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Akzeptanz des Unabänderlichen

Es gibt sie: Die Unabänderlichkeiten, die erlebten Situationen, die zwar gerne verändert werden würden, für die es jedoch keine aktuell verfügbare Ressource gibt. Dennoch versuchen es Menschen immer wieder, Unmögliches möglich zu machen. Sie wollen sich nicht als Opfer erleben, nicht hilflos erscheinen – also kämpfen sie, erschöpfen sich, vergeuden womöglich die Kräfte, die ihnen für einen besseren Weg durchaus zur Verfügung stünden, und erleben sich letztlich als inkompetent. Oder sie ergreifen die Flucht durch Ignoranz oder Leugnung, ohne sich dadurch in die Lage zu versetzen, einen Lernprozess ‚hin zum Sinn‘ zu eröffnen. Anstelle dessen, setzen sie sich Ziele, die aber mit den begrenzten Kräften und der beeinträchtigten Lebensfreude auch nicht erreicht werden können. Die Wirkung ist vergleichbar: Erst geflüchtet, dann gescheitert.

Gibt es andere Möglichkeiten? Ein bewährter und gangbarer Weg ist es, zuerst einmal das zu würdigen, was anfangs erreicht, bewirkt oder gestaltet werden sollte. Nur, weil sich etwas als nun unabänderlich erweist, verliert der Mensch ja nicht sein früheres Bestreben, sein anfängliches Bild vom Neuen, seine Hoffnung auf einen neuen Zustand. Dann – und dies ist ebenso wichtig – gilt es, die eigenen emotionalen Reaktionen zu würdigen. Wut, Ärger, Scham, Trauer – all das sind normale Reaktionen auf das, was anders sein sollte, nun aber nicht so ist. Der dritte Schritt ist die Würdigung der Versuche, die unternommen wurden – auch, wenn sie womöglich mehr geschadet oder Energie gekostet haben als vorausgesehen. Und schließlich ist auch das Hin- und Hergerissenheitsgefühl zu würdigen, das ein Mensch hat, wenn er zu entscheiden hat, eine womöglich völlig andere Richtung einzuschlagen als die einst geplante.

In der Krisenbegleitung wird ein Therapeut oder Coach gut beraten sein, einen Klienten diese Perspektiven einnehmen zu lassen – auch, wenn ihn dies aus dessen Sicht zu jemandem macht, der den Finger derart in die Wunde legt, so dass das ganze individuelle Erwartungskonstrukt ins Wanken gerät. Zu lernen, dass das Zweit- oder Dritt- oder das Viertbeste auch seine Qualitäten hat, ist für jeden Menschen eine Überwindung. Dennoch ist diese Haltung besser als die volle Verausgabung für etwas, dessen Zeit nicht gekommen ist.

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 11 [Geistmut]

Welche Merkmale zeigen Menschen auf, die mit ihrem ‚Mut zum Geist‘ beabsichtigen, einen neuen übergeordneten Sinn in ihrem Leben zu finden. Diese Liste beschreibt Beobachtungen aus einer mittlerweile über 20 Jahren dauernden Arbeit mit Menschen in Krisensituationen.

  • Bereitschaft, der inneren Stimme zu folgen und bisherige Konventionen deutlicher zu hinterfragen
  • Wille, wenige wesentliche Beiträge zu leisten, statt auf vielen [vermeintlich] wichtigen Hochzeiten zu tanzen
  • Respektvolle Hinwendung und neugierige Zuwendung zu Menschen und deren Lebenskonzepten
  • Stärkung der eigenen Trennungskompetenz, sowohl in Bezug auf die eigenen psychischen Blockaden [Selbstdistanzierung] als auch auf das Umfeld von Personen und Themen, die ihrerseits die individuelle Sinnfindung kontaminieren
  • Verankerung des Selbstverständnisses, frei zur Verantwortung und verantwortlich für die Freiheit zu sein
  • Bereitschaft, Stellung zu beziehen, von innen heraus zu wollen und in jeder Situation das Beste zu geben
  • Ablage jeglicher aus populistischen oder opportunistischen Gründen vollzogenen Selbstdeformationen
  • Ritualisierung der Frage nach dem Wozu und Wofür
  • Gewahrwerden der bestehenden Ressourcen, des individuellen Freiraums und der Dankesmöglichkeiten
  • Kräftigung der Fähigkeit zu differenzieren zwischen der Wirkung der Sinnverwirklichung [z. B. Freude] und den Wirkungen der Selbstverwirklichung [z. B. Spaß]
  • Wiederentdeckung des Urvertrauens als Basis dafür, ‚trotzdem Ja sagen zu können‘
  • Träumen, Sehnsüchten, Wünschen eine kommunikative Kontur zu geben
  • Optimismus, mit neuen Einstellungen und Handlungsweisen zukünftige Situationen besser zu bestehen
  • Beständige Weiterentwicklung der Krisenkompetenz – Aufbau der Resilienz zur Überwindung künftiger Wertverlustsituationen im Kontext von Leid, Schuld und Tod oder – im Berufleben – von Trennung, Verfehlung und Verlust
  • Würdigung der biografischen Momente tiefer Sinnerfülltheit
  • Bereitschaft zur Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit
  • Bereitschaft zur Kommunikation mit anderen Menschen über die persönlichen ‚Sinnstrebungen‘
  • Akzeptanz, mit der individuellen Transzendierung nicht einem ‚Mainstream‘ anzugehören
  • Vorausschauendes Erspüren potenzieller Erschütterungen und Beantwortung der Frage: ‚Und was mache ich dann trotzdem?‘

