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Zur Person Viktor Frankl

Viktor E. Frankl wuchs mit seinem Bruder Walter und seiner Schwester Stella als Sohn eines Staatsbeamten im Wien auf. Sein Vater war streng aber in höchstem Maße gerecht, während die Mutter für Viktor Frankl „ein seelensguter und herzensfrommer Mensch“ war. Sie stammte aus Prag und der Vater aus Südmähren. Als Schüler interessierte sich Frankl bereits intensiv für Psychologie und Psychoanalyse.

Mit Sigmund Freud begann ein reger Schriftverkehr als Frankl erst 15 Jahre alt war, und die erste Publikation Frankl´s erschien 1924 in der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse“ auf persönliche Empfehlung von Freud. Ein Jahr später veröffentlichte er als Medizinstudent in der Alfred Adlers Lehre folgenden „Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie“ die Arbeit: „Psychotherapie und Weltanschauung“. Zwei weitere Jahre später wurde Frankl wegen Unorthodoxie aus dem Verein für Individualpsychologie ausgeschlossen. Zu dieser Zeit hatte er bereits zahlreiche Vorträge über die ihm so bedeutende noetische Dimension gehalten und dabei immer den einzigartigen Sinn im einmaligen Leben thematisiert. Der ihm in diesem Zusammenhang begegnende Otto Pötzl, der als Professor für Psychiatrie an der Universitätsklinik Wien arbeitete, ermöglichte Frankl den operativen Start seiner Psychotherapieschule. Weitere berufliche Stadien an verschiedenen Kliniken folgten, und 1938 publizierte er schließlich eine Arbeit, in der er die Logotherapie und die Existenzanalyse als deren anthropologische Basis darlegte.

Während des Regimes der Nazis war Frankl anfangs darauf beschränkt, als Primarius der Neurologie am jüdischen Rothschildspital Wien zu arbeiten. 1942 wurden er, seine erste Frau, sein Bruder und seine Eltern in verschiedene KZ deportiert, die nur Frankl überlebte. 1945 kam Frankl, der sich von jeher als Wiener fühlte, in die Stadt zurück und begann, sein Buch „Ärztliche Seelsorge“ zu verfassen, dessen erstes Manuskript im KZ verlorenging. Seine Erlebnisse im KZ dokumentierte er in seinem Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“, das seither viele Millionen mal weltweit verkauft wurde. 1949 habilitierte sich Frankl in Philosophie an der Universität Wien, und von 1946-1970 leitete er die Neurologie der Wiener Poliklinik. Er erhielt zahlreiche Professuren unter anderem an den Universitäten von Harvard und Stanford und fast dreißig Ehrendoktorate an Universitäten in der ganzen Welt. Er war Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften und die Polnische Akademie der Wissenschaften zeichnete ihn u.a. mit dem „Internationalen Goldenen Stern“ für Verdienste um die Menschheit aus.

Frankl schrieb 32 Bücher, von denen das Werk „Man´s search for meaning“ von der amerikanischen Library of Congress als eines der zehn einflussreichsten Bücher ausgezeichnet wurde. Am 21. Oktober 1996 hielt Frankl, 91-jährig, die letzte Universitätsvorlesung am AKH Wien. Im gleichen Jahr feierte er mit seiner zweiten Frau Elly die goldene Hochzeit. Frankl starb am 2. September 1997. Viktor Frankl´s Werk kann in Wien im Frankl-Zentrum in der Mariannengasse 1 studiert werden.

Frankl for Business – 5

„Der Mensch will nicht einfach glücklich sein –
er will einen Grund zum Glücklich-Sein.“
Viktor Frankl

Glück stellt sich ein, wenn ein Mensch Sinnvolles tut. Sinnvolles tut er, wenn er im Einklang mit seinen Werten handelt und damit innerlich dem zustimmt, wofür er sich aufgerufen fühlt. Vielfach sind das ganz kleine Dinge im Leben, manchmal aber auch eine große Sache. Sich aufgerufen fühlen zu können setzt seinerseits voraus,

  • dass man einen ‚Sinnanruf‘ nicht überhört,
  • dass man offen ist für die Fragen, die das Leben einem stellt und
  • dass man erkennt, dass die Beantwortung dieser Fragen ohne Auseinandersetzung mit dem, was in der Welt nottut, was es zu klären, heilen, verbessern, entwickeln … gilt, nicht möglich ist.

Unternehmen brauchen Menschen mit solchen Sinnantennen. Über sie entstehen Ideen, die in Kooperation und kollektiver Intelligenz ihren Beitrag dafür leisten können, die Welt ein weiteres Stück besser werden zu lassen. Hingegen: Strukturen, die darauf ausgerichtet sich, dass einzig der Individualisierung Vorschub geleistet wird, verfehlen die Möglichkeit, dass Menschen einen Grund zum Glücklichsein finden. Wollen Führungskräfte dieser Entwicklung entgegentreten, dann führen sie so, dass jeder Mitarbeiter lernt, Verantwortung für Getanes zu übernehmen. Das klingt leichter als gesagt, und sollten Sie selbst Menschen führen, dann fragen Sie sich doch einmal, wie Sie in den letzten sieben Tagen einem Mitarbeiter diese Form der Verantwortung-Verantwortlichkeit vermittelt haben [vielleicht auch, wie Sie dies in den kommenden 72 Stunden einmal tun könnten]?

Wer Verantwortung für Getanes übernimmt, der sollte als nächstes begründen können, was es heißt, eine Aufgabe nicht nur zu erledigen, sondern sie möglichst gut zu machen. Sollte möglichst gut nicht gut genug sein, dann kommt wieder die Verantwortung ins Spiel zu begründen, unter welchen Bedingungen ein ‚besser‘ möglich wäre.

Wer Verantwortung für ein ‚besser‘ übernimmt, der soll begründen können, was für ihn ’schlechter‘ ist. Sollte dabei begründete Kritik an unsinnigen oder doppelten Arbeiten, an Bürokratie oder Regelwahn geäußert werden, dann gilt es, diese Kritik ernst zu nehmen, um den Möglichkeitsraum für Verbesserungen nicht von vornherein zu verkleinern. Den geschaffenen ‚Freiraum‘ dafür zu nutzen, um über den Sinn der Arbeit im Gespräch zu bleiben, führt zu weiterer Verantwortungsübernahme, dann steht der Sinn [das Wofür und Wozu] auf Augenhöhe zu den Zwecken [die Warums] einer Organisation in Form von Zielen, Wachstum, Zinsen und Veränderungen. Bei allem sollte immer wieder einmal reflektiert werden: wer etwas maximieren will, der nimmt in Kauf, dass etwas anderes gemindert wird. Managementkonzepte, die einseitig einer maximalen Größe huldigen, sind obsolet.

Viktor Frankl schätzte sehr die Erkenntnis von Johann Wolfgang Goethe: „Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er ist, dann machen wir ihn schlechter. Wenn wir ihn aber so nehmen, wie er sein soll, dann machen wir ihn zu dem, der er werden kann“. Dieser Satz stellt klar, dass Erwartungen an den Einzelnen und die Ansprüche an sich selbst hoch angesetzt werden sollen. Unternehmen sollen diesem Anspruch nicht im Wege stehen und darauf Wert legen, dass sich jeder Mitarbeiter um ein sinnerfülltes Leben bemüht und dabei seinen Beitrag dafür leistet, besser und für andere wertvoll zu werden.

Frankl for Business – 4

Die Grenze unserer Sprache ist die Grenze unserer Welt, wusste schon der Philosoph Wittgenstein. Wird die Sprache so eng, dass ein Mensch die Unterschiede zwischen Sinn und Zweck, Spaß und Freude, Grund und Ursache, Sieg und Gewinn, Niederlage und Verlust, Lob und Anerkennung, Tadel und Kritik usw. nicht mehr kennt, dann wird auch die Welt eng. Sprachanalytiker wissen um das Phänomen, dass heutzutage immer mehr Menschen immer weniger Worte einsetzen, um ‚ihre‘ Welt zu erklären. Manchen reichen die Twittermeldungen, um sich orientiert zu fühlen, anderen fünf Sätze täglich, um zu glauben, dass man mit seinem Partner oder seiner Partnerin ein dauerhaft glückliches Leben führen kann. Ob dies jemals wieder anders wird, wird sich zeigen. Bis dahin bleibt der Anspruch sportlich, mit Menschen darüber in den Diskurs darüber zu gehen, dass Sinn nur dann gefunden werden kann, wenn der Mensch sich dabei ’selbst vergisst‘, dass er ihn nur dann findet, wenn er bereit ist, einen Dienst an einer Sache, ein Streben nach guter Leistung oder eine Hingabe an einen Menschen zu zeigen, wenn dies nicht aus dem Zweck heraus geschieht, Geld zu verdienen, Ermächtigung zu erhalten, einen Orden umgehängt zu bekommen oder anderweitig eine Gegenwährung zu erwarten. Zweckvolles Handeln hat natürlich ihren Platz und es ist wichtig, dass Menschen sich für Zwecke einsetzen. Doch jeder dieser Zwecke ist im Kern verzichtbar, weil austauschbar. Sinnvolles Handeln hingegen ist unverzichtbar, soll sich in seiner Wirkung ein Gefühl von Glück, Zufriedenheit und gelingendem Leben einstellen.

Die Aufgaben des Lebens erfüllen einen Menschen mit Sinn. Die Aufgaben in Unternehmen erfüllen einen Zweck. Es ist hilfreich, dies voneinander unterscheiden zu können, denn beides braucht es. Führungskräfte führen sinnfördernd dann, wenn sie ihren Mitarbeitern die Rahmenbedingungen schaffen, damit diese in ihrer Arbeit Sinn finden können. Damit dies besser gelingt, lohnt die Auseinandersetzung mit dem Gedankengut Viktor Frankls, von dem Fredmund Malik sagt: „Es ist das Beste, was je zur Frage von Motivation gesagt wurde. Ja, ich halte Frankls Sinn-Theorie für die richtige Motivationslehre schlechthin.“

Zweckdienlich zeigen sich Unternehmen dann, wenn Kunden durch sie Nutzen erhalten. Den Nutzen, den die Kunden ihnen stiften, zeigt sich in der Bezahlung für das Einhalten des Nutzenversprechens der Organisation. Dieser Nutzen ist für Menschen dann von Wert, wenn eigene Werte durch den erfahrenen Nutzen verwirklicht werden können. Über den Prozess von Geben und Nehmen entsteht das, was mit dem Verb ‚rendere‘ gemeint ist: ergreifen. Durch den vom Unternehmen erbrachten Zwecknutzen erhält der Kunde seine ‚Rendite‘, um mit einem Produkt oder einer Dienstleistungen die Basis dafür zu legen, etwas Sinnerfüllendes bewirken zu können. Die Rendite eines erworbenen Bleistifts ermöglicht so zum Beispiel, durch das Schreiben mit ihm etwas in die Welt schaffen zu können, das den Schreibenden mit Sinn erfüllt. Der Bleistift als solcher macht daher keinen Sinn, sondern er ermöglicht, die bereits beantwortete Frage: ‚wofür ist es gut, dass ich das jetzt schreibe?‘ zu einer sinnvollen Handlung werden zu lassen. Mit dem Ergreifen des Bleistifts ermöglicht sich der Schreibende die Verwirklichung eigener Werte und damit die Erfüllung eines Sinns.

Und mit dem Kauf des Kunden erzielt das Unternehmen ’seine‘ Rendite und könnte sich so ermöglichen, die sich bereits beantwortete Frage: ‚wofür ist es gut, dass wir dieses oder jedes Produkt oder diese oder jene Dienstleistung entwickeln‘ zu einer sinnvollen Handlung zu führen. In vielen Organisationen fehlt jedoch die Erkenntnis darüber, wie Kunden etwas Sinnerfüllendes durch Einsatz von Produkten oder Dienstleistungen realisieren. Dies führt mancherorts zum Empfinden bei Mitarbeitern, mit ihren Leistungen nichts Sinnvolles ihrerseits zu tun. Zurück bleibt das Gefühl, ’nur einem Zweck der Organisation zu dienen‘ [wenngleich eben vollends nicht ausgeschlossen werden kann, dass sehr wohl Sinnvolles auf Kundenseite realisiert wird]. Um dieses Dilemma aufzulösen, suchen Mitarbeiter zumindest den Sinn in der Arbeit für sich selbst. Da Sinn in der Arbeit zu finden bedingt, die eigenen Werte zu kennen, die sich durch ihre Verwirklichung als sinnerfüllend anfühlen, haben viele berufstätige Menschen gleich zwei Probleme: Sie können den Sinn in ihrer Arbeit nicht finden und haben zudem keine Vorstellung davon, in welcher Weise ihre Leistung dazu beiträgt, dass andere Menschen durch sie Werte verwirklichen können. Dieses Gefühl einer Sinnleere konstruktiv zu bearbeiten, braucht ‚gute Führung‘, die einen Beitrag zur Selbstmotivation leistet – wobei wir wieder an die Aussage von Fredmund Malik anknüpfen können.

