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Alles Käse

Kennen Sie den Zustand, „verstimmt“ zu sein?
An sich bedeutet das: ich kann die Stimme meines Gewissens nicht mehr hören. Die Folge ist, ich kann die Richtung meines Weges nicht mehr erkennen. Was tun?
Nun, die Made hält den Käse für die Welt. Der Mensch kann den Käse hinter sich lassen.

Metapher von Dr. Renate Deckart

Berufliche Seelsorge

Eine berufliche Seelsorge soll zu einer Veränderung im seelischen Zustand eines Menschen führen. Dabei hilft in einem ersten Schritt, dass mitgeteilte Belastung geteilte Belastung ist. Im zweiten Schritt jedoch wird die Verantwortung deutlich, die der Mensch dafür hat, seine Not zu wenden. Hierzu braucht es Überwindung und Selbstüberwindung. Gute Kräfte, um sich zu überwinden, sind Hoffnung und Glaube. Mit diesen Selbstbejahungsressourcen fällt es leichter, das ein oder andere Hindernis zu meistern.

An dieser Stelle ist sprachliche Klarheit hilfreich. Die weithin synonym verwendeten Begriffe Psyché und Seele trennen wir voneinander. Die mit dem Tod vergängliche Psyche umfasst die Grundemotionen Wut, Neid, Trauer, Ekel, Angst, Scham und Überraschung sowie damit verbundene Regungen und Verhaltensweisen wie Eifersucht, Ehrgeiz, Aggression, Oppositionssucht, Hass, Fanatismus und andere. Vielerorts wird dieser Aspekt menschlichen Lebens auch Triebseele genannt. Die Psychotherapie leistet für die Psyche Entlastungsarbeit.

Mit Seele hingegen adressieren wir den unvergänglichen Sinn im Menschen, das, was ihn überstrahlt – das, was weit mehr ist als seine einzelnen Handlungen, Erfolge, Probleme oder Mißgriffe. Dieser Aspekt des Lebens wird auch als Geistseele beschrieben. Im Moment des Verlustes, der Verfehlung oder der Trennung dominiert die Psyché und verleitet zu allerlei ‚Spielchen‘, Verdrängungen oder weiteren unguten Eskalationen. Die Begriffe ‚Rosenkrieg‘, ‚Mobbing‘, ‚deformation professionelle‘, Leugnung sind nur ein kleiner Ausschnitt der Palette. Was übrig bleibt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Da, wo die Seele spürt, dass etwas nicht mehr zu vereinbaren ist, dass sich etwas zusammen zieht und verkrampft, da ist Seelsorge ein sinnvoller Weg. In der beruflichen Seelsorge ist unser Bestreben, dass der erkennende Geist unseres Gesprächspartners die Wahrheit der Situation erfasst. Ist er erfasst, dann ist für weiterer Zweifel kein Raum.

Zweifel, der aus der Seele kommt, braucht Überwindung. 
Überwundener Zweifel befreit die Seele und weitet sie.

„Jeder wahre Lehrer, jeder Arzt, jeder Therapeut,
aber auch jeder Seelsorger kennt den eigentümlichen
Sprung, der sich in seiner Beziehung zu dem ihm
aufgegebenen Menschen vollzieht in dem Augenblick,
in dem er nicht anders kann, als sich dem anderen
gegenüber selbst zu öffnen und nun durch sein
Amtskleid hindurch als der ganze Mensch hervortritt
und so dem anderen als er selbst begegnet.
Bei allen Gefahren, die damit verbunden sind – er
weiß und spürt es: Erst jetzt erreicht er den anderen
wirklich von Person zu Person.“

Karlfried Graf Dürckheim
Vom doppelten Ursprung des Menschen

Berufsseelsorge für Führungskräfte

Analog zu Viktor Franks ‚tragischer Trias‘ [Tod, Schuld, Leid] verstehen wir unter der ‚tragischen Berufstrias‘ die Belastungsthemen: ‚Verlust‘, ‚Verfehlung‘, ‚Trennung‘. Ein Verlust kann zum Beispiel darin bestehen, dass eine Managementfunktion oder eine geschätzte Person verloren wurde. Aber auch Gesichtsverlust, Ehrverlust oder das Empfinden, die Hoffnung verloren zu haben, sind Gesprächsthemen in unserer beruflich sinnzentrierten Seelsorge. Eine Verfehlung kann beispielsweise darin bestehen, einen anderen Menschen vor einem bestimmten Umstand nicht rechtzeitig gewarnt zu haben, eine eigene Verfehlung begangen zu haben, ein Versprechen nicht gehalten zu haben oder auch das Gefühl, an wichtiger Stelle nicht mutig genug gewesen zu sein. Eine Trennung schließlich kann zu einem Thema der Managerseelsorge werden, wenn man sich von Menschen getrennt hat, ohne deren persönliche Situation ausreichend berücksichtigt zu haben oder wenn im privaten Umfeld eine Trennung vollzogen wurde, die man nun bereut.

„Ich weiß nicht, wohin mit meinen Sorgen. Durch mein egoistisches Verhalten ist menschlicher Schaden entstanden. Das tut mir leid, aber das hilft niemandem. Ich habe keinen Menschen, mit dem ich mich auf neutrale Weise darüber austauschen kann, und von kirchlicher Seite erwarte ich keine passende Unterstützung.“

Sehr oft äußern Führungskräfte in den Gesprächen mit uns den Wunsch, man möge die Dinge ungeschehen machen oder es wäre schön, könnte man die Zeit zurückstellen, um dann in anderer Weise entscheiden oder handeln zu können. Meist werden in diesem Zusammenhang erhebliche Gewissensnöte erwähnt und ein gedankliches Kreisen um das belastende Thema. Häufig dauern diese Belastungen bereits lange an, und zuweilen haben unsere Gesprächspartner bereits das Umfeld, in dem die Situation eintrat, bereits verlassen – sei es altersbedingt oder durch einen Wechsel in ein anderes Unternehmen.

Angenommen, dies war Ihre Tochter …

Auf der Flucht vor der Polizei hat ein Geisterfahrer in Hessen einen tödlichen Unfall verursacht. Der 44-Jährige krachte mit seinem Auto frontal in den Kleinwagen einer jungen Frau. Die 21-Jährige kam ins Krankenhaus, wo sie starb. Der Verursacher überlebte schwer verletzt, wurde in eine Klinik gebracht.

Die Polizei war auf den Wagen des 44-Jährigen aufmerksam geworden, weil die Nummernschilder als gestohlen gemeldet waren. Als die Beamten das Auto von der Autobahn auf eine Bundesstraße leiten und dort stoppen wollten, wendete der Mann an der Auffahrt und flüchtete auf der falschen Spur. Dort verfolgen ihn die Polizisten. Nach etwa einem Kilometer raste er mit seinem gestohlenen Passat in den Kleinwagen der Frau. Der 44-Jährige ist nach Angaben eines Sprechers polizeibekannt. Er habe keinen Führerschein.

——

Was waren Ihre ersten Empfindungen und Gedanken bei dieser Beschreibung?
Wie meinen Sie geht es mit Ihnen als Vater oder Mutter weiter, wenn diese unumkehrbare Situation einträte?

Im Winter/Frühjahr 2016/2017 zeigen wir Wege auf, wie der Umgang mit einer dramatischen und erschütternden Situation derart gestaltet werden kann, so dass ein gelingendes Leben weiterhin möglich ist.

Life2Me® – das entwicklungspsychologisch-sinnzentrierte Programm zur individuellen Krisenprävention.

Wesensmomente des Gewissens

  • Gewissen ist innerliches Geschehen. Man kann es mir unter Umständen ansehen, wenn mich Gewissensbisse quälen, aber das Geschehen des Gewissens vollzieht sich ausschließlich in meinem Inneren.

  • Ich kann nur mein eigenes Gewissen erfahren. Nur ich selbst höre die Stimme, die mir zuruft: Das bist Du eigentlich. Nur in übertragenem Sinne kann man von „Gewissen der Wissenschaft“ oder vom „Gewissen eines Volkes“ sprechen, erfahrbar ist das nicht.

  • Das Gewissen zielt direkt auf mich. Ich bin der unmittelbar Betroffene, Ich kann dem Spruch des Gewissens nicht unbeteiligt oder neutral gegenüberstehen. Ein anderer kann mir meine Gewissenssache nicht abnehmen. Wie ich aus der Gewissensnot herauskomme, ist meine eigenste Angelegenheit.

  • Das Gewissen spricht zu mit sehr konkret. Es fragt: Wie war mein Tun oder mein Unterlassen in genau dieser Situation möglich?

  • Das Gewissen zwingt mich zum Hören. Deshalb redet man von der Stimme des Gewissens.

  • Der Anruf des Gewissens bringt mich in die innere Einsamkeit. Er zwingt mich, wegzuhören von all den Dingen, die mich gerade in Anspruch nehmen.

  • Wenn ich vom Gewissen betroffen bin, leide ich unter diesem Zustand. Diese eigentümliche Beklommenheit kann sich zur Gewissenslast, zur Gewissensangst und zur Gewissnensqual steigern. Daher redet man von Gewissensbiss oder vom Stachel des Gewissens.

  • Die Heftigkeit der Gewissenserfahrung verändert sich. Sie kann als dumpfe Regung beginnen, sich zu voller Deutlichkeit entfalten und sich auch wieder abschwächen und schließlich verstummen. Ich kann in dieses Geschehen aktiv eingreifen: das Gewissen voll auswirken lassen, oder versuchen, den quälenden Zustand baldmöglichst wieder loszuwerden. Ich gelte dann mehr oder weniger „gewissenhaft“ oder „gewissenlos“.

  • Der Grad des Quälenden liegt nicht im Gewissen, sondern in meinem eigenen Tun.

    nach Wilhelm Weischedel
    Philosoph und Ethiker

Gewissen – die unkaputtbare Kompassnadel des Lebens

Werte werden oft auch als Kompass des täglichen Lebens genannt. Und wenn der Mensch Werte verwirklichen, dann findet er damit den Sinn im jeweiligen Moment. Nun besteht das Wertesystem eines Menschen in der Regel aus einem Bündel von Werten, viele davon sind dem Menschen wichtig, eine Auswahl auch wesentlich. Wie auch immer, die Frage stellt sich an sich zu jedem Zeitpunkt: Was ist es, was dem Menschen rät, das gerade jetzt Sinnvollste zu tun?

Frankl nannte das Gewissen das Sinn-Organ, und in unserem Bild können wir es als die Nadel im Kompass verstehen, die den Menschen bestenfalls genau auf das ausrichtet, was jetzt die Antwort ist, die ein Mensch auf eine Frage seines Lebens geben sollte. Fühlt sich die Nadel von zu vielen Werten angezogen, weil der Mensch sein Wertesystem nicht kennt, dann kann das Gewissen ihm auch die falsche Richtung weisen. Gewissensbildung ist damit nicht ohne das Wissen um den eigenen ‚Selbstwert‘ zu haben. Ist der Mensch jedoch im Einklang mit sich, handelt er wertebezogen und kann auch in lebensbrisanten Situationen gewissenhafte Entscheidungen fällen.

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Vom Leid zum Glück

Eine Schulklasse von Elf- bis Zwölfjährigen stürmt in die Pause. „Was spielen wir jetzt?“, fragen die einen. „Stille Post!“, antworten die anderen. Anja beginnt. Neben ihr sitzt Paul, ein dunkelhäutiger Bub mit Migrationshintergrund. Anja sieht ihn lange an, dreht sich kichernd zu ihrer Nachbarin und flüstert ihr die Worte „Paul wäscht sich nie“ ins Ohr. Dieser Satz wandert von einem zum anderen. Die Jugendlichen lachen hinter vorgehaltener Hand und sehen dabei verstohlen zu Paul, der sich dabei sichtlich unwohl fühlt. Sam, der letzte in der Reihe, soll nun den bei ihm gelandeten Satz aussprechen. Er blickt ruhig in die Runde und sagt mit fester Stimme: „Anja steht auf Paul.“ Alle lachen, fröhlich und befreit, auch Anja – und am meisten strahlt Paul. Sam hat eine Leidkette durchbrochen und in Glück und Freude verwandelt. Das kann nur der Mensch.

[KFW, Frankfurt, Credofilm 2006]

Haben Sie sich auch auf dem Gewissen?

Sind Sie frei? Wie sind Sie frei? Im Althochdeutschen wurde ‚frei‘ mit ‚einen freien Hals haben‘ umschrieben. Vielleicht ist in diesem Sinne auch ‚ungebunden‘ zu verstehen.
Aber wie soll das gehen – ‚frei und ungebunden‘ – wo jeder Mensch doch in Bedingungen lebt? Ist Freiheit nicht doch eine Illusion? Eine Gaukelei unseres Gehirns? Eine Konstruktion der Philosophie?

Jean Paul Sartre meinte einmal: „Wir sind alle zur Freiheit verurteilt“. Das klingt mühsam.
Sich als freies Wesen zu definieren und sich zu dem zu entwickeln, wer man sein will – diese Vorstellung lässt manche Menschen erschrecken. Die Gefahr, ‚auf ewig unfertig‘ zu sein, das individuelle Soll nie zu erreichen, macht Angst und stimmt unfroh. ‚Wenn ich könnte, wie ich wollte‘,
ja, dann wäre vieles anders. Wenn nur die Bedingungen nicht wären.

Kommen Bedingungen ins Spiel, dann wird es meist schwierig. Dann helfen Hinweise darauf, dass der Mensch doch immer wählen könne, auch nicht mehr weiter. Schafft doch jede Wahl-Freiheit wieder neue Bedingungen – die an sich doch nicht dem entsprechen, was wirklich gewollt ist.

So geht der Weg von der Wahlfreiheit schnurstracks in die Ohnmacht. Aber die Rettung naht – die moderne Hirnforschung sagt uns, dass wir uns da gar keine Sorgen machen müssen. Unser Gehirn regelt das schon alles. Wenn wir uns von der Illusion befreien, dass wir irgendetwas willentlich
tun, sondern zu akzeptieren lernen, dass wir determinierte Wesen sind, die ausführen, was unsere Gehirne vorgeben – ja, dann brauchen wir uns auch ‚keinen Kopf über Bedingungen zu machen‘. Dann gibt es nur eine Bedingung und die heißt ‚Gehirn‘.

Kaum ist diese Rettung formuliert, melden sich ‚Bedenkenträger‘.Der amerikanische Philosoph John R. Searle meint, er wäre über dieser Idee, das Gehirn wäre der Anfang und das Ende aller Freiheit, fast verhungert. Da fragt ihn der Ober im Restaurant, was er bestellen möchte und Searle kann nur mit den Achseln zucken: „Mein Gehirn hat mir noch kein Signal geschickt.“ Streng genommen würde das Gehirn hier den eigenen Untergang vorbereiten, wäre da nicht eine andere Instanz, die noch über dem Verstandesgeist liegt und den ‚mentalen‘ Prozessen voraus geht. Diese Instanz nenne ich mit Viktor E. Frankl das ‚Sinn-Organ‘, das Gewissen.

Das Gewissen ist der [spiritus]-Direktor unseres ‚Gehirngeistes‘, es ist der potenzielle Wegweiser für unsere Gedanken. Und so ist die Freiheit für mich im Kern Gewissensfreiheit. Dieser Freiheit folgen alle anderen ‚Freiheiten in Bedingtheiten‘. Ich habe mich auf dem Gewissen. Es ist das Fundament meiner Freiheit. Bin ich mit meinem Gewissen im Reinen, dann bin ich frei. Ist mein Sinn-Organ intakt, dann bin ich frei. Und so will ich Sartre antworten: Wir sind alle vom Gewissen angerufen, und ich hoffe, die Leitung ist frei.

Verantwortung – eine hoher Wert im Krisenkontext

Es klingelt, der Postbote bringt die aktuellen Kontoauszüge. Ein Blick genügt: Noch gibt es keine wundersamen Transaktionen. Das beruhigt.
Vor einem Jahr war das einmal anders. Da stand auf dem Auszug plötzlich ein Habenbetrag von 13.000 Euro. Unerklärlich und durchaus schön anzusehen – aber noch funktioniert ja das Gewissen.
Ein Anruf bei der Hausbank bringt schnell die Aufklärung. Ein schlichter Nummerndreher. Ein Fehler von Menschenhand. Das kann ja einmal vorkommen. „Vermutlich wäre es dem
Absender aufgefallen, denn der Eingang wäre andernorts ja irgendwann vermisst worden“,
sagt der Auskunftgeber weiter.
Vermutlich. Irgendwann. Es gibt Worte, die erzeugen in bestimmten Situationen einen verantwortungsleeren, schalen Geschmack. Und was, wenn nicht vermutlich irgendwann?

Verantwortung zu übernehmen setzt eine aktuelle oder zukünftige Ungewissheit voraus – und eben diese ‚Ungewissheit‘ ist das Fundament einer jeden Krise. In der Krise wissen wir: Es werden Entwicklungen auftreten, die prinzipiell nicht planbar sind. Der Mensch muss mit Unsicherheiten dauernd umgehen – sind sie jedoch existenzieller Natur, dann wird es immer anspruchsvoller, ‚trotz allem‘ die eigene Verantwortung beizubehalten und ’sich nicht abzugeben‘. 

Wird in einer ungewissen Situation von einem Menschen Verantwortung übernommen, so erstreckt sie sich zudem nicht nur auf persönliche, moralisch ausgerichtete Handlungen, sondern auch auf deren Konsequenzen. Kündigt zum Beispiel eine Person aus ethisch nachvollziehbaren Gründen einen für sie nicht mehr akzeptablen Arbeitsplatz, so verantwortet sie zum Beispiel auch die Folgen, die der Wegfall des Einkommens auf die Familie hat. Oft sind Dilemmasituationen wie diese der Beginn einer Krisenspirale, deren Dynamik selbst für stark analytisch denkende Menschen zuweilen nicht mehr zu beherrschen ist. Und selbst dann, wenn absehbar wird, dass die Entwicklungen sich weiter verschlechtern, kann der Mensch seine Verantwortung nicht ablegen [oder andersherum: der Mensch kann Verantwortung nicht erst dann übernehmen, wenn für ihn absehbar wird, dass sich die Situation zum Guten wendet].

In extremo bedeutet dies: Scheitern gehört zum verantworteten Menschsein dazu. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich der eigenen Fehlbarkeit bewusst sein. Dies gilt auch für den Fall, dass ein Mensch sich selbst beauftragt, für jemanden oder etwas Verantwortung zu übernehmen [wie es zum Beispiel ein Freund zeigt, der einem krisenbelasteten Menschen zur Seite steht]. Wenn er sein Wissen einsetzt, damit etwas geschehe oder nicht geschehe, übernimmt er Verantwortung. Leugnet er sein Wissen, so kann er dies zwar tun, um sich einer Verantwortung zu entziehen. Solange er jedoch etwas tun kann, ist es ihm niemals möglich, sich selbst aus der Verantwortung zu entlassen. Nichts anderes meint eine unterlassene Hilfeleistung, die auch derjenige zu erbringen hat, der sich zwar seiner Laienhaftigkeit bewusst ist, sich jedoch einer Situation gegenüber sieht, in der der Einäugige immer noch mehr sieht als der Blinde.

Es ist im Sinne einer Krisenprävention gut zu wissen, wo sich in den eigenen Lebenssystemen diese wichtigen ‚Einäugigen‘ befinden, die sich trotz ihrer begrenzten Sicht wohl mutig überwinden würden, einem bei einer drohende Lawine zur Seite zu springen. Wenn in den komplexen, belastenden Ereignissen diese Einäugigen wachsam bleiben, gebührt ihnen volle Anerkennung. Ohne vollständige Information, eingebunden in eigene Lebensthemen, weisen sie doch auf etwas Besonderes hin: Dass sie einen guten Grund für ihre Verantwortungsübernahme haben, dass ihre VerANTWORTung ein ‚Wofür‘ kennt. Und nicht nur ‚vermutlich, irgendwann‘.