Ganz allgemein lassen sich überdies Merkmale wahrnehmen, die auf einen ausgeprägten Geistmut hindeuten können [wir laden Sie gerne ein, diese fraglos unvollständige Übersicht aus ihrer eigenen
Menschenkenntnis heraus weiterzuführen]:

  • vermag stets etwas Schönes, Gutes, Wahres wahrzunehmen
  • genießt Kunst, Natur, Anmutiges eines Menschen und Liebenswertes
  • schafft stets etwas in die Welt und vermag seinen Selbstwert zu kommunizieren
  • erwidert Widrigkeiten mit Worten wie ‚trotzdem‘, ‚dennoch‘, ‚doch‘, …
  • zeigt auch in schwierigsten Situationen einen tiefen Glauben ans Gelingende
  • erprobt sich in innerer Sammlung
  • zeigt sprachliche Klarheit in seinen Gedanken und in seinem Wertebezug
  • kann das ihm Wichtige von dem ihm Wesentlichen unterscheiden
  • sieht immer mehr ‚Freiraum‘ als Begrenzungen
  • äußert Sehnsüchte und Wünsche, die in ihrem Inhalt über ihn selbst hinausweisen
  • erhält sich eine Art ‚konstruktiver Naivität‘, die ihn befähigt, Dinge ‚einfach‘ zu beginnen
  • kann vermitteln, was ihn mit Freude erfüllt, wofür er dankbar ist, worum er sich ängstigt
  • merkt auf, wenn ihn seine innere Stimme zum Innehalten aufruft
  • verteidigt, woran sein Leben hängt
  • zeigt auf, wie er durch die Bewältigung von Krisensituationen gewachsen ist

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 10

Trotz einer womöglich intensiven Begleitung kann kein Therapeut garantieren, dass ein von einer Krise erschütterter Mensch die ‚Sinnbrücke‘ zügig überschreitet und damit wieder ‚ganz‘ zu sich kommt. Statt einer potenziellen Sinnverwirklichung steht dem Klienten dann zumindest der Zwischenschritt über die ‚Selbstverwirklichung‘ offen [im Sinne Maslows eine Vorstufe zur Sinnverwirklichung].

Wir verstehen unter Selbstverwirklichung einen psychischen Zustand, der für einen krisenbelasteten Menschen eine möglicherweise derart notwendige stabilisierende Funktion [zum Beispiel durch intensiven Sport, durch Urlaub, eine ‚aus Spaß‘ gebuchte Weiterbildung] ausübt, so dass auf dieser Stabilisierung aufbauend der Schritt zur Sinnfindung erst möglich wird.

Bildhaft gesprochen kann die Person im Zustand erreichter Selbstverwirklichung die Leiter zur Sinnbrücke später wieder heraufsteigen und den Weg hin zum Sinn vollenden.Das Risiko bei diesem Vorgehen liegt jedoch auch auf der Hand: Erliegt die Person den ‚Verlockungen‘ eines schnellen Erfolges, Spaßes oder Lustvollen, dann kann dies der Psyche die Oberhand verleihen und der Blick auf das Sinnerfüllende verloren gehen. Ein Beispiel hierzu wäre eine Person, deren Arbeitsplatz verloren geht und die ihr Heil im Besuch von Spielcasinos sucht. Zuerst als Ablenkung, später – nachdem sich sogar Gewinne einstellen – als neues Lebensmodell. Nachdem weitere Erfolge ausbleiben und zwischenzeitlich die Partnerschaft unter der latent entwickelten Spielsucht massiv gelitten hat, bricht das Leben der Person völlig zusammen.

Um Sinn zu finden und sich nicht von den unendlichen vermeintlich Sinnangeboten einnebeln zu lassen, die der Markt feilbietet, braucht der Mensch eine Mindestmaß dessen, was wir den ‚Mut zum Geist‘ nennen. Wir beschreiben die Merkmale des Geistmutes morgen und Sie können sich dann selbst einmal fragen, welche davon Sie entwickelt haben und warum.

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 9

Eine stets wiederkehrende Definition von Sinn ist in der Sinntheorie Frankls nicht zu finden. Im Gegenteil, Sinn wird in Form verschiedener Sinn-‚Arten‘ verwendet: Als konkreter Sinn der Situation, als Gesamtsinn eines konkreten Lebens, als Sinn des Daseins und als letzter [Über-]Sinn.

Eben dieses umfassende Sinnverständnis macht es einerseits für Therapie und Coaching so befreiend und anknüpfungsfähig für die je individuelle Situation des Patienten oder Klienten. Andererseits verