Schlagwort-Archiv: Scheler

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 10

Einheit von Leib und Seele

„Ein und dasselbe Leben ist es, das in seinem Innesein psychisch, in seinem Sein für andere leibliche Formgestaltung besitzt. Der physiologische und der psychische Lebensprozess sind ontologisch streng identisch. Sie sind nur phänomenal verschieden – aber auch phänomenal streng identisch in den Strukturgesetzen und in der Rhythmik ihres Ablaufs.“

„Wenn wir Psychisches und Physiologisches nur als zwei Seiten ein und desselben Lebensvorgangs nehmen, denen zwei Betrachtungsweisen desselben Vorgangs entsprechen, dann muss das X, das eben diese beiden Betrachtungsweisen selbst vollzieht, dem Gegensatz von Leib und Seele überlegen sein. Dieses X ist nichts anderes als der selbst nie gegenständlich werdende, alles vergegenständlichende Geist. So wesensverschieden aber auch ,Leben‘ und ,Geist‘ sind, so sind doch beide Prinzipien im Menschen aufeinander angewiesen: der Geist ideiert das Leben. Den Geist aber in Tätigkeit zu sehen und zu verwirklichen: das vermag das Leben allein.“

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 9

„Der Mensch ist das Lebewesen, das kraft seines Geistes sich zu seinem Leben prinzipiell asketisch – die eigenen Triebimpulse unterdrückend und verdrängend – verhalten kann. Mit dem Tier verglichen, das immer ,Ja‘ zum Wirklichsein sagt – auch da noch, wo es verabscheut und flieht -, ist der Mensch der ‚Neinsagenkönner‘, der ewige Protestant gegen aIle bloße Wirklichkeit.“

„Nach meiner Überzeugung ist durch jene negative Tätigkeit, jenes ,Nein‘ zur Wirklichkeit, jene Abstellung, Inaktivierung der Wirklichkeit und Bild gebenden Triebzentren keineswegs das Sein des Geistes, sondern gleichsam nur seine Belieferung mit Energie und damit seine Manifestationsfähigkeit bedingt. Als solcher ist der Geist in seiner ,reinen‘ Form ursprünglich ohne alle ‚Macht‘, ‚Kraft‘, ‚Tätigkeit‘. Um irgendeinen noch so kleinen Grad von Kraft und Tätigkeit zu gewinnen, muss jene Askese, jene Triebverdrängung und gleichzeitige Sublimierung hinzukommen.“

„Eben der Geist ist es, der bereits die Triebverdrängung einleitet, indem der idee- und wertgeleitete geistige ,Wille‘ den widerstreitenden Impulsen des Trieblebens die zu einer Triebhandlung notwendigen Vorstellungen versagt, um die Triebimpulse so zu koordinieren, dass sie das geistgesetzte Willenprojekt ausführen, in Wirklichkeit überführen. Diesen Grundvorgang nennen wir ‚Lenkunq‘, die in einem ,Hemmen‘ und ,Enthemmen‘ von Triebimpulsen durch den geistigen Willen besteht. Was aber der Geist nicht vermag, ist dies: selbst irgendwelche Triebenergie erzeugen oder aufheben, vergrößern oder verkleinern.“

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 8

Wesensmerkmale des Menschen: Gegenstandsunfähigkeit

„Der Mensch allein – sofern er Person ist – vermag sich über sich emporzuschwingen und von einem Zentrum gleichsam jenseits der raumzeitlichen Welt aus alles, darunter auch sich selbst, zum Gegenstand seiner Erkenntnis zu machen.“

„Der Geist ist das einzige Sein, das selbst gegenstandsunfähig ist – er ist reine, pure Aktualität, hat sein Sein nur im freien Vollzug seiner Akte. Das Zentrum des Geistes, die ,Person‘, ist also weder gegenständliches noch dingliches Sein, sondern nur ein stetig selbst sich vollziehendes [wesenhaft bestimmtes] Ordnungsgefüge von Akten. Die Person ist nur in ihren Akten und durch sie.“

Alles Seelische ist gegenstandsfähig – nicht aber der Geistesakt, die Intentio, das die seelischen Vorgänge selbst noch Schauende. Zum Sein unserer Person können wir nur sammeln, zu ihm hin uns konzentrieren – nicht aber es objektivieren. Auch fremde Personen sind als Personen nicht gegenstandsfähig.“

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 7

Wesensmerkmal des Menschen: Selbstbewusstsein / Selbstbewusstwerden

„Der geistige Akt, wie ihn der Mensch vollziehen kann, ist im Gegensatz zu der einfachen Rückmeldung des tierischen Leibschemas und seiner Inhalte wesensgebunden an eine zweite Dimension und Stufe des Reflexaktes. Wir wollen diesen Akt ,Sammlung‘ nennen und ihn und sein Ziel zusammenfassend ‚Selbstbewusstsein‘ nennen.

Das Tier hat Bewusstsein, im Unterschied von der Pflanze, aber es hat kein Selbstbewusstsein. Es besitzt sich nicht, ist seiner nicht mächtig – und deshalb auch nicht bewusst. Mit diesem Selbstbewusstwerden, dieser neuen Zurückbeugung und Zentrierung seiner Existenz, die der Geist möglich macht, ist das zweite Wesensmerkmal des Menschen gegeben.“

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Max Scheler – und seine Kritik an der ‚Dualismus-Idee‘ des Rene Descartes

„Für die Neuzeit hat die klassische Theorie des Menschen ihre wirksamste Form gefunden in der Lehre des Descartes. Dadurch, dass dieser alle Substanzen in ,denkende‘ oder ,ausgedehnte‘ einteilte und lehrte, dass der Mensch allein aus diesen beiden in Wechselwirkung stehenden Substanzen besteht, hat Descartes in das abendländische Bewusstsein ein ganzes Heer von Irrtümern schwerster Art eingeführt.“

„Im äußersten Gegensatz dürfen wir sagen: Der physiologische und der psychologische Lebensprozess sind ontologisch streng identisch. Sie sind nur phänomenal verschieden – aber auch phänomenal streng identisch in den Strukturgesetzen und in der Rhythmik ihres Ablaufs. Die Kluft, die Descartes durch seinen Dualismus von Ausdehnung und Bewusstsein als Substanzen, zwischen Körper und Seele aufgerichtet hatte, hat sich heute fast bis zur Greifbarkeit der Einheit des Lebens geschlossen.“

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 6

Wesensmerkmal des Menschen: Existentielle Entbundenheit

„Stellen wir hier an die Spitze des Geistbegriffs seine besondere Wissensfunktion, dann ist die Grundbestimmung eines geistigen Wesens seine existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, Ablösbarkeit von dem Druck, von der Abhängigkeit vom Organischen, vom ,Leben‘ und allem, was zum Leben gehört – also auch von seiner eigenen triebhaften ,Intelligenz‘.

Ein ,geistiges‘ Wesen ist also nicht mehr trieb- und umweltgebunden, sondern ,umweltfrei‘ und ,weltoffen‘. Ein solches Wesen hat ‚Welt‘. Ein solches Wesen vermag ferner die auch ihm ursprünglich gegebenen ,Widerstands‘- und Reaktionszentren seiner Umwelt, die das Tier allein hat und in die es ekstatisch aufgeht, zu ,Gegenständen‘ zu erheben und das Sosein dieser Gegenstände prinzipiell selbst zu erfassen, ohne die Beschränkung, die diese Gegenstandswelt oder ihre Gegebenheit durch das vitale Triebsystem und die ihm vorgelagerten Sinnesfunktionen und Sinnesorgane erfährt.“

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 5

„Das Wesen des Menschen und das, was man seine ,Sonderstellung‘ nennen kann, steht hoch über dem, was man Intelligenz und Wahlfähigkeit nennt, und würde auch nicht erreicht, wenn man sich diese Intelligenz und Wahlfähigkeit quantitativ beliebig, ja ins Unendliche gesteigert vorstellte. Aber auch das wäre verfehlt, wenn man sich das Neue, das den Menschen zum Menschen macht, nur dächte als eine zu den psychischen Stufen noch hinzukommende neue Wesensstufe psychischer Funktionen und Fähigkeiten, die zu erkennen in der Kompetenz der Psychologie und Biologie Iäge.“

„Das neue Prinzip steht außerhalb all dessen, was wir ,Leben‘ im weitesten Sinne nennen können, Das, was den Menschen allein zum ,Menschen‘ macht, ist nicht eine neue Stufe des Lebens, sondern es ist ein allem und jedem Leben überhaupt, auch dem Leben im Menschen entgegengesetztes Prinzip.“ […. und dieses Prinzip lautet, dass der Sinn, nach dem ein Mensch im Leben strebt, nicht in ihm, sondern außerhalb von ihm zu finden ist. Damit einem Menschen es möglich wird, den außer ihm liegenden Sinn zu finden, muss er die Veränderung vom Menschen zur Person vollziehen.]

Der Begriff ,Person‘

Das Aktzentrum aber, in dem Geist innerhalb endlicher Seinssphären erscheint, bezeichnen wir als ‚Person‘, in scharfem Unterschied zu allen funktionellen Lebenszentren, die nach innen betrachtet auch ,seelische‘ Zentren heißen.“ Über ‚Geist‘ verfügt nur der Mensch als Person, erst er begründet seine ‚Sonderstellung‘.

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 4

„Unter den zwei Verhaltensweisen, die beide ursprünglich aus dem instinktiven Verhalten hervorgehen, das ‚gewohnheitsmäßige‘ und das ,intelligente‘ Verhalten, stellt das ‚gewohnheitsmäßige‘ die dritte psychische Form dar. Der Inbegriff der Tatsachen, der Assoziation, Reproduktion, des bedingten Reflexes, d.h. jene Fähigkeit, die wir als ‚assoziatives Gedächtnis‘ bezeichnen.“

Assoziatives Gedächtnis ist „in irgendeinem Grad bereits bei allen Tieren tätig.Eng verbindet sich das Prinzip des assoziativen Gedächtnis vom ersten Augenblick seines Auftretens an mit der Handlungs- und Bewegungsnachahmung auf Grund des Affektausdrucks und der Signale des Artgenossen. ,Nachahmung‘ und ,Kopieren‘ sind nur Spezialisierungen jenes Wiederholungstriebes, angewandt auf fremdes Verhalten und Erleben, der zunächst eigenen Verhaltensweisen und Erlebnissen gegenüber tätig ist und sozusagen den Dampf alles reproduktiven Gedächtnisses darstellt. Durch die Verknüpfung beider Erscheinungen bildet sich erst die wichtige Tatsache der ‚Tradition‘.

