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Jahresend-Wunsch an die Evolution

Zum Jahresende darf man sich ja etwas wünschen. Gesundheit und ein langes Leben sind so die Klassiker. Nicht schlecht, aber ich habe trotzdem einen anderen. Ich habe den Wunsch an die Evolution, dass sie es fertigbringt, irgendwann einmal die Neugeborenen von Anbeginn sprechen lassen zu können. Also, so richtig, mit dem vollen Programm.

Ich glaube, dies würde einen wirkungsvollen Beitrag dafür leisten, dass die den Kindern per se gegebene Resilienz nicht dadurch in den ersten Lebensjahren erodiert, weil die sie umgebenden Personen meinen, sie müssten ihre Kinder erst ’sozialisieren‘.

Wer ein Kind sozialisiert, der geht offenbar davon aus, dass es nicht sozial ist. Wer jedoch davon ausgeht, dass ein Kind bereits alles Wesentliche für sein Leben mitbringt und es dann darin unterstützt, das seinem Wesen Entsprechende auszuformen, der folgt einem an eine Goethe-Weisheit angelehnten Satz:

„Wenn man ein Kind wirklich sieht wie es ist und es nicht zu dem macht, was es aus eigener Anschauung sein soll, dann kann man es darin unterstützen, zu dem zu werden, der es werden kann.“

Könnten uns doch die Kinder direkt ab Beginn ihres Lebens nur sagen, wie sie sind. Manche Therapiestunde könnte eingespart werden.

Anzeichen einer Krisenverarbeitung bei Kindern

Erwachsene zeigen nach einem traumatischen Ereignis ihre individuell spezifischen Verhaltensweisen. Kinder stehen dem mit ihrem Reaktionsset in nichts nach und Erwachsene sollten diese aus Sicht des Kindes möglichen Bewältigungsmuster kennen:

  • Nächtliches Aufwachen
  • Angst vor dem Zubettgehen
  • Hyperaktivität
  • Ungehorsam und Aggressivität
  • Extreme und schnelle Stimmungswechsel
  • Provokation von körperlichen Strafen und anderen Schmerzen
  • Inszenierung der erlebten Ereignisse im Spiel
  • Alpträume mit/ohne spezifischen Inhalt
  • Abflachung der Ansprechbarkeit äußerer Reize
  • Eingeschränkte Spielfähigkeit
  • Vermeiden von Ruhephasen
  • Sozialer Rückzug
  • Verlust von Entwicklungsfähigkeiten
  • Zurückfallen in Verhaltensmuster früherer Phasen
  • Leben in heilen Phantasiewelten
  • Gefühl ständiger Langeweile und Leere
  • Trennungsangst und Klammern

Widrigkeiten

„Widrige, stark belastende Situationen, die Ärger, Angst oder Trauer
hervorrufen, können zu einem seelischen Zusammenbruch führen. Die
Fähigkeit oder Unfähigkeit, in solchen Situationen seine Gedanken und
Gefühle anderen zu zeigen und ihren Trost und Hilfe zu suchen, ist für
den Erhalt der seelischen Gesundheit entscheidend.

Diejenigen, die während ihrer Kindheit in solchen widrigen Situationen
auf Verständnis gestoßen sind, werden auf ein ähnliches Wohlwollen in
der gegenwärtigen Krise hoffen, aber Menschen, die in ihrer Kindheit
Zurückweisung und Verachtung erfahren haben, werden dasselbe
erwarten, wenn sie sich als Erwachsene wieder in widrigen Situationen
befinden.“

John Bowlby

Kinder und ihr Umgang mit dem Tod [bis Lebensalter 12 Jahre]

Kinder ab 10 Jahre möchten sich manchmal vom Tod überzeugen und wollen sehen, wie es aussieht, wenn jemand tot ist. Dazu sollten sie

  • ausreichende Gesprächsangebote erhalten, um den Tod als abschließendes und unausweichliches Ereignis zu begreifen. Gerade introvertierte Kinder versuchen, sich ihr Bild vom Tod im Rückzug und Selbstgespräch zu machen und überfordern sich damit häufig
  • erfahren, welche Bedeutung Rituale [kirchliche, familiäre …] haben, warum man dem Toten gedenkt, wie der Tote im Herzen anderer ‚weiterlebt‘
  • ihre Angst um den eigenen Tod artikulieren können und dazu ehrliche Stellungnahme der Erwachsenen erfahren
  • in ihrer Trauer gestützt aber auch gelenkt werden, wenn ihr Verhalten im Angesicht des Todes grenzverletzend wirkt
  • Akzeptanz erfahren, wenn sie in ihrer psychischen Abwehr dem Tod mit Ironie oder Witz begegnen ….

