Schlagwort-Archiv: Resilienz

Ewige, alte Mär

Die Mär von der ‚Krise als Entwicklungschance‘ hält sich wacker. Sie suggeriert, dass Krisen zur Entwicklung erforderlich seien und eine quasi exklusive, besondere Möglichkeit der Reifung böten. Welch Armutszeugnis für die Spezies Mensch, wenn Kummer, Leid, Schmerz oder Qual die Ausgangsbasis von Entwicklung sein sollen!

Wohl begegnet man dem Phänomen, dass Menschen ihre Bequemlichkeitszone nicht verlassen und nicht mehr wahrnehmen, dass sich Umfeldbedingungen verändern und dies in der Folge zu Umbrüchen führt. ‚Aus Schaden wird man klug‘ ist dann ein gern gehörter Unsinn-Spruch. Er reduziert den Menschen auf ein Wesen, das sich von der bequemen Lust antreiben lässt und erst eines massiven Lebenshindernisses bedarf, um von ihr abzulassen.

Wenn die Lust ihm dann vergangen ist, sucht der Mensch nach einem neuen Sinn oder kommt gar zur Ansicht, ohne das Lustvolle sei das Leben doch sinnlos. Beide Reflexe sind zwar ’normal‘, verkennen sie doch aber beide, dass Sinn per se gegeben ist und nicht erst ein neuer durch eine Krise entsteht und weiters, dass Sinn stets außerhalb des Menschen liegt, während Lust eine Qualität der menschlichen Psyche ist. Die ‚Währungen‘ Sinn und Lust sind somit eher vergleichbar mit Luft und Blut. Das eine liegt außerhalb von uns, das andere ist ‚hausgemacht‘. Die Frage, was für was von größerer Bedeutung ist, dürfte leicht zu beantworten sein – eine Ordnung, die auch Viktor Frankl stets hervorhob, wenn er darauf aufmerksam machte, dass Menschen, die dem Glück oder Erfolg hinterherlaufen, den Sinn dabei niemals finden können. Andersherum jedoch, der Mensch, der Sinn im Leben gefunden hat, in der Folge auch Glück, Zufriedenheit und Erfolg [Erfolg – er folgt dem Sinn] verspürt.

Ist man erst einmal der Versuchung erlegen, einen Menschen wie beschrieben auf seine Triebe zurückzuführen [re-reducere – zurückführen], dann ist naheliegend, ihm helfen zu wollen, dass dieser derart bedürftige ‚reduzierte Mensch‘ neue Widerstandskraft aufbaut. Dies wird heute weithin mit Resilienz [re-selire = zurückspringen] beschrieben. Ganze Trainerarmeen bieten ihre Geheimwaffen an, um Menschen in einen Zustand zu führen, nach erlittener Pein die Ketten einschränkender Verhaltens- oder Denkmuster zu sprengen, damit man stark und gereift aus der Krise komme. Das Dumme ist nur, dass die Selbstkonzept- und Resilienzforschung [Filipp,S.-H.: Selbstkonzeptforschung, 1993, Davis,N.: Resilience, 1999, Wustmann,C.: Resilienz, 2004] längst bewiesen hat, dass objektive Lebenslagen und individuelle Persönlichkeitsmerkmale subjektiv unterschiedlich wahrgenommen und bewältigt werden. Menschen entwickeln ihre Bewältigungsstrategien selbst, um den Alltagsanforderungen zu entsprechen. Dies ist auch in Krisen nicht anders – auch hier versuchen Menschen, mit ihren psychischen Bordmitteln die kritischen Gegebenheiten zu ordnen und mit ihnen umzugehen. In einem solchen psychischen Zustand auf ‚Kettensprengungen‘ zu setzen und zu ihnen mit welcher Form externer Motivation aufzurufen, kann nicht anders als fehlzuschlagen – dies wird wohl ein Grund dafür sein, dass es bis heute keine Wirksamkeitsstudie hinsichtlich wissenschaftlich begleiteter Resilienztrainings gibt.

