Kategorie-Archiv: Werte

Wie wäre es, könnten Sie in aller Ruhe und mit Substanz Ihr persönliches Wertesystem erarbeiten und überarbeiten? Wie wäre es, gäbe es ein Instrument, mit dem Sie gemeinsam mit Ihrem Lebenspartner, Ihren Kindern, Kunden, Mitarbeitern oder Kollegen ein intensives Gespür für individuelle Werteverständnisse entwickeln könnten?

Die LebensWerte-Kartenbox ermöglicht dies – leichtgängig,umfassend und ideologiefrei.

Sie wurde entwickelt von der Perspektivenwechsel GmbH. Unser Unternehmen ist spezialisiert auf die Beratung von Fach- und Führungskräften in den Themen Führung, Kommunikation, Krise und Konflikt, Sinn und Werte und in der Unternehmenskulturentwicklung.

Große wie kleine Unternehmen, Einzelpersonen und Dienstleister aus Training, Coaching, Therapie und Erziehung setzen die LebensWerte-Karten bereits seit vielen Jahren ein.

Die 6. Auflage ist nun verfügbar.

Ohne Werte wird aus ‚handeln‘ nur ein ‚machen‘

„Die Charakteranlage ist auf keinen Fall das jeweils Entscheidende; letztlich entscheidend ist vielmehr immer die Stellungnahme der Person. In ‚letzter Instanz‘ entscheidet die [geistige] Person über den [seelischen] Charakter, und in diesem Sinne läßt sich sagen: zuletzt entscheidet der Mensch über sich selbst. Daß er dies nicht immer faktisch tut, wohl aber fakultativ, ändert nichts an der prinzipiellen Gültigkeit dieser Aussage. Der Mensch hat also nicht nur Freiheit gegenüber Einflüssen aus seiner Umwelt, sondern auch gegenüber seinem eigenen Charakter.“ [Viktor Frankl]

Die von Frankl genannte ‚letzte Instanz‘ ruht in der Kenntnis, dass jeder Mensch ein [ihm womöglich nicht klares und selbst-bewusstes] Wertesystem hat, aus dem heraus über Prozesse der Bedeutungsgebung und Bewertung am Ende der Wirkungskette ein bestimmtes Handeln steht. Studien kommen immer wieder zum Ergebnis, dass Werte der eigentliche Auslöser des Handelns sind (Bamberg 1996, Adlwarth/Wimmer 1986, Iser/Schmidt 2005 u.a.]

Für Frankl sind Werte ‚Sinnuniversalien‘ – das individuelle Wertesystem vermag es daher bestenfalls, einem Menschen ein ‚Universum‘ möglicher Sinnangebote zu eröffnen. Kennt ein Mensch jedoch sein Wertesystem nicht oder hat er ein ausgesprochen enges Wertespektrum [zum Beispiel überwiegend Werte aus dem Kontext ‚Leistung'[, dann reduziert dies den Zugang zum ‚Universum‘ der per se gegebenen Sinnmöglichkeiten. Kommt nun ein derart ‚fokussierter‘ Mensch in eine Krise, weil genau das, was er fokussiert, angegriffen wird [Leistungswerte => Krise durch Arbeitslosigkeit oder Unfall usw.] dann steht er im Risiko, nicht mehr wertebasiert handeln zu können, sondern nur noch irgendetwas zu machen. Dies zu verändern, ist krisenpräventiv leistbar, in einer manifesten Krise jedoch deutlich erschwert.

Verstehen wir Werte als relativ konstante persönliche Überzeugungen, die darüber entscheiden, welche Handlung vollzogen wird, dann wird klar, warum individuelle Krisen im Kern immer Wertekrisen sind. Dazu erinnern wir an die Definition von Krise, in der das entscheidende Kriterium, um überhaupt von einer Krise sprechen zu können, der Selbstzweifel ist. Zweifelt ein Mensch an seinem Selbst, dann zweifelt er daran, auf der Basis seiner Werte handeln zu können. Würde man zum Beispiel ’nur‘ an seiner Kompetenz zweifeln, dann wäre es recht einfach, eine Krise zu überwinden. Man müsste sich dann nur Personen annehmen, die in diesem Krisenkontext kompetent sind. Ein ‚Selbst-Zweifel‘ hingegen ist nicht zu delegieren, seine Auflösung bedarf der Werteklärung und -entwicklung. Wer diese Schritte geht, ermöglicht es seinen Werten, aktiv eine Form anzunehmen, so wie es einmal Werteforscher Schwartz beschrieb: Desirable transsituational goals, varying in importance, that serve as guiding principles in the life of a person”.

Frankl for Business – 5

„Der Mensch will nicht einfach glücklich sein –
er will einen Grund zum Glücklich-Sein.“
Viktor Frankl

Glück stellt sich ein, wenn ein Mensch Sinnvolles tut. Sinnvolles tut er, wenn er im Einklang mit seinen Werten handelt und damit innerlich dem zustimmt, wofür er sich aufgerufen fühlt. Vielfach sind das ganz kleine Dinge im Leben, manchmal aber auch eine große Sache. Sich aufgerufen fühlen zu können setzt seinerseits voraus,

  • dass man einen ‚Sinnanruf‘ nicht überhört,
  • dass man offen ist für die Fragen, die das Leben einem stellt und
  • dass man erkennt, dass die Beantwortung dieser Fragen ohne Auseinandersetzung mit dem, was in der Welt nottut, was es zu klären, heilen, verbessern, entwickeln … gilt, nicht möglich ist.