„Das Prinzip der Assoziation ist im Verhältnis zur praktischen Intelligenz noch ein relatives Prinzip der Starrheit und Gewohnheit. So ist es im Verhältnis zum Instinkt also bereits ein mächtiges Werkzeug der Befreiung.“ [Anmerkung: Und damit wird Assoziation zu einem zentralen Aspekt auch in der Bewältigung von Krisensituationen. Krisenbegleiter sind damit immer auch ein Stück ‚Assoziationsermöglicher‘]

„Wo immer die Natur diese neue psychische Form des assoziativen Gedächtnisses aus sich hervorgehen ließ, hat sie zugleich das Korrektiv für ihre Gefahren schon in die ersten Anlagen dieser Fähigkeiten mit hineingelegt. Dieses Korrektiv ist nichts anderes als die prinzipiell noch organisch gebundene praktische Intelligenz, wie wir sie nennen wollen – die vierte Wesensform des psychischen Lebens. Eng mit ihr einher geht die, ebenso noch organisch gebundene Wahlfähigkeit und Wahlhandlung.“

Bezug zur Krise:
„Ein Lebewesen verhält sich ,intelligent‘, wenn es ohne Probierversuche ein ’sinngemäßes Verhalten‘ neuen, weder art- noch individualtypischen Situationen gegenüber vollzieht, und zwar plötzlich und vor allem unabhängig von der Anzahl der vorher gemachten Versuche, eine triebhaft bestimmte Aufgabe zu lösen.“ [Mit anderen Worten: Sinnhaftigkeit geht stets vor Triebhaftigkeit, wenn es um die Überwindung von Krisen geht.]

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 3

Als die zweite seelische Wesensform, die dem undifferenzierten ekstatischen Gefühlsdrang in der objektiven Stufenfolge des seelischen Lebens folgt, haben wir das anzusehen, was wir als ,Instinkt‘ bezeichnen. In diesem Sinne nennen wir ,instinktiv‘ ein Verhalten, das folgende Merkmale besitzt:

Es muss erstens sinngemäß sein, d.h. so sein, dass es für das Ganze des Lebensträgers selbst, seine Ernährung sowie Fortpflanzung, oder das Ganze anderer Lebensträger (d.h. eigendienlich oder fremddienlich) zweckhaft ist.
Und es muss zweitens nach einem festen, unveränderlichen Rhythmus ablaufen.“

Über Instinkt verfügen Tiere, nicht aber Pflanzen.Im Verhältnis zum Gefühlsdrang ist der Instinkt bereits zwar auf artmäßig häufig wiederkehrend, aber doch spezifische – inhaltlich verschiedene, daher nicht ohne Wahrnehmung gegebene – Bestandteile der Umwelt gerichtet. Er stellt als solcher eine zunehmende Spezialisierung des Gefühlsdrangs und seiner Qualitäten dar.“

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 2

„Die Grenze des Psychischen fällt mit der Grenze des Lebendigen zusammen. Neben den objektiven Eigenschaften der Dinge, die wir ,lebendig‘ nennen, wie Selbstbewegung, Selbstformung, Selbstdifferenzierung, Selbstbegrenzung in zeitlicher und räumlicher Hinsicht, ist die Tatsache, dass Lebewesen nicht nur Gegenstände für äußere Beobachter sind, sondern auch ein Fürsich- und Innensein besitzen, in dem sie sich seIber inne werden, ein für sie wesentliches Merkmal. Es ist die psychische Seite der Selbstständigkeit, Selbstbewegung etc. des Lebewesens überhaupt – das psychische Urphänomen des Lebens.“

Die Stufenfolge der psychischen Kräfte:
– Gefühlsdrang
– Instinkt
– Assoziatives Gedächtnis
– Praktische Intelligenz

Die unterste Stufe des Psychischen – zugleich der Dampf, der bis in die lichtesten Höhen geistiger Tätigkeit alles treibt, auch noch den reinsten Denkakten und zartesten Akten lichter Güte die Tätigkeitsenergie liefert – bildet der bewusstlose, empfindungs- und vorstellungslose ,Gefühlsdrang‘. Objektlose Lust und ein objektsloses Leiden sind seine zwei Zuständlichkeiten.
Über „Gefühlsdrang“ verfügen schon Pflanzen.‘

Der Gefühlsdrang ist auch im Menschen das Subjekt jenes primären Widerstandserlebnisses, das die Wurzel alles Habens von ‚Wirklichkeit‘ ist, insbesondere auch der Einheit und des allen vorstellenden Funktionen voranliegenden Eindrucks der Wirklichkeit.“

[wird fortgesetzt]