Je bitterer, ungesunder, ruinöser usw. eine Situation empfunden und vielleicht als Krise bezeichnet wird, umso wichtiger ist es, den Betroffenen darin zu unterstützen, zuerst einmal die mit ihr verbundenen negativen Affekte wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dazu braucht es den Willen des Betroffenen und einen herzlichen, offenen Zugang dessen, der dem Menschen beisteht.

Nach dieser Stabilisierung kann damit begonnen werden, das herauszudestillieren, was trotz der Krise unauslöschlich geborgen ist: die Werte der Person und die mit ihnen seit je her und per se auch weiterhin gegebene Fähigkeit, Sinn zu finden. Mit dieser Grundfähigkeit geht jeder Mensch ins Leben – sie sich erst in Folge einer Krise bewusst zu machen, wird dann leider missverstanden als Reifung, die ohne die Krise nicht hätte stattfinden können. Ebendies immer und immer wieder zu kolportieren wird nicht dadurch besser, indem man es noch öfter behauptet. Im Gegenteil – diese Mär ist dem Menschen nicht angemessen. Ihn hingegen als sinnstrebiges Wesen zu würdigen, hätte vielmehr die Konsequenz, ihm dabei zu helfen, sich das eigene Wertesystem bewusst zu machen, es als Aktivposten auszuzeichnen, einen Schatz, den jeder Mensch mit sich herumträgt und mit dem weit mehr Positives bewirkt werden könnte als ihn erst dann auszupacken, wenn eine Not dazu aufruft.

Werte haben in diesem Verständnis eine ähnliche Qualität wie Wissen – sie nutzen sich auch bei mehrfacher Anwendung nicht ab. Die eigenen Werte zu wissen, ist aus unserer Sicht daher der beste Weg dafür, auch in nicht vermeidbaren kritischen Lebenssituationen einen derart robusten Umgang mit sich selbst und der eingetretenen Lage zu pflegen, so dass trotz allem, zu dem was das Leben einfordert, ja gesagt werden kann.

Im Kern geht es genau um dieses ‚trotzdem‘, wenn ein Mensch etwas ‚überwinden‘ will. Ohne einen Willen zum Sinn mitzudenken, ist der Überwindungswille des Menschen gar nicht recht vorstellbar. Wofür überhaupt will ich meine Krise überwinden? Diese Frage weist hin auf ‚Sinn‘.

Nimmt der Mensch an, dass es dieses Wofür gibt [Anm.: weiß er bereits, dass es stets ein Wofür gibt, dann empfindet er das Leid, den Verlust, die Trennung, die Verfehlung zwar als starke Last, sein Zustand ist jedoch nicht als Krise zu bezeichnen], dann erkennt man dies anhand verschiedener Hinweise. Ein solcher Mensch zeigt an, dass er sich in einer Krise befindet, dass er im Selbstzweifel steht, dass er an Verbesserung glaubt, dass er im Kern handlungsbereit ist, dass er sich nicht ‚abgeben‘ will, dass er realistisch hinsichtlich des Aufwandes ist, dass er seine Verantwortung erkennt, dass es Fragen des Lebens gibt, die jetzt zur Beantwortung anstehen:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Dass diese Fragen auch ohne Krise nach Antwort rufen, geht oft im Alltäglichen unter. Wer sich Zeit dafür nimmt, handelt krisenpräventiv und erspart sich damit manche Zukunftslast.

Dass aber selbst in größter Lebensnot diese Fragen nicht nur beantwortet, sondern in konkrete Handlung umgemünzt werden können, zeigt dieses von vielen Beispielen:

Der sechsjährige Tijn wird vermutlich sterben. Sein Hirntumor konnte bisher nicht wirklungsvoll behandelt werden. Und was tut Tijn? Er ruft seine niederländischen Landsleute dazu auf, sich die Nägel zu lackieren, etwas Geld für kranke Kinder zu spenden und drei Freunde zu bitten, dies ebenso zu tun. Nägel lackieren? Tijn hatte dies selbst einmal gemacht und sich über die bunten Finger gefreut. Offenkundig hat der Junge damit Werten wie Kreativität, Tatkraft, und Lebendigkeit Ausdruck verliehen. Mit Blick auf viele Kinder, die an unheilbaren Krankheiten oftmals sogar noch jünger sterben, meinte Tijn, eine solche Aktion könnte diesen Kindern doch helfen. Ist es schwierig, sich die Antworten vorzustellen, die dieser Junge wohl auf diese Fragen gegeben hätte?:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Tijn hat sinnvoll gehandelt. Und der Erfolg folgte: Eine derart hohe Spendensumme wurde in Holland noch nie im Rahmen einer privat initiierten Aktion eingesammelt.

„Der Mensch wird, was er wird,
durch die Sache, die er zu der seinen macht.“
Karl Jaspers

Resilienzmessung

Geben Sie ‚Resilienz-Test‘ in eine Suchmaschine ein, so finden Sie auf den ersten Seiten eine Fülle von Anbietern. Keines davon gleich dem anderen, beim genauem Hinsehen werden da allerlei Aspekte wie Zufriedenheit, Motivlage, Beziehungsdichte usw. erfragt, und – ich habe den Selbstversuch gestartet – mit den unterschiedlichsten Ergebnissen. Mal bin ich heute resilient, mal nicht, mal ein wenig. Fassen wir es also zusammen: Vergessen Sie es, Ihre Resilienz heute messen zu wollen, denn dieser Versuch ist Zeitverschwendung. Provokativ formuliert: Warten Sie lieber darauf, in eine Krise zu stürzen und arbeiten Sie sich genau dann durch die Fragekonvolute. Erst jetzt werden Sie vermutlich immer dasselbe Ergebnis erhalten, nämlich: Daumen nach unten!

Eine Krise – und: wir sprechen hier nicht von einem vielleicht außergewöhnlich starken Problem! – hat Sogkraft. Sie zieht sich in alle Lebensbereiche und entzieht auch aus allen Energie. In einer solchen Situation verfügt der Mensch per se nicht mehr über die Schutzfaktoren, die er hatte, als noch alles ‚im grünen Bereich‘ war. Sicher, wer früher die bekannten Resilienzfaktoren sehr gut entwickelt hatte, mag dem gegenüber im Vorteil sein, der dies nicht tat. Dies hat einerseits den Charme der Trivialität, andererseits habe ich in meiner Praxis Menschen erlebt, die auf eine weit kraftvollere Weise als andere ihre Krise überwunden hatten, obwohl ihre sogenannten ‚Schutzfaktoren‘ nur schwach ausgeprägt waren. Mit ihnen zeigte sich, dass der eigentliche Schutzfaktor in der ‚Trotzmacht des Geistes‘ [Frankl] liegt. Und diese lässt sich nun einmal weder messen noch ersetzen durch die anderen, in der wissenschaftlichen Welt zusammengestellten Resilienzfaktoren. [In der KrisenPraxis finden Sie dazu unter dem Stichwort ‚Resilienz‘ weitere Hinweise].

Dazu passt auch dieser Hinweis: 2004 erschienen in der Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie Ergebnisse einer Studie aus Jena, mit der die teststatistische Überprüfung und Validierung einer deutschsprachigen Version der Resilienzskala angestrebt wurde.

http://www.mentalhealthpromotion.net/resources/resilienzskala2.pdf [Manuskriptfassung]

Eine wesentliche Aussage aus der Studie:
„Dabei wird Resilienz von uns als ein Persönlichkeitsmerkmal betrachtet, das prinzipiell über eine Selbstbeurteilungsskala operationalisierbar ist.“

Wir fragen: Wenn die Grundlage eine Selbstbeurteilung ist, wie greifen dann die Resilienzmessungen den Faktor ‚Fähigkeit zur Selbstbeurteilung‘ auf? Mit anderen Worten: Ein Mensch muss in der Lage sein, sich  selbst [besser: sein Selbst] zu beurteilen, und dies setzt ein entwickeltes Maß an nachweisbarer Reflexivität voraus. Mir ist jedoch kein Verfahren bekannt, dass im Vorfeld einer wissenschaftlichen Betrachtung von Resilienz eine Analyse individueller Reflexivität vorgenommen hätte. Wenn das so ist, dann ist nicht auszuschließen, dass Menschen auf einer oberflächlichen Beobachtung ihrer Einstellungen und Verhaltensmuster, auf einer unhinterfragten und damit möglicherweise schöngefärbten Bewertung zum Beispiel ihrer sozialen Beziehungen Resilienztests bearbeiten, die ihnen dann etwas vorgaukeln, was im Ernstfall nicht standhält.

Wenn Sie also Langeweile haben, dann ackern Sie sich ruhig durch die Fragen. Die Antworten jedoch werden an der Realität zerschellen. Nutzen Sie lieber Ihre Zeit zur Selbst-Aufklärung, denn das ist klar: Je besser sie sich selbst kennen, desto besser werden Sie zum Beispiel einschätzen können, ob Sie bei einer eintretenden Krise versuchen, allein oder mit externer Unterstützung ihr selbst entgegenzuwirken.

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – Fallbeispiel

Gisbert W. ist 52 Jahre alt und Inhaber eines Mittelstandsunternehmens mit einer 490-köpfigen Belegschaft. Seine Frau arbeitet teilzeitig im Unternehmen in der Finanzbuchhaltung und erkrankt durch einen Schlaganfall derart schwer, dass sie nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren kann und die Ärzte einen dauerhaften Pflegefall voraussehen. Frau W. kann sich nicht mehr sprachlich äußern, vermag jedoch Hinweise zu geben, dass sie ihr Umfeld noch deutlich wahrnimmt. Anders als auf den ersten Blick vielleicht zu vermuten, kommt W. jedoch nicht wegen der schwierig zu bewältigenden Situation im Unternehmen in die Therapie, auch nicht die jäh veränderte Lebenssituation mit seiner Frau ist für ihn vorrangig. Gisbert W. hat das Problem, dass seine drei mehr oder minder pubertierenden Kinder von der Mutter erzogen wurden und er sich nun sorge, ob die drei ihren Halt verlieren und womöglich in ein Umfeld geraten, in dem sie einen Ausgleich für die entstandene Belastung suchen. Herr W. malt ein Bild aus Drogen und Kriminalität und damit aus Angst und Misstrauen – die Psyche formt die Angst und der Zugang zum Geist ist blockiert.

Als Gisbert W. mit seinen drei Kindern in der Sitzung erscheint und noch einmal beschreibt, wie er die Veränderungen, den großen Verzicht, seinen Verdruss und seine Last erlebt und welche Sorgen ihn lähmen, fragt eines der Kinder, was denn das Bestmögliche für die Mutter sei? Die sich entwickelnde Sammlung und die mit ihr verbundenen sinnvollen Handlungen zeigen den Sinnanruf deutlich auf, den die Kinder und ihr Vater achtsam vernommen haben.

Durch die Bewusstmachung des Sinnhaften nach einem Ereignis mit Einwirkung auf die Psyche und dem möglichen Verlust von Gelassenheit und Selbststeuerung – zum Beispiel durch einen entsprechend fokussierenden Therapie-Prozess – vermag der Mensch in einem belastenden Ereignis „zurückzuspringen“ in einen Zustand, der ein gelingendes (Weiter-) Leben erlaubt.

Das Bestreben, diesen Verlust nicht zu realisieren, wird im Folgenden in Anlehnung an die von Viktor Frankl beschriebene „Trotzmacht des Geistes“ der ‚1. Grad Trotzmacht‘ genannt. Diese ist der eigentliche Schutzfaktor. Er findet sich nicht ursprünglich in Form physischer Stärke oder Fitness und auch nicht in Form psychodynamischen Erlebens und Verhaltens. Die Heimat der Trotzmacht ist das Geistige. Erst mit dem Einbezug der geistigen Dimension erhält der Mensch die Gelegenheit, sich so oder anders den aktuellen psychophysischen Bedingungen zu stellen. Zeigt der Mensch in existenziell belastender Situation seinen (Über-) Lebenswillen und strebt er nach sinnerfülltem gelingenden Leben, so ist die Quelle dieses Sinnstrebens der menschliche Geist.