Unternehmen brauchen Menschen mit solchen Sinnantennen. Über sie entstehen Ideen, die in Kooperation und kollektiver Intelligenz ihren Beitrag dafür leisten können, die Welt ein weiteres Stück besser werden zu lassen. Hingegen: Strukturen, die darauf ausgerichtet sich, dass einzig der Individualisierung Vorschub geleistet wird, verfehlen die Möglichkeit, dass Menschen einen Grund zum Glücklichsein finden. Wollen Führungskräfte dieser Entwicklung entgegentreten, dann führen sie so, dass jeder Mitarbeiter lernt, Verantwortung für Getanes zu übernehmen. Das klingt leichter als gesagt, und sollten Sie selbst Menschen führen, dann fragen Sie sich doch einmal, wie Sie in den letzten sieben Tagen einem Mitarbeiter diese Form der Verantwortung-Verantwortlichkeit vermittelt haben [vielleicht auch, wie Sie dies in den kommenden 72 Stunden einmal tun könnten]?

Wer Verantwortung für Getanes übernimmt, der sollte als nächstes begründen können, was es heißt, eine Aufgabe nicht nur zu erledigen, sondern sie möglichst gut zu machen. Sollte möglichst gut nicht gut genug sein, dann kommt wieder die Verantwortung ins Spiel zu begründen, unter welchen Bedingungen ein ‚besser‘ möglich wäre.

Wer Verantwortung für ein ‚besser‘ übernimmt, der soll begründen können, was für ihn ’schlechter‘ ist. Sollte dabei begründete Kritik an unsinnigen oder doppelten Arbeiten, an Bürokratie oder Regelwahn geäußert werden, dann gilt es, diese Kritik ernst zu nehmen, um den Möglichkeitsraum für Verbesserungen nicht von vornherein zu verkleinern. Den geschaffenen ‚Freiraum‘ dafür zu nutzen, um über den Sinn der Arbeit im Gespräch zu bleiben, führt zu weiterer Verantwortungsübernahme, dann steht der Sinn [das Wofür und Wozu] auf Augenhöhe zu den Zwecken [die Warums] einer Organisation in Form von Zielen, Wachstum, Zinsen und Veränderungen. Bei allem sollte immer wieder einmal reflektiert werden: wer etwas maximieren will, der nimmt in Kauf, dass etwas anderes gemindert wird. Managementkonzepte, die einseitig einer maximalen Größe huldigen, sind obsolet.

Viktor Frankl schätzte sehr die Erkenntnis von Johann Wolfgang Goethe: „Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er ist, dann machen wir ihn schlechter. Wenn wir ihn aber so nehmen, wie er sein soll, dann machen wir ihn zu dem, der er werden kann“. Dieser Satz stellt klar, dass Erwartungen an den Einzelnen und die Ansprüche an sich selbst hoch angesetzt werden sollen. Unternehmen sollen diesem Anspruch nicht im Wege stehen und darauf Wert legen, dass sich jeder Mitarbeiter um ein sinnerfülltes Leben bemüht und dabei seinen Beitrag dafür leistet, besser und für andere wertvoll zu werden.

Frankl for Business – 4

Die Grenze unserer Sprache ist die Grenze unserer Welt, wusste schon der Philosoph Wittgenstein. Wird die Sprache so eng, dass ein Mensch die Unterschiede zwischen Sinn und Zweck, Spaß und Freude, Grund und Ursache, Sieg und Gewinn, Niederlage und Verlust, Lob und Anerkennung, Tadel und Kritik usw. nicht mehr kennt, dann wird auch die Welt eng. Sprachanalytiker wissen um das Phänomen, dass heutzutage immer mehr Menschen immer weniger Worte einsetzen, um ‚ihre‘ Welt zu erklären. Manchen reichen die Twittermeldungen, um sich orientiert zu fühlen, anderen fünf Sätze täglich, um zu glauben, dass man mit seinem Partner oder seiner Partnerin ein dauerhaft glückliches Leben führen kann. Ob dies jemals wieder anders wird, wird sich zeigen. Bis dahin bleibt der Anspruch sportlich, mit Menschen darüber in den Diskurs darüber zu gehen, dass Sinn nur dann gefunden werden kann, wenn der Mensch sich dabei ’selbst vergisst‘, dass er ihn nur dann findet, wenn er bereit ist, einen Dienst an einer Sache, ein Streben nach guter Leistung oder eine Hingabe an einen Menschen zu zeigen, wenn dies nicht aus dem Zweck heraus geschieht, Geld zu verdienen, Ermächtigung zu erhalten, einen Orden umgehängt zu bekommen oder anderweitig eine Gegenwährung zu erwarten. Zweckvolles Handeln hat natürlich ihren Platz und es ist wichtig, dass Menschen sich für Zwecke einsetzen. Doch jeder dieser Zwecke ist im Kern verzichtbar, weil austauschbar. Sinnvolles Handeln hingegen ist unverzichtbar, soll sich in seiner Wirkung ein Gefühl von Glück, Zufriedenheit und gelingendem Leben einstellen.

