lassen.

Wann haben Sie zum letzten Mal zu sich selbst gesagt: Herr, mein Wille soll nicht geschehen?

Berufliche Seelsorge

Eine berufliche Seelsorge soll zu einer Veränderung im seelischen Zustand eines Menschen führen. Dabei hilft in einem ersten Schritt, dass mitgeteilte Belastung geteilte Belastung ist. Im zweiten Schritt jedoch wird die Verantwortung deutlich, die der Mensch dafür hat, seine Not zu wenden. Hierzu braucht es Überwindung und Selbstüberwindung. Gute Kräfte, um sich zu überwinden, sind Hoffnung und Glaube. Mit diesen Selbstbejahungsressourcen fällt es leichter, das ein oder andere Hindernis zu meistern.

An dieser Stelle ist sprachliche Klarheit hilfreich. Die weithin synonym verwendeten Begriffe Psyché und Seele trennen wir voneinander. Die mit dem Tod vergängliche Psyche umfasst die Grundemotionen Wut, Neid, Trauer, Ekel, Angst, Scham und Überraschung sowie damit verbundene Regungen und Verhaltensweisen wie Eifersucht, Ehrgeiz, Aggression, Oppositionssucht, Hass, Fanatismus und andere. Vielerorts wird dieser Aspekt menschlichen Lebens auch Triebseele genannt. Die Psychotherapie leistet für die Psyche Entlastungsarbeit.

Mit Seele hingegen adressieren wir den unvergänglichen Sinn im Menschen, das, was ihn überstrahlt – das, was weit mehr ist als seine einzelnen Handlungen, Erfolge, Probleme oder Mißgriffe. Dieser Aspekt des Lebens wird auch als Geistseele beschrieben. Im Moment des Verlustes, der Verfehlung oder der Trennung dominiert die Psyché und verleitet zu allerlei ‚Spielchen‘, Verdrängungen oder weiteren unguten Eskalationen. Die Begriffe ‚Rosenkrieg‘, ‚Mobbing‘, ‚deformation professionelle‘, Leugnung sind nur ein kleiner Ausschnitt der Palette. Was übrig bleibt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Da, wo die Seele spürt, dass etwas nicht mehr zu vereinbaren ist, dass sich etwas zusammen zieht und verkrampft, da ist Seelsorge ein sinnvoller Weg. In der beruflichen Seelsorge ist unser Bestreben, dass der erkennende Geist unseres Gesprächspartners die Wahrheit der Situation erfasst. Ist er erfasst, dann ist für weiterer Zweifel kein Raum.

Zweifel, der aus der Seele kommt, braucht Überwindung. 
Überwundener Zweifel befreit die Seele und weitet sie.

„Jeder wahre Lehrer, jeder Arzt, jeder Therapeut,
aber auch jeder Seelsorger kennt den eigentümlichen
Sprung, der sich in seiner Beziehung zu dem ihm
aufgegebenen Menschen vollzieht in dem Augenblick,
in dem er nicht anders kann, als sich dem anderen
gegenüber selbst zu öffnen und nun durch sein
Amtskleid hindurch als der ganze Mensch hervortritt
und so dem anderen als er selbst begegnet.
Bei allen Gefahren, die damit verbunden sind – er
weiß und spürt es: Erst jetzt erreicht er den anderen
wirklich von Person zu Person.“

Karlfried Graf Dürckheim
Vom doppelten Ursprung des Menschen

Berufsseelsorge für Führungskräfte

Analog zu Viktor Franks ‚tragischer Trias‘ [Tod, Schuld, Leid] verstehen wir unter der ‚tragischen Berufstrias‘ die Belastungsthemen: ‚Verlust‘, ‚Verfehlung‘, ‚Trennung‘. Ein Verlust kann zum Beispiel darin bestehen, dass eine Managementfunktion oder eine geschätzte Person verloren wurde. Aber auch Gesichtsverlust, Ehrverlust oder das Empfinden, die Hoffnung verloren zu haben, sind Gesprächsthemen in unserer beruflich sinnzentrierten Seelsorge. Eine Verfehlung kann beispielsweise darin bestehen, einen anderen Menschen vor einem bestimmten Umstand nicht rechtzeitig gewarnt zu haben, eine eigene Verfehlung begangen zu haben, ein Versprechen nicht gehalten zu haben oder auch das Gefühl, an wichtiger Stelle nicht mutig genug gewesen zu sein. Eine Trennung schließlich kann zu einem Thema der Managerseelsorge werden, wenn man sich von Menschen getrennt hat, ohne deren persönliche Situation ausreichend berücksichtigt zu haben oder wenn im privaten Umfeld eine Trennung vollzogen wurde, die man nun bereut.

„Ich weiß nicht, wohin mit meinen Sorgen. Durch mein egoistisches Verhalten ist menschlicher Schaden entstanden. Das tut mir leid, aber das hilft niemandem. Ich habe keinen Menschen, mit dem ich mich auf neutrale Weise darüber austauschen kann, und von kirchlicher Seite erwarte ich keine passende Unterstützung.“

Sehr oft äußern Führungskräfte in den Gesprächen mit uns den Wunsch, man möge die Dinge ungeschehen machen oder es wäre schön, könnte man die Zeit zurückstellen, um dann in anderer Weise entscheiden oder handeln zu können. Meist werden in diesem Zusammenhang erhebliche Gewissensnöte erwähnt und ein gedankliches Kreisen um das belastende Thema. Häufig dauern diese Belastungen bereits lange an, und zuweilen haben unsere Gesprächspartner bereits das Umfeld, in dem die Situation eintrat, bereits verlassen – sei es altersbedingt oder durch einen Wechsel in ein anderes Unternehmen.

Sinn: die beste Stressprophylaxe

Dass sich die Bedeutung gesellschaftlicher Strukturen wie die der Kirche, vieler Vereine, auch der Familie für viele Menschen heute stark verändert zeigt, ist mittlerweile eine weithin bestätigte Beobachtung. Um so wichtiger wird es für Menschen, zu klären, wo Sinn gefunden werden kann, wenn ihn die bisher üblichen Sinnquellen nicht mehr vermitteln.

Der Managementvordenker Prof. Fredmund Malik bestätigt zudem die Wahrnehmung vieler berufstätiger Menschen, dass auch Unternehmen ihre sinnvermittelnde Qualität zunehmend einbüßen. Alles in allem droht dem Menschen in unserer Zivilgesellschaft eine kollektive Sinnleere. Malik konstatiert daher, dass die Sinntheorie Frankls für ihn wichtigste Motivationslehre sei und er sich darüber wundere, dass dieses Wissen bei Führungskräften bislang fast unbekannt ist. Ein Grund dafür liegt wohl in der ‚Verantwortung zur Sinnfindung‘, die Frankl jedem Menschen zuschreibt. Die Zeiten, in denen ‚Sinn‘ wie auf dem Silbertablett angeboten wurde, ist zwar nicht vorbei, eher im Gegenteil. Nur: Menschen merken immer stärker, dass diese Angebote nicht den persönlichen Sinngehalt ansprechen, sondern meist eher zur Befriedigung der Bedürfnisse der Anbieter dienen.

Dabei ist der Weg, auf dem der einzelne Mensch den Sinn in seinem Leben finden kann, weniger abstrakt als man vielleicht denkt. Die Formel dazu lautet: Sinnfindung durch Werteverwirklichung. Und die damit verknüpfte Anforderung an den einzelnen Menschen besteht darin, sein Wertesystem zu erkunden. Die Kernfrage lautet: Kenne ich die Werte, die mir im Leben wesentlich sind?

In einer geleiteten Werteanalyse werden Menschen immer wieder überrascht, welche Werte sie in ihrem Leben von anderen übernommen, abgelehnt, verändert oder entwickelt haben. Ist das Wertesystem klar herausgearbeitet, dann ist dies das Fundament, auf dem sich Einstellungen, Motive, Ziele, Verhalten und Handlungen begründen. Mit dieser Klarheit kommt der Mensch in den Genuss, im Einklang mit sich selbst zu sein. Ohne eine solche Klarheit, wird das Leben eher schwammig und beeinflussbar. Die Folge sind Fremdbestimmung, Unzufriedenheit und Stress, denn wer dafür sorgt, dass andere für die eigene Lebensfreude verantwortlich gemacht wird, der darf sich nicht wundern, wenn dabei die eigene Sinnfindung auf der Strecke bleibt.