Lothar T. wurde vor drei Jahren arbeitslos. Als erfahrener Ingenieur traf ihn die Finanzkrise wie ein Hammerschlag, seine aus Scham und Stolz unterlassenen Hilfsgesuche und das Gefühl, dass ihn sein privates Umfeld zunehmend ausgrenzte, führte anfangs zu einem Aufbegehren gegen die Situation. Als es ihm misslang, neu beruflich Fuß zu fassen und er sich sein Leben mit Alkohol meinte erträglicher gestalten zu müssen, führte dies schnurstracks in eine weithin bekannte Teufelsspirale. Jedoch, ein Freund, der ihm in einem vertrauten und ruhigen Gespräch ausmalte, sich als „Mensch mit 1.000 Talenten und zehn Flaschen Schnaps wohl von der Erde zu verabschieden“ sorgte dafür, dass Lothar T. seinen per se verfügbaren, jedoch durch psychische Fehlhaltungen versteckten ‚2. Grad Trotzmacht‘, – das „Aufbäumen“ – aktivierte. In der Therapie meinte T. dann auch nachvollziehbar, er habe seine Sinnsuche nur auf den Feldern seines Lebensschachbrettes vorgenommen, wo seine Figuren schon standen, nun wäre er bereit für einen neuen, ihm noch unbekannten Lebensentwurf.

Auch in diesem Fall sei betont: Die Resilienz als „Existenzial“ war auch bei diesem Klienten bereits gegeben. Sie ist weit mehr als eine „Ressource“, deren Aufzehrung dazu führen kann, dass der Mensch immer mehr Anstrengungen unternimmt, um in immer kürzerer Zeit den „leeren Akku“ wieder aufzutanken. Sie ist Bewusstheit für das Wesentliche und Sinnerfüllende. Damit jedoch für Lothar T. das „Aufbäumen“ gelingen kann, braucht er einen „Baum“ – einen „Baum der Selbsterkenntnis“ –, dessen Wurzelwerk sein Wertesystem repräsentiert und ihm anzeigt, was ihm zum Beispiel jenseits guter Beziehungen zu anderen Menschen oder vergangener Erfolge selbst in seiner so haltlos erscheinenden Situation Halt gibt.

Erleben wir Menschen, die dieses Aufbäumen vermissen lassen und Signale der „Selbst-Aufgabe“ senden, arbeiten wir mit ihnen konsequent resilienzbasiert und wertezentriert, indem wir mit Verfahren und Reflexionen wie der Werteaufstellung, der Werteanalyse mittels „LebensWerte-Karten“, der Sinnbiographie, der Messung der Bewusstheitsebenen oder der Analyse des „sozialen Atoms“ herausarbeiten, worin bisherige Sinnbeiträge bestanden und wie das „Zurückspringen“ nach Misserfolgen, Trennungen, Verlusten oder anderem in der Vergangenheit vollzogen wurde. Auch schauen wir, in welcher Weise die Person Aspekte seiner Psyche (zum Beispiel: Affekte, Stimmungen, Denkprozesse und anderes) steuert, wie er Humor zeigt, welche Formen der Selbstvergessenheit zum Wohle eines höheren Wertes die Person erwähnt, wovon er träumt, was ihn staunen lässt. Nach dieser, so kurz wie möglich gehaltenen Phase wird die Person bei zeitlich eng getakteter Begleitung darin unterstützt, einen mit ihm und für ihn stimmigen Lebensentwurf zu entwickeln, (s)eine neue „Schicksalsmelodie“ zu komponieren.