Die Aufgaben des Lebens erfüllen einen Menschen mit Sinn. Die Aufgaben in Unternehmen erfüllen einen Zweck. Es ist hilfreich, dies voneinander unterscheiden zu können, denn beides braucht es. Führungskräfte führen sinnfördernd dann, wenn sie ihren Mitarbeitern die Rahmenbedingungen schaffen, damit diese in ihrer Arbeit Sinn finden können. Damit dies besser gelingt, lohnt die Auseinandersetzung mit dem Gedankengut Viktor Frankls, von dem Fredmund Malik sagt: „Es ist das Beste, was je zur Frage von Motivation gesagt wurde. Ja, ich halte Frankls Sinn-Theorie für die richtige Motivationslehre schlechthin.“

Zweckdienlich zeigen sich Unternehmen dann, wenn Kunden durch sie Nutzen erhalten. Den Nutzen, den die Kunden ihnen stiften, zeigt sich in der Bezahlung für das Einhalten des Nutzenversprechens der Organisation. Dieser Nutzen ist für Menschen dann von Wert, wenn eigene Werte durch den erfahrenen Nutzen verwirklicht werden können. Über den Prozess von Geben und Nehmen entsteht das, was mit dem Verb ‚rendere‘ gemeint ist: ergreifen. Durch den vom Unternehmen erbrachten Zwecknutzen erhält der Kunde seine ‚Rendite‘, um mit einem Produkt oder einer Dienstleistungen die Basis dafür zu legen, etwas Sinnerfüllendes bewirken zu können. Die Rendite eines erworbenen Bleistifts ermöglicht so zum Beispiel, durch das Schreiben mit ihm etwas in die Welt schaffen zu können, das den Schreibenden mit Sinn erfüllt. Der Bleistift als solcher macht daher keinen Sinn, sondern er ermöglicht, die bereits beantwortete Frage: ‚wofür ist es gut, dass ich das jetzt schreibe?‘ zu einer sinnvollen Handlung werden zu lassen. Mit dem Ergreifen des Bleistifts ermöglicht sich der Schreibende die Verwirklichung eigener Werte und damit die Erfüllung eines Sinns.

Und mit dem Kauf des Kunden erzielt das Unternehmen ’seine‘ Rendite und könnte sich so ermöglichen, die sich bereits beantwortete Frage: ‚wofür ist es gut, dass wir dieses oder jedes Produkt oder diese oder jene Dienstleistung entwickeln‘ zu einer sinnvollen Handlung zu führen. In vielen Organisationen fehlt jedoch die Erkenntnis darüber, wie Kunden etwas Sinnerfüllendes durch Einsatz von Produkten oder Dienstleistungen realisieren. Dies führt mancherorts zum Empfinden bei Mitarbeitern, mit ihren Leistungen nichts Sinnvolles ihrerseits zu tun. Zurück bleibt das Gefühl, ’nur einem Zweck der Organisation zu dienen‘ [wenngleich eben vollends nicht ausgeschlossen werden kann, dass sehr wohl Sinnvolles auf Kundenseite realisiert wird]. Um dieses Dilemma aufzulösen, suchen Mitarbeiter zumindest den Sinn in der Arbeit für sich selbst. Da Sinn in der Arbeit zu finden bedingt, die eigenen Werte zu kennen, die sich durch ihre Verwirklichung als sinnerfüllend anfühlen, haben viele berufstätige Menschen gleich zwei Probleme: Sie können den Sinn in ihrer Arbeit nicht finden und haben zudem keine Vorstellung davon, in welcher Weise ihre Leistung dazu beiträgt, dass andere Menschen durch sie Werte verwirklichen können. Dieses Gefühl einer Sinnleere konstruktiv zu bearbeiten, braucht ‚gute Führung‘, die einen Beitrag zur Selbstmotivation leistet – wobei wir wieder an die Aussage von Fredmund Malik anknüpfen können.

Das Gespräch in Organisation darüber, dass sich die Sinnhaftigkeit von Arbeit nicht in seiner Entlohnung erschöpft und Arbeit ihrerseits trotz Entlohnung als überflüssig empfunden werden kann, ist als Thema der Führungskräfteentwicklung aus unserer Sicht überfällig. Sinnleere entwertet und entwürdigt den Menschen – nie und nimmer kann ein solcher Zustand einen Menschen dazu führen, bereit zu sein, Teil einer Leistungskultur zu sein, wenn eine einseitig auf Gewinn fixierte Ergebnisorientierung als Handlungsmaxime gilt. Nicht ohne Grund ist in diesem Kontext wohl auch die überbordende Anzahl von Ratgebern zur ’sinnstiftenden Führung‘ zu sehen, die allzu oft von Führungskräften Heldentaten abverlangen, die von ihnen allein nicht erbracht werden können, sondern vielmehr nur als ‚Auseinandersetzung‘ auf geeigneten Kommunikationsplattformen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern stattfinden kann. Die Unternehmen, die sich einer solchen Auseinandersetzung entziehen und meinen, mit Appellen ans Commitment, an eine reine Ziel- und Ergebnisorientierung, einer Esel-Möhre-Incentivierung oder eines auf der Oberfläche konzipierten Gesundheitsmanagements a la Fitnesstudio und Salatbuffet in der Kantine die Zukunft gestalten zu können, werden ernten, was sie säten: Passivität, Lethargie, psychische Erkrankungen und vieles mehr.

