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Vorbeugende Krisenintervention

Wenn vor dreißig Jahren von ‚Krisenintervention‘ gesprochen wurde, so verstand man sie zumeist als präventives Vorgehen. Erich Lindemann, einer der Protagonisten im Kontext der Krisentheorie, war daran gelegen, ein Modell zum Verständnis von psychischen Störungen zu entwickeln, um bereits erste Anzeichen psychischer Erkrankungen erkennen und behandeln zu können. In seiner Arbeit suchte er dazu nach Ereignissen, die belastende Veränderungen in sozialen Beziehungsräumen bewirkten und über diese psychische Störungen bei Menschen verursachten. Als Forschungsraum wählte er Gemeinden, in denen Krisenereignisse stattfanden [heute würde man dabei zum Beispiel an Amok-Taten an Schulen, lange Zeit nicht wahrgenommene Schwerstverbrechen von Bürgern an Mitbürgern oder regional eng stattfindende Naturkatastrophen denken].

Als Krisenintervention wurde nun die Aufgabe von Gemeinden verstanden, langfristig Ressourcen zu entwickeln, um mit Krisenereignissen kollektiv angemessen umgehen zu können. Dabei wurde darauf Wert gelegt, dass die Maßnahmen von Laien erbracht werden konnten, psychologische Dienste oder – heute würde man sie wohl Kriseninterventionsteams nennen – nicht zwingend erforderlich waren. Die Idee der Krisenintervention orientierte sich an den seinerzeit gängigen Lebenskrisenkonzepten [z.B. von Erik Erikson] und an den Kriterien, die damals das auszeichneten, was ‚gesunde Persönlichkeit‘ genannt werden konnte. Im Fokus stand, im Krisenfall auf kurzfristige Hilfen, engmaschige Betreuung von Einzelnen, Gruppen und Familien, die Konzentration auf das aktuelle Geschehen, den Erhalt des Informationsflusses und die Vermittlung von Hoffnung zu setzen. Die Menschen sollten über eine solche Struktur ermutigt werden, sich im Krisenfall gemeinschaftlicher Hilfe zu bedienen.

In unserer heutigen Gesellschaft zeigt sich im Krisenfall eine Mischung aus menschlicher Solidarität, Spendenbereitschaft und Arbeitshilfe – man darf also darauf hoffen, in den ersten Stunden und Tagen nicht allein gelassen zu sein. Eine längere stabile Unterstützung jedoch ist aufgrund der individuellen Lebensweltbezüge von Menschen nicht zu erwarten, ab einem gewissen Zeitpunkt setzt die Gemeinschaft eher auf das Einspringen des Sozialstaats oder professioneller Hilfen, die dazu beitragen, vitale Gefährdungen aufzufangen, Notfallsituationen zu entspannen und
psychiatrisch-stationäre Versorgung zu vermeiden.

Für die kollektive Krisenprävention, sei es in Unternehmen, Schulen, Gemeinden ist über die Zeit ein breites Spektrum an Programmen und Dienstleistungen entstanden. Jedoch, die individuelle Krisenprävention, also die Ausrichtung auf die persönlichen, nicht auszuschließenden schweren Belastungsereignisse in der vorausliegenden Lebensphase, blieb bislang konzeptionell ein unbeschriebenes Blatt. Mit unserem Angebot Life2Me® wird diese Lücke geschlossen und kann von jedermann/-frau genutzt werden.

Krisenintervention – ein kurzer Streifzug

Einer der bedeutendsten Krisenforscher des vergangenen Jahrhunderts war Erich Lindemann. Sein Interesse galt Ereignissen, die einschneiden­de Veränderungen in soziale Beziehungen bewirkten und sich zu psychischen Störungen bis hin zu psychischen Erkrankungen entwickelten. Als Forschungsplattform wählte er dazu die Ereignisse, die in der US-Gemeinde Wellesley auftraten, nachdem eine Vielzahl von Bewohnern des Ortes bei einer Brandkatastrophe getötet wurde. Er stellte diese traumatischen Ereignisse in ein theoretisches Krisenmodell und entwarf Strategien für vorbeugende Interventionen.