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 4

In Therapie und Coaching hilft uns dies weiter, wenn wir einen belasteten Menschen jenseits bereits vollzogener oder angedachter, jedoch mit „seiner Selbst“ (noch) nicht im Einklang stehenden Handlungen, zu einer für ihn wirklich sinnerfüllten Entlastung führen. Denn unsere zentrale Arbeitshypothese lautet in diesem Kontext: Die Person ist bereit, sich auf einen ihm Sinn gebenden Lebensentwurf einzulassen – seine Resilienz besteht darin, bislang eine grundsätzlich bejahende Antwort auf sein Leben gegeben zu haben. Die Folge dieser Hypothese ist, mit der Person nicht das ihn aktuelle Verstörende, Traumatisierende, stark Belastende in den Mittelpunkt der Arbeit zu rücken, sondern die Klärung der „Kultur seines Bewusstseins und seiner Bewusstheit“ anzugehen.

Einen zentralen Platz nimmt dabei sein „Sinn-Organ“ ein, das „Gewissen“. Es unterstützt dabei, das einer jeden Situation innewohnende Sinnhafte zu erspüren. In einer Krisen- und Belastungssituation sich von der Stimme des Gewissens tragen zu lassen und Sinnvolles zu tun oder etwas sinnvoll zu unterlassen, verstehen wir „als die Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren“ [Frankl]. Neben dem Bewusstsein, das das Seiende und Wirkliche erkennt, erkundet das Gewissen das Seinsollende, das erst noch zu verwirklichen ist. Das Gewissen zeigt also die Möglichkeiten auf, die auf Verwirklichung warten. Es ist die „Resilienzstruktur“, auf die der Mensch „wieder hin zu springen“ (re-salio) befähigt ist und die eine zutiefst und einzig humane Eigenschaft anzeigt, insbesondere in Situationen, die sich durch Diffusität, Unberechenbarkeit und persönlicher Erschütterung auszeichnen. Ist das Sinnorgan untrainiert, so kann der Mensch den Sinn verfehlen, er kann sich „verirren“.

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 3

Betrachten wir die Liste der „Schutzfaktoren“, deren Vorhandensein Resilienz entwickeln helfen soll, so könnten wir schnell zur Annahme kommen, dass sich Menschen deshalb in einer Krise befinden, weil sie eben derart ungeschützt im Leben stehen – von einem positiven Lebensmodell ist wenig zu hören, gute Beziehungen zu Vertrauenspersonen sind rar, der Glaube an die eigene Kraft ist einer lethargischen Grundhaltung gewichen und so weiter.

Was ändert sich aber, wenn wir als sinnzentrierte Berater die individuelle Resilienz nicht in Frage stellen, sondern im Gegenteil als Existenzial, also als jedem Menschen per se gegebene Grund-eigenschaft, festschreiben. Was ist, wenn wir dieses Menschenbild pflegen und auf dieser Basis mit unseren Mitteln einem Krisenbetroffenen helfen, sich auf den aktuell gegebenen Sinn im Leben zu zentrieren?

Ein solches Menschenbild sieht den Menschen als grundsätzlich ausgestattet an, um den Widrigkeiten seines Lebens zu trotzen. Diese Arbeitshaltung bedeutet nicht nur für einen Therapeuten oder Coach, sondern auch für den betroffenen Menschen eine interessante Herausforderung: Oftmals hören wir, dass eine massive Belastungssituation doch eine Reaktion wie Depressivität, Resignation, Antriebsverlust, Gefühllosigkeit oder anderes erzeugen müsse, eine psychische Störung doch „normal“ sei. Erwidern wir, dass es vom konkreten Menschen abhängt, ob dieser sich von den Geschehnissen um ihn herum überhaupt belasten lässt – letzten Endes individuelles Verhalten nicht durch die Bedingungen diktiert wird, die der Mensch antrifft, sondern von den Entscheidungen, die er trifft – so erleben sich in diesem Diskurs unsere Gesprächspartner auf unerwartete Weise geistig mündig und in ihrem freien Willen und ihrer Verantwortlichkeit ernstgenommen.

Trotz und wegen widriger äußerer Umstände die Bedingtheiten in die eigene Hand zu nehmen und über sich hinauszuwachsen, sehen wir als Urgrund menschlicher Resilienz an. Wir stützen uns damit auf die von Viktor Frankl begründete Sinntheorie. In ihr spielt die geistige Dimension eine überragende Rolle, die es dem Menschen ermöglicht, sich dem Sinn im Hier und Jetzt gegenüber auszurichten.

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 2

Im Zeitverlauf hat der Resilienz-Begriff unterschiedliche Fokussierungen erlebt. Während Jeanne und Jack Block, die den Begriff Resilienz in den 50er-Jahren unter dem Stichwort Ego-Resilience einführten, ein Persönlichkeitsmerkmal auszumachen meinten, das sich aus dem multifaktoriellen Zusammenspiel von genetischen, biologischen und sozialen Bedingtheiten und Einflüssen entwickelt, sieht Corina Wustmann eher eine im Stresskontext gegebene Kompetenz im Spiel, wenn sie meint, Resilienz sei „die Fähigkeit einer Person oder eines sozialen Systems, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umzugehen.“ Und Pauline Boss ergänzt, „Stress bedeutet, dass die Brücke unter einem gewissen Druck steht; Spannung bedeutet, dass die Brücke schwankt, aber hält; Krise bedeutet, dass die Brücke einstürzt; und Resilienz bedeutet, dass sich die Brücke unter dem auf sie ausgeübten Druck biegt, diesen Druck aber absorbieren kann, ohne dadurch Schaden zu nehmen.“

Dass all diese Definitionen Einende, ist ihre rückwärtsgerichtete Perspektive. Gerät ein Mensch in eine Überlast, so mag im Verlauf der Entlastungsarbeit zwar trefflich analysiert werden, dass der Grad an Resilienz diesen Anforderungen womöglich nicht entsprach. Entweder war dann die Bewältigungsstrategie des Klienten unzureichend oder sein Ressourcen-Set nicht optimal eingestellt. Oder es waren halt multifaktorielle Bedingtheiten, die sich zu einer veritablen Krise auswuchsen und von der Person nicht mehr gehandhabt werden konnten: Resilienz als prozessualer Vorgang oder als skalierbarer Gradmesser für die Robustheit in Belastungssituationen?

Aus der Sicht eines sinnzentriert arbeitenden Therapeuten und Coachs frage ich mich: Wie und woraufhin arbeite ich mit einem Menschen, wenn es um Resilienz geht?
Reichen die von Rosemarie Welter-Enderlin genannten Schutzfaktoren aus, um einen Menschen in seiner Widerstandskraft derart zu stärken, dass die nächste Belastungssituation geschmeidig gemeistert werden kann?

Schutzfaktoren zur Entwicklung von Resilienz (nach: Welter-Enderlin)

  • Positive Lebensmodelle (Vorbilder)
  • Entwicklung von guten Beziehungen zu Vertrauenspersonen
  • Entwicklung von Eigenverantwortlichkeit
  • Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit angelegt sind
  • Glaube an die eigene Kraft, der es ermöglicht, Schwierigkeiten anzupacken, Überwindung der Tendenz, sich als Opfer zu fühlen
  • Entwurf realistischer Ziele im Rahmen einer Langzeitperspektive, gut für sich selbst zu sorgen
  • Mit Mut auf belastende Situationen zu reagieren

 

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 1

„Ich hätte auch gern ein dickeres Fell.“ „Gegen solche Situationen gibt es ja keine Spritze.“ „Andere nehmen sich so etwas nicht so zu Herzen wie ich.“ „Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren kann.“ Wer so spricht, ist meist überraschend getroffen worden. Und auf dem Weg, der Lage Frau oder Herr zu werden, erkennt man: Es fehlt an etwas Wesentlichem.

Georgie Parker ist ein stattlicher Mann und Besitzer eines schmucken Nachtclubs. Jeden Tag brummt das Geschäft, auch dank seines Mitarbeiters Joe, der ganz wunderbar mit rauchig-knorriger Stimme neben Bass und Alt-Sax seine düsteren Balladen singt. Eines Tages flattert ein Angebot in die Garderobe von Joe – eine stadtbekannte Adresse will ihn abwerben. Als Joe seinen Chef informiert, bemerkt er zwar dessen Gesichtsentgleisung, ahnt aber nicht, dass dies für Parker „Krieg“ bedeutet. Und diesem Krieg fällt Joe fast zum Opfer. Schwer angeschlagen, ist Joe nicht mehr in der Lage, seiner musikalischen Berufung nachzugehen. Er ist fertig. Verzweifelt versucht er, auf die Beine zu kommen, doch es gelingt ihm nicht. Er sucht eine Wendepunkt-Hilfe. In der Akutintervention erarbeitet er sich einen neuen Weg möglicher persönlicher Entfaltung – auf diesem Weg erkennt er zwar, dass er „überleben“ kann, vermisst jedoch die erfüllende Befriedigung in dem, was er tut. Joe verzweifelt, greift zur Flasche, verliert dadurch wichtige Beziehungen, besinnt sich, will wieder anknüpfen und erfährt Abweisungen, auch von ehemals „guten Freunden“. Die Lage ist entsetzlich, und Joe trifft einen Entschluss …

Der Film „Schicksalsmelodie“ mit Frank Sinatra als „Joe“ aus dem Jahr 1957 zeigt die Phasen

  • Zufriedenheit
  • Ereignis mit Einwirkung auf die Psyche und möglicher Verlust von Gelassenheit und Selbststeuerung
  • missglückte Ausgleichsanstrengungen und zunehmende Eskalation
  • Teufelskreis und Griff nach jedem Strohhalm
  • Verlust nahezu jeglicher Widerstandskraft
  • Entscheid: Aufbäumen oder Untergang

Die Dramaturgie des Films und vielleicht jedes Lebens kommt dann zum Spannungshöhepunkt, wenn die Frage im Raum steht: Wie stellt sich der Mensch kritischen Situationen? Biegt er „nur“ oder bricht er unter seiner Situation? Rosemarie Welter-Enderlin skizziert mit diesem Bild den derzeit viel beachteten Begriff der Resilienz: „Resilienz hat mit der Fähigkeit zu tun, sich von Schwierigkeiten zwar beeinträchtigen, aber nicht zerstören zu lassen“.

Resilienz-Verständnis aus sinnzentrierter Perspektive, oder: Warum jeder Mensch über eine grundsätzliche Resilienz verfügt

Georgie Parker ist ein stattlicher Mann und Besitzer eines schmucken Nachtclubs. Jeden Tag brummt das Geschäft, auch dank seines Mitarbeiters Joe, der ganz wunderbar mit rauchig-knorriger Stimme neben Bass und Alt-Sax seine düsteren Balladen singt. Eines Tages flattert ein Angebot in die Garderobe von Joe – eine stadtbekannte Adresse will ihn abwerben. Als Joe seinen Chef informiert, bemerkt er zwar dessen Gesichtsentgleisung, ahnt aber nicht, dass dies für Parker „Krieg“ bedeutet. Und diesem Krieg fällt Joe fast zum Opfer. Schwer angeschlagen, ist Joe nicht mehr in der Lage, seiner musikalischen Berufung nachzugehen. Er ist fertig. Verzweifelt versucht er, auf die Beine zu kommen, doch es gelingt ihm nicht. Er sucht eine Wendepunkt-Hilfe. In der Akutintervention erarbeitet er sich einen neuen Weg möglicher persönlicher Entfaltung – auf diesem Weg erkennt er zwar, dass er „überleben“ kann, vermisst jedoch die erfüllende Befriedigung in dem, was er tut. Joe verzweifelt, greift zur Flasche, verliert dadurch wichtige Beziehungen, besinnt sich, will wieder anknüpfen und erfährt Abweisungen, auch von ehemals „guten Freunden“. Die Lage ist entsetzlich, und Joe trifft einen Entschluss …

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