Schlagwort-Archiv: Burnout

Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [5]

Fortsetzung vom 24. Juni 2018

Gefundener Sinn im Leben führt zu einer stimmigen psychischen Selbstregulation. Ist der persönliche Sinnbeitrag geklärt [und dies gelingt nur mit zuvor geklärten Werten], dann entscheidet und handelt der Mensch wertebasiert, authentisch, schneller und nachhaltiger. Das Selbst reguliert sich auf den Sinn hin.

Der in anderen Therapieschulen vertretenen Vorstellung, man könne sich durch positives Einreden eines ‚ich bin okay‘ und der Selbsterlaubnis, störende innere Stimmen zuzulassen und nicht negativ zu bewerten, eine ähnlich stabile Selbstsicherheit entwickeln, stehen wir in der Logotherapie skeptisch gegenüber. Kurzfristig mag sich eine Besserung der psychischen Verfasstheit zeigen, ohne dauerhafte therapeutische Begleitung verpuffen jedoch viele der guten Ansätze allzu schnell.

Anders die das Risiko eines Burnouts mindernde Logotherapie [begründet von Viktor Frankl, dritte Wiener Schule für Psychotherapie, und theoretische Basis der von uns entwickelten Konzepte des sinnzentrierten Coachings [Logocoaching] und der individuellen Krisenprävention [Life2Me]], die auf verschiedene Weise dadurch Nutzen bringt, dass sie den Fokus auf die Klärung des eigenen Wertesystems legt:

  • Die Person kann sich wieder identifizieren mit dem was sie selbst ist, nicht nur, was sie hat oder leistet
  • Die Person kann sich im Berufskontext besser von sie schädigenden Bedingungen distanzieren, ohne dass darunter der Selbstwert leidet
  • Die Person kann das Erreichen von Zielen loslösen von der Verwirklichung von Werten – für das erste ist die Währung ‚Geld‘, für das zweite ‚Sinn‘. Wenn beide Währungen verfügbar sind, dann ist das gut. Wenn nicht, dann bleibt der Selbstwert stets auch dann erhalten, wenn der vermeintliche Leistungswert nicht den eigenen und-oder fremden Erwartungen entspricht
  • Die Person erlebt sich im Einklang mit sich und damit per se nicht mehr defizitär – ein Vorteil insbesondere dann, wenn die gegebenen Systembedingungen erwarten lassen, dass einem von verschiedenen Seiten Unzulänglichkeiten suggeriert werden
  • Die Person blockiert sich nicht selbst in ihrer Entwicklung. Wer darauf bedacht sein muss, sich vor Fremdbe- und -verurteilung zu schützen, entzieht sich die erforderliche Energie zur Persönlichkeitsreifung. Wer aber um seine Werte weiß, der kann auch entdecken, was er tun muss, um seine Werte nicht zu ideologisieren. Die Selbsterkenntnis hilft letztlich der wertebewussten Person als auch dem Unternehmen, der Familie, dem Freundeskreis usw.
  • Die Person braucht keine Anstiftung zur Motivation, ihr Wertesystem übernimmt die Steuerung, die Regulierung, die Kontrolle und die Entwicklung des Selbst.

Das erkannte auch Fredmund Malik als er schrieb: „Es ist das Beste, was je zur Frage von Motivation gesagt wurde. Ja, ich halte Frankls Sinn-Theorie für die richtige Motivationslehre schlechthin.“

Und er ergänzt mit Hinweis auf die ‚Frankl‘-Unkenntnis vieler Berater und Führungskräfte: „In den Literaturverzeichnissen der Managementliteratur im engeren Sinne findet sich kein oder nur selten ein Hinweis auf Frankls zahlreiche Schriften und Vor­träge. Wenn überhaupt, dann wird er meistens falsch zitiert.[…] Arbeitslosigkeit und Existenzangst, sowie der Verlust der Glaubwürdigkeit wirtschaftlicher und politischer Führung, sind Grund genug, um die Sinnfrage zu stellen. Alle wirklichen Kenner der Lehre von Frankl haben mir dasselbe berich­tet – sie hat ihr Leben verändert, zum Besseren, zu mehr Gelassenheit, zu in­nerer Ruhe, aber auch zu besserer Orientierung, weil sie plötzllch mit innerer Sicherheit wussten, wohin sie gehörten, zu mehr Orientierung und als Folge dessen zu größerem Engagement und mehr Leistungsfähigkeit – zur Identifika­tion mit sich selbst.[…]

Sinn, so Viktor Frankl, kann aber nicht gegeben, schon gar nicht gemacht wer­den, sondern er muss gefunden werden. „Sinnmacher“, Sinngeber, Sinnstifter zu sein, was von Führungskräften zwar zeitgeistkonform, aber in Unkenntnis des Werkes von Viktor Frankl gefordert wird, ist das genaue Gegenteil dessen, was er selbst vertreten hat. Als Manager können wir nur eines tun, nämlich den Menschen Möglichkeiten zu schaffen, ihren Sinn zu finden. Das aber müssen wir auch tun, damit so viele Menschen wie möglich Sinn in unseren Organisationen und ihrer Arbeit finden können. Suchen und finden muss ihn jede und jeder selbst, aber die Vorausset­zungen dazu sind vom Management, von jedem einzelnen Chef auf jeder Stufe in jeder Organisation für jede Person zu schaffen. Das ist der einzige Weg zu etwas, was dann die Bezeichnung „Motivation“ verdient. Es ist, wie man erkennen wird, etwas ganz anderes, als was man heute unter Motivation versteht.“

„…den Menschen Möglichkeiten zu schaffen, ihren Sinn zu finden“ [Malik]: Wann also kommt endlich die Zeit, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern durch professionelles, auf Frankls Wissen um den Menschen fundiertes Training oder Coaching die Gelegenheit geben, sich ihrer eigenen Werte bewusst zu werden? Muss es erst die nächste Krise in der Branche oder dem eigenen Unternehmen sein, über die dann die Menschen mit Burnout in die Praxen kommen?

Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [4]

Fortsetzung vom 20. Juni 2018

Folgt man der – verbreiteten – Ansicht, das Selbst entstünde in den ersten zwei Lebensjahren dadurch, dass dem Kind gespiegelt wird, dass es geliebt wird, Anerkennung erhält und Akzeptanz erfährt, dann ist die Folge, dass sich ein Kind, das dies nicht erhält, sich nur über seine Leistungen eine Bestätigung dafür einholen kann, dass es selbst etwas zuwege gebracht hat.

Erfährt das Kind in den ersten zwei Jahren Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch, dann entsteht kein Selbst und die Bedeutung der Leistung wird dafür immer größer. Führt diese Leistungsausrichtung dann zur Ausbeutung in eigener Sache, sabotiert der Mensch sich selbst und damit auch die Möglichkeit, ein eigenes Selbst zu entwickeln. Eine diesen Prozess unterstützende Therapie braucht Geduld und braucht an sich sogar das leidvolle Phänomen der Selbstsabotage, im Sinne der Sabotage des falschen Selbst und der Hoffnung, ein eigenes, tragfähiges Selbstbild zu entwickeln.

Das logotherapeutische Menschenbild beruht neben einer Reihe anderer Annahmen auf dem Gedanken Viktor Frankls, dass ‚der Mensch mit Geburt Person ist‘. Personsein in diesem Verständnis bedingt und bedeutet, von Anbeginn mehr zu sein als das durch Eltern Vererbte. Person sein heißt, dass etwas ‚ist‘, was von Anbeginn durchtönt [per-sonare – durch-tönen]. Das, was da durchtönt, ist in unserem Verständnis das dem Kind zueigene Wertesystem, das sich zeigt in seinem originären Charakterstil [Frankl: der Mensch hat ab Geburt Charakter]. Bevor also das Kind womöglich erlebt, dass es instrumentalisiert, sozialisiert, misshandelt, sanktioniert wird oder aber auch, bevor das Kind hoffentlich erlebt, dass es geliebt, gewärmt, gestützt, getröstet … wird, hat das Kind bereits einen Wesenskern herausgebildet, der nun mehr oder weniger durch das Verhalten seiner Bezugspersonen und-oder seiner Umwelt erodiert. Diesen Wesenskern wieder herauszuarbeiten, ist eine der Leistungen unserer Logotherapie, wenn ein Mensch das Empfinden hat, sich selbst verfehlt zu haben, nicht sich selbst zu sein … Menschen, die dieses Empfinden haben und die aus ihrer Selbstsabotage heraus zu ihrem originären Selbst zurückkehren wollen, brauchen eine Unterstützung zur Selbstbesinnung [und damit – im Kern – Zeit zur Erkenntnis ihrer  originären Werte]. Die logotherapeutische Arbeit unterstützt den Menschen, eine Haltung zu sich selbst wieder aufzubauen und dabei den Blick weniger darauf zu richten, wer oder was hat dazu geführt, dass auf die inneren Signale nicht geachtet wurde und man sich ständig weiter ausgebeutet und sabotiert hat – sondern mehr darauf, sich mit dem neugewonnenen Selbstbild auf das Sinnhafte in der Welt auszurichten, die originären Werte zu verwirklichen und sich in der Freiheit, die man hat, zur Selbst-Verantwortung zu bekennen.

Ist die Selbsterkenntnis [i.S.: Werte-Kenntnis] aufgebaut, vermag der Mensch sich in einer meist schnell spürbaren Wirkung, sich selbst zu regulieren, Wer dies gut vermag, trotzt auch ungünstigen Bedingungen, zum Beispiel in der Arbeitswelt. Wer dies vermag, braucht sich nicht über seine Erwartungen zu definieren, sondern kann seine eigenen Verantwortungen übernehmen. Ein Burn-Out und andere Formen der stressbedingten Depression haben in einem derart selbstregulierten Leben keinen Platz.

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Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [3]

Fortsetzung vom 17. Juni 2018

Selbstsabotage ist ein Phänomen mit vielen Gesichtern. Im Kern beschreibt es ein Verhalten von Menschen, das wider seine Entwicklung verläuft, bei dem der Mensch weiß oder wissen könnte, dass sein Verhalten zwecklos ist und es dennoch zeigt. Warum ist das so? Meist spielt die subjektive Selbstwahrnehmung der bewussten Erkenntnis einen Streich. Man verhält sich, weil man darauf vertraut, dass es einem selbst anders ergehen wird als den vielen anderen, die sich ebenso verhalten [‚ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas auch passieren könnte‘]. Neben einer solch verzerrten Selbstwahrnehmung können auch emotionaler Schmerz, Traumata, Angst, Trauer und Depressionen mit dazu beitragen, eigenes Verhalten falsch zu deuten [ein Grund dafür, dass wir empfehlen eine individuelle Krisenprävention wie wir sie mit Life2Me anbieten dann anzugehen, wenn es einem psychisch gut geht]. Und – auch das weiß an sich heute jeder – der Versuch, sich Situationen durch Alkohol oder andere Süchte schön zu färben, führt geradewegs weiter in die Verzerrung.

Häufig findet sich in der Psychologieliteratur als Grund für Selbstsabotagen der Hinweis, dass dieses Phänomen ein Resultat unbewusster Verhaltens- und Denkweisen sei, die in der Kindheit eingeübt wurden. Wenn Kindern zum Beispiel immer wieder eingeschärft würde, dass sie wertlos und unnütz sind, dass sie Menschen seien, die nicht zu respektieren seien, dann lernten sie, sich selbst zu verachten. Die mangelnde Anerkennung würde letztlich dazu führen, dass sie sich selbst nichts mehr zutrauen und sich dann selbstsabotierend immer wieder einreden, unfähig und wertlos zu sein. Als Erwachsene würden sie später immer wieder Erfahrungen, Verletzungen und Frustrationen suchen, um diesem negativen Selbstbild zu entsprechen und sie würden dieses erlernte Muster ihrerseits in ihrem Verhalten gegenüber anderen zeigen. Selbst positive Erfahrungen, die sie machen, würden sie ignorieren oder einfach nicht mehr erinnern.

Die Vertreter dieser Thesen folgen offenkundig einem Menschenbild, das den Menschen als reaktives und abhängiges Mängelwesen begreift. Dass Prägungen der beschriebenen Art ihre Auswirkungen auf die psychische Entwicklung eines Menschen zeitigen, soll hier gar nicht bestritten werden. Was wir jedoch bestreiten ist, dass Menschen nicht anderes sind als das Resultat ihrer Prägungen, dass sie zeitlebens verdammt sind, sich über das ihnen durch Personen oder Umweltbedingungen ‚Angetane‘ zu definieren. In einem solchen Verständnis wäre Selbstsabotage dann nichts anderes als ein unbedingter Wiederholungszwang und ein unbedingtes Zerstörungsmuster aus der Kindheit und in diesem Sinne dann ein unbewusster Hilfeschrei aus der kindlichen Epoche des betroffenen Menschen. Kann das wirklich alles sein – der sich selbstsabotierende Mensch, der als Opfer und Täter zugleich einem Muster folgt, es weitergibt usw. usf.? Soll ein Mensch derart reduzierbar sein? Es kommt wohl darauf an, welcher Theorie man folgt wenn es um die Entwicklung dessen geht, was wir als das ‚Selbst‘ bezeichnen

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Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [2]

Fortsetzung vom 13.6.18

Wer sich selbst schätzt und nach seinen Werten handelt, der ist sich selbstverständlich sicher. Selbstsicher. Für Selbstsicherheit gibt es immer einen Rahmen, der sich Unternehmen nennt.
Wer seine Werte jedoch nicht kennt und sich lieber durch ein Unternehmen bewerten lässt, gibt sich letztlich ab. Wenn das Abgegebene die Existenzsicherung des Unternehmens nicht mit gewährleistet. dann liegt nahe, dass das Unternehmen aufräumt. Bevor es dazu kommt, wird derjenige, der spürt, dass das Abgegebene dem Unternehmen nicht ausreicht, noch mehr und immer mehr abgeben. Bis: ‚Burnout‘. Ist der Reifen abgefahren, wird er ausgetauscht. Hat der Mensch kein Werteprofil, fährt er mit abgefahrenen Reifen.

Ja, aber! Sicher werden diese Aussagen ein gewisses Bauchgrummeln hie und da erzeugen. Gerade dort, wo zuweilen sehr offensichtlich Missmanagement betrieben, strategische Fehlentscheidungen getroffen oder schlicht betrügerisch vorgegangen wurde und damit über kurz oder lang dem ‚Mitarbeiter‘ ein Problem entsteht. Die Appelle, man müsse eingedenk der Krise nun aber alle Energie einsetzen, um das Ruder wieder herumzureißen, führen dann, wenn der Ernst der Lage zum Ernst des Einzelnen geworden ist, oftmals in die individuelle Überforderung. Und wieder gilt: Ist der Reifen abgefahren, entsteht bei Regen gerne Aquaplaning. Ohne bewusste Selbstwerte kommt der Mensch in Unternehmenskrisen ebenso ins Schlittern. Ganz fatal wird es, wenn ein Mensch in dem was er in seiner Arbeit tut, Sinn findet und mächtige Akteure im System durch ihr Handeln das Unternehmen gefährden und damit auch die Sinnverwirklichung des Einzelnen. In Coaching und Therapie hören wir immer wieder von diesen Empfindungen – nicht selten geht es diesen Menschen wie Angela Merkel nach der Reaktion Trumps nach dem G7-Treffen: „das war ernüchternd bis deprimierend“.

Jedoch: Unternehmen sind nicht Garanten für das Vorfinden von Sinn. Die Idee, Unternehmen oder Vorgesetzte hätten die Aufgabe, Sinn zu stiften, ist absurd. Sie haben die Aufgabe, die Existenz der Organisation zu sichern. Dazu gehört die Erfüllung von Aufgaben. Diese Erfüllung braucht Kompetenzen. Hat ein Mensch diese Kompetenzen entwickelt, ist ihr Einsatz zweckdienlich. Ermöglicht der Einsatz der Kompetenzen überdies die Verwirklichung individueller Werte, dann ist ihr Einsatz zudem sinnvoll. Fällt nun das Unternehmen als Plattform der Aufgabenerfüllung weg, dann verbleiben dennoch die Kompetenzen und das individuelle Wertesystem. Beide bilden die Basis für den Neuanfang in einem neuen System. Und das ist auch gut so, denn wäre es anders, dann ginge die Verantwortung für Lebensfreude, Erfülltheit und sinnvolle Gestaltung des Arbeitslebens auf das Unternehmen über. Übrigens: Gleiches gilt für das System Familie oder Partnerschaft. Alle Versuche, die Selbstverantwortung ins Pflichtenheft Dritter zu übertragen, scheitern. Mal früher, mal später. Der Begriff, der diesen Prozess m.E. am besten beschreibt, ist der der ‚Selbstsabotage‘.

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Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [1]

Burnout ist keine Krankheit. Burnout ist ein Gesellschaftsphänomen. Die Erkrankung, die entstehen kann, wenn das Phänomen nicht erkannt und ihm nicht gegengesteuert wird, heißt Depression.

Als Auslöser des Burnout werden immer wieder genannt: Zeitdruck und permanente Präsenz, Mobilität und Entfremdung, Arbeitsplatz- und Zukunfts-Unsicherheit und andere Faktoren mehr. Insgesamt: Am Burnout ist der Markt, der Kapitalismus, das Unternehmen, vielleicht sogar der Vorgesetzte als verlängerter Arm des Unternehmens schuld.
Falsch: Denn, Unternehmen haben primär die Aufgabe, ihre Existenz zu sichern. Sie haben nicht die Aufgabe, sich primär an den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter zu orientieren.

Unternehmen folgen stets ihrer Logik und nicht der selbstverschuldeten Unmündigkeit ihrer Mitarbeiter. Individuell selbstverschuldet unmündig zu sein [ein Begriff des deutschen Idealisten Immanuel Kant] sei hier verstanden als Versuch, eine Lastenumkehr vorzunehmen im Sinne eines: Wenn ich mich mit dem, was ist, nicht arrangieren kann, dann muss der Grund dafür im Unternehmen zu suchen sein, das es nicht schafft, mir ein passendes Arrangement zu bieten.
Wir wissen: je mehr Mitarbeiter diese Haltung einnehmen, um so eher zwingen sie das Unternehmen, in dem sie arbeiten, in die Knie. Ein solches unter Druck stehendes Unternehmen wird immer ein ‚enttäuschendes‘ Unternehmen sein, so wie ein permanent unter Druck stehendes Elternteil auf Sicht ein ‚enttäuschendes‘ sein wird.

Wir wissen, Burnout ist eine unzureichende Mündigkeit, eine unzureichende Verantwortung, mit der gegebenen Freiheit umzugehen. Insbesondere: Burnout ist das Abbild eines unzureichend geklärten Wertesystems. Was vielen Menschen noch nicht bewusst ist: Die Klärung der eigenen Werte ist möglich, die Tools sind verfügbar, der Zeitaufwand überschaubar, die Konsequenzen der Klärungsarbeit womöglich anfangs schmerzhaft, dann extrem erleichternd. Wer hingegen sich verfehlt und dies dann Burnout nennt, geht leichtfertig mit seiner Verantwortung um. Man ist halt leicht fertig, wenn man dem Unternehmen den Schwarzen Peter zuschiebt, von ihm Bedürfnisbefriedigung erwartet, ohne dass man selbst weiß, wofür man einsteht, worin der Sinn [und nicht der Zweck] des eigenen Handelns liegt.

Wir wissen: Es gibt keine so genannte ‚humane Arbeitswelt‘ – es gibt Arbeit, die mal mehr mal weniger den individuellen Vorstellungen von Humanität entspricht. Was human ist, entscheidet somit der Einzelne. Bezieht er sich auf seine bewussten Werte, dann setzen diese die Grenzen zwischen human und inhuman. Sind ihm seine Werte nicht bewusst, dann werden ihm die Grenzen gesetzt – Grenzen, die so eng werden können, dass der Druck stetig zunimmt. Versucht nun der derart bedrückte Mensch seine Erwartung an Druckentlastung an das Unternehmen zu äußern, so delegiert er etwas, was er nicht delegieren kann.

Ähnlich verhält es sich, wenn ein Mensch seine Werte nicht kennt, dann aber Wertschätzung von seinem Unternehmen erwartet. Wie soll das denn gehen? Und würde er seine eigenen Werte kennen: wieso sollte man sie dann noch von anderer Seite ’schätzen‘? Wer seine Werte kennt und nach ihnen handelt, braucht keine Wertschätzung. Es wäre sonst ja so, als hätte man ein Buch gelesen und dieses Buch würde einem dann noch einmal vorgelesen – wozu soll das gut sein? Relevant ist, wie der Mensch seine Werte verwirklicht, worin er den Sinn seiner Tätigkeit sieht, welche Wirkung seine verwirklichten Werte haben. Im besten Fall erhält der Mensch für seine Wirkung dann das vertraglich vereinbarte Pendant.

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Die Burnout-Lüge

Vielfach wird Burnout in den unmittelbaren Zusammenhang gebracht mit einer ausbeuterischen, neoliberalen, einzig profitmaximierenden Leistungsgesellschaft, die die arbeitenden Menschen nachhaltig überfordert. Stichworte wie Selbst-GmbH, Enthierarchisierung, Mitarbeiter als Unternehmer, Globalisierungen und permanente Veränderungen, Flexibilisierungen, Beschleunigungen oder Verdichtungen deuten an, dass überindividuelle Zusammenhänge als Auslöser für Burnout auszumachen seien. Der Reflex lässt nicht lange auf sich warten: Der einzelne Mensch muss gegen diese Mächte aufrüsten – insbesondere mit Stressmanagement, das an der Oberfläche kratzt, im Kern jedoch die Frustration nur noch steigert, wenn die erlernten Tipps und Tricks an der Wirklichkeit verglühen.

Eine solche Feuer-Lösch-Strategie funktioniert bei echten psychischen Notlagen mit Krankheitswert nicht. Ebenso wenig wie Unternehmenswerte noch beherzigt werden, wenn ein Unternehmen sich am Marktgeschehen erschöpft. Oder wie Betriebliches Gesundheitsmanagement, das dann dem Spardiktat zum Opfer fällt, wenn die Kasse nicht mehr klingelt. Machen wir uns nichts vor – unsere Werkzeuge sind stumpf geworden, nicht nur weil es ihrer viel zu viele gibt, sondern weil mit ihnen jahrelang eines suggeriert wurde: Dass der einzelne Mensch sich die Arbeit der Werteklärung und Selbstaufklärung sparen kann, weil es eben so schöne Instrumente gibt, auf die zuzugreifen ja so einfach ist. Die Folgen spüren wir nun schmerzlich: Menschen sind voller Weltwissen, sind sich über sich selbst aber oft völlig unkundig. Menschen jagen Zwecken nach und verwechseln dies mit dem Sinn in ihrem Leben. Menschen fühlen sich fix und fertig und beklagen ihr Schicksal, schalten aber auch Durchzug, wenn es in eigener Sache etwas zu lernen und zu klären gilt. So bleibt Burnout leider vielfach das, was es ist: Machsal, vom Einzelnen gemacht und von keinem geschickt.

Jeder Mensch hat Bedingungen. Doch jeder Mensch kann sich so oder so diesen Bedingungen stellen. Dies sagt Viktor Frankl, und Recht hat er. Wer permanent meint, dass es nur so gehen muss, wer glaubt, dass die Bühnen des Lebens dazu da sind, die persönlichen Probleme zu lösen, der missachtet einen Grundsatz: Nicht das Leben ist vom Menschen zu befragen, sondern der Mensch ist der vom Leben Befragte. Er hat sein Leben zu beantworten. Wer dazu nicht bereit ist, der verbrennt sich irgendwann. Wer bereit ist, aber dazu einer Wegbegleitung bedarf, der findet in der Logotherapie und in der sinnzentrierten Krisenprävention die passende Unterstützung.

Sinnstiftung oder Ausbeutung?

Historikerin Sabine Donauer erhält für ihre Doktorarbeit über die Geschichte der Arbeitsgefühle den Deutschen Studienpreis 

Heute arbeiten viele Menschen im Büro – vor 100 Jahren wurde körperlich hart malocht. Gingen die Menschen damals mit anderen Gefühlen zur Arbeit?

