Schlagwort-Archiv: Krisenprävention

Vorbeugende Krisenintervention

Wenn vor dreißig Jahren von ‚Krisenintervention‘ gesprochen wurde, so verstand man sie zumeist als präventives Vorgehen. Erich Lindemann, einer der Protagonisten im Kontext der Krisentheorie, war daran gelegen, ein Modell zum Verständnis von psychischen Störungen zu entwickeln, um bereits erste Anzeichen psychischer Erkrankungen erkennen und behandeln zu können. In seiner Arbeit suchte er dazu nach Ereignissen, die belastende Veränderungen in sozialen Beziehungsräumen bewirkten und über diese psychische Störungen bei Menschen verursachten. Als Forschungsraum wählte er Gemeinden, in denen Krisenereignisse stattfanden [heute würde man dabei zum Beispiel an Amok-Taten an Schulen, lange Zeit nicht wahrgenommene Schwerstverbrechen von Bürgern an Mitbürgern oder regional eng stattfindende Naturkatastrophen denken].

Als Krisenintervention wurde nun die Aufgabe von Gemeinden verstanden, langfristig Ressourcen zu entwickeln, um mit Krisenereignissen kollektiv angemessen umgehen zu können. Dabei wurde darauf Wert gelegt, dass die Maßnahmen von Laien erbracht werden konnten, psychologische Dienste oder – heute würde man sie wohl Kriseninterventionsteams nennen – nicht zwingend erforderlich waren. Die Idee der Krisenintervention orientierte sich an den seinerzeit gängigen Lebenskrisenkonzepten [z.B. von Erik Erikson] und an den Kriterien, die damals das auszeichneten, was ‚gesunde Persönlichkeit‘ genannt werden konnte. Im Fokus stand, im Krisenfall auf kurzfristige Hilfen, engmaschige Betreuung von Einzelnen, Gruppen und Familien, die Konzentration auf das aktuelle Geschehen, den Erhalt des Informationsflusses und die Vermittlung von Hoffnung zu setzen. Die Menschen sollten über eine solche Struktur ermutigt werden, sich im Krisenfall gemeinschaftlicher Hilfe zu bedienen.

In unserer heutigen Gesellschaft zeigt sich im Krisenfall eine Mischung aus menschlicher Solidarität, Spendenbereitschaft und Arbeitshilfe – man darf also darauf hoffen, in den ersten Stunden und Tagen nicht allein gelassen zu sein. Eine längere stabile Unterstützung jedoch ist aufgrund der individuellen Lebensweltbezüge von Menschen nicht zu erwarten, ab einem gewissen Zeitpunkt setzt die Gemeinschaft eher auf das Einspringen des Sozialstaats oder professioneller Hilfen, die dazu beitragen, vitale Gefährdungen aufzufangen, Notfallsituationen zu entspannen und
psychiatrisch-stationäre Versorgung zu vermeiden.

Für die kollektive Krisenprävention, sei es in Unternehmen, Schulen, Gemeinden ist über die Zeit ein breites Spektrum an Programmen und Dienstleistungen entstanden. Jedoch, die individuelle Krisenprävention, also die Ausrichtung auf die persönlichen, nicht auszuschließenden schweren Belastungsereignisse in der vorausliegenden Lebensphase, blieb bislang konzeptionell ein unbeschriebenes Blatt. Mit unserem Angebot Life2Me® wird diese Lücke geschlossen und kann von jedermann/-frau genutzt werden.

Gedankensplitter ‚Bedürfnisse und Krisenprävention‘

Entlang der tiefenpsychologischen Tradition wissen wir um die vier Grundbedürfnisse des Kindes nach Bindung, Orientierung und Kontrolle, nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung.