Individualausbildung in Logoandragogik und Business Mentoring

Wenn wir die Menschen so nehmen wie sie sind, machen wir sie kleiner.
Wenn wir sie aber so nehmen, wie sie sein sollen,
helfen wir ihnen, die zu werden, die sie sein können.

Pädagogische Maxime nach Goethe

MentorPro® ist das erste Ausbildungsprogramm zum Logoandragogen und Senior Mentor,

das das Konzept der ‚Sinnzentrierten Erwachsenenbildung‘ [Logoandragogik]
[Logos = Sinn / Andragogik = Wissenschaft der Gestaltung von Bildungsprozessen erwachsener Menschen]

mit dem Konzept des ‚Mentoring‘ verbindet
[Entwicklungsprozess, in dem eine erfahrene Person einen anderen Menschen mit seinem Erfahrungswissen fördert und unterstützt]

Das Ziel des Programms ist die Kompetenzerweiterung im Umgang mit Anforderungen im beruflichen Alltag durch die Gestaltung sinnorientierter Kommunikationsformen, pädagogischer Interaktionen und lebensnaher Unterstützungsleistungen. Es basiert auf dem Gedankengut des Arztphilosophen, Psychologen und Sinntheoretikers Viktor E. Frankl.

Während die ‚Logotherapie‘ [die sinnzentrierte Psychotherapie] dem Menschen in Krisen und Belastungsereignissen wieder zu einem Sinn im Leben verhilft und die ‚Logopädagogik‘ dazu dient, Kinder und Jugendliche an die gewissenhafte, freie und verantwortliche Beantwortung von Lebensproblemen heranzuführen, adressiert die ‚Logoandragogik‘ die Arbeit mit erwachsenen Menschen, deren Verlangen nach sinnorientierter Begleitung in der heutigen durch Komplexität ausgezeichneten Welt stark zunimmt.

Die Ausbildung richtet sich an Fach‐ und Führungskräfte
in der Erwachsenenbildung, Seelsorge und 
Lehre.

Programmbroschüre:
http://www.logoandragogik.de/fileadmin/docs/logoandragogik/MentorPro-Logoandragogik.pdf 

Antworten auf existenzielle Fragen finden

Der menschliche Geist kehrt, wenn er von einer neuen Idee gefordert wurde, nie in seine Ausgangsposition zurück.

Oliver Wendell Holmes

Aus den zahlreichen Bedeutungen, die das Wort ‚logos‘ in seinen Übersetzungen hat, greifen wir in unseren Beratungs- und Therapieleistungen auf das Wort ‚Sinn‘ zurück. Der Mensch sucht nach Sinn in seinen Beziehungen, seinen Betätigungen, seinem Beruf – und zuweilen nach sinnvoller Begleitung durch einen anderen Menschen, der ihn in einer Lebensphase darin unterstützt, Antworten auf existenzielle Fragen zu finden.

Viktor Frankl hat mit seiner ‚Theorie des Logos‘ die besondere Eigenart des Menschseins angesprochen. Für ihn ist ‚Mensch zu sein‘ kein ‚nun-einmal-so-und-nicht-anders-sein-Müssen‘, sondern steht ein ‚immer-auch-anders-werden-Können‘. Wer in dieser Haltung lebt, fragt immer wieder nach dem Sinn in seinem Leben. Diese Frage zu stellen, ist zutiefst menschlich und sie braucht etwas, was den Menschen über das hinaushebt, was ihm sein Körper und seine Psyche ermöglicht. Diese dritte Dimension ist der Geist.

Während die körperliche [somatische] und die psychische Dimension in einem engem Zusammenhang stehen – wir kennen dies zum Beispiel aus dem Bereich psychosomatischer Erkrankungen – kann sich der Mensch kraft seiner geistigen Dimension zum Beispiel über Beschwerden hinwegsetzen, die ihm Psyche oder Körper bereiten. Wichtig ist diese Fähigkeit besonders dann, wenn der Mensch am Sinn in einem seiner Lebensbereiche zweifelt oder verzweifelt.

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Die Krise des ‚am Ende zähl nur ich‘

Die Geister der Gier wird man so schnell nicht los. Alles will erobert sein, im Leben soll es üppig zugehen, es soll Spaß machen. Der Mensch giert nach Beachtung und Aufmerksamkeit, erhält er sie nicht, wird die Gier depressiv. Alles zählt jetzt, und so rennen die Menschen ihrem Glück nach und zuweilen auch achtlos an ihm vorbei. Bleibt zu wenig für das Ich übrig, dann muss schnell ein gieriges Feuer entfacht werden, damit die Psyche zu ihrer Befriedigung kommt. Die Ressourcen des Menschen sind endlich, seine Gier erschöpft sich in Erschöpfung und im Verglimmen der eigenen Flamme. Es muss alles jetzt sein, im Morgen kann man zu spät kommen. Dann sind die Körbe vielleicht schon leer. Wie spießig sind doch die, die an andere Denken. Weg mit den Gutmenschen, sie langweilen. Lasst uns geil und lustig sein, das Leben ist kurz und Zeit ist Geld.

Hatte der Mensch je ‚genug‘? Hatte er je das Gefühl, nicht im Modus ‚zu wenig‘ zu sein? Schauen wir uns um, dann finden wir alle Formen der Ausuferung. Wir merken, Gier hat jeder. Der eine giert nach Arbeitsleistung und die, die Gier stillen, klagen über ‚zu viel Arbeit‘. Der andere giert nach den Leckereien des Kühlschranks und die, die Folgen zu bezahlen haben, klage über ‚zu viel der Kosten des Gesundheitswesens‘. Der nächste giert nach Macht und die, die sie zu spüren bekommen, klagen über ‚zu viel Stress am Arbeitsplatz‘. Der übernächste giert nach Deutschtum und die, denen das fremd ist, klagen über ‚Fremdenhass‘.
Die Leistung der Kinder? Sind nicht genug. Also hinein mit Barbituraten.
Das Leben ist lebenswert? Nicht genug. Also hinein mit Speed, Ecstasy und Crystal Meth.
Geld, Sex, Einfluss, Kontakte ….. – Nicht genug.

Das ’nicht genug‘ ist eines der wesentlichen Themen in jeder Psychotherapie. Dazu zwei Perspektiven.

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Sinn und Mentoring

„Sinnorientiert handelnde Mentoren unterstützen dabei, Menschen fähig zu machen, Sinnfragen des Lebens zu beantworten. Sie ermutigen zur Selbsttätigkeit, damit ihre Gesprächspartner ihre stets gegebene Freiheit und Verantwortlichkeit erkennen und ihrerseits beginnen, mit Hingabe sich für jemanden oder für etwas einzusetzen, das ihres Einsatzes bedarf – und dies trotz womöglich gegebener eigener Erschwernisse, Hindernisse und Krisen. Wenn es Mentoren gelingt, ihre Gesprächspartner in diesem Sinne zu helfen, erfahren beide auf ihre je persönliche Weise, dass Sinn die Kraftquelle ist, nach der jeder Mensch sucht und die einzig in der Lage ist, die Belastungen des Einzelnen zu überwinden und damit die Spannung eines erfreuenden, gelingenden Lebens zu erhalten.“

Wofür? oder Warum? – die Sinnfrage

Menschen in Krisen stellen die Frage nach dem Sinn meist mit einem vorangehenden ‚Warum‘. Warum gerade ich, warum passiert das jetzt, warum wird mir dies oder jenes nicht ermöglicht …
Warumfragen stellen Verständnisfragen dar, sie stellt der ‚Gehirngeist‘, um Klärung in Sachverhalte und Vergleichsmöglichkeiten zu erhalten. Warum fragt nach Ur-Sachen. Mit ‚warum‘ fragen wir, wenn wir etwas tiefgründig erfassen wollen. ‚Warum‘ im Kontext eines Menschen, also zum Beispiel ‚warum hast Du Dich entschieden, diese Maschine und nicht die andere zu kaufen‘, fällt wieder auf den Menschen zurück, wenn er zum Beispiel antwortet: „Ich habe die Preise und Leistungen von A und B verglichen und nach diesen Hauptkriterien entschieden.“
Würde er antworten. „Weil diese Maschine für die Anforderungen der Mitarbeiter in der Abteilung X die bessere Alternative ist“, dann hätte er im strengen Sinne nicht auf ein ‚Warum‘ geantwortet, sondern auf ein ‚Wofür‘.

Die meisten Menschen nehmen eine solche Feindifferenzierung ihres Vokabulars nicht vor – und erschweren sich damit zuweilen lebenspraktisch den Zugang zum Sinn. Will sagen: Es gibt eine Art ‚Sinnsprache‘, die es Menschen erleichtert, abzukommen von formalen Gedanken oder Ursache-Wirkung-Zusammenhängen oder Blicken in die Vergangenheit. Das Wort ‚wofür‘ entspricht dabei eher einem Begriff der Sinnsprache, es öffnet neue Räume, es lockert die Verkrustungen, die Warum-Fragen bislang erzeugt haben können. Und – natürlich – werden Sie erleben können, dass Menschen ‚wofür‘ sagen, obwohl sie an sich ‚warum‘ meinen. Ein Satz wie: ‚wofür hast Du mich zur Welt gebracht‘, kann eine Antwort bewirken, die den Fragesteller auf die Welt des Antwortenden reduziert und damit die vielleicht erhoffte, erfreuende Wirkung verfehlt.

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.
Wittgenstein

In der Tat: Sinnfindungsprozesse gehen in der Arbeit in unserer Praxis meist einher mit Wortfindungsprozessen und wir achten sehr auf den Umgang mit diesen Fragen und Antworten:
‚Warum sind Sie hier?“ „Weil ich mehr über mich selbst erfahren möchte.“
‚Wofür sind Sie hier?“ „Um zu erkennen, was ich in meiner jetzigen Lebensphase beitragen kann.“

 

Blockaden im Sinnerleben

Leben Menschen in Bedingungen, die in ihnen Hilflosigkeitsempfindungen, Abhängigkeiten, Ohnmachtsgefühle, Selbstwertzweifel o.a. Phänomene bewirken, die jedoch nicht mit einer grundsätzlichen Frage nach dem Sinn im Leben stehen, dann sprechen wir von einer Sinnleere, sondern einer Richtungslosigkeit der eigenen Motive. Ein Mensch kann also den gegenwärtigen Sinn seinem Leben sehr wohl ausgemacht haben [z.B. eine berufliche Lehre zu beginnen, um als Gärtner
Menschen, die empfänglich sind für florale Ästhetik, in deren Wohnumfeld zu erfreuen], doch erlebt er die damit verbundenen bürokratischen oder zwischenmenschlichen Prozesse als derart hindernd, dass er in eine Demotivationsspirale gerät, die ihm den Blick auf das Sinnvolle erschwert und nach und nach in das Empfinden von Sinnverlust führen kann.

Es ist oft in Therapie und Coaching zu beobachten, dass Menschen ihre Absichten, etwas als sinnhaft Geklärtes, nur deshalb nicht in die Handlung führen, weil sie Einschränkungen anderer Art zulassen, die das Sinnhafte quasi diskreditieren. „Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich ja, aber …“ Sinnbremsen dieser Art können darin liegen, dass man glaubt, über ein zu geringes Maß an Kompetenzen zu verfügen oder dass man meint, mit einem erfreuenden Einstieg ins Berufsleben andere Familienmitglieder, die einen solche Bezug zum Arbeitsleben nicht aufgebaut haben, vor den Kopf zu stoßen … oder

– dass man meint, gegen bestimmte Obrigkeiten, Mächte, Strukturen usw. das als Sinnvoll erachtete deshalb nicht durchsetzen zu können, weil sich einzubringen oder sich mit einer Sache mit ganzem Herzen einzusetzen, als unerwünscht empfunden wird;

– dass man meint, das als Sinnvolles erkannte könnte womöglich doch nicht sinnvoll sein, weil man ja bislang ’nichts besonderes zu Wege gebracht hat‘, ‚andere sicher nicht auf einen warten, wenn man mit diesem Gedanken kommt‘, ‚weil man nicht intelligent genug sei und der erkannte Sinn wohl doch eher eine Fata Morgana sei“

– dass man meint, durch bei anderen wahrgenommenes Desinteresse, Ignoranz, Lethargie etc. einen Hinweis dafür zu erhalten, ‚doch besser die Finger von der Sache zu lassen‘. Auch die abwertend formulierte Zuschreibung, wohl ein ‚Gutmensch‘ zu sein, kann zu einer Demotivation des durchaus als sinnvoll erkannten führen;

– dass man meint, das als sinnvoll Angesehene könnte nicht zu sinnvollen Zielen und sinnvollen Maßnahmen heruntergebrochen werden, weil man ja bislang von ‚keinem Mensch nach diesem Sinnhaften gefragt wurde‘

Hindernisse wie diese hören wir immer wieder in Therapie- und Coachinggesprächen und könnten dazu verleiten, das sinnzentrierte Arbeiten zu verlassen und mit dem Menschen stärker vergangenheitsorientiert [warum sehen Sie sich so, wie hat Ihre Familie Sie geprägt, ….] zu arbeiten. In meiner Praxis habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, Patienten und Klienten darauf aufmerksam zu machen, dass in einem logotherapeutischen Arbeitsprozess die Vergangenheitsreflexion ’so viel wie nötig und so wenig wie möglich‘ erfolgt und ich in meiner Rolle meinen Gesprächspartner nicht ‚zum Sinn zwinge‘, ich in meiner Prozessverantwortung jedoch darauf achte, dass er ’sich selbst nicht um den von ihm erspürten Sinn in seinem Leben bringt‘, indem er seinen Blockaden mehr Bedeutung beimisst als seinen Möglichkeiten. Ich mache dabei transparent, dass dabei für mich das gute alte Pareto-Prinzip gilt, das in diesem Kontext besagt, dass mit 20% der verhaltenstherapeutischen Zeit bereits 80% der mit Vergangenheitsaspekten verbundenen Erkenntnisse gewonnen werden können. 80% der Zeit verbleiben so im Sinne der sinnzentrierten, nach vorne auf ein gelingendes Leben gerichteten Arbeit,

 

Sinnorientierte, die Gewissensbildung unterstützende Erwachsenenbildung [Logoandragogik] – [3]

Kritische Lebensereignisse im Form von Veränderungen des Lebensstils, der Bezugsgruppe, der Infra­gestellung des Sinns im Leben und auch weltanschauliche Suchbewegungen werfen die Frage auf, welchen Beitrag die Erwachsenenbildung zur produktiven und progressiven Verarbeitung kritischer Lebensereignisse leisten kann.

Für den Erziehungswissenschaftler Horst Siebert gehört dies zu den wichtigsten Fragestellungen der Erwachsenenbildungsforschung überhaupt. Sie wird in der konkreten Begleitung von Krisenbetroffenen bedeutsam, gilt doch, „dass Menschen, die ihre Lebens­probleme thematisieren, kein Wissen für nachweisbare Qualifikationen aufbauen wollen, sondern in ihrer Lebenssituation ratlos sind und an ihre Lebenserfahrungen, an problemlösende Anstrengungen und schon vorhandene Wissensbestände anknüpfen wollen.“ Eine solches Angebot der Erwachsenenbildung muss demnach bedachtsam formuliert werden, nicht zuletzt, um nicht womöglich „alltägliche Probleme und ‚normale‘ Krisenzeiten zu pathologisieren, dort wo die Anregung zum Durcharbeiten, zum Umdeuten und zu Weitsicht mit der Kompetenz der alltäglichen Helfer ausreichen würde“.

Soll also krisenpädagogisch geprägte Beratung [oder Therapie, oder Coaching, …] nicht aus ‚gut gemeinten‘ Beweggründen zu einer subtilen Form der Entmündigung des Menschen führen,

  • sei es, dass der Berater versucht, sein Lebensmodell oder das anderer Menschen dem Klien­ten als Beweis gelungener Entwicklung vorzuhalten oder sei es,
  • dass er im kreativen Fluss seiner eigenen Vorstellungen dem Klienten einen Möglichkeits­raum suggeriert, dessen Attraktivität den Klienten zwar berührt, dessen Unerreichbarkeit ihn aber aufgrund seiner empfundenen, ihn begrenzenden Bedingungen zusätzlich destabilisiert,
  • sei es, dass das Set an Normen, Werten, Weltanschauungen und Bedeutungen, das der Klient kultu­rell und sozial erworben hat, durch den Berater als krisenursächlich interpretiert wird, ohne dass dieser die damit verbundenen Loyalitäten berücksichtigt,

dann gilt es, eine Didaktik zu pflegen, durch die vermieden wird, dass der Berater in eine Stellvertre­tung des Denkens, Deutens oder gar Handelns gerät. [wird fortgesetzt]