Vor 100 Jahren hat man Arbeit erstmal als Quelle von Mühsal und negativen Gefühlen betrachtet. Viele Arbeiter waren unzufrieden und den Unternehmern feindlich gesonnen. Weil die aber merkten, dass mit zufriedenen Arbeitnehmern auch mehr zu erwirtschaften ist, haben sie versucht, die Arbeit etwas angenehmer zu gestalten: Bessere Beleuchtung und Hygiene in den Fabriken. Durch mehr Pausen, Schlaf und ausreichende Ernährung sollten die Arbeiter gesund und leistungsfähig bleiben. Körperliche Ausgeglichenheit wurde als Schlüssel zur Zufriedenheit der Arbeitnehmer verstanden.

Und das hat funktioniert?

Teilweise, aber nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr. In der Weimarer Republik, der Zeit von Arbeiterkämpfen und Arbeitslosigkeit, haben die Unternehmer dann versucht, ihre Arbeiter auch seelisch zu binden. Die Idee der Werksfamilie entstand: Es gab Werkszeitschriften, Wohnungen, sogar Kaufhäuser und Sportanlagen auf den Betriebsgeländen. Eine Zeitlang haben auch die Nationalsozialisten versucht, diese Idee fortzusetzen. Man denke nur an „Kraft durch Freude“. Aber als in den 40er Jahren die Arbeitsmoral im Krieg massiv sank, kam eine neue, psychologisch motivierte Methode auf: Vorarbeiter und Meister hatten zuvor meist nur Befehle erteilt, jetzt wurden sie auf Kommunikationsschulungen geschickt. Emotionaler, empathischer, konfliktfreier sollte alles ablaufen. Das war eine Art Frühphase des Führungscoachings. Darauf wurde bis in die 60er Jahre gesetzt.

Dann haben sich die Arbeitsgefühle nochmals verändert?

Ja, dann schwappte der Human Resources-Ansatz aus den USA nach Deutschland: Nach dieser Theorie ist Arbeit nicht mehr in erster Linie zum Geldverdienen da, sondern zur Selbstverwirklichung. Ab den 1970ern setzte man also alles daran, den Arbeitsinhalt anspruchsvoller zu gestalten, mit mehr Verantwortung aufzuladen, die Arbeitnehmer durch Abwechslung zu motivieren – und letztlich damit eine Leistungssteigerung zu erreichen.

Welche Auswirkungen hat das?

Vor 100 Jahren hätte jeder gesagt „Ich gehe zur Arbeit, um meine Familie zu ernähren und möchte darüber hinaus meine Arbeitskraft nicht verbrauchen“. Das kann man zwar heute auch noch sagen – aber in einem Jobinterview hat man damit schlechte Karten. Stattdessen muss man glaubhaft darstellen, dass der Job eine Berufung für einen ist.

Wann waren die Menschen denn zufriedener?

Das hängt davon ab, wie man Zufriedenheit definiert. Vor 100 Jahren war es die Abwesenheit von Erschöpfung, heute geht es um Job-Satisfaction, die durch immer neue Stimuli ausgelöst werden muss. Seit den 70er Jahren heißt es: Wer sich im Job nicht entfalten kann, wird unzufrieden – und zwar auch im Privatleben, was zuvor streng vom Arbeitsleben getrennt wurde. Hinzu kommt die Tendenz zur Individualisierung: Wer heute mit seiner Arbeit unzufrieden ist, versucht die Probleme in der Regel individuell zu lösen, nicht mehr im Kollektiv. Wut über Arbeitsbedingungen wird heute als Ergebnis persönlicher Inkompetenz oder falscher Berufswahl gedeutet, nicht mehr als Klassenkonflikt. Umgekehrt gilt ein gut bezahlter Job als Ergebnis geschickter Verhandlungsführung. Jeder managt praktisch sein eigenes Berufsglücksprofil.

Welche Rolle spielt körperliche Anstrengung dabei heute?

Burn-out ist medial ja allgegenwärtig. Er wird aber vor allem als emotionale Erschöpfung beschrieben. Der Körper und seine Leistungsgrenzen sind paradoxerweise offiziell kein großes Thema. Denn Leistungsfähigkeit wird heute vor allem als eine Frage der Motivation verhandelt. Und dieses Verständnis von Motivation hat die Leistung immens gesteigert: Zwischen 1991 und 2012 hat sich die Produktivität eines Arbeitnehmers pro Arbeitsstunde verdoppelt. Die Reallöhne hingegen stagnieren seit den 70er Jahren. Ausnahme sind da nur Topmanager.