Anders als bei vielen anderen Säugetieren, ist der Mensch lange Zeit vollkommen schutzlos und alleine nicht lebensfähig. Babys und Kleinkinder sind deutlich länger von ihrer Mutter, ihren anderen Bezugspersonen und ihrer sozialen Umwelt abhängig, das Bindungsbedürfnis wird daher zu einer Psycho-Logik. Da aber auch der Erwachsene aufgrund begrenzter physischer Verteidigungsmechanismen alleine kaum für seine Sicherheit sorgen und er diese nur arbeitsteilig mit anderen erreichen kann, bleibt das damit einhergehende Bindungsbedürfnis auch bei ihm erhalten, Um Bindung [er]leben zu können, sind Vertrauen und Kontinuität relevant. Die ‚Währungen‘, in denen diese beiden Werte ‚gehandelt‘ werden, können sich je nach Lebensalter verändern: zum Beispiel von einem Vertrauen, das sich in Geborgenheit zeigt bis zum Vertrauen, das durch lebendigen Wissenstransfer zum Ausdruck kommt oder dem Vertrauen, wichtige Lebensentscheidungen in die Hände eines anderen Menschen zu legen.

Ab dem Alter von zwei Jahren weiß das Kind, dass es ein ‚Ich‘ hat und versprachlicht dies entsprechend. Mit seinem ‚Ich‘ markiert der Mensch ab dieser Entwicklungsphase den Übergang zwischen seinem ‚Selbstsystem‘ und seiner ‚Welt‘. Sein Selbstsystem entfaltet sich immer stärker durch die Verarbeitung der Empfindungen, die auf ihn einwirken. Selbstbewusstsein, Selbststeuerung, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstbestimmtheit, Selbstkontrolle, Selbstsicherheit, Selbstmotivation – all diese Selbst-Prozesse führen zum Selbst-Wachstum über das sich der Mensch über den Weg der Selbst-Reflexion sich selbst klar wird und dies mit der Instanz des Ich ’seiner‘ Welt mitteilt. Wird das Kind oder der Erwachsene aus seiner ‚Welt‘ im welcher derart empfundenen Weise auch immer angegriffen, entwickelt das Selbstsystem einen Schutz: Selbstschutz durch Abwehrmechanismen.

Das Empfinden von Fremdbestimmung, Manipulation, Diskreditierung kann einen solchen Selbstschutz bewirken, aber auch körperliche Gewalt bis hin zu Auslösern von Krisen, die den Menschen zum Selbstzweifel führen. Das ‚Ich‘ ist verunsichert, weil es sich nicht mehr auf den Schutz des Selbst verlassen kann. Der durch den Krisenauslöser verursachte Wegfall an Orientierung trifft im Selbst auf den Verlust von Kontrolle – das Ich weiß nun nicht mehr ‚ein‘ noch ‚aus‘.

Ab Kleinkindalter hat der Mensch das Bestreben, an Autonomie zu gewinnen. Da anfangs aber von seiner Umwelt komplett abhängig, entwickelt sich nun das Bedürfnis, den eigenen Selbstwert zu erhöhen und ‚Erniedrigungen‘ abzuwehren. Kommunikation wird zum wichtigen Bindeglied zwischen Selbstbildformung und Fremdwahrnehmung. Eigene Handlungen, Beobachtungen, Lernprozesse und soziale Interaktionen ermöglichen, das Selbstbild immer weiter zu entwickeln – ein nie endender Prozess, dessen Güte sich gerade dann beweist, wenn potenziell krisenauslösende Ereignisse es erfordern, an Grenzen zu gehen und die Situationen zu meistern.

Rückschläge und Niederlagen greifen das Selbstbild und mit ihm den Grad der Autonomie an. Steht dieser ‚Gefahr‘ ein entwickelter Grad an Selbstverantwortung gegenüber, der sich nicht bloß in ermutigender Selbstüberschätzung erschöpft, sondern die auch untermauert ist durch eine bewusst vollzogene Krisenprävention, dann sinkt die Abhängigkeit von externen Interventionen im Krisenfall.

Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung ist so alt wie die ersten Phasen in der Entwicklung der Psychologie. Dem Freud’schen Lustprinzip folgend wird ein Mensch seine Energie auch darauf verwenden, bei psychischem Schmerz die damit verbundenen Unlustgefühle zu beenden. Das ist interessant, zeigt es doch an, dass Menschen durchaus in der Lage sind, nicht nur Ziele, sondern auch ‚Antiziele‘ verfolgen zu können. Wird die Abwehr eines unangemessenen Umgangs mit einem Krisenzustand angestrebt und wird dies als positiv angesehenes Ziel verstanden, dann – nach Freud – braucht es zum Erreichen Lust, zum Beispiel in Form innerer Zufriedenheit, Stolz oder Genugtuung,

