Schlagwort-Archiv: Logotherapie

Der große Unterschied

Als damals meine Tochter gestorben ist, fühlte ich mich auf einen Schlag leer, körperlich und im Kopf. Ich konnte nicht mehr richtig schlafen und ich achtete nicht mehr auf meine Ernährung. Das Leben war wertlos geworden, Vieles wurde mir fremd, meine Freunde, mein Mann, meine Arbeit. Die Tournee bei meinen Ärzten brachte nichts, bis mir meine Frauenärztin in meiner Krise von der Logotherapie erzählte. Zum Glück fand ich in dieser Therapie einen Weg aus meinem tiefen Tal. Meine Tochter kommt nicht wieder, und das ist sehr traurig. Aber ich habe für mich erkannt, welchen Unterschied es für mich macht, Sinn im Leben oder Sinn in der Rolle der Mutter zu finden. Die Unterschied kann ich jetzt fühlen, und das war für mich der Schlüssel aus der Krise. [Eine Patientin, 43 Jahre]

Viktor Emil Frankl fand bei seinen Lehrern Freud und Adler nicht das, was für ihn als das eigentliche Anliegen einer Therapie galt – dem Menschen zu helfen, Sinn im Leben zu erkennen und zu entfalten. Als Arzt und Philosoph wurde er in seinen Gedanken von Persönlichkeiten wie Scheler, Jaspers und Heidegger beeinflusst, die alle auf ihre Weise betonten, dass sich der Mensch mit seiner inneren Freiheit trotz gewisser Bedingungen seiner Lebensumstände auf Sinn ausrichten kann. Selbst dann, wenn das Grauen unermesslich erscheint.

In vielen Ländern der Erde ist Frankls Logotherapie institutionell etabliert und anerkannt. In Deutschland steht dem die Zusammensetzung der Psychotherapeutenkammer im Weg, ein Gremium, in dem insbesondere Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeuten darüber ‚wachen‘, was aus psychologischer Sicht dem Menschen helfen kann und was nicht. Vielleicht hat dies mit dazu beigetragen, dass es bislang nur circa 200 Therapeuten in Deutschland gibt, die ihre Praxis ausschließlich auf das Feld der Logotherapie ausrichten. Viele andere Therapeuten sehen die Logotherapie hingegen als ergänzendes ‚Schmankerl‘, ohne dabei einen der wesentlichen Unterschiede konzeptionell herauszuarbeiten und transparent zu machen: Der Pychotherapeut arbeitet am Psychischen, der Logotherapeut am Geistigen – und das Geistige ist nicht Teil des Psychischen. Wer über diesen Aspekt verbal hinwegschludert, entfaltet nur äußerst unzureichend die positive Kraft, die in der das Geistige fokussierenden Logotherapie gegeben ist.

Echte Logotherapie bedeutet für den Patienten Sinnarbeit. Der Therapeut kann den Sinn nicht ‚machen‘, aber er weiß, wie Menschen ihn finden können. Ohne Couch, ohne Esoterik, ohne Schnickschnack, ohne Reduktionismus.

Für Frankl war klar, der Mensch ist weit mehr als seine unbewußten Triebe, Phantasien, Begierden, Wünsche und Machtstrebungen. Jeder Mensch verfügt zudem über unbewußt Geistiges über etwas, was man ‚Lebensgewissen‘ nennen könnte, aber was sich eines genauen Begriffes entzieht. Ein Logotherapeut weiß, dass sich der Sinn im Leben gerade in Krisen oft schlagartig und ganz unerwartet im ‚richtigen‘ Moment zeigt. Sinn wird dann ‚vorgefunden‘. Der Mensch merkt dann, dass er sich diesen Sinn nicht gemacht hat, sondern eine Instanz in ihm dazu beigetragen hat, ihn zu erkennen. Ist er gefunden, endet ein Prozess, sich nach ihm zu sehnen und mit allerlei Suchen und Versuchungen zu meinen, ihn finden zu müssen. Wenn der Sinn gefunden ist, können Suche, Sucht, Sehnsucht und andere psychische, aber wirkungslose Anstrengungen weichen.

Wenn Sie also einmal einen Menschen in einer Krise erleben, dann mag es in einem passenden Moment vielleicht hilfreich sein, ihn auf die Logotherapie aufmerksam zu machen. Dies ist schon deshalb wichtig, weil die meisten Ärzte die Logotherapie nicht kennen oder wenn sie von ihr einmal gehört haben kaum in der Lage sind, sie inhaltlich zu vermitteln.

Menschenbild der sinnzentrierten Psychotherapie

Das Menschenbild der sinnzentrierten Psychotherapie von Viktor Frankl ist die Grundlage unserer Arbeit in Krisencoaching und Krisenprävention. Fünf zentrale Aspekte rahmen dieses Bild vom Menschen:

Der freie Willle: Der Mensch hat einen freien Willen und der Wille zum Sinn ist die Grundmotivation des Menschen.

Der Wille zum Sinn: Motivation ist dort am höchsten, wo Sinnvolles bewirkt werden kann. Kann der Wille zum Sinn nicht realisiert werden, entsteht das Empfinden von Sinn- und Wertlosigkeit.

Der Sinn des Lebens: Der Sinn des Lebens ist unumstößlich gegeben, hinter ihn kann nicht zurückgegangen werden.

Die Verwirklichung von Werten: Werte sind noch nicht verwirklichter Sinn, sie sind Sinnmöglichkeiten. Der Mensch findet Sinn durch Verwirklichung seiner Werte.

Die Verantwortlichkeit des Menschen: Die Freiheit, die ein Mensch hat, bedingt auch, dass er Verantwortung für sein Leben hat und übernimmt.

Aus dem Leben Frankls

Ein amerikanischer Arzt fragte Viktor Frankl einmal, ob er imstande sei, ihm in einem Satz den Unterschied zu erklären zwischen Psychoanalyse und Logotherapie.

Gewiss könne er das, antwortete Frankl, doch zunächst solle der Arzt ihm in einem Satz sagen, was Psychoanalyse ist. „Nun, in der Psychoanalyse muss sich der Patient auf die Couch legen und Dinge sagen, die manchmal unangenehm zu sagen sind.“

Worauf Frankl erwiderte: „Sehen Sie, in der Logotherapie darf er sitzen bleiben – und muss Dinge anhören, die manchmal unangenehm zu hören sind.“

 

Methode ‚paradoxe Intention‘

Die Methode der paradoxen Intention findet insbesondere bei Angst- und Zwangserkrankungen ihre Anwendung. Bei dieser originär logotherapeutischen Vorgehensweise wird der Patient gebeten, sich zum Beispiel genau das wünschen, wovor er Angst hat. Menschen in Angst, versuchen dieser Angst zu entgehen, jedoch ohne Erfolg und es entsteht die Angst vor der Angst. Das logotherapeutische Gegenmittel ist nun das konkrete imaginierte Erleben noch viel stärkerer Angst. Sie mündet letztlich in einer Situation, in der die Person merkt, dass das, wovor sie sich da ängstigt, unmöglich eintreten wird. Diese Erkenntnis ist der wichtige Schritt, um den eigenen Ängsten ihre ‚Grenzen aufzuzeigen‘. In der Regel fließt in den Arbeitsprozess eine Menge Humor ein – Überspitzungen oder Übertreibungen sind in der Anwendung der Methode ausdrücklich erwünscht.

In der paradoxen Intention wünscht sich der Patient also seine Angst auf eine humorvolle Art und kommt dazu, sie quasi auszulachen. Damit distanziert er sich von seinen bisherigen Angst-vorstellungen und leitet damit eine Symptomminderung ein.

Ein Beispiel: Ein Mann will seine Meisterprüfung ablegen. Durch seine extreme Prüfungsangst, die ihn glauben macht, diese wichtige Etappe zu schaffen, ist er wie gelähmt. Unter Anwendung der paradoxen Intention wird er angeleitet, sich zu wünschen, eine Prüfung mit möglichst schlechten Noten und komplett falschen Ergebnissen abzulegen. Er nimmt sich in weiterer Steigerung vor, den Rekord der Minuspunkte einzufahren, in der Zeitung als der zu stehen, der die grottenschlechtesten Antworten gegeben zu haben usw.. Über diese immer irrationaler werdenden Gedanken muss der Patient letztlich selber lachen, die Auflockerung der Stimmung wird ihm helfen, sich von seiner Angst zu distanzieren und sich mit voller Kraft auf die Prüfung zu konzentrieren. Die Rückfallquote ist bei der paradoxen Intention sehr gering, weil die Patienten schnell lernen, sich in ihren Angstsituationen selbst zu helfen.

Siegel dtsch Einzelmitglied

Professor Dr. Alexander Batthyany und Kollegium haben akkreditiert:
Augsburger Privatpraxis für Logotherapie – Existenzanalyse – Schematherapie

Dr. Ralph Schlieper-Damrich, Logotherapeut VFI
www.logotherapie-augsburg.de

 

Die Krise des ‚am Ende zähl nur ich‘

Die Geister der Gier wird man so schnell nicht los. Alles will erobert sein, im Leben soll es üppig zugehen, es soll Spaß machen. Der Mensch giert nach Beachtung und Aufmerksamkeit, erhält er sie nicht, wird die Gier depressiv. Alles zählt jetzt, und so rennen die Menschen ihrem Glück nach und zuweilen auch achtlos an ihm vorbei. Bleibt zu wenig für das Ich übrig, dann muss schnell ein gieriges Feuer entfacht werden, damit die Psyche zu ihrer Befriedigung kommt. Die Ressourcen des Menschen sind endlich, seine Gier erschöpft sich in Erschöpfung und im Verglimmen der eigenen Flamme. Es muss alles jetzt sein, im Morgen kann man zu spät kommen. Dann sind die Körbe vielleicht schon leer. Wie spießig sind doch die, die an andere Denken. Weg mit den Gutmenschen, sie langweilen. Lasst uns geil und lustig sein, das Leben ist kurz und Zeit ist Geld.

Hatte der Mensch je ‚genug‘? Hatte er je das Gefühl, nicht im Modus ‚zu wenig‘ zu sein? Schauen wir uns um, dann finden wir alle Formen der Ausuferung. Wir merken, Gier hat jeder. Der eine giert nach Arbeitsleistung und die, die Gier stillen, klagen über ‚zu viel Arbeit‘. Der andere giert nach den Leckereien des Kühlschranks und die, die Folgen zu bezahlen haben, klage über ‚zu viel der Kosten des Gesundheitswesens‘. Der nächste giert nach Macht und die, die sie zu spüren bekommen, klagen über ‚zu viel Stress am Arbeitsplatz‘. Der übernächste giert nach Deutschtum und die, denen das fremd ist, klagen über ‚Fremdenhass‘.
Die Leistung der Kinder? Sind nicht genug. Also hinein mit Barbituraten.
Das Leben ist lebenswert? Nicht genug. Also hinein mit Speed, Ecstasy und Crystal Meth.
Geld, Sex, Einfluss, Kontakte ….. – Nicht genug.

Das ’nicht genug‘ ist eines der wesentlichen Themen in jeder Psychotherapie. Dazu zwei Perspektiven.

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Methode ‚Dereflexion‘

Unter den Stichworten ‚Selbstdistanzierung‘ und ‚Selbsttranszendenz‘ wurde in der KrisenPraxis bereits über die einzig dem Menschen vorbehaltene Fähigkeit gesprochen, sich von seinen Ängsten, Zwängen, Stimmungen usw. selbst zu distanzieren. Aus dieser Fähigkeit heraus ergibt sich die zweite, nämlich das eigene Ego zu vergessen und sich einen Beitrag für etwas oder jemanden zu leisten, der man nicht selber ist. Selbstvergessenheit ist eine hohe Kompetenz – sie bewahrt den Menschen davor, zu viel Augenmerk auf sich, seine Probleme, Störungen oder die Krisensituation zu lenken. In einer solchen Form der ‚Hyperreflexion‘ gedeihen letztlich Spiralen der Angst, der Selbstwertminderung, des Rückzugs und vieler anderer psychischer Symptome – und in der Folge die nicht weniger kontraproduktiven Versuche, die Spirale zum Beispiel mit Sucht oder unangemessenen Verhaltensweisen zu durchbrechen.

In der Logotherapie wird daher angestrebt, die Person von ihrer übermäßigen Selbstaufmerksamkeit zu lösen, also eine Dereflexion herbeiführen. Dazu wiederum braucht es einen guten Ersatz, der die frei gewordene Aufmerksamkeit erhält. ‚Hin zum Sinn‘ ist dabei die erwünschte Richtung. Findet der Mensch Sinn, kann die Permanenz der Selbstbeobachtung, des übermäßigen Grübelns, der Schlechtrede in eigener Sache usw. aufhören. Es ist nun die therapeutische Kunst, beides zu schaffen, einen Prozess der Dereflexion einerseits und einen Prozess der Sinnfindung andererseits. Ein wesentlicher Schlüssel dafür liegt in der Entwicklung individuellen Wertebewusstseins – dazu aber an anderer Stelle der KrisenPraxis mehr.