Frankl for Business – 3

‚Wenn’s mal wieder schnell gehen muss‘ … das Gefühl, getrieben zu werden, ist für viele Menschen zu einem alltäglichen Erleben geworden. Und irgendwann, so berichten mir Klienten oft, kippt dieses Empfinden um in ein ‚ich treibe mich selbst dazu an, um in immer weniger Zeit immer mehr unterzubringen‘. Zuweilen hat es den Eindruck, als wolle der Mensch seine Lebenszeit dadurch verlängern, indem er seine Aktivität verdoppelt und durch seine Tage surft als wäre dies die Lösung für ein Mehr an Lebensfreude. Der Preis dieser Haltung, die an die ersten Weltreisetickets von PAN AM an die junge Generation erinnert, mit denen sie in 10 Tagen in acht Ländern ’strandeten‘, ist der Verlust der Kraft eigener Lebensziele. Geschürt von einer falsch verstandenen Formel ‚der Weg ist das Ziel‘, versuchen Menschen, viele Wege gleichzeitig zu gehen, denn dann – so der Glaube – wäre man auch gleichermaßen gleichzeitig an vielen Zielen.

Die menschliche Psyche derart austricksen zu wollen, führt auf Dauer in die Neurose. Sicher ist der Mensch im Grunde auf die Zukunft ausgerichtet, schöpferisch, erlebnishungrig und sinnstrebig. Vermag er sich selbst zu steuern, dann lenkt er sich hin zu den Aufgaben, die das Leben ihm stellt, ist aufgeschlossen für Ziele und frei zu inneren Haltungen. Schwierig wird es erst dann, wenn er den Spieß umdreht und meint, er könne seinerseits dem Leben die Aufgabe stellen, ihm möglichst viel Spaß, Lust oder Erfolg zu bereiten. Diese Idee – so schön sie vielleicht sein mag – führt den Menschen dazu, nach und nach immer mehr um sich selbst zu kreisen, auf der Suche nach dem nächsten Kick.

„Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu verantworten hat.“

„Es kommt nie und nimmer darauf an. was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet.“

Viktor Frankl

Gleiches gilt für Unternehmen. Erlebt man sie als überorganisiert oder dauernd in der Umorganisation, auf reine Renditemaximierung bedacht und-oder von einzelnen Personen überbestimmt, dann sieht man irgendwann nur noch eine Organisation mit einem schweren Rahmen, aber ohne Bild. Selbst sehr große Systeme, denen man an sich eine riesige Portion Managementqualität unterstellt, können so auf einmal ins Trudeln geraten und exorbitant an materiellem und ideellem Marktwert verlieren. Ihn wiedergewinnen zu wollen, bedeutet oft, erst einmal wieder den Kompaß neu ausrichten zu müssen und sich dabei nicht von den Marktpartnern irritieren zu lassen, die das alte Spiel gerne fortsetzen möchten.

Ein Hoch auf die Führungskräfte, die an dieser Stelle wissen, dass es nun wirklich um Führung geht und nicht um ein flaches Visionsgerede, Appelle an nachhaltiges Management oder gar um ein Jammern über die, die sich im Markt zwischenzeitlich gegen die Organisation aufgestellt haben. Loyalität plus Innovation kann hingegen die Wertebasis sein, von der aus der Prozess der Gesundung einer Organisation eingeleitet werden kann. Ähnlich ist es beim Einzelnen. Sich selbst in schwieriger Zeit loyal zu bleiben, bedingt, dass man sich der eigenen Werte bewusst ist, dass man weiß, wie man seine Gedanken denkt und dass man erkennt, Sinn nur dann finden zu können, wenn man Abstand zu sich selbst gewinnt. In einer krisenbefreiten Zeit ist dies mit präventivem Lernen für den Umgang mit härteren Lebensmomenten möglich, in der Krise hingegen meist nur durch einen ordnenden, wohlwollenden Blick von Außen.

Frankl for Business – 2

Der Mensch ist ein entscheidendes Wesen. Stets entscheidet es, wer es im nächsten Moment sein will. Selbstbestimmung und Wahlfreiheit statt Reduktionismus und Determinismus – unter anderem diese Aspekte zeichnet das Menschenbild aus, das Viktor Frankl seiner Arbeit mit Menschen zugrundelegt. Einen der Gründe für diese dem Menschen zugewandte Haltung findet sich im Studium der Erfahrungen, die Frankl als Insasse in Konzentrationslagern machte und die ihn erkennen ließen, dass sich dort neben Menschen, die sich widerwärtig verhielten, immer auch welche fanden, die sich als human und im Vergleich zur Mehrheit fast wie ‚Heilige‘ zeigten. Frankl leitet daraus ab: Ein Mensch ist nicht festgelegt. Sein Verhalten ist nicht einfach kausallogisch, trieblogisch oder minderwertigkeitsbasiert.

Auch im Business wird wohl jeder für längere Zeit berufstätige Mensch auf Personen stoßen, die eher dem einen, dem anderen ‚Lager‘ oder in ihrem Verhalten irgendwo dazwischen eingestuft werden können – redliches und ehrbares Verhalten hier, vergiftendes und unseriöses Verhalten dort. Je nach dem, ob mehr nach Zielerreichung, Sieg und persönlichem Vorteil getrachtet oder eher nach Sinnfindung, Gewinn für ein größeres Ganze und Werteorientierung gestrebt wird, zeigt sich ein der Richtung entsprechendes Verhalten. Die Möglichkeit, sich so oder so zu verhalten, bildet den Raum. Wer in diesem Raum als Führungskraft egozentriert wirkt, hinterlässt Verhaltensspuren bei seinen Mitarbeiters und je nach der individuell gefestigten, inneren, selbstbestimmten Haltung eines Mitarbeiters finden Übertragungen statt oder ein Sich-Dagegen-Stemmen. Egozentriertes Verhalten wird meist so lange als unproblematisch empfunden, solange ‚die Zahlen stimmen‘, die Ziele erreicht werden oder es in einem Arbeitsbereich ‚fluppt‘. Werden die Bedingungen enger und ernster und agiert die Führung weiterhin ich-verliebt, dann entstehen schnell Situationen, deren Auswirkungen weit über das aktuelle Geschehen hinausreichen können. Man denke beispielsweise an erforderliche Stellenstreichungen und die Form der mit ihnen verbundenen Trennungsgespräche. Wer hier als Führungskraft auf sein eigenes Wohl, Fortkommen oder seine Stressbefreitheit den Schwerpunkt legt, der wird womöglich zur Kündigung per e-Mail greifen. Wer sich selbst hingegen zurückstellt, der wird erlebt als Person, die sich Zeit nimmt für Aufklärung, Mithilfe und Minderung systemisch negativer Auswirkungen.

Sieht man auf der Geschäftsleitungsebene, dass der Grad an Verrohung des Anstands und des Konformismus in Belastungssituationen zunimmt [um dies herauszufinden, hat sich bewährt, einige Monate nach der Kündigung eines Mitarbeiters diesen einmal anzurufen, um seine Empfehlungen hinsichtlich der Entwicklung der Organisation einzuholen], ist ein kurzfristiges Gegensteuern nur durch Veränderungen in der Personalauswahl [wir setzen dabei in entsprechenden Aufträgen im Rahmen des Auswahlprozesses das Verfahren profilingvalues ein] und in der Sensibilisierung der Führungskräfte in den Themenfeldern Menschenkunde und Verhaltensethik auf mittlere und lange Sicht zu bewirken.

Frankl for Business – 1

In seinem bekanntesten Buch Man’s Search for Meaning, das von der amerikanischen Kongressbibliothek als eines der zehn einflussreichsten Bücher eingestuft wurde, schlägt Viktor Frankl vor, der Freiheitsstatue an der Ostküste eine Verantwortungsstatue an der Westküste ‚zur Seite zu stellen‘ [in der KrisenPraxis berichteten wir darüber, dass dieses Projekt zwischenzeitlich begonnen und sein Fortgang im Web auch nachzulesen ist]. Warum ist Frankl diese Symbolik so wichtig?

Für Frankl stellt Freiheit ohne Verantwortung das Risiko der Selbstzerstörung dar, unabhängig davon, ob diese Freiheit als eine individuelle, organisationale, politische, als eine Freiheit des Denkens, Wollens oder Handelns interpretiert wird. Eine Organisation zum Beispiel, die aufgrund ihrer Marktmacht die mit ihr verbundenen Freiheitgrade nicht mit Verantwortung flankiert, wähnt sich womöglich eines Tages mit grenzenlosen Möglichkeiten ausgestattet und muss achtsam der Versuchung widerstehen, in die Hemmungslosigkeit zu verfallen. Beispiele dafür finden sich reichlich in den verschiedensten Systemen und Kulturen und endeten entweder im Untergang der Organisation oder des Systems oder in einer von extern initiierten ‚Regulierung‘.

Auf den Mikrokosmos bezogen kann die individuell empfundene Freiheit zu einer Form der Selbstausbeutung mutieren – sei es, dass dem Körper Stoffe zugeführt werden, um dessen Leistungsreserven völlig auszuschöpfen, oder dass ihm die für ihn erforderliche Ruhe entzogen wird. Zeigen sich aufgrund dieses Verhaltens entsprechende Symptome, muss zum Teil ebenso energisch interveniert werden wie es sich analog im Makrokosmos der Ökonomie dann zeigt, wenn Organisationen alle zwar legalen, in ihrer konsequenten Anwendung jedoch systemschädigenden Möglichkeiten ausnutzen.

Welchen Grad diese Formen der Überdehnung des Wertes ‚Freiheit‘ eingenommen haben, zeigt sich in der Summe der offenkundig erforderlichen ‚Erinnerungen an die Verantwortung‘ wie sie von psychologischer und medizinischer Seite tagtäglich Tausenden von Menschen vermittelt werden, der unzähligen politischen Neuregelungen bei Überschreiten gesellschaftlich akzeptabler Grenzen durch Unternehmen, der Anzahl der Gerichtsverfahren aufgrund ethisch fragwürdigen Verhaltens bis hin zu einem nicht zu überhörendem Hilferuf flüchtender Menschen, deren Lebensumstände in gewissem Maße und mit langem zeitlichen Verzug ein zügelloses Verhalten früherer und gegenwärtiger Generationen widerspiegeln, die mit unzureichender Weitsicht die ihnen verfügbaren Freiheiten ausnutzten.