Aus unserer Perspektive trägt dieses Lustempfinden jedoch meist nicht lange genug. Die bessere Wirkung entsteht, wenn der Mensch ein ‚Wofür‘ hat, das sein Engagement in individueller Krisenprävention robust unterstützt. Leiste ich mit Krisenprävention einen Beitrag zur Gewinnung größerer Lebensfreude, die mich von stresshaften Gedanken zugunsten eines lebendigen Familien- und Berufslebens befreien kann, dann bin ich eher bereit, diese Aufgabe zu erfüllen als ’nur‘ mit in Aussicht gestelltem ‚Stolz‘ darauf, die mit der Krisenprävention verbundenen Aufgaben zu erfüllen.

Wirtschaft 4.0 – Krisenprävention 4.0

Intelligente Produkte – smart factory – Maschinenkommunikation – Machtergreifung der Technik – Triumphe des Digitalen über die menschliche Arbeit – Internet der Dinge …. – die Diskussion über die Industrie und Wirtschaft 4.0 ist heiß. Man spricht von der vierten industriellen Revolution. Re-Volution? Zurück-Wälzen? Von einem Zurück scheint auf den ersten Blick wirklich nicht die Rede zu sein. Wie schon bei den ersten drei sogenannten Revolutionen ‚Wasser- und Dampfkraft‘, ‚Elektrifizierung‘ und ‚Automatisierung und IT‘ – die wir alle überlebt haben, die aber auch über unser Leben mit ihren Bedingungen mitbestimmen und die motivieren können, über Leben noch einmal nachzudenken.

Marie von Ebner-Eschenbach meinte einst, dass nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, unser Schicksal ausmacht. Die Frage lautet daher, was empfinden Menschen, wenn sie von Facetten des ‚4.0‘ in ihrem beruflichen Umfeld berührt werden? Allgemein können wir sagen: Werden die Empfindungen von einem negativen Affekt begleitet, meinen Menschen also, dass 4.0 etwas für sie aus ihrer ‚Ordnung‘ bringt, etwas aus dem Lot läuft, dann entstehen Affekte und Emotionen der Angst, Sorge, Trauer, Wut… – solche Reaktionen sind aus Unternehmersicht wenig hilfreich. Sie kosten Ressourcen. Aus Sicht eines Krisenpräventologen sind diese Reaktionen zwar menschlich ’normal‘, aber sie kosten Lebensfreude. Es stellt sich daher die Frage, wie der Umgang mit 4.0 gestaltet werden könnte, um die potenziell negativen Auswirkungen zu mindern. Und dafür, dass sie negativ empfunden werden können, sorgen u.a. ‚Nicht-Zahlen‘. Dies sind Zahlen, die in die Luft geworfen werden, um sich dort wie von Geisterhand in eine Art Gegenteil zu verwandeln, wenn sie wieder zurückkommen.

Beispiel: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stellt fest, dass 1,5 Millionen Arbeitsplätze durch die Wirtschaft 4.0 bis 2025 wegfallen werden. Die Zahl ist in der Luft. Nun aber: Es entstehen im gleichen Zeitraum auch 1.5 Millionen neue. Die Suggestion in den Köpfen vieler: Dann wird es ja nicht so schlimm. Oder: Im produzierenden Gewerbe wird es ein großes Minus geben! Dann: Aber da gibt es ohnehin einen Fachkräftemangel, also gleich sich das wieder aus. Oder: In den USA schätzt man, dass 47% aller Jobs durch die Digitalisierung wegfallen werden. In Deutschland schätzt man, dass 390.000 neue durch sie entstehen. Ergo: Wir schaffen das, besser.

Weiterlesen

‚Originäre Kontrolle‘ als Fundament der Überwindung von Krisen

Der Mensch ist mit Geburt Person, er hat ab Geburt Charakter und setzt er sich mit dem Charakter, den er hat, auseinander, wird er Persönlichkeit. Die Entwicklung von Persönlichkeit verläuft lebenslang. 