Das Interview führte: Andrea Barthélémy, dpa

Kommt ein Burnout von ungefähr?

Die Zahl der komplett Erschöpft-Verzagten steigt – auch in unserer Therapiepraxis. Als Logotherapeut besteht meine Aufgabe darin, meine Patienten zu stabilisieren und mit ihnen einen neuen Weg ‚hin zum Sinn‘ zu entwickeln. Wenn ein Mensch seine Selbstwirksamkeit meint eingebüßt zu haben, kommen dafür oft Erklärungen wie ‚ich habe gerackert wie blöd, doch ich bin einfach nicht vorangekommen‘ oder ‚mein Chef ist auf einem komplett falschen Weg und von uns hat er erwartet, mitzuziehen – koste es, was es wolle‘.

Besteht die erste Therapeutenpflicht nun stets darin, wieder Hoffnung zu stärken, das Selbstgespür des Patienten wieder zu heben und Aufmerksamkeit zu schenken, so komme ich nach und nach auch zur Frage, wann sich erste – überhörte oder verdrängte – Anzeichen beginnender Selbstüberforderung oder -ausbeutung gezeigt haben. Letztlich mit der Absicht, eine gesundende Selbstaufklärung zu betreiben und aus ihr Handlungen für ein gelingendes Leben nach dem Burnout abzuleiten.

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Burnout

Unter dem Burnout-Syndrom verstehen wir einen psychophysischen Erschöpfungszustand mit dem Gefühl verminderter Leistungsfähigkeit und dem Erleben der Entfremdung vom eigenen Selbst. Der Patient äußert das Empfinden, völlig ausgelaugt und schon vor der Arbeit müde zu sein. Zudem zeigt die Person Entfremdungs- und Depersonalisationsgefühle und nicht selten eine zynische Distanziertheit.

Die Phänomene zeigen sich schleichend. Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Ungeduld, Kopfschmerzen, Frustration, Hilf- oder Machtlosigkeit, Rückzug, Suchtstoffe, Verzweiflung, Desillusionierung, Widerwille gegen sich und andere, Apathie, fatalistische Haltung zur eigenen Leistung.

Ursache von Burnout ist oft das Gefühl der Ohnmacht, mit den eigenen Möglichkeiten die eigenen Ansprüchen und die Erwartungen aus dem Umfeld trotz aller Anstrengung nicht mehr erfüllen zu können. Naheliegend sind die Menschen, deren Machbarkeits- oder Allmachtsvorstellung stark entwickelt sind und die in Arbeitsbereichen tätig sind, in denen ihnen wertschätzende Feedbacks, Erfolgserlebnisse und eine gewisse Handlungskontinuität vorenthalten bleiben, besonders kränkbar, wenn sie die Grenzen ihrer Selbststeuerungsfähigkeit erleben.

Hier gehts zum Videobeitrag.

 

Boreout – die Steigerung von Langeweile

„Wer keinen Stress hat, der macht sich welchen“ – wer das nicht glaubt, der sei an die vielen Mitarbeiter in Unternehmen erinnert, die über das Phänomen ‚Boreout‘ klagen. Über die permanente Unterforderung am Arbeitsplatz.

Eine Studie von Salary.com und AOL zeigt auf, dass ein Drittel von 10 000 befragten Arbeitnehmern erklärte, sie seien bei der Arbeit unterfordert. Sie hätten durchaus mehrere Stunden am Tag, die sie ohne inhaltliche Anreize vergeuden, nicht, weil sie faul seien, sondern weil die Aufgaben sie nicht fordern und Desinteresse erzeugen. Das Fatale: Die Betroffenen sprechen darüber nicht mit ihren Führungskräften und/oder Vorgesetzten – nicht selten, weil es gerade diese sind, die die belanglosen und ermüdenden Themen vergeben. Um nun aber nicht aufzufallen, tun die Boreout-Betroffenen so, als wären sie intensiv beschäftigt, was ihr Umfeld wiederum glauben macht, diese Aufgaben seien so anspruchsvoll, dass man noch mehr von ihnen den Mitarbeitern geben müsse.