Kinder und ihr Umgang mit dem Tod [bis Lebensalter 10 Jahre]

Kinder ab 7 Jahre wissen zwar, dass es den Tod als Unterschied zum Leben gibt, begreifen aber noch nicht seine Bedeutung und Endgültigkeit. Die Akzeptanz des Todes ist noch nicht entwickelt.
Kindern in diesem Alter sollte daher

  • zugestanden werden, die aufkommenden Gedanken und Gefühle zeigen zu können und diese in Geborgenheit und Schutz besprechbar zu machen
  • besondere Aufmerksamkeit und Sicherheit zuteil werden, wenn sie sich unangemessen der eingetretenen Situation gegenüber verhalten
  • erfahren, dass ihre Fragen Ernst genommen werden und der Erwachsene bemüht ist, diese genau zu beantworten
  • Ehrlichkeit entgegen gebracht werden, wenn das Kind sich Sorgen macht, die Eltern könnten sterben – hier ist anzuraten, dem Kind einerseits zu sagen, dass auch Eltern sterblich sind, andererseits aber hervorzuheben, dass die Eltern noch vieles vorhaben, was sie mit ihrem Kind erleben wollen
  • ihr Glaube daran, durch eigenes Denken oder Handeln ein Todesgeschehen mit beeinflusst zu haben [z.B. durch den nach einem Streit gedachten Wunsch, der eigene Bruder sei besser nicht mehr da], auf sanfte Weise ausgeräumt werden
  • der Prozess des Krank-Werdens und das Vorgehen im Körper bei schweren Krankheiten kindgerecht erklärt werden
  • die Möglichkeit gegeben werden, sich erfreuende Vorstellungen darüber zu bilden, was nach dem Tod vorfindbar sein könnte ….

Wie spricht man mit Kindern über den Tod? Einige Anregungen:

Schlecht: ‚Papa ist auf eine lange Reise gegangen.‘
Besser: Papa ist bei einem Unfall gestorben. Wir sind alle sehr traurig aber wir werden es zusammen schaffen dass es uns mit der Zeit wieder besser geht.

Schlecht: ‚Es ist Gottes Wille‘ oder ‚Gott hat ihn zu sich genommen, weil er so gut ist‘ oder ‚Er ist im Himmel bei den Engeln.‘
Besser: Großvater ist letzte Nacht gestorben. Wir werden oft an ihn denken. Wir können uns an die guten Dinge erinnern, die wir mit ihm erlebt haben.

Schlecht: ‚Großmutter schaut vom Himmel auf dich herunter (… es ist besser wenn du brav bist).‘
Besser: Großmutter war sehr sehr alt und ist gestorben. Sie wird in unserer Erinnerung immer bei uns bleiben.

Schlecht: ‚Max ist schlafen gegangen (er ist jetzt im Himmel).‘
Besser: Max war sehr sehr krank und die Krankheit hat ihn sterben lassen. Niemand weiß wirklich, ob er jetzt im Himmel ist. Manche Leute glauben das, andere nicht.

Kinder und ihr Umgang mit dem Tod [bis Lebensalter 6 Jahre]

Kindern im Alter von 5 und 6 Jahren ist noch nicht bewusst, dass jedes Lebewesen eines Tages sterben wird. Jedoch sind sie in ihrer Entwicklung so weit gereift, dass ihnen im Falle des Todes zum Beispiel eines Familienmitglieds, eines Freundes oder auch eine Tieres die Situation auch als ‚Tod‘ konkret benannt werden kann.

  • Kinder nehmen in diesem Alter alles, was ihnen gesagt wird, wortwörtlich. Versuchen Erwachsene, einen Todesfall mit anderen Begriffen zu umschreiben, riskieren sie deutliche Irritationen und Vertrauenseinbußen, die meist dann entstehen, wenn das Kind von anderer Stelle mit der ‚Wahrheit‘ konfrontiert wird
  • Vermeiden Sie starke Emotionalisierung und Nervosität in Ihren Gesprächen mit Kindern in diesem Alter – je mehr Sie die Lage aufgeregt darstellen, umso intensiver wird sich das Kind für die Situation und die Wirkung auf Sie interessieren
  • Erlauben und ermuntern Sie das Kind, Fragen zu stellen, wenn es welche hat. Erlauben Sie sich selbst, dem Kind zu sagen, dass es Ihnen womöglich nicht möglich ist, alle Fragen zu beantworten
  • Weichen Sie in keinem Fall aus, wollen Sie nicht Gefahr laufen, dass das Kind ein Geheimnis vermutet – erinnern Sie sich, wie Sie selbst als Kind mit ‚geheimen Sachen der Erwachsenen‘ umgegangen sind. Erhält ein Kind in diesem Alter keine Antwort, dann findet es sie woanders
  • Klarheit und Stütze helfen vermeiden, dass ein Kind seine offenen Fragen mit Fantasien oder Ängsten ‚ausgleicht oder sein Bedürfnis nach Sicherheit und Verlass als bedroht empfindet …