Dieses Element des Menschenbildes der sinnzentrierten Psychotherapie wirft die Frage auf, wie stabil eigentlich entwickelte Persönlichkeitsmerkmale sind? Der Persönlichkeitspsychologe Jens Asendorpf hat dies umfassend erforscht und kommt – unter vielen anderen interessanten Ergebnissen – zum Schluss, dass die Stärke des Selbstkonzepts und des Selbstwertgefühls den wesentlichen Beitrag dafür leistet, dass ein Mensch die Kritik anderer zum Anlass nimmt, Veränderungen im Verhalten einzuleiten oder ‚zu bleiben, der er ist‘. Hieraus können wir unmittelbar schließen, dass ein Mensch, der sich seiner Werte selbst bewusst ist, diese einsetzt, um seine Einstellungen und über diese auch sein Verhalten entsprechend zu fundieren. Wir nennen dies ‚originäre Kontrolle‘ Oder andersherum: Wer seine Werte sich nicht bewusst gemacht hat, wird leichter zum Spielball der Verhaltenserwartungen anderer und verliert die Kontrolle seines ‚Originals‘.

Seine eigene Persönlichkeit zu stabilisieren, kann als der Versuch angesehen werden, sein Leben so auszurichten, dass das Konzept, das man von sich selbst hat, in dem Umfeld, in dem man lebt, ohne große Erschütterungen beibehalten werden kann. Die Wahl der häuslichen Umgebung, des Freundeskreises oder der Interessefelder sind dabei wichtige Bausteine, mit denen ein Mensch die Kontrolle über sein Selbstkonzept zu erhalten versucht. Solange dieses Vorgehen der Mensch selbstgesteuert zeigt, können wir in Anlehnung an Heckhausen und Schulz von ‚primärer Kontrolle‘ sprechen. Treten Gründe ein, die die primäre Kontrolle nicht gewährleisten [z.B. Krisen], dann kann mit ‚Optimismus‘ – der sekundären Kontrolle – ein Ausgleich angestrebt werden. Dies jedoch wird kaum nachhaltig gelingen, wenn die ‚originäre Kontrolle‘, also die Klarheit der eigenen Werte nicht gegeben ist. Fällt die Möglichkeit der primären Kontrolle im hohen Alter womöglich weitgehend oder vollständig weg, dann übernimmt die ’sekundäre Kontrolle‘ – idealerweise mit der originären Kontrolle – die Stabilisierung.

Wir können zusammenfassen: Bewusst vollzogene Klärung der eigenen Werte stellt den Rahmen für die Entwicklung eines stabilen Selbstkonzepts dar. Diese Klärung kann jederzeit vorgenommen werden, und sie kann auch nur von jedem Menschen selbst geleistet werden. Mit dieser Klärung geht ein Mensch einen aktiven präventiven Schritt, um in Krisen die Selbstkontrolle nicht zu verlieren.

Ralph Schlieper-Damrich

2. November 2016

Wer erfährt, dass die Welt anders ist, als er dachte, der erfährt, dass er sich irrte.
Irrtümer sind die Beulen, die man sich holt an den Ecken des eigenen Weltbildes.
Um die Beule auszubeulen, braucht es Innovation.
Wer zu Innovation in der Lage ist, hält Beulen aus.

Wer eine Krise erfährt, wird mit eigenem Irrtum konfrontiert – im Kern mit dem Irrtum zu glauben, etwas derartiges wie das, was geschah, hätte doch an sich nicht geschehen können..
Irrtümer, die zu Krisen führen, sind die dicksten Beulen, weil man sie sich holt an den Ecken des eigenen Selbstbildes.
Um eine solche Beule auszubeulen, braucht es die Bereitschaft, über sich zu staunen.
Wer zu staunen in der Lage ist, beult Beulen aus.

Wer durch Krisenprävention staunt, dass für ihn die Welt danach anders ist, als er dachte, dass sie sein könnte, der erfährt, dass er sich bewusst mit seinen Irrtümern konfrontierte.
Präventive Irrtümer sind die vermiedenen Beulen, die man sich erspart an den entdeckten Ecken des eigenen Selbstbildes.
Um eine Beule zu vermeiden, braucht es die Bereitschaft, sich selbst zu entdecken.
Wer zur Selbstentdeckung in der Lage ist, vermeidet Beulen.

Unser Konzept Life2Me® [das Ihnen ab Winter 2016/2017 zur Verfügung stehen wird] ermöglicht Ihnen Selbstentdeckung.

Krisenbewältigung = Selbstwachstum + Willensbahnung

Wer in einer Krise steckt. der will sie zumeist möglichst schnell wieder loswerden. Das ist verständlich, denn die negativen Empfindungen sind derart stark, dass die mit ihnen verbundenen ‚psychischen Schmerzen‘ oft in gleicher Stärke erlebt werden, als wäre eine körperliche Verletzung oder Krankheit eingetreten. Viktor Frankl nannte dieses Phänomen schon in der Mitte des letzten Jahrhunderts ‚psycho-physischer Parallelismus‘ – heute ist diese Erkenntnis gängiges Wissen in der Psychosomatiklehre.

Und weil man Schmerzen nicht lange ertragen mag, versuchen viele Menschen, ihnen mit einem ‚viel hilft viel‘ aktionistisch zu begegnen. Auch dies ist in der Psychologie bekannt – wir sprechen hier von sogenannten Erstreaktionen, die aus den beiden psychischen Systemen ‚Empfinden‘ und ‚Gewohnheitshandeln‘ hervorgehen. Die Gefahr, der Fehler, der eingetretene Mangel oder Verlust wird zuerst als ernster Zustand bewusst ‚empfunden‘ und wird dann mit unbewusst vollzogenen Gewohnheitshandlungen – in der Regel in Form von Abwehrmechanismen – versucht, in den Griff zu bekommen. Im psychischen Rucksack eines Menschen finden sich – je nach individueller Entwicklung – eine Reihe solcher Abwehrhandlungen. Klassiker sind zum Beispiel die Leugnung der Lage [… ist doch gar nicht so schlimm] oder die Verdrängung [… was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß]. Je nach Temperament einer Person [sanguinisch-cholerisch-melancholisch oder phlegmatisch] werden diese Abwehrstrategien mit individueller Energie vollzogen. Und je nach Situation gesellt sich dann auch noch eine erste negative emotionale Erstreaktion [Angst, Trauer, Wut oder Scham] hinzu.

‚Psycho-logisch‘ können wir nun sagen, dass – würde eine solche Erstreaktion positive Wirkung zeigen – der Mensch gar keine Krise haben kann, sondern lediglich ein gegebenenfalls komplexes Problem. Wirkliche Krisen zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass ein derart schnelles ‚Lösungsmittel‘ nicht verfügbar ist. Und weil es nicht zur Verfügung steht, gerät der Mensch in den Zustand des Selbstzweifels [was soll ich nur machen …]. Jetzt nimmt er wahr, dass die eigene Welt wirklich ‚aus den Fugen‘ geraten ist.

Und wie das Wort ‚Zwei-fel‘ anzeigt, hat die Person nun auch zwei Möglichkeiten, sich den Bedingungen zu stellen: entweder mit Resignation, Selbstaufgabe, Rückfall in alte Verhaltensmuster, Krankheit, Suizid. Oder mit einem Perspektivenwechsel, der ihn befähigt, den trotz der Situation zwar verloren geglaubten aber per se nicht verloren gegangenen Sinn wiederzufinden und sich neu auf ihn auszurichten [selbstgesteuerte Motivation]. Wird dieser Weg gegangen, kommen zwei andere psychische Systeme ins Spiel: das fühlende Selbst und das denkende Ich.
psi

Das Fühlsystem beinhaltet alle Lebenserfahrungen des Menschen und insbesondere sein Wertesystem. Das Denksystem hingegen plant, formt Absichten und entwickelt Ideen und ermöglicht die Willensbahnung, also den Übergang ins Handeln.Von diesen beiden Systemen stellt das Fühlsystem den eigentlichen Schatz zur Bewältigung einer Krise bereit.

Da Sinn dadurch gefunden wird, indem ein Mensch seine Werte verwirklicht, ist die Kenntnis des eigenen Wertesystems verbunden mit den von ihm ausgehenden positiven Gefühlen der Schlüssel zur Überwindung der Belastungssituation durch wiedergefundenen Sinn. Das Dumme ist nun zumeist, dass Menschen sich ihre Werte selten bewusst machen. Und wenn sie sie sich bewusst machen wollen, ihnen unklar ist, wie sie dies methodisch anstellen sollen oder wie sie herausfinden können, welche ihrer Werte wirklich ihre eigenen sind und nicht Übertragungen durch Verhaltenserwartungen ihrer Eltern oder weiterer Bezugspersonen im Leben.

