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Wirkfaktoren der Psychotherapie

Klaus Grawe, Psychotherapieforscher, hat fünf zentrale Wirkfaktoren herausgearbeitet, die eine psychotherapeutisch erfolgreiche Behandlung eines Patienten beeinflussen. Es sind:

  • Therapeutische Beziehung: Die Qualität der Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem  Klienten trägt signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei.
  • Ressourcenaktivierung: Die Eigenarten, die die Patienten in die Therapie mitbringen, werden als positive Ressource für das therapeutische Vorgehen genutzt. Das betrifft vorhandene motivationale Bereitschaften, Fähigkeiten und Interessen der Patienten.
  • Problemaktualisierung: Die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, werden unmittelbar erfahrbar. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass Therapeut und Klient reale Situationen aufsuchen, in denen die Probleme auftreten, oder dass sie durch besondere therapeutische Techniken die Probleme erlebnismäßig aktualisieren.
  • Motivationale Klärung: Die Therapie fördert mit geeigneten Maßnahmen, dass der Patient ein klareres Bewusstsein der Determinanten (Ursprünge, Hintergründe, aufrechterhaltende Faktoren) seines problematischen Erlebens und Verhaltens gewinnt.
  • Problembewältigung: Die Behandlung unterstützt den Patienten mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen (direkt oder indirekt) darin, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit seinen Problemen zu machen.

In unserer therapeutischen Arbeit orientieren wir uns an diesen klugen Maßstäben. Sei es im Therapiekonzept der Logotherapie oder im Therapiekonzept der Logotherapie mit integierten Interventionen aus der Schematherapie [Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie]

Vom Geistigen zum Psychischen

Die Seelenkunde, die Psychologie, beschreibt und erklärt menschliches Verhalten, die Entwicklung des Menschen in seinen Lebensphasen und die inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen für die Formung seines Verhaltens. Die klassische Psychotherapie hat als Prozess der Heilung der Affektseele die Aufgabe, die seelische Verfassung eines Menschen derart zu stabilisieren, so dass er freikommt von den mit seiner Erkrankung verbundenen belastenden Gedanken und Vorstellungen. Einfach gesagt – die Psychotherapie wirkt seelenheilend mit einer erhofften Wirkung auf der Verstandesebene.

Viktor E. Frankl, Arzt, Psychiater und Philosoph und Begründer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie (nach Freud und Adler) hat mit seiner Logotherapie eine neue Perspektive auf den Menschen herausgearbeitet. Wie der Begriff Logotherapie bereits andeutet, geht es Frankl um eine Heilung des Psychischen durch das Geistige. Für Frankl ist der Mensch ein nach Sinn suchendes, geistige Wesen. Sinnfindung wird so zum zentralen Thema des Heilungsprozesses, und mit ihm in der Folge auch zu einer Wirkung auf der psychischen Ebene.

Anders als die Psychologie, in der Seelisches verstandesorientiert erklärt wird, ist unsere Arbeitsform darauf ausgerichtet, die Bedeutung des Geistigen seelisch zu erklären. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch seinen Sinn verfehlt oder aber ihn entdeckt. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch um seine Belastung kreist, wenn die Gedanken zu Ängsten, Zwängen oder Selbstvorwürfen werden, weil der Sinn als verloren angesehen wird? Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn sich der Mensch nicht mehr alles von sich selbst gefallen lässt und einen Willen zum Sinn zeigt.

Neben der psychologischen Arbeit, gibt es in unserem Vorgehen daher immer auch einen ‚logopsychischen‘ Anteil. Wichtiger als ein solcher neuer Begriff ist für uns, die dahinter stehende Arbeitshaltung und -richtung zu vermitteln. Wenn wir ‚logopsychisch‘ [und nicht nur psychologisch] arbeiten, dann erzielen wir eine integrative Wirkung in der Weise, dass zuerst belastete Persönlichkeitsanteile (z.B. bestimmte Verhaltensmuster, einengende Glaubenssätze, Minderwertigkeits-Erlebnisse) von unbelasteten Anteilen gelöst werden, so dass die dem Menschen zur Verfügung stehenden Ressourcen ebenso klar hervortreten wie die Aspekte, die derzeit nicht im Lot sind.

Auf die belasteten Anteile blicken wir dann differenziert. Wie äußern sich die Belastungen, welche Symptome zeigen sie, wie treten sie auf? Wer alles gehört zum Raum der Belastung – unmittelbar und mittelbar? Wer oder was in diesem Belastungsraum wirkt mit welcher Energie auf die Person ein? Welche Gedanken gibt es bereits zu der wahrgenommenen Belastung? Welcher Teil der Belastung kann als Aspekt des ursprünglichen Selbst der Person angesehen werden, und welcher Teil repräsentiert die von der Person übernommenen realen oder gedeuteten Zuschreibungen der Umwelt? Was geschieht in den verschiedenen Systemen, in denen die Person agiert, wenn die Belastung auftritt und wenn sie nicht auftritt?

Jeder Mensch kommt sowohl „selbst“ als auch „selbst gemacht“. Die geistige Dimension des Menschen (der logos) ist in der Lage, diese Unterschiede herauszuarbeiten, wiederholende Muster zu erkennen, Bewegungen im System transparent zu machen und Störungen und Blockaden aufzulösen. Eine solche Arbeitsform macht die Logotherapie zur idealen Form individueller Krisenprävention.

Psychotherapie wirkt …

.. sagt Prof. Martin Keck, Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Aber die Wissenschaft weiß noch nicht, bei wem welche Form der Therapie wirkt und warum das so ist. In der tiefenpsychologischen Psychotherapie gibt es noch keine objektierten Messgrößen, die insbesondere bei den vielen Unterformen von Depressionserkrankungen klären würden, welches Therapieverfahren individuell als die Methode der Wahl definiert werden könnte. In der Regel findet durch die subjektive Einschätzung des Patienten die Bewertung der Wirkung des eingesetzten Verfahrens statt. Bei dieser Bewertung steht im Vordergrund, ob der Patient seine Lebensssituation so einschätzt, dass er das Niveau seines Befindens wieder erreicht hat, das er vor der Erkrankung hatte.

In unserer Praxis bieten wir daher präventiv an, mittels eines an der Universtität Osnabrück entwickelten klinischen Verfahrens die aktuelle psychische Verfasstheit einer Person zu ermitteln. Auf Basis dieser Daten können beginnende psychische Probleme ermittelt und ihnen gegengesteuert werden. Ist eine Erkrankung bereits festzustellen, dann wird das Verfahren im Rahmen einer Vorher-Nachher-Betrachtung eingesetzt, um die Wirkung der therapeutischen Arbeit festzustellen.

Während am o.g. Institut ein mehrjähriges Forschungsvorhaben initiiert wird, durch das erkannt werden soll, welche Verfahren wie Einfluss nehmen auf die Veränderung genetischer Strukturen und damit einmal mehr das Menschenbild zum Einsatz kommt, den [erkrankten] Menschen zu reduzieren auf seine Genetik [hier insbesondere auf seine Stresshormon-Regulation], setzen wir in der Logotherapie vornehmlich auf das Konzept der Sinnausrichtung des Patienten. Findet der Mensch den in seinem Leben per se gegebenen Sinn, dann führt dies in der Folge zu Verbesserung seines psychophysichen Befindens. In anderen Worten: Wir meinen, dass mit tiefenpsychologischen und medikamentös unterstützten Prozessen zwar die Folgen eines Sinnverlustes [spürbar für den Menschen als Depression] gemildert werden können. Dies jedoch überdeckt das eigentliche Problem, das dadurch nicht gelöst wird: Das Finden des Sinns im Leben.

Für Herrn Professor Keck ist Psychotherapie nichts anderes als das Erlernen neuer Verhaltensweisen. Für uns ist Psychotherapie das Finden von Sinn, durch das sich ‚von selbst‘ neue Verhaltensweisen ergeben. Dieser Unterschied ist fundamental – er spaltet die Therapierichtungen, die den Menschen stets reduzieren [auf seine Triebe, seine Lernprozesse, seine Lebenswelt, seine Komplexe …] ab von der Logotherapie, die den Menschen stets in seiner Ganzheit als sinnstrebendes Wesen versteht.

Krise und Therapieschulen

‚Wenn einer eine Krise hat,
dann kann er was erleben.‘

Auf der Höhe empfundener Belastung suchen krisenbetroffene Menschen vielleicht erstmals in ihrem Leben die Unterstützung eines Therapeuten. Man kennt womöglich niemanden dieses Berufsstandes persönlich, vielleicht auch niemandem, von dem man weiß, dass er jemanden kennt. So bleibt der Blick in die Gelben Seiten oder ins Web. Aber wonach suchen? Psychotherapie ist nicht gleich Psychotherapie, muss ich auf die Coach oder kann ich eine andere Art der Zusammenarbeit erwarten?

Ein amerikanischer Arzt fragte Viktor Frankl einmal,
ob er imstande sei, ihm in einem Satz den Unterschied zu erklären
zwischen Psychoanalyse und Logotherapie.
Gewiss könne er das, antwortete Viktor Frankl,
doch zunächst solle der Arzt ihm in einem Satz sagen,
was Psychoanalyse ist.

„Nun, in der Psychoanalyse muss sich der Patient
auf die Couch legen und Dinge sagen,
die manchmal unangenehm zu sagen sind.“ 
Worauf Frankl erwiderte:
„Sehen Sie, in der Logotherapie
darf er sitzen bleiben – und muss Dinge anhören,
die manchmal unangenehm zu hören sind.“

Frankl verweist mit diesem Bonmot auf grundsätzliche Unterschiede, die zu wissen sich lohnt, bevor man an einen Therapiebeginn denkt. Psychoanalytische Schulen [Psychoanalyse nach Freud, Individualpsychologie nach Adler, Analytische Psychologie nach Jung] stellen die Verletzbarkeit des Menschen in den Vordergrund. Eine Krise wird aus dieser Perspektive dann zu einer, wenn ein äußeres Ereignis auf einen unbewussten, nicht aufgelösten inneren Konflikt [oftmals mit Elternteilen] oder auf ein Grundproblem [zum Beispiel Minderwertigkeitsempfinden] trifft und die bisher funktionierenden Formen der Belastungsabwehr brüchig werden. Die therapeutische Arbeit startet also beim bewussten Konflikt und richtet sich dann aus auf das der Person unbewusste Grundproblem, um dieses zu bearbeiten.

Die verhaltenstherapeutischen Schulen orientieren sich nicht an diesem vergangenheitsorientierten Konzept, sondern wenden sich der gegenwärtigen Störung als solcher zu. Hier steht im Fokus, die Verhaltensweise in bisher unpassenden Bewältigungsversuchen abzulegen und gegen eine passendere zu verändern. Den damit verbundenen Lernprozess begleiten Verhaltenstherapeuten engmaschig und mit konkreten ‚Hausaufgaben‘.

Für sinnzentriert arbeitende Therapeuten der 3. Wiener Schule für Psychotherapie nach Viktor Frankl [Logotherapie] steht das Thema Krise im Kontext eines Verlustes existenzieller Lebensqualität und -freude. Im Kern steht hier die Frage im Raum, wie der betroffene Mensch den nicht wirklich verloren gegangenen, aber verloren geglaubten Sinn im Leben wiederfindet und ihn durch konkretes Handeln neu ausgestaltet. Aus logotherapeutischer Arbeitshaltung heraus hat jeder Mensch ein Recht auf ein gelingendes, sinnerfülltes Leben. Dem persönlichen Empfinden von Tragik stellt diese Therapie den unzerstörbaren Sinn menschlichen Lebens gegenüber – der Therapeut unterstützt den Menschen dabei, ‚trotz aller Last‘ im Einklang mit seinen Werten ein freies und verantwortetes Leben zu leben.

 

Wenn Therapie zur Krise führt

Immer mehr Menschen suchen psychotherapeutische Hilfe. Gut 5 Millionen werden es in diesem Jahr sein, die an ihren Ängsten, Selbstzweifeln, Zwängen und Depressionen arbeiten. Die meisten nehmen Hilfe in Therapien in Anspruch, die beihilfefähig sind, also in der Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie. Vielfach gehen die Patienten dabei davon aus, dass die oder der von ihnen gewählte Therapeut[in] eine therapeutische Richtung vertritt, die der Problemstellung angemessen ist. Diese Vorstellung jedoch ist recht fatal. So wenig wie man mit einem Lungenproblem beim Orthopäden gut aufgehoben ist, so wenig passt eine Angstsymptomatik automatisch zu einem Verhaltenstherapeuten. Ist man jedoch froh, überhaupt einen Therapieplatz gefunden zu haben, dann mag man diesen Umstand verdrängen. Und ein Navigationssystem, das einem Menschen die Alternativen aufzeigt und damit Wahlmöglichkeiten eröffnet, ist leider auch nicht entwickelt. Ist der Mensch also psychisch belastet, dann kommt zu dieser Last auch noch die mangelnde Orientierung.

Bleibt also stets zu hoffen, dass kluge Menschen im Umfeld einer betroffenen Person aufmerksam die Symptome wahrnehmen und dann einen tieferen Blick in ‚den Markt‘ werfen. In unserer Praxis für sinnzentrierte Psychotherapie kommen so in aller Regel Menschen, die entweder weit vor ihren eigentlichen Beschwerden bereits von der Logotherapie gehört haben und sich nun an das Sinnkonzept von Viktor Frankl erinnern, oder aber hierzu von Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten angeregt wurden. Als humanistische Therapieform, die meist als Kurzzeittherapie angeboten wird, steht hier im Vordergrund, den Menschen auf den zu findenden Sinn im Leben neu auszurichten. Das ‚Gründeln‘ in der Vergangenheit wird in der originären Logotherapie nach Frankl zugunsten einer Arbeit am gelingenden Leben im Hier und Jetzt so weit wie möglich zurückgestellt.

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