Frei zur Verantwortung zu sein, deutet auf ein hohes Gut moderner wie intelligenter Systeme hin. Ein solches System sucht nach Wegen, die eigene Existenz zu sichern, innovative Potenziale auszuschöpfen und dabei alle anderen Systeme nicht zu schädigen. Wer ein solches System führt, hat kein Problem damit, sich sichtbar zu machen, hinsichtlich seiner Entscheidungen und Handlungen transparent zu sein und hinsichtlich seiner Verbindungen zu anderen Systenem gleiche Ansprüche geltend zu machen. Anonymität, undurchsichtige Strukturen oder Versuche, Verantwortung von handelnden Personen zu entkoppeln und den Ausgleich realer negativer Wirkungen von Verantwortungslosigkeiten über externe Instanzen aushandeln zu lassen, zeigen im Kern eine fundamentale Schwäche des jeweiligen Systems an. Diese Schwächen werden versucht mit Formen des Machtstrebens zu kaschieren anstatt in konsequenter Weise die Sinnhaftigkeit des bisherigen Vorgehens, des Lebens- oder Geschäftsmodells, der internen und externen Beziehungen, der Güte von Produkten und Dienstleistungen zu überprüfen. Dauerhaft sind diese Versuche jedoch nicht erfolgversprechend.

Es lohnt zu schauen, ob Menschen, die nachweislich ihrer Verantwortung gerecht werden, ein weiterer Zugang zu Freiheiten zu ermöglichen ist, um die Chance zu ergreifen, dass sich deren Grundhaltung auch auf andere Personen überträgt. Ebenso gilt es zu prüfen, ob Menschen mit einem bedeutenden Maß an Freiheit eine mit ihr verbundene adäquate Verantwortung in ihrem Handeln zeigen. Aus beiden Perspektiven ergibt sich, dass das individuelle ‚Konto‘ von Freiheit und Verantwortung nie völlig balanciert sein kann. Will eine Person Verantwortung übernehmen, so bedingt dies ein hinreichend großes Maß an Freiheit, will sie Freiheit beanspruchen, bedingt dies einen hinreichenden Grad an Verantwortung. Treten beide in einen jeweiligen Diskurs miteinander ein, so können wir dies mit dem Begriff ‚Kontrolle‘ beschreiben. Kontrolle, in seiner französischen Wortherkunft verstanden als contre ‚gegen‘ und rôle ‚Rolle‘, ‚Register‘, was zusammen ein „Gegenregister zur Nachprüfung von Angaben eines Originalregisters“ meint und in unserem Kontext symbolisch als ein Vieraugenprinzip zwischen Freiheit und Verantwortung angesehen werden kann.

Dass das Konto ‚Freiheit‘ und ‚Verantwortung‘ deutlich unausgeglichen sein kann, zeigt sich für uns oft im Krisenkontext. Die Freiheitsgrade zum einen stark begrenzt, hat der Mensch doch stets dieses Maß an Freiheit, sich so [verantwortungsstark] oder so [verantwortungsgeschwächt den gegebenen Bedingungen zu stellen. Im verantwortungsgeschwächten Modus ‚gibt er sich ab‘, empfindet Formen von ‚-losigkeiten‘ oder nimmt für einen Teil seines Lebens seine ‚Unterschrift‘ zurück [re-signare]. Im verantwortungsstarken Modus folgt er Frankls Gedanken, ‚dass man sich von sich selbst ja auch nicht alles gefallen lassen muss‘. Im ersten Fall treffen wir unsere Patienten in der Logotherapie, im zweiten unsere Klienten im Logocoaching.

Mens sana in corpore sano

Mens sana in corpore sano – selten wurde ein Sprichwort so oft so falsch übersetzt. Immer wieder als: ‚ein gesunder Geist ist in einem gesunden Körper‘ vorgestellt, wird kaum erkannt, dass mens die mentalen, also die im Gehirn stattfindenden Prozesse meint. Richtig wäre daher ein ‚gesunder Verstand‘ – während mit ’spiritus‘ das Geistige des Menschen thematisiert wird.

Dieser Unterschied ist für das sinnzentrierte Menschenbild Viktor Frankls wesentlich. Auf ihm aufbauend gehen in der ‚Logotherapie‘, in der Krisenprävention Life2Me® und im sinnzentrierten Coaching von einem Menschen aus, der neben seiner körperlichen und seiner psychischen Dimension auch über eine geistige verfügt. Während die ersten beiden ihn als ‚Menschen‘ auszeichnen, ist das Geistige der spezifisch Humane, mit dem der Mensch sich als ‚Mensch in Welt‘ versteht. Ein Mensch, der letztlich alles nur auf sich selbst bezieht und bestrebt ist, einzig sich selbst zu verwirklichen, bleibt quasi ‚ins sich stecken‘. Erst die Fähigkeit des Menschen sich selbst ‚zu vergessen‘ [sich zu transzendieren] und sich einer Sache oder einer Person hinzugeben, die er eben nicht selbst ist, bringt seine geistige Dimension zum Vorschein. Nur mit der Aktivierung des Geistigen vermag der Mensch Sinn zu finden – denn: Sinn kann man nicht machen, er ist kein Produkt des Gehirnverstandes, sondern ist stets in der Welt und steht bereit, vom Menschen gefunden zu werden.