Um hier Werteklärung im Sinne bewussten Selbstwachstums herbeizuführen, ist das Gespräch mit einem darauf spezialisierten Logotherapeuten [sinn- und werteorientierte Psychotherapie] oder logotherapeutisch versierten Coachs die Methode der Wahl. Kein anderer psychologischer Zugang ist derart im Rahmen einer Kurzzeitbegleitung wirkungsvoll – über 600 Evaluationsstudien belegen dies eindrücklich.

Noch besser ist es allemal, diese Klärungsarbeit nicht erst dann zu leisten, wenn eine Krise eingetreten ist. Die anormale Situation mit ihrer Brisanz und emotionalen Überflutung plus die Erkenntnis, das eigene Wertesystem womöglich bislang nur unzureichend reflektiert zu haben, strengt die betroffene Person oft zu sehr an.

Besser ist hier die individuelle Krisenprävention, genau mit einem solchen integrierten Ansatz der werteorientierten Klärungsarbeit. Unser Konzept Life2Me, das im Winter 2016/2017 an den Start gehen wird, bietet diese Möglichkeit an.

Lebendigkeit wahren – trotz Krise

Wie schafft man es, auch in einer individuellen Krisenzeit die Lebendigkeit nicht zu verlieren? Aus der Lähmung zu kommen, aus dem Gefühl der vielen ‚Losigkeiten‘ [der Hoffnungs-, Ziel-, Glücks-, Freud-, …. -losigkeit], das ist oft psychisch harte Arbeit für einen Menschen in einer Krise.

In unserer Präventionsarbeit, aber auch im therapeutischen Kontext, wenn eine Krise bereits im Vollzug ist, arbeite ich mit vier Kardinalhaltungen, die sich anlehnen an die von Cicero benannten Haupttugenden der Tapferkeit, Mäßigung, Klugheit und Gerechtigkeit.

Die Kardinalhaltungen lauten:

Zumutung. Diese Haltung zeigt ein Mensch, wenn es ihm trotz allem gelingt, mit seiner Wärme ein Feuer in den Herzen der Menschen um ihn herum anzuzünden. Und das in einer Krise? Was auf den ersten Blick paradox und unmöglich zu leisten anmutet, wird plausibel, wenn man für sich erkennt, dass es in einer massiven persönlichen Belastungssituation wichtig ist, dass die Energien des persönlichen Umfeldes entfesselt werden müssen, damit aktive Unterstützung vollzogen wird. Geht der Krisenbetroffene jedoch mit seiner Situation so um, dass sein Verhalten die Energien seines Umfeldes [z.B. durch Wehklagen, Selbstschuldzuweisung, Gejammer, …] entzieht, dann wird dieses eher eine Form passiver Unterstützung anbieten [Trost, ‚melde dich, wenn du etwas brauchst, …]. Was gilt es zu lernen: Zu signalisieren, dass trotz allem der unbedingte Wille gegeben ist, weiterzuleben, sich weiter zu entwickeln, weiter zu arbeiten, weiter zu lieben … das eigene Recht auf eine gelingendes Leben einzulösen. Und dieses Signal zu verbinden mit der Bitte an jeden Menschen im Umfeld, etwas Konkretes zu tun. Wir nennen diese Fähigkeit ‚emotional-soziale Expressivität‘, die jeder Mensch mit den ihm eigenen Persönlichkeitsmerkmalen entwickeln kann [präventiv natürlich leichter als mitten in einer Krise].

Deutlichkeit. Diese Haltung zeigt sich, wenn es einem Menschen in einer Krise gelingt, seinen Handlungen eine Einfachheit zu verleihen. Mit einer Krise verbinden viele Menschen sofort Gedanken an Zukunftsentwürfe, die in der Vergangenheit entstanden sind. Und sie äußern diese Gedanken mit ‚wie soll das nun weitergehen‘, ‚wir hatten uns vorgenommen‘, ‚dieses Ziel kann ich nun ja vergessen‘ … Was gilt es zu lernen: Sich zu erlauben, trotz aller Erwartungen im Innen und Außen die ganz kleinen Schritte zu gehen und dieses ‚Vor-Gehen‘ konsequent zu kommunizieren. Selbst den Prozess der Handlungen im Hier und Jetzt zu steuern, ist für die Überwindung der Krise unabdingbar. Damit die Selbststeuerung gelingt, braucht es eine Einfachheit im Handeln. Es sind nur die wichtigen und dringenden Dinge zu tun, die heute so gesteuert werden können, so dass sie auch heute als erledigt angesehen werden können. Wir nennen diese Fähigkeit ‚prägnant-aktive Expressivität‘. Wie stark diese Fähigkeit gegeben ist, lässt sich mit überschaubarem Aufwand herausfinden – präventiv natürlich leichter als mitten in einer Krise. Weiterlesen

Wenn die Krisenfalle zuschnappt

Wenn bewährte Handlungswege, die bisher Kontrolle, Kraft, Sicherheit oder auch Würde ‚garantierten‘ gerade dann und unerwartet nicht mehr wirken, wenn sie am dringendsten benötigt werden, dann fühlen sich Menschen meist inkompetent, schwach, hilflos und ausgeliefert. Die ohnehin schwierige Lage wird noch bedrohlicher und als gefährlich empfunden. Steigt nun der selbstgemachte Handlungsdruck, so steigt in der Folge auch das Ohnmachtserleben [denn wäre dies nicht so, dann hätte die Person ‚lediglich‘ ein Problem, das mit den vorhandenen ‚Bordmitteln‘ offenbar gelöst werden könnte].

Es ist also ‚psycho-logisch‘, dass Kampf [in Form extremer Hektik] eine ungünstige Intervention darstellt. Ihre mangelhafte Wirkung führt im nächsten Schritt zu Gegenreaktionen der Flucht, der Vermeidung oder der Leugnung. Da auch diese ‚Strategie‘ misslingt, erstarrt die Person [in Form des ‚einfach-nicht-wahrhaben-Wollens‘, der Bewegungsarmut, der Unterwerfung an die vermeintlich unlösbare Situation].

Diese Eskalation wird begleitet durch den berühmten Tunnelblick, die Flutung mit Affekten wie der
Angst, Wut oder Niedergeschlagenheit und durch Abspaltung oder Verdrängung des Erlebens. Dem jetzt hohen Grad der Konfusion begegnen Menschen mit [Auto]-Aggression, um das Gefühl der Handlungskontrolle wiederzuerlangen. Dies jedoch auch nicht ohne Folge, denn nun stellen sich Schuldgefühle ein, da die Aggression womöglich gerade die Menschen vergrault hat, deren Unterstützung so wichtig ist. Das Risiko steigernder Suizidalität ist gegeben, allemal aber die Gefahr, dass sich das kontraproduktive Verhaltensmuster automatisiert, der Betroffene wie in Trance seine Impulskontrolle verliert. Es ist klar, dass in einem solchen Zustand Selbststeuerung, Planung oder die Klärung wichtiger Entscheidungen kaum mehr alleine möglich wird. Aber auch die externe Unterstützung, die dem Betroffenen hilft, eine neue Zielrichtung einzuschlagen, muss sich gewahr bleiben, dass ein neues Ziel nunmehr als ‚in Form gegossene Bedrohung‘ angesehen werden kann. Dann nämlich, wenn neben der Minderung der Selbststeuerung die Person sich zusätzlich fremdbestimmt [z.B. durch Ärzte, Banken, Familienmitglieder …] erlebt.

All diese psychischen Prozesse führen parallel [siehe bei Viktor Frankl die Aussagen zum ‚psycho-physischen Parallelismus] zu körperlicher Symptomatik wie: Hypertonie, erhöhter Herzfrequenz, Problemen mit der Atmung, der Körperkoordination, einem veränderten Muskeltonus, Hormonschwankungen, Hyperkinetik u.a.