Das Gespräch in Organisation darüber, dass sich die Sinnhaftigkeit von Arbeit nicht in seiner Entlohnung erschöpft und Arbeit ihrerseits trotz Entlohnung als überflüssig empfunden werden kann, ist als Thema der Führungskräfteentwicklung aus unserer Sicht überfällig. Sinnleere entwertet und entwürdigt den Menschen – nie und nimmer kann ein solcher Zustand einen Menschen dazu führen, bereit zu sein, Teil einer Leistungskultur zu sein, wenn eine einseitig auf Gewinn fixierte Ergebnisorientierung als Handlungsmaxime gilt. Nicht ohne Grund ist in diesem Kontext wohl auch die überbordende Anzahl von Ratgebern zur ’sinnstiftenden Führung‘ zu sehen, die allzu oft von Führungskräften Heldentaten abverlangen, die von ihnen allein nicht erbracht werden können, sondern vielmehr nur als ‚Auseinandersetzung‘ auf geeigneten Kommunikationsplattformen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern stattfinden kann. Die Unternehmen, die sich einer solchen Auseinandersetzung entziehen und meinen, mit Appellen ans Commitment, an eine reine Ziel- und Ergebnisorientierung, einer Esel-Möhre-Incentivierung oder eines auf der Oberfläche konzipierten Gesundheitsmanagements a la Fitnesstudio und Salatbuffet in der Kantine die Zukunft gestalten zu können, werden ernten, was sie säten: Passivität, Lethargie, psychische Erkrankungen und vieles mehr.

Frankl for Business – 3

‚Wenn’s mal wieder schnell gehen muss‘ … das Gefühl, getrieben zu werden, ist für viele Menschen zu einem alltäglichen Erleben geworden. Und irgendwann, so berichten mir Klienten oft, kippt dieses Empfinden um in ein ‚ich treibe mich selbst dazu an, um in immer weniger Zeit immer mehr unterzubringen‘. Zuweilen hat es den Eindruck, als wolle der Mensch seine Lebenszeit dadurch verlängern, indem er seine Aktivität verdoppelt und durch seine Tage surft als wäre dies die Lösung für ein Mehr an Lebensfreude. Der Preis dieser Haltung, die an die ersten Weltreisetickets von PAN AM an die junge Generation erinnert, mit denen sie in 10 Tagen in acht Ländern ’strandeten‘, ist der Verlust der Kraft eigener Lebensziele. Geschürt von einer falsch verstandenen Formel ‚der Weg ist das Ziel‘, versuchen Menschen, viele Wege gleichzeitig zu gehen, denn dann – so der Glaube – wäre man auch gleichermaßen gleichzeitig an vielen Zielen.

Die menschliche Psyche derart austricksen zu wollen, führt auf Dauer in die Neurose. Sicher ist der Mensch im Grunde auf die Zukunft ausgerichtet, schöpferisch, erlebnishungrig und sinnstrebig. Vermag er sich selbst zu steuern, dann lenkt er sich hin zu den Aufgaben, die das Leben ihm stellt, ist aufgeschlossen für Ziele und frei zu inneren Haltungen. Schwierig wird es erst dann, wenn er den Spieß umdreht und meint, er könne seinerseits dem Leben die Aufgabe stellen, ihm möglichst viel Spaß, Lust oder Erfolg zu bereiten. Diese Idee – so schön sie vielleicht sein mag – führt den Menschen dazu, nach und nach immer mehr um sich selbst zu kreisen, auf der Suche nach dem nächsten Kick.

„Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu verantworten hat.“

„Es kommt nie und nimmer darauf an. was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet.“

Viktor Frankl

Gleiches gilt für Unternehmen. Erlebt man sie als überorganisiert oder dauernd in der Umorganisation, auf reine Renditemaximierung bedacht und-oder von einzelnen Personen überbestimmt, dann sieht man irgendwann nur noch eine Organisation mit einem schweren Rahmen, aber ohne Bild. Selbst sehr große Systeme, denen man an sich eine riesige Portion Managementqualität unterstellt, können so auf einmal ins Trudeln geraten und exorbitant an materiellem und ideellem Marktwert verlieren. Ihn wiedergewinnen zu wollen, bedeutet oft, erst einmal wieder den Kompaß neu ausrichten zu müssen und sich dabei nicht von den Marktpartnern irritieren zu lassen, die das alte Spiel gerne fortsetzen möchten.

Ein Hoch auf die Führungskräfte, die an dieser Stelle wissen, dass es nun wirklich um Führung geht und nicht um ein flaches Visionsgerede, Appelle an nachhaltiges Management oder gar um ein Jammern über die, die sich im Markt zwischenzeitlich gegen die Organisation aufgestellt haben. Loyalität plus Innovation kann hingegen die Wertebasis sein, von der aus der Prozess der Gesundung einer Organisation eingeleitet werden kann. Ähnlich ist es beim Einzelnen. Sich selbst in schwieriger Zeit loyal zu bleiben, bedingt, dass man sich der eigenen Werte bewusst ist, dass man weiß, wie man seine Gedanken denkt und dass man erkennt, Sinn nur dann finden zu können, wenn man Abstand zu sich selbst gewinnt. In einer krisenbefreiten Zeit ist dies mit präventivem Lernen für den Umgang mit härteren Lebensmomenten möglich, in der Krise hingegen meist nur durch einen ordnenden, wohlwollenden Blick von Außen.

Frankl for Business – 2

Der Mensch ist ein entscheidendes Wesen. Stets entscheidet es, wer es im nächsten Moment sein will. Selbstbestimmung und Wahlfreiheit statt Reduktionismus und Determinismus – unter anderem diese Aspekte zeichnet das Menschenbild aus, das Viktor Frankl seiner Arbeit mit Menschen zugrundelegt. Einen der Gründe für diese dem Menschen zugewandte Haltung findet sich im Studium der Erfahrungen, die Frankl als Insasse in Konzentrationslagern machte und die ihn erkennen ließen, dass sich dort neben Menschen, die sich widerwärtig verhielten, immer auch welche fanden, die sich als human und im Vergleich zur Mehrheit fast wie ‚Heilige‘ zeigten. Frankl leitet daraus ab: Ein Mensch ist nicht festgelegt. Sein Verhalten ist nicht einfach kausallogisch, trieblogisch oder minderwertigkeitsbasiert.

Auch im Business wird wohl jeder für längere Zeit berufstätige Mensch auf Personen stoßen, die eher dem einen, dem anderen ‚Lager‘ oder in ihrem Verhalten irgendwo dazwischen eingestuft werden können – redliches und ehrbares Verhalten hier, vergiftendes und unseriöses Verhalten dort. Je nach dem, ob mehr nach Zielerreichung, Sieg und persönlichem Vorteil getrachtet oder eher nach Sinnfindung, Gewinn für ein größeres Ganze und Werteorientierung gestrebt wird, zeigt sich ein der Richtung entsprechendes Verhalten. Die Möglichkeit, sich so oder so zu verhalten, bildet den Raum. Wer in diesem Raum als Führungskraft egozentriert wirkt, hinterlässt Verhaltensspuren bei seinen Mitarbeiters und je nach der individuell gefestigten, inneren, selbstbestimmten Haltung eines Mitarbeiters finden Übertragungen statt oder ein Sich-Dagegen-Stemmen. Egozentriertes Verhalten wird meist so lange als unproblematisch empfunden, solange ‚die Zahlen stimmen‘, die Ziele erreicht werden oder es in einem Arbeitsbereich ‚fluppt‘. Werden die Bedingungen enger und ernster und agiert die Führung weiterhin ich-verliebt, dann entstehen schnell Situationen, deren Auswirkungen weit über das aktuelle Geschehen hinausreichen können. Man denke beispielsweise an erforderliche Stellenstreichungen und die Form der mit ihnen verbundenen Trennungsgespräche. Wer hier als Führungskraft auf sein eigenes Wohl, Fortkommen oder seine Stressbefreitheit den Schwerpunkt legt, der wird womöglich zur Kündigung per e-Mail greifen. Wer sich selbst hingegen zurückstellt, der wird erlebt als Person, die sich Zeit nimmt für Aufklärung, Mithilfe und Minderung systemisch negativer Auswirkungen.

Sieht man auf der Geschäftsleitungsebene, dass der Grad an Verrohung des Anstands und des Konformismus in Belastungssituationen zunimmt [um dies herauszufinden, hat sich bewährt, einige Monate nach der Kündigung eines Mitarbeiters diesen einmal anzurufen, um seine Empfehlungen hinsichtlich der Entwicklung der Organisation einzuholen], ist ein kurzfristiges Gegensteuern nur durch Veränderungen in der Personalauswahl [wir setzen dabei in entsprechenden Aufträgen im Rahmen des Auswahlprozesses das Verfahren profilingvalues ein] und in der Sensibilisierung der Führungskräfte in den Themenfeldern Menschenkunde und Verhaltensethik auf mittlere und lange Sicht zu bewirken.

Frankl for Business – 1

In seinem bekanntesten Buch Man’s Search for Meaning, das von der amerikanischen Kongressbibliothek als eines der zehn einflussreichsten Bücher eingestuft wurde, schlägt Viktor Frankl vor, der Freiheitsstatue an der Ostküste eine Verantwortungsstatue an der Westküste ‚zur Seite zu stellen‘ [in der KrisenPraxis berichteten wir darüber, dass dieses Projekt zwischenzeitlich begonnen und sein Fortgang im Web auch nachzulesen ist]. Warum ist Frankl diese Symbolik so wichtig?

Für Frankl stellt Freiheit ohne Verantwortung das Risiko der Selbstzerstörung dar, unabhängig davon, ob diese Freiheit als eine individuelle, organisationale, politische, als eine Freiheit des Denkens, Wollens oder Handelns interpretiert wird. Eine Organisation zum Beispiel, die aufgrund ihrer Marktmacht die mit ihr verbundenen Freiheitgrade nicht mit Verantwortung flankiert, wähnt sich womöglich eines Tages mit grenzenlosen Möglichkeiten ausgestattet und muss achtsam der Versuchung widerstehen, in die Hemmungslosigkeit zu verfallen. Beispiele dafür finden sich reichlich in den verschiedensten Systemen und Kulturen und endeten entweder im Untergang der Organisation oder des Systems oder in einer von extern initiierten ‚Regulierung‘.

Auf den Mikrokosmos bezogen kann die individuell empfundene Freiheit zu einer Form der Selbstausbeutung mutieren – sei es, dass dem Körper Stoffe zugeführt werden, um dessen Leistungsreserven völlig auszuschöpfen, oder dass ihm die für ihn erforderliche Ruhe entzogen wird. Zeigen sich aufgrund dieses Verhaltens entsprechende Symptome, muss zum Teil ebenso energisch interveniert werden wie es sich analog im Makrokosmos der Ökonomie dann zeigt, wenn Organisationen alle zwar legalen, in ihrer konsequenten Anwendung jedoch systemschädigenden Möglichkeiten ausnutzen.

Welchen Grad diese Formen der Überdehnung des Wertes ‚Freiheit‘ eingenommen haben, zeigt sich in der Summe der offenkundig erforderlichen ‚Erinnerungen an die Verantwortung‘ wie sie von psychologischer und medizinischer Seite tagtäglich Tausenden von Menschen vermittelt werden, der unzähligen politischen Neuregelungen bei Überschreiten gesellschaftlich akzeptabler Grenzen durch Unternehmen, der Anzahl der Gerichtsverfahren aufgrund ethisch fragwürdigen Verhaltens bis hin zu einem nicht zu überhörendem Hilferuf flüchtender Menschen, deren Lebensumstände in gewissem Maße und mit langem zeitlichen Verzug ein zügelloses Verhalten früherer und gegenwärtiger Generationen widerspiegeln, die mit unzureichender Weitsicht die ihnen verfügbaren Freiheiten ausnutzten.

Frei zur Verantwortung zu sein, deutet auf ein hohes Gut moderner wie intelligenter Systeme hin. Ein solches System sucht nach Wegen, die eigene Existenz zu sichern, innovative Potenziale auszuschöpfen und dabei alle anderen Systeme nicht zu schädigen. Wer ein solches System führt, hat kein Problem damit, sich sichtbar zu machen, hinsichtlich seiner Entscheidungen und Handlungen transparent zu sein und hinsichtlich seiner Verbindungen zu anderen Systenem gleiche Ansprüche geltend zu machen. Anonymität, undurchsichtige Strukturen oder Versuche, Verantwortung von handelnden Personen zu entkoppeln und den Ausgleich realer negativer Wirkungen von Verantwortungslosigkeiten über externe Instanzen aushandeln zu lassen, zeigen im Kern eine fundamentale Schwäche des jeweiligen Systems an. Diese Schwächen werden versucht mit Formen des Machtstrebens zu kaschieren anstatt in konsequenter Weise die Sinnhaftigkeit des bisherigen Vorgehens, des Lebens- oder Geschäftsmodells, der internen und externen Beziehungen, der Güte von Produkten und Dienstleistungen zu überprüfen. Dauerhaft sind diese Versuche jedoch nicht erfolgversprechend.

Es lohnt zu schauen, ob Menschen, die nachweislich ihrer Verantwortung gerecht werden, ein weiterer Zugang zu Freiheiten zu ermöglichen ist, um die Chance zu ergreifen, dass sich deren Grundhaltung auch auf andere Personen überträgt. Ebenso gilt es zu prüfen, ob Menschen mit einem bedeutenden Maß an Freiheit eine mit ihr verbundene adäquate Verantwortung in ihrem Handeln zeigen. Aus beiden Perspektiven ergibt sich, dass das individuelle ‚Konto‘ von Freiheit und Verantwortung nie völlig balanciert sein kann. Will eine Person Verantwortung übernehmen, so bedingt dies ein hinreichend großes Maß an Freiheit, will sie Freiheit beanspruchen, bedingt dies einen hinreichenden Grad an Verantwortung. Treten beide in einen jeweiligen Diskurs miteinander ein, so können wir dies mit dem Begriff ‚Kontrolle‘ beschreiben. Kontrolle, in seiner französischen Wortherkunft verstanden als contre ‚gegen‘ und rôle ‚Rolle‘, ‚Register‘, was zusammen ein „Gegenregister zur Nachprüfung von Angaben eines Originalregisters“ meint und in unserem Kontext symbolisch als ein Vieraugenprinzip zwischen Freiheit und Verantwortung angesehen werden kann.

Dass das Konto ‚Freiheit‘ und ‚Verantwortung‘ deutlich unausgeglichen sein kann, zeigt sich für uns oft im Krisenkontext. Die Freiheitsgrade zum einen stark begrenzt, hat der Mensch doch stets dieses Maß an Freiheit, sich so [verantwortungsstark] oder so [verantwortungsgeschwächt den gegebenen Bedingungen zu stellen. Im verantwortungsgeschwächten Modus ‚gibt er sich ab‘, empfindet Formen von ‚-losigkeiten‘ oder nimmt für einen Teil seines Lebens seine ‚Unterschrift‘ zurück [re-signare]. Im verantwortungsstarken Modus folgt er Frankls Gedanken, ‚dass man sich von sich selbst ja auch nicht alles gefallen lassen muss‘. Im ersten Fall treffen wir unsere Patienten in der Logotherapie, im zweiten unsere Klienten im Logocoaching.

Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er ist, dann machen wir ihn schlechter.
Wenn wir ihn aber so nehmen, wie er sein soIl, dann helfen wir ihm dazu, das zu werden, was er werden kann.

Viktor Frankl

Sinn finden

Nicht für jeden Menschen ist die Suche nach Sinn ein Tagesthema. Meist finden ihn Menschen, ohne dass es ihnen bewusst ist. Oft als Situationssinn, bei dem ein Mensch in die Handlung geht, ohne dass er sich die zuvor als Ziel gesetzt, als Absicht formuliert, als Zweck verstanden oder als Strategie erdacht hätte. Wer sich von Sinn erfüllen lässt, der handelt, weil er spürt, was die Situation gebietet.

Für Viktor Frankl ist der Mensch ein sinnstrebiges Wesen. Spürt er, dass etwas voller Sinn ist, dann deshalb, weil er fühlt, dass er Werte verwirklichen kann. Werte aus seinem individuellen Wertesystem. Dieses Wertesystem stellt den ureigenen Wirklichkeitshorizont dar. Frankl: „Sinn ist eine Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit.“ Jeder Mensch hat ein Wertesystem, ergo hat ein Mensch immer auch die Möglichkeit, Sinn zu finden. Dieses Menschenbild ist ausgesprochen optimistisch und dem Menschen zugewandt. Es ist die Basis für die Beratung, das Coaching oder die Therapie, die wir je nach Fragestellung unseren Klienten und Patienten anbieten. Eine solche Unterstützung wird genutzt, wenn Sinn nicht gefunden wird. In Krisen, Konflikten oder Krankheiten. Als Kernproblem stellt sich dann in der Regel heraus, dass es eine Unkenntnis der eigenen Werte gibt. Menschen merken, dass sie sich in ihrem Leben weit mehr mit Zielen, Maßnahmen, Wirkung oder Selbstdarstellungen befasst haben als mit der Klärung ihrer Werte. Das ist dem Zeitgeist der Gegenwart geschuldet und solange eben auch kein Problem als ein Mensch um das Wesentliche seiner Person weiß. Dieses Wissen aufzubauen, ist kein Hexenwerk, dazu muss man nicht 100mal auf die Couch oder 100mal zu einem Coach. Dazu braucht es zuerst einmal eins: Den Willen, Sinn zu finden. Und die Bereitschaft, einen Gedanken aufzugeben: Dass man sich oder anderen Sinn machen kann.

Wer hat in Ihrem Leben schon alles versucht, Ihnen Sinn zu machen?

„Die Möglichkeiten im Leben sind begrenzt, aber im Rahmen dieser Grenzen sind sie grenzenlos.
Erst war man Baum, auf einmal ist man nur noch Ast, und irgendwann ist man nurmehr ein Blatt.
Bevor es fällt, sollte man sich erinnern: Der Baum ist noch da.“
Ralph Schlieper-Damrich

Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Luhmanns Sinnkonzeption, in der jede Operation nicht nur sich selbst in ihrer Aktualität präsentiert, sondern immer auch nichtaktualisierte, aber im nächsten Moment aktualisierbare, mögliche Anschlussoperationen bereithält, sieht Sinn im Grunde als per se anschlussfähigen Verweisungsüber­schuss. Würde man einen phänomenologischen Gegenbeweis antreten können, in dem es Sinn­phänomene gibt, die sich nicht als ein solcher Überschuss von Verweisungen auf weitere Möglichkei­ten anzeigen, sondern auf sich selbst verweisen, wäre dies im Sinne Luhmanns der ‚differenzlose Begriff, der sich selbst mitmeint‘, mithin zu verstehen als nachmetaphysischer Letztbegriff, der nicht in einem letzten ontologischen oder transzendentalen Grund verankert ist oder durch jedwede fremde Unterscheidung bestimmt werden könnte.

Der systemtheoretische Sinnbegriff wäre somit danach zu befragen, wie er ‚sich selbst mitmeint‘, wozu wir bei Luhmann finden:  „Die sinngebende Unterscheidung von Aktualität und Potentialität tritt auf der Seite des Aktuellen in sich selbst wieder ein; denn aktuell kann nur sein, was auch möglich ist.“ Diese Form des Selbstbezugs, mit dem ausge­schlossen wird, dass es irgendein sinnvolles Ereignis geben kann, das nicht in einen offenen Möglichkeitshorizont hineinverweist, findet sich in ähnlicher Weise auch bei Frankl. „Denn niemals ‚ist’ der Mensch – immer ‚wird’ er erst; niemals ist er einer, der von sich sagen dürfte: Ich bin, der ich bin – immer ist er einer, der von sich nur sagen kann: Ich bin, der ich werde – oder: Ich werde, der ich bin – ich ‚werde’ actu [der Wirklichkeit nach], der ich potentia [der Möglichkeit nach] ‚bin’.“

Wäh­rend Frankl seinen Gedanken jedoch auf dem Einfluss der von ihm postulierten geistigen Dimension des Menschen aufbaut, sieht Luhmann in der Endlosschleife von Aktualität und Potentialität den Sinn in allem gegenwärtigen Erleben und Handeln als gegeben an. Im Lichte einer ‚Krise‘ könnte jedoch ebendiese Endlosschleife als ‚unterbrochen‘ an­gesehen werden, mit anderen Worten als nicht mehr sinngebend. Doch diesen Einwand lässt Luh­manns Sinnbegriff nicht zu, da er den Sinn aller psychischen und sozialen Systeme als gegeben unter­stellt und damit Sinnfragen und Sinnprobleme als nichtig erklärt – was nicht zuletzt Habermas in Kritik zieht.

Und auch für die in diese praktische Arbeit mit Menschen an Situationen, denen die Betroffenen einen Grad an Sinnverlust, -gefährdung oder sogar Sinnlosigkeit zuweisen, bedeutete die Orientierung an Luhmann automatisch das Ende jeglichen Diskurses. Es wäre förmlich sinnlos, von Sinnlosigkeit zu sprechen – was über einen humorvollen Umweg zwar zu Frankl führen würde, denn für diesen ist der Mensch auch im größten Leid seinen ‚Sinn nicht los‘, diese Humoreske jedoch als Erkenntnis erst am Ende eines sinnzentriert gestalteten Arbeitsprozess mit einem durch eine Krise belasteten Menschen erwartet werden darf.

Und wenn mit diesen Hinweisen die Begrenzungen des systemtheoretischen Sinnbegriffs für die Ar­beit in der Krisenberatung skizziert werden sollten, da das Luhmannsche Theorem „Sinn verweist immer wieder auf Sinn und nie aus Sinnhaftem heraus auf etwas anderes“ den beobachtbaren Phänome­nen in der Arbeit mit massiv belasteten Klienten fundamental widerspricht, da hier Sinn als ‚laufen­des Aktualisieren von Verweisungen‘ nicht mehr stattfindet, stellt sich die Frage, durch was dieses Aktualisieren wieder belebt werden kann und dies in extremo in einer Lebenssituation, in der der Mensch auf sich allein gestellt ist und nicht durch Angebote an Pertubationen jedweder Art zu neuen Selektionen angeregt werden kann.

Sucht man bei Luhmann selbst nach einer Beschreibung eines solchen ‚Etwas‘, dann fällt sein an die Metapher vom ‚blinden Fleck‘ erinnernder Hinweis auf: „Aber alles, was in der Welt der Sinnsysteme rezipiert und bearbeitet werden kann, muß diese Form von Sinn [eine Aktualisierung von Möglich­keiten, A.d.Autors] annehmen; sonst bleibt es momenthafter Impuls, ohne Verknüpfbarkeit, ohne Kommunikabilität, ohne Effekt im System.“

Während Luhmann solche Ereignisse wegen ihrer Anschlusslosigkeit aus seinem Sinnbegriff herausnimmt und als psychosomatische Effekte interpre­tiert, räumt ihnen Frankl eine ganz andere Bedeutung bei, wenn er schreibt: „Der Zufall ist der Ort, an dem das Wunder nistet – oder besser gesagt, nisten kann; denn immer kann etwas nur – niemals muß es mehr als bloßer Zufall sein.“ Der Ort des Wunders, des überraschenden Impulses, des An­rufs an das Gewissen steht für Frankl als die Gelegenheit zum Kontakt mit der Transzendenz. Einen solchen Moment, der befreit ist von normativen Differenzen, zudem eine kritische Würdigung des­sen, was einem da ‚zu-fällt‘ möglich bleibt und aufgrund seiner noch nicht gegebenen Verknüpfbar­keit oder Vorerfahrung als ein Apriori verstanden werden kann, wollen wir verstehen als den Mo­ment ‚distanzierten Normativität‘, in dem ‚das Geistige zur Tür herein kommt‘.

In einem solchen Moment vollzieht sich etwas gegen die psychophysischen Strukturen, es wird etwas deutlich, was zuvor durch die Belastungen des Krisen­ereignisses nicht erblickt werden konnte. Im griechischen Begriff ‚Emphase‘ findet sich eine für die­sen Kontext angemessene Bestimmung. Emphase-Momente verlaufen wider den systemtheoreti­schen Sinnbegriff, und Luhmann sucht seine Position zu verteidigen, wenn er sagt: „Unausweichlich bleibt daher das Problem, die Aktualität des Erlebens mit der Transzendenz seiner anderen Möglich­keiten zu integrieren, und unausweichlich auch die Form der Erlebnisverarbeitung, die dies leistet. Sie nennen wir Sinn. Es gibt demnach kein sinnloses Erleben.“

Systemtheoretisch verstandene Sinnlosigkeiten in Momenten der Emphase formuliert Luhmann um als „Herstellung von Erstaunlich­keiten.“ Wenn mithin ‚systemtheoretische Sinnlosigkeit‘ als ‚erstaunlicher Sinn‘ verstanden wer­den kann, dann ist bewiesen, dass es Sinn gibt, der den Sinnbegriff der Systemtheorie transzendiert – diesen Sinn nennen wir das Geistige [lat.:‚logos‘, griech. ’nous‘].

Zudem impliziert Luhmanns Formulierung, „die sinngebende Unterscheidung von Aktualität und Po­tentialität tritt auf der Seite des Aktuellen in sich selbst wieder ein; denn aktuell kann nur sein, was auch möglich ist“, dass es ausgeschlossen sei, ein sinnvolles Ereignis anzunehmen, das nicht in einen offenen Möglichkeitsraum verweist. Mit dem ‚logos‘ wurde jedoch genau dieses Ereignis vor­gestellt. Mit Eintreten des ‚logos‘ tritt die Unterscheidung von Aktualität und Potentialität auf der Seite der Möglichkeit aus sich selbst wieder aus [wir können dies im Sinne Frankls Selbsttranszendie­rung nennen].

Der durch den ‚logos‘ eintretende Sinn lässt sich offenkundig durch den regulären systemtheoretischen Sinnbegriff nicht abdecken, dieser Sinn ist es jedoch, der für die Krisen in der Lebenswelt eines Menschen zugänglich bleibt, in denen es keinen Verweis auf andere Möglichkeiten gibt und in denen es zudem nicht geboten ist, dem Anspruch an Bewältigung der Situation durch ein Ausweichen in ein zum Beispiel lust- oder machtbetontes Lebensterrain zu begegnen. Eine derartig geprägte Situ­ation, für die der Mensch kommunikativ nicht präpariert ist, entzieht sich funktional ausdifferenzier­ten, pseudohaft absichernden Sinnangeboten. Im Gegenteil, eine solche Situation bedingt einen Zugang zu einem unverzichtbaren Sinn, der es ermöglicht, die durch die Krise obsolet gewordenen Selbstbeschreibungen aufzulösen und neue entwickeln zu helfen.

Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Ein Vergleich des sinn- und systemtheoretischen Sinnbegriffes führt in Gesprächen über das Thema ‚Krise‘ irgendwann zur Frage, ob ein Mensch eigentlich auf Sinn verzichten kann, um eine Krise zu überstehen. Sich als Praktiker an dieser Stelle zu äußern, adressiert sowohl die an Frankl zuweilen gerichtete Kritik einer metaphysischen Färbung seiner Sinntheorie als auch die Tragweite der systemtheoretischen Perspektive, mit der Luhmann zentrale philosophische Denktraditionen zum Sinnbegriff abweist.

„Die alteuropäische Tra­dition hatte einen auf Gutheit und Perfektion bezogenen Realitätsbegriff gepflegt und dem die ‚wesentlichen‘ Sinnbezüge zugeordnet. Damit waren Grenzen der Kompatibilität und aus der Ord­nung herausfallende Phänomene, war im Übergang zur Neuzeit zuweilen auch eine an der Ordnung scheiternde, verfallende Welt signalisiert“, kritisiert Luhmann den ontologischen Sinnbegriff. Und auch den mentalistischen Zugang verweigert er, indem er attestiert: „Die Neuzeit hat entsprechende Vorentscheidungen in die Theorie des Subjekts übernommen. Wenn Sinn, wie zumeist, mit Bezug auf das Subjekt definiert wird, wirkt diese Tradition nach, die aus ihrem Leitbegriff das Unwillkommene, ‚Sinnlose‘ ausschließt“. Drittens stellt sich Luhmann gegen die Begriffsauffassung, die für ihn dadurch entstand, dass „nach der Kritik des ins Extrem getriebenen Subjektivismus sich schließlich ein ‚hermeneutischer‘ Sinnbegriff etabliert hat, der auf verstehende Einordnung in einen überge­ordneten Zusammenhang abstellt – so wie Texte in einem umfassenderen Kontext verstanden wer­den müssen. Damit wird die ‚Erfahrung der Sinnlosigkeit‘ formulierbar als Versagen dieser Einord­nung, als Isolierung des Jeweiligen, als Zufallsabhängigkeit“.

Mit seiner Begriffskritik stellt Luhmann das Faktum heraus, dass die Philosophie den Sinn stets aus bestimmten Richtungen angeschaut hat – sei es im Aspekt des Seins, des Bewusstseins oder des Ver­standenseins. Meist lag dabei die Vorstellung zugrunde, das jeweilige Sinnverständnis auf alle gege­benen Phänomene übertragen zu können. Spätestens jedoch mit zunehmender Technisierung bekam die Idee einer unhinterfragbar gegebenen Realität Risse und förderte eine Skepsis gegenüber den einstigen Paradigmen. Stand zuvor im Vordergrund, dem Menschen nahezubringen, dass Sinn ist, wurde in der Folgezeit fokussiert wie Sinn für das Subjekt gegeben ist, um mit immer weiter zuneh­mender Subjektivierung zu postulieren, dass es etwas wie einen für alle Subjekte gleichermaßen zu verstehenden Sinn ohne Vermittlungsinstanz nicht geben kann.

Luhmann greift dies auf, indem er zurückgeht „auf einen allgemeineren, die Schranken des Verstehens überschreitenden, schlechthin universalen Sinnbegriff“, der seines Erachtens deshalb erforderlich wird, weil: „Man begreift die Funktionsweise von Sinn nicht zureichend, wenn man sie auf eine Sinnvolles legitimierende Identität bezieht – sei es den an sich perfekten Kosmos, sei es das Subjekt, sei es den sinngebenden Kontext. Dieser Identität wird dann die Unterscheidung von Sinnvollem und Sinnlosem abgenötigt, die sie als Identität nicht mehr leisten kann. Die Herkunft der Unterscheidung bleibt dunkel, bleibt ein Problem der Theodizee.“

Im Kern stört Luhmann die normative positive Zuschreibung im Sinnbegriff, mit dem ‚sinnvoll‘ und ‚sinnlos‘ voneinander abgegrenzt wird – und findet mit diesem Gedanken auch bei Frankl eine Entsprechung, wenn dieser sagt: „Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muß, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll – und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will. So kommt es denn, daß er entweder nur will, was die anderen tun – und da haben wir den Konformismus –, oder aber er tut nur, was die anderen wollen, von ihm wollen – und da haben wir den Totalitaris­mus.“

Es ist anzunehmen, dass Frankls Verdikt des Totalitären der Kritik Luhmanns nahesteht, wenn Sinn mutiert zu einer Instanz eines Erlaubnisgebers, der bestimmt, was als Sinngutes oder Sinndefektes anzusehen ist. „Kosmologien oder Subjekte — in jedem Fall lief die Respezifikation von Sinn über ausgezeichnete Teile der Welt, die ihre eigenen Konturen beanspruchen konnten und Cha­otisches, Sinnloses nicht ausschlossen, sondern nur nach außerhalb verwiesen. Man kann auch sagen: Der bevorzugte Sinn hatte es mit privilegierten Wesenheiten, privilegierten Zeiten und Plät­zen, privilegierten Vorstellungen zu tun, die Ordnung zu garantieren hatten. Er wurde zugleich repräsentativ eingesetzt für das Ganze. Das Vokabular der Kosmologie oder der Subjektivität wurde mit Orientierungswert versehen, mit einem Rest von Defekten, die dann der Welt oder der Gesell­schaft angelastet werden mußten.“ [Luhmann]

Ohne an dieser Stelle die Positionen der Kritischen Theorie zu vertiefen, mag der Gedanke von Jürgen Habermas, den Sinnbegriff in eine Theorie der umgangssprachlichen Kommunikation einzubetten, als Versuch angesehen werden, eben die Umgangssprache zu einem der von Luhmann kritisierten pri­vilegierten Plätze zu entwickeln. Habermas postuliert: „Der Sinn des Sinnes besteht zunächst darin, daß er intersubjektiv geteilt werden, daß er für eine Gemeinschaft von Sprechern und Handelnden identisch sein kann. Identität der Bedeutung verweist nicht auf Negation, sondern auf die Bürgschaft intersubjektiver Geltung. Diese Fragestellung bleibt Luhmann verschlossen.“

Dass Habermas damit seinerseits den umgangssprachlichen Sinnbegriff in einer normativen Differenz verankert und dabei dem positiven Aspekt des ‚Sinn als zwanglose Verständigung‘ den negativen gegenüberstellt, nämlich Verständigung dann als ungenügend anzusehen, wenn sie nicht dem Ideal der kommunikativen Ver­nunft folgt, führt zwischen ihm und Luhmann zu einem veritablen Theorienstreit. Auf der einen Seite hat man es mit einem in sich differenzierten Sinnbegriff zu tun, der einen bestimmten Sinn aufwertet und anderen – womöglich als Unsinn disqualifizierten – normativ nach außen verweist, oder man pointiert auf der anderen Seite einen differenzlosen universalen deskriptiven Sinnbegriff, bei dem Sinnloses aus­geschlossen wird, weil er erst gar nicht in den Kontrast zu einem minderwertigen Sinn gestellt wird.

Beide Positionen eint die Vorstellung eines Sinns, der erzeugt wird – sei es aus einem kommunikati­ven Handeln heraus, sei es aus einem ausdrücklichen Verzicht auf normative Wertungen heraus. Frankl sieht diesen Zugang ebenso und sagt: „Was sich erzeugen läßt, ist entweder subjektiver Sinn, ein bloßes Sinngefühl, oder – Unsinn.“ 

Doch, und hier wird die Brisanz der Idee des ‚erzeugten Sinns‘ im Kontext von ‚Krise‘ deutlich, müsste ein Subjekt dann wohl auf Sinn verzichten, wenn ihm seine Situation als eine solche erscheint, in der Sinn zu erzeugen aus seiner Sicht unmöglich ist? Ein solch finales Urteil jedoch würde ausblenden, dass die Vorstellung einer Nichterzeugungsmöglichkeit von Sinn impliziert, dass es so etwas wie Sinn gibt. Frankl regt hierzu an: „Wie könnte die Natur in die condition humaine jemals ein Sinnbedürfnis eingepflanzt haben, gäbe es nicht auch wirklich einen Sinn, besser gesagt, existierten nicht auch wirklich Sinnmöglichkeiten, die sozusagen darauf warten, von uns auch in Wirklichkeit umgesetzt zu werden“ und schließt diesen Gedanken mit der Analo­gie: ‚Durst ist der Beweis für die Existenz von so etwas wie Wasser. Sinnlosigkeitsempfinden der Beweis der Existenz von so etwas wie Sinn.‘

Würde also der Versuch unternommen, einen theoretischen Entwurf zu leisten, in dem der Sinnbegriff sich zum einen normativer Differenzen entsagt, zum anderen es dennoch möglich sein soll, Kritik zu erhalten und Werturteile zu formulieren und der zudem die Franklsche Perspektive eines Sinn-Aprioris aufgreift, dann würde sich die Frage nach dem Begriff stellen, der in der Lage ist, eine solche quasi distanzierte Normativität zu begründen.