Kinder und ihr Umgang mit dem Tod [bis Lebensalter 4 Jahre]

Für Kinder unter vier Jahren stellt der Tod noch nichts Bedeutungsvolles dar, insbesondere ist die Endgültigkeit, die der Tod markiert, für das Kind noch nicht erfassbar. Wichtig ist daher, dass Bezugspersonen, die zum Beispiel in der Trauer um einen Menschen stehen, nicht vergessen, dass das Kind

  • mindestens eine vertraute Bezugsperson braucht, die ihrerseits sich ihm emotional zuwendet, es ermutigt und die von ihm gezeigten Gefühle zulässt
  • klare Strukturen und Abläufe wie Essenszeiten, gemeinsames Spielen, Gutenachtgeschichte benötigt
  • einen Lernprozess beschreitet, indem es einen Verlust zu überwinden lernt, selbst wenn er mit großer Trauer und tiefem Schmerz verbunden ist
  • in altersgerechten Erzählmodus über Trennung, Sterben, Abschied, Tod mehr erfahren soll, zum Beispiel durch den Einsatz von Märchen oder Parabeln
  • nach und nach den Tod anhand der Prozesse in der Natur, zum Beispiel bei Pflanzen oder einem Tier zu verstehen lernt
  • lernen soll, dem Tod mit aktiver Handlung entgegenzutreten, zum Beispiel, indem man es ermuntert, einen Grabschmuck zu fertigen
  • nicht von Erinnerungen abgekoppelt werden soll, sondern vielleicht angeregt wird, eine Sammlung kleiner Erinnerungen an das, die oder den Verstorbene[n] zusammenzutragen…

Kinder und ihr Umgang mit dem Tod [allgemein]

Für ein Kind wird Schmerz und Trauer ausdrücken können, wenn es in seinem Leben zum Beispiel den Wegzug eines Freundes in eine andere Stadt, den Verlust einer Spielsache, den zeitweiligen Weggang eines Elternteils aus beruflichen Gründen usw. hat verarbeiten müssen. Der Tod jedoch stellt eine völlig andere Erfahrungsdimension dar. Der Tod zum Beispiel eines Geschwisters bedarf zwingend der emotionalen Absicherung durch einen Erwachsenen. Diese Bezugsperson gibt Orientierung, kindgerechte Rückmeldung und Stabilisierung. Ohne eine solche Person kann sich ein Trauergefühl beim Kind nur schwerlich ausbilden – im Gegenteil: Wird es mit seiner unabänderlichen Situation allein gelassen, kapselt sich seine Trauer ein und es entsteht eine Emotionsinsel. Auf ihr ist das Kind mit sich und seinem Schmerz isoliert. Es passt sich zwar an neue Situationen an, jedoch mit dem Preis, dass es diese Anpassungen vornimmt, ohne die jeweiligen Situationen angemessen einschätzen zu können.

Kinder brauchen daher altersgerechten Schutz und die Sicherheit, dass der nahe Erwachsene mit der Schwere, vielleicht sogar mit dem Grausamen der Situation handelnd und kommunikativ umgehen kann. Es braucht ausreichende Information, Rückzugsmöglichkeiten, Struktur und Angebote, ihren Empfindungen individuellen Ausdruck verleihen zu dürfen.

Wenn Krisen ihren Ursprung in der Kindheit haben – II

Menschliche Bedürfnisse und ihre Verletzung stehen in engem Zusammenhang mit dem Empfinden von Krise. Müssen Bedürfnisse kurzfristig hintangestellt werden, so entsteht vielleicht eine Stresssymptomatik. Werden sie dauerhaft nicht befriedigt, zum Beispiel aufgrund eines erschütternden Ereignisses oder aufgrund ihrer Missachtung in der Kindheit, dann kann dies zu erheblichen Beeinträchtigungen in der psychischen Entwicklung eines Menschen führen.

In verschiedenen psychologischen Theorien wurden die Grundbedürfnisse von Menschen zusammengestellt. Klaus Grawe, führender Wissenschaftler in der Psychotherapieforschung, stellt vier Grundbedürfnisse heraus:

  • Bindungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
  • Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
  • Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

In der Schematherapie, in der die Verletzung kindlicher Bedürfnisse besonders stark im Fokus steht, sind fünf emotionale Bedürfnisse bedeutsam:

  • Sichere Bindung zu anderen Menschen haben (Sicherheit, Stabilität, nährende Zuwendung und akzeptiert werden)
  • Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl entwickeln können
  • Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Emotionen auszudrücken
  • Spontaneität und Spiel
  • Realistische Grenzen gesetzt bekommen und selbst die Kontrolle innehaben

Nach Schulz von Thun können diese Grundbedürfnisse so zusammengefasst werden:
wertvoll sein – geliebt sein – frei sein – verbunden sein.

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