Während Körper und Psyche erkranken können, bleibt das Geistige per se gesund. Jedoch kann das Psychophysikum das Geistige blockieren. Zum Beispiel, wenn in einer Krise die Angst den Menschen flutet und er sich den Sinnangeboten in der Welt nicht anzunehmen vermag. Dabei ist zu bedenken, dass sich Angst nur deshalb zeigt, weil der Mensch frei ist und Verantwortung hat. Wenn er dies nicht wäre, welchen Zweck hätte dann Angst?

Das Geistige ermöglicht es einem Menschen, den Sinn im Leben zu erfassen, der auf ihn wartet und zur ‚ErWARTung‘ wird. Und für die Aufgabe, die das Leben ihm stellt, eine ‚EinSTELLung‘ zu haben. Und bei jeder Sinnmöglichkeit zu merken, dass ihm die Gelegenheit gegeben ist, Werte zu verwirklichen. Dazu dient seine ‚AufMERKsamkeit‘ – die um so besser entwickelt ist, je bewusster die Werte sind, die der Mensch hat. Bleiben sie vage, diffus oder sind sie nicht differenziert hinsichtlich ihres Ursprungs, dann erscheint auch der ‚wartende‘ Sinn als einer, dem man nicht vertraut, für einen selbst da zu sein. Sind die Werte unklar, dann auch das ‚SelbstVERTRAUEN‘.

Gerade aus der Krisenberatung wissen wir, dass Werteklarheit den zentralen Beitrag leistet, damit ein Mensch sich nicht verfehlt. Dazu dient Selbstaufklärung. Mit seinen ‚klaren‘ Werten hat der Mensch ein unverlierbares Sein. Durch sie Sinn zu finden und mit ihm diese Werte zu verwirklichen, führt den Menschen in ein gelingendes Leben, das selbst dann, wenn eines Tages alles ‚gewesen‘ und das menschliche Wesen aus der Sichtbarkeit gegangen sein wird, für immer ‚geborgen’ bleiben wird. Vermag der Tod auch das Körperliche und das Psychische zu beenden, das Geistige bleibt unauslöschlich.

Ewige, alte Mär

Die Mär von der ‚Krise als Entwicklungschance‘ hält sich wacker. Sie suggeriert, dass Krisen zur Entwicklung erforderlich seien und eine quasi exklusive, besondere Möglichkeit der Reifung böten. Welch Armutszeugnis für die Spezies Mensch, wenn Kummer, Leid, Schmerz oder Qual die Ausgangsbasis von Entwicklung sein sollen!

Wohl begegnet man dem Phänomen, dass Menschen ihre Bequemlichkeitszone nicht verlassen und nicht mehr wahrnehmen, dass sich Umfeldbedingungen verändern und dies in der Folge zu Umbrüchen führt. ‚Aus Schaden wird man klug‘ ist dann ein gern gehörter Unsinn-Spruch. Er reduziert den Menschen auf ein Wesen, das sich von der bequemen Lust antreiben lässt und erst eines massiven Lebenshindernisses bedarf, um von ihr abzulassen.

Wenn die Lust ihm dann vergangen ist, sucht der Mensch nach einem neuen Sinn oder kommt gar zur Ansicht, ohne das Lustvolle sei das Leben doch sinnlos. Beide Reflexe sind zwar ’normal‘, verkennen sie doch aber beide, dass Sinn per se gegeben ist und nicht erst ein neuer durch eine Krise entsteht und weiters, dass Sinn stets außerhalb des Menschen liegt, während Lust eine Qualität der menschlichen Psyche ist. Die ‚Währungen‘ Sinn und Lust sind somit eher vergleichbar mit Luft und Blut. Das eine liegt außerhalb von uns, das andere ist ‚hausgemacht‘. Die Frage, was für was von größerer Bedeutung ist, dürfte leicht zu beantworten sein – eine Ordnung, die auch Viktor Frankl stets hervorhob, wenn er darauf aufmerksam machte, dass Menschen, die dem Glück oder Erfolg hinterherlaufen, den Sinn dabei niemals finden können. Andersherum jedoch, der Mensch, der Sinn im Leben gefunden hat, in der Folge auch Glück, Zufriedenheit und Erfolg [Erfolg – er folgt dem Sinn] verspürt.

Ist man erst einmal der Versuchung erlegen, einen Menschen wie beschrieben auf seine Triebe zurückzuführen [re-reducere – zurückführen], dann ist naheliegend, ihm helfen zu wollen, dass dieser derart bedürftige ‚reduzierte Mensch‘ neue Widerstandskraft aufbaut. Dies wird heute weithin mit Resilienz [re-selire = zurückspringen] beschrieben. Ganze Trainerarmeen bieten ihre Geheimwaffen an, um Menschen in einen Zustand zu führen, nach erlittener Pein die Ketten einschränkender Verhaltens- oder Denkmuster zu sprengen, damit man stark und gereift aus der Krise komme. Das Dumme ist nur, dass die Selbstkonzept- und Resilienzforschung [Filipp,S.-H.: Selbstkonzeptforschung, 1993, Davis,N.: Resilience, 1999, Wustmann,C.: Resilienz, 2004] längst bewiesen hat, dass objektive Lebenslagen und individuelle Persönlichkeitsmerkmale subjektiv unterschiedlich wahrgenommen und bewältigt werden. Menschen entwickeln ihre Bewältigungsstrategien selbst, um den Alltagsanforderungen zu entsprechen. Dies ist auch in Krisen nicht anders – auch hier versuchen Menschen, mit ihren psychischen Bordmitteln die kritischen Gegebenheiten zu ordnen und mit ihnen umzugehen. In einem solchen psychischen Zustand auf ‚Kettensprengungen‘ zu setzen und zu ihnen mit welcher Form externer Motivation aufzurufen, kann nicht anders als fehlzuschlagen – dies wird wohl ein Grund dafür sein, dass es bis heute keine Wirksamkeitsstudie hinsichtlich wissenschaftlich begleiteter Resilienztrainings gibt.

Je bitterer, ungesunder, ruinöser usw. eine Situation empfunden und vielleicht als Krise bezeichnet wird, umso wichtiger ist es, den Betroffenen darin zu unterstützen, zuerst einmal die mit ihr verbundenen negativen Affekte wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dazu braucht es den Willen des Betroffenen und einen herzlichen, offenen Zugang dessen, der dem Menschen beisteht.

Nach dieser Stabilisierung kann damit begonnen werden, das herauszudestillieren, was trotz der Krise unauslöschlich geborgen ist: die Werte der Person und die mit ihnen seit je her und per se auch weiterhin gegebene Fähigkeit, Sinn zu finden. Mit dieser Grundfähigkeit geht jeder Mensch ins Leben – sie sich erst in Folge einer Krise bewusst zu machen, wird dann leider missverstanden als Reifung, die ohne die Krise nicht hätte stattfinden können. Ebendies immer und immer wieder zu kolportieren wird nicht dadurch besser, indem man es noch öfter behauptet. Im Gegenteil – diese Mär ist dem Menschen nicht angemessen. Ihn hingegen als sinnstrebiges Wesen zu würdigen, hätte vielmehr die Konsequenz, ihm dabei zu helfen, sich das eigene Wertesystem bewusst zu machen, es als Aktivposten auszuzeichnen, einen Schatz, den jeder Mensch mit sich herumträgt und mit dem weit mehr Positives bewirkt werden könnte als ihn erst dann auszupacken, wenn eine Not dazu aufruft.

Werte haben in diesem Verständnis eine ähnliche Qualität wie Wissen – sie nutzen sich auch bei mehrfacher Anwendung nicht ab. Die eigenen Werte zu wissen, ist aus unserer Sicht daher der beste Weg dafür, auch in nicht vermeidbaren kritischen Lebenssituationen einen derart robusten Umgang mit sich selbst und der eingetretenen Lage zu pflegen, so dass trotz allem, zu dem was das Leben einfordert, ja gesagt werden kann.

Im Kern geht es genau um dieses ‚trotzdem‘, wenn ein Mensch etwas ‚überwinden‘ will. Ohne einen Willen zum Sinn mitzudenken, ist der Überwindungswille des Menschen gar nicht recht vorstellbar. Wofür überhaupt will ich meine Krise überwinden? Diese Frage weist hin auf ‚Sinn‘.

Nimmt der Mensch an, dass es dieses Wofür gibt [Anm.: weiß er bereits, dass es stets ein Wofür gibt, dann empfindet er das Leid, den Verlust, die Trennung, die Verfehlung zwar als starke Last, sein Zustand ist jedoch nicht als Krise zu bezeichnen], dann erkennt man dies anhand verschiedener Hinweise. Ein solcher Mensch zeigt an, dass er sich in einer Krise befindet, dass er im Selbstzweifel steht, dass er an Verbesserung glaubt, dass er im Kern handlungsbereit ist, dass er sich nicht ‚abgeben‘ will, dass er realistisch hinsichtlich des Aufwandes ist, dass er seine Verantwortung erkennt, dass es Fragen des Lebens gibt, die jetzt zur Beantwortung anstehen:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Dass diese Fragen auch ohne Krise nach Antwort rufen, geht oft im Alltäglichen unter. Wer sich Zeit dafür nimmt, handelt krisenpräventiv und erspart sich damit manche Zukunftslast.

Dass aber selbst in größter Lebensnot diese Fragen nicht nur beantwortet, sondern in konkrete Handlung umgemünzt werden können, zeigt dieses von vielen Beispielen:

Der sechsjährige Tijn wird vermutlich sterben. Sein Hirntumor konnte bisher nicht wirklungsvoll behandelt werden. Und was tut Tijn? Er ruft seine niederländischen Landsleute dazu auf, sich die Nägel zu lackieren, etwas Geld für kranke Kinder zu spenden und drei Freunde zu bitten, dies ebenso zu tun. Nägel lackieren? Tijn hatte dies selbst einmal gemacht und sich über die bunten Finger gefreut. Offenkundig hat der Junge damit Werten wie Kreativität, Tatkraft, und Lebendigkeit Ausdruck verliehen. Mit Blick auf viele Kinder, die an unheilbaren Krankheiten oftmals sogar noch jünger sterben, meinte Tijn, eine solche Aktion könnte diesen Kindern doch helfen. Ist es schwierig, sich die Antworten vorzustellen, die dieser Junge wohl auf diese Fragen gegeben hätte?:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Tijn hat sinnvoll gehandelt. Und der Erfolg folgte: Eine derart hohe Spendensumme wurde in Holland noch nie im Rahmen einer privat initiierten Aktion eingesammelt.

„Der Mensch wird, was er wird,
durch die Sache, die er zu der seinen macht.“
Karl Jaspers