Lindemanns Erkenntnisse flossen ein in Konzepte der ‚Krisenintervention [z.B. durch Caplan] als Gemeindeprojekt‘ in dem professionelle, semiprofessionelle und Laienzusammenarbeit integriert wurden. Wesentliche Bestandteile dieser Konzept waren entwicklungspsychologische Erkenntnisse über Lebenskrisen [hier sei Eric Ericson mit seiner Grundlagenforschung hervorgehoben] als auch die Entwürfe über die Facetten einer ‚gesunden Persön­lichkeit‘, so wie sie sich heute zum Beispiel in der Resilienzdebatte oder in Konzepten wie zum Beispiel der Salutogenese finden. Als wichtige Bestandteile dieser ‚gemeindepsychologischen‘ Krisenintervention gehören familien- und gruppenbezogene Maßnahmen, Engmaschigkeit und Konkretheit der Unterstützungen, Förderung der Selbstverantwortung, aber auch Mut zum aktiven Hilfeersuchen und der Erhalt von Hoffnung.

Wie hat sich seither die Kriseninterventionsarbeit entwickelt? Wir können heute auf eine Infrastruktur zurückgreifen, die eine Fülle wesentlicher Voraussetzungen zur Hilfe bei Notfällen sicherstellen: Schnelligkeit, qualifizierte Weitervermittlung, am­bulante und stationäre Kriseneinrichtungen, telefonische Beratung für die Bandbreite von akuter Gefährdungslage bis zu emotiona­ler Aufregung, von Menschen mit ausreichenden Selbststeuerungsfähigkeiten bis hin zu suizidalen Personen, situativ von Krisen in Beruf oder Partnerschaft bis hin zu kollektiven Krisen wie die der Oderflut.

Wenn in Deutschland ein Mensch oder eine auch große Gruppe von Menschen in eine Krisensituation gerät, so kann schnell und wirksam auf eine profund arbeitende Infrastruktur zurückgegriffen werden. Einzig die individuelle Krisenprävention liegt noch deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück – ein Grund hierfür mag darin liegen, dass Menschen ungeübt sind in der Reflexion ihrer eigenen Persönlichkeitsmerkmale. Oder kurz: Wir kennen die Welt, aber wir kennen nicht uns selbst. Wie stark wären wir wohl gemeinsam, wenn beides zusammen käme: individuelle Verantwortung zur Selbstaufklärung + kollektive Daseinsfürsorge bei extrem kritischen Lebensereignissen.

B E L L A

Das BELLA-Konzept der Krisenintervention nach Gernot Sonneck

Beziehung aufbauen
– den Betroffenen so nehmen wie er ist
– ihm anzeigen, dass ich mit ihm sprechen möchte
– nicht argumentierend diskutieren
– mir der eigenen Gefühle und ihre Ursachen im Klaren werden
– die eigenen Wertmaßstäbe hintanstellen
– objektivierende Distanz vermeiden

Erfassen der Situation/Informationen
– Fragen stellen über Ereignisse, Folgen, betroffene Personen
– Fragen stellen über Physisches (Schlaf, Ernährung, Schmerzen …)
– Fragen stellen über Psychisches (Gefühle, Selbstwert, Denkfähigkeit, Aktivität …) 
– Fragen stellen über frühere ähnliche Ereignisse und Befindlichkeiten
– Fähigkeiten und Möglichkeiten des Klienten erkunden (Hinweise auf Aktivität, Autonomie,
Selbstwert, soziale Integration)
– Gefahren für Leben, Gesundheit, Existenz des Klienten erkunden

Linderung der Symptome
– Symptome als Warnsignale des Körpers realisieren helfen
– den Betroffenen ermutigen, Gefühle zuzulassen 
– Probleme klar definieren
– Ängste bei der Realisierung von Lösungswegen bearbeiten
– Stresszustände mit passenden Methoden abbauen