Denkempfehlung: Wenn Sie von einer Krisensituation betroffen werden, dann versuchen Sie, die Haltung einzunehmen, dass nicht das Ereignis selbst die Situation zur Krise macht, sondern einzig die Art, wie Sie sie verarbeiten. Wenn Sie für sich klarhaben, dass ihre bestehenden Muster nicht geeignet sind, der Situation zu begegnen, dann ist Ihnen damit automatisch auch klar, dass nur [Denk-, Verhaltens-, Kommunikations …]-Muster, die Sie selbst neu anlegen und immer wieder – und damit verstärkend – einsetzen, einen Ausweg ermöglichen.

Unterstützung von außen muss darin bestehen, Sie zur Entwicklung dieser Muster an bestehende Ressourcen und Bedürfnisse wieder rückzubinden und damit der Aktivierung sogenannter negativer ‚Ego states‘ [wie sie sich in Selbstvorwürfen, Selbstwertminderungen … äußern] entgegenzuwirken.
Anmerkung: Diese persönlichen Entwicklungsschritte lassen sich auch präventiv gehen, mit deutlich geringerem Zeit- und Kostenaufwand als mitten in einer Krise.

Krise oder: das ‚Problem mit der Problemlösung‘

Anders als im deutschen Sprachraum wird Krise im Englischen nicht nur als bereits eingetretene Situation verstanden, sondern ebenso gelten bereits absehbare, die individuelle Stabilität gefährdende Ereignisse als Krise.

„Any event that is, or expected to lead to, an unstable and dangerous situation“ … „situation of a complex system, when the system functions poorly, an immediate decision is necessary, but the causes of the dysfunction are not known“

Bedenkt man weiterhin die völlig unterschiedliche Nutzung des Krisenbegriffes in der Medizin, der Wirtschaft, der Psychologie und anderen Disziplinen, dann empfiehlt sich als Klammer um alle Beschreibungen herum, eine Krise als individuelle Hypothese eines Beobachters über den Zustand eines Systems anzusehen, dessen relevante Funktionen zusammenzubrechen drohen, ohne dass gewusst wird, wie dieser Zusammenbruch zu verhindern ist.

Könnte ein solcher Zusammenbruch verhindert werden, könnten also Interventionen genutzt werden, deren Wirkweise bereits als gut bekannt sind, dann wäre die Situation nur ein ‚Problem mit einem mehr oder minder hohem Schwierigkeitsgrad‘ und die Intervention eine leistbare Aufgabe, die sich ergibt aus der Ist-Soll-Differenz im beobachteten System.

Eine Krise hingegen konstituiert sich, wenn der Beobachter seine Hypothese zu einem Problem macht und in dessen Folge ein ‚Problem mit der Problemlösung‘ erfährt – wir sprechen hierbei von einem Problem zweiter Ordnung. In unserer Krisenpraxis erleben wir zum Beispiel Patienten, die aus Angst, an einer Krankheit zu erkranken, die es vermehrt in der eigenen Familie gab, dass diese Patienten alle erdenklichen Kontrolluntersuchungen in Gang setzen. Führen diese Kontrollen zu keinem Ergebnis [der Patient hat nun ein Problem zweiter Ordnung], bleibt der Bedrohungszustand aus Sicht des Beobachters erhalten und wird nun als Krise empfunden [’selbst die Ärzte sind unfähig und finden meine Krankheit nicht]. Ein ‚weiter so‘ oder ein ’noch mehr davon‘ ist spätestens in dieser Situation unzweckmäßig. Die Situation erzwingt förmlich die ‚Musterbrechung‘ [was landläufig und aus unserer Sicht völlig unpassend als ‚Chance‘ tituliert wird] – ergo ein Umgang mit der Situation, der bei genauerer Analyse der individuellen Bewertungs- und Bedeutungsgebungsprozesse bereits meist viel früher hätte neu konzipiert werden können.

Unsere Krisenpräventions-These lautet daher: Nicht Krisen schaffen Entscheidungsspielräume, sondern die Klärung individueller Werte und der auf ihnen basierenden individuellen BeWERTungen ermöglicht rechtzeitige verantwortungsvolle Korrekturentscheidungen. Und diese Korrekturen schließlich mindern die fatalen Wirkungen einer Krise und erhalten die Handlungsfähigkeit im Umgang mit der Belastungssituation.