Leute einbeziehen
– Aktivierung sozialer Ressourcen fördern

Ansatz zur Problembewältigung
– Hilfestellung bei wichtigen Entscheidungen bieten
– an bisherige Lösungsstrategien des Betroffenen anknüpfen
– Problemdefinition sehr genau vornehmen und auf das Wesentliche fokussieren
– Erste Veränderungen entscheiden lassen und mit konkretem Handlungsplan versehen

 

 

Anforderungen an Kriseninterventionsberater

Ein Berater, der Krisenintervention betreibt, muss diese Rahmenbedingungen sicherstellen:

  • Schnelle Verfügbarkeit
  • Einen freien Rücken, um einen längeren Kriseninterventionsprozess leiten zu können
  • Angemessene Entbindung von anderen Verantwortlichkeiten
  • Ausreichend Zeit für Gespräche mit direkt und indirekt Betroffenen
  • Professionelles Handlungsrepertoire
  • Sicheres Dokumentenmanagement
  • Humor, Selbstberuhigungsfähigkeit, eigene Belastungsfreiheit

Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

Nach dem Aufbau der Patientenbeziehung und den ersten stärkenden und stabilisierenden Gesprächsanteilen bitte ich Herrn Z., dass er seine Belastungssituation möglich genau definiert. Über diesen Weg soll er die nicht oder zumindest die nicht unmittelbar betroffenen Lebensbereiche erkennen und später dort ggfls. Ressourcen ausfindig machen, die ihm zur Bewältigung seiner Krise helfen können.

Um Herrn Z. in seiner Reflexion zu unterstützen, biete ich ihm mit dem ‚5 Säulen Modell von Hilarion Petzold‚ ein kleines Navigationssystem an:

Krisenpraxis - Petzold Säulen

 

Herr Z. sieht sich durch die eingetretene Situation erheblich in seiner Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, erkennt aber, dass dies Folgeerscheinung und weniger Auslöser der Krise ist. „Ich habe aber schon große Sorgen, wie lange ich das alles noch durchhalte und wann es in meiner Arbeit voll durchschlägt.“
Seine materielle Situation wurde durch die Ereignisse wenig beeinträchtigt, Herr Z. sieht aber mögliche Auswirkungen, würde sich die Lage nicht verbessern und er seine berufliche Leistungskraft auf Dauer eingeschränkt sehen.

Die Säule ’soziales Netz, Beziehungen, Freunde usw.‘ ist durch die Krise „kollabiert“. „Meine Frau und ich hatten nicht übermäßig, aber doch recht regelmäßig Gäste und Freunde bei uns. Ich hadere auch nicht mit meinem Umfeld, denn ich habe schon viel Unterstützung bekommen, für die ich auch sehr dankbar bin. Aber es fühlt sich für mich so an, als hätte ich ein volles Glas Wasser vor mir auf dem Tisch stehen, aber ich bin unfähig, es zu greifen. Meist war es ja auch meine Frau, die die Verbindung zu unseren Bekannten und Freunden hielt und Treffen vereinbarte.“

Die Gesundheitssäule ist „auch stark angeschlagen“, sie war schon vor den Ereignissen nicht so stark wie ich es mir gewünscht hätte, der übliche Raubbau eben. An sich mache ich jetzt gerade durch das Fahrradfahren weit mehr als vorher für meine Fitness, außerdem hab ich gut zehn Kilo verloren, weil ich nur sehr wenig esse. Ich habe schon den Eindruck, dass ich die Situation irgendwie besser verarbeitet hätte, wäre ich gesundheitlich stabiler gewesen. Richtig krank war ich ja auch nicht, nur schon lange irgendwie ‚verbraucht‘.“

Die Sinnsäule sehe ich dagegen nicht besonders berührt. Ich hab meine Aufgabe in der Firma, das ist mein Lebenswerk, mit dem ich ganz zufrieden bin. Ich bin kein Kirchenrenner, aber ich lese in freien Zeiten schon viel, querbeet, auch über verschiedene Kulturen und die Lage in der Welt. Und ich versuche schon, so diszipliniert wie es geht, meinen Führungsverpflichtungen nachzukommen und mich nicht hängen zu lassen. Ich hoffe, dass das auch so wahrgenommen wird, das Leben muss ja weitergehen und in unserem Unternehmen arbeiten schließlich fast 200 Leute und da hängt viel Verantwortung dran.“

Herr Z. markiert die aktuelle Stärke der fünf Säulen so:

Krisenpraxis - Petzold Säulen 2

und auf meine Bitte, einmal zu versuchen einen Satz zu formulieren, der die Lage am besten beschreibt, die sein Leben so erschüttert, formuliert er schließlich:

„Meine Frau ist tot und ich bin entsetzlich leer.“

Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

Nach diesen ersten Informationen des Patienten besteht mein erstes Vorgehen darin, ihn mit einigen Anmerkungen zu ‚erwärmen‘ und für den Beginn unserer Zusammenarbeit zu stabilisieren.
– Ansprache mit seinem Namen
– Dank dafür, sich bezüglich seiner Situation so offen geäußert zu haben
– Frage, ob ich etwas im Therapieraum tun kann, um ihm die Anwesenheit angenehmer zu gestalten
– Versicherung, dass das Besprochene vertraulich bleibt
– Lob dafür, dass er sich in ärztliche Begleitung begeben hat
– Dopplung: eine kurze Wiederholung der zentralen Sätze des Patienten, um ihm damit zum Ausdruck zu bringen, dass ich mich auf ihn konzentriere und seine Aussagen von mir wahrgenommen wurden, ohne dass diese gedeutet oder bewertet werden ….

Im nächsten Schritt beginne ich mit einer ersten Entlastung, indem ich Herrn Z. sage, dass er auf die ‚unnormale Situation‘ durchaus normal reagiert habe und immer noch reagiere. Die eingetretene Situation ist so stark belastend gewesen, dass seine individuelle Belastungsgrenze überschritten sei und die Möglichkeit, sie mit eigenen Ressourcen zu bewältigen [zu dekompensieren], aktuell noch nicht wiederhergestellt ist. Ich zeige ihm dazu diese Übersicht, in der unterschiedliche Krisenverläufe dargestellt sind:

Krisenpraxis - DekompLinie

 

Herr Z. stimmt mit mir darin überein, dass es sich bei ihm akut um eine ihn ‚überraschende‘ Situation handelt und er ergänzt: „Aber es gab natürlich auch andere Ereignisse, die zusätzlich immer wieder Stress erzeugt haben, wie zum Beispiel verlorene Aufträge oder die Diskussionen über den Kinderwunsch meiner Frau.“ Ich bestätige, dass er womöglich auch ohne das akute Ereignis bereits genügend Belastungen gehabt hat, die es gerechtfertigt hätten, sich dieser Themen intensiver anzunehmen, dass aber die jüngsten Erlebnisse allein genommen durchaus auch zu den geschilderten Symptomen hätten führen können.

Ich bitte ihn auf einer Skala von 0 – 20 [0= keine Belastung, 20= maximale Belastung] den Wert anzugeben, den er aktuell als stimmig verspürt. Er antwortet: 15. Auf meine Frage, was geschehen müsse, damit dieser Wert auf 16 steigt, ist Herr Z. zuerst verwundert, aber dann meint er spontan, „wenn in der Firma die Dinge drunter und drüber gehen würden“. Ich frage, warum das nicht geschieht und er sagt, dass er genügend gut qualifizierte Leute habe, die ihre Aufgaben sorgsam und qualitativ erledigen würden.

Ich frage weiter: „Also, wenn der Wert 16 nicht erreicht wird, was müsste geschehen, dass Sie auf den Wert 17 kommen?“ Herr Z.: „Wenn meine Zusammenarbeit mit Ihnen nichts bringt und ich aus meinem Tal nicht herauskomme.“ Ich frage: „Was müsste denn passieren, so dass Ihre Therapie scheitert?“ Er antwortet: „Wenn Sie mir sagen, dass ich an allem wirklich schuld bin. Dann wäre ich wohl komplett am Ende.“

„Nun“, meine ich, „komplett am Ende sind Sie vielleicht erst bei 20? Was ist denn dann die Lage?“
Herr Z. denkt eine Weile nach und ich merke, dass er förmlich alle Lebensbereiche mental scannt.
„Ich bin bei 20, wenn ich sehe, dass mein ganzes Leben keinen Sinn mehr macht, wenn ich um mich herumschaue und nichts und niemand ist mehr da.“

„Verstehe. Sie sind also derzeit in einer extremen Lebenssituation und ihre Bewältigungsstrategie ist noch nicht ganz passend für diese persönliche Lage. Sie haben zwei gravierende Ereignisse erlebt von denen sich beide als außergewöhnlich bedrohlich für Ihr Leben dargestellt haben. Mit dem Tod Ihrer Frau haben Sie zudem einen schmerzlichen Verlust eines Ihnen nahe stehenden Menschen hinnehmen müssen. Sie sprechen von Albträumen und deuten ein nun länger andauerndes emotionales Betäubtsein und eine gewisse Teilnahmslosigkeit und Freudlosigkeit an. Sozialkontakten gehen sie aus dem Weg, Gespräche mit Freunden oder Bekannten könnten ja auch dazu führen, dass sie immer wieder an die Ereignisse erinnert werden. Dieser akute Zustand geht einher mit Schlafstörungen und Panikmomenten. Und Ihre bisherigen Handlungsweisen bestehen darin, Rad zu fahren, sich ärztlich begleiten zu lassen, in Ihre Firma zu gehen und zu versuchen, mit erhöhtem Alkoholgenuss die Auswirkungen der extremen Lebenssituation zu mindern. Ich denke, es ist unter diesen Gesichtspunkten angemessen, von einer schweren Belastungsstörung auszugehen, deren Verlauf gut zu beeinflussen ist, da Sie den eigenen Willen zeigen, an dieser Situation zu arbeiten. Ich erlebe bei Ihnen niemanden, der sich quasi bei mir ‚abgibt‘, sondern der ein starkes Interesse daran hat, mitwirkend an der Verbesserung der Lage zu arbeiten. Stimmen Sie soweit zu?

Herr Z. nickt.

Gut, dann sollten wir als nächstes daran gehen, zu klären, was genau zur Situation gehört und was nicht. Ich habe den Eindruck, dass es Lebensbereiche gibt, die zumindest nicht unmittelbar von der Krise in ihrer jetzigen Lebensphase betroffen sind. Wenn die Krise definiert ist, dann haben Sie eine gute Basis dafür zu erkennen, welche Maßnahmen für Sie entlastend und hilfreich sind. Und mir verschafft diese Klärung eine Orientierung für die Zusammenstellung einzelner Arbeitsschritte.
[wird fortgesetzt]

 

Phasen in der Krisenintervention

Nach Heim [Heim E.: Der Bewältigungsprozeß in Krise und Krisenintervention, in: Schnyder U., Sauvant J.D.: Krisenintervention in der Psychiatrie, Bern: Huber, 1993] sind diese Phasen im Rahmen einer Krisenintervention zu beachten:

I. Aufbauen einer therapeutischen Beziehung
– Krise anerkennen
– der Person die Gestaltung des Beratungsprozesses erklären

II. Problemanalyse
– Situation: Eine objektive Beschreibung des Krisenhintergrunds und des -auslösers
– Subjektive Interpretation des Betroffenen
– Bewältigungsoptionen herausarbeiten [bezüglich günstiger Verhaltensweisen und Ressourcen]

III. Problemdefinition
– Problem klar und verständlich formulieren
– Ungeeignete vs. geeignete Bewältigungsstrategien aufzeigen
– Absehbar erreichbare Ziele formulieren
– Ermutigung zu neuem Bewältigungsversuch

IV. Ziel-Definition

V. Problem bearbeiten – Bewältigungsweise modifizieren
– Problem-Definition dazu – wenn nötig – wiederholen
– Bisherige Bewältigungsstrategie – wenn nötig – wiederholen
– Aktives Umsetzen der neuen Bewältigungsstrategie in die Realität unterstützen
– Soziales Umfeld einbeziehen
– Vorausschauendes Planen in Bezug auf spätere mögliche Krisen

VI. Re-Evaluation bei neuer Krise
– Durchstandene Krise besprechen
– Neue Problem- und Ziel-Definition
– Vorausschauendes Planen

 

Schritt für Schritt in der Krisenintervention

Von Gerald F. Jacobson stammt das Konzept der sechs Schritte der Krisenintervention.
Es gilt in seinem Kern auch heute noch und rät zu diesem Vorgehen:
[Jacobson, G. F. [1980]: Crisis Intervention in the 1980´s. San Francisco: Jossey-Bass]

  • Den Krisenanlass verstehen. Der Krisenbegleiter [-therapeut, -coach …] führt zuerst ein erkundendes Gespräch mit dem Betroffenen und gegebenenfalls wichtigen Bezugspersonen, um die Konzentration auf die aktuelle Situation und ihre Hintergründe zu lenken.
  • Eine gemeinsame „Krisendefinition“ erarbeiten. Was gehört zur Situation und was nicht? Um die nicht von der Massivbelastung betroffenen Lebensbereiche deutlich abzugrenzen, arbeitet der Krisenbegleiter mit dem Betroffenen und gegebenenfalls anderen Bezugspersonen an einer verständlichen Problemdefinition. Sie schafft Orientierung und für die weitere Arbeit die nötige sichere Struktur.
  • Gefühle ausdrücken. Laien versuchen oft, die von einer Krise betroffenen Menschen von ihren Gefühlen fernzuhalten, manchmal aus dem Bestreben, die Person zu schützen, meist jedoch verbunden mit der eigenen Sorge, mit den Äußerungen der Person letztlich selbst nicht fertig werden zu können. Qualifizierte Krisenbegleiter aktivieren die Aussprache über Wut, Trauer, Kränkung, Scham, Angst oder Schuld und ermöglichen so ihre konstruktive Verarbeitung.
  • Bewältigungsstrategien aktivieren. Nach und nach wird der Krisenbegleiter nun dazu anregen und ermuntern, dem Leben eine neue Ordnung  zu geben, Dringliches zur Handlung zu führen, früher erfreuende Verhaltensweisen wieder zu beleben, auf die Gesundheit des Körpers zu achten, Gespräche mit Menschen zu führen, die wirklich nahe stehen.
  • Nach neuen Lösungen suchen. Werden die bestehenden Ressourcen oder die Lebenssysteme des Menschen als wenig hilfreich oder zusätzlich destabilisierend erkannt, dann wird der Krisenbegleiter auf Entscheidungen hinarbeiten, die den Zustand nachhaltig verbessern helfen. Dazu können durchaus weitreichende Veränderungsszenarien im privaten, räumlichen, oder beruflichen  eingebracht und reflektiert werden.
  • Abschließender Rückblick und Bilanz.  Im Rückblick der Zusammenarbeit wird der Krisenbegleiter mit seinem Klienten einige Wochen später auf den erreichten Zustand nach der Krisenbewältigung schauen, einerseits um sinnvolle weitere Justierungen anzusprechen als auch um aus präventiver Perspektive auf künftig mögliche Belastungen ein Licht zu werfen und die Person darin zu bestärken, sich für diese Situationen in angemessener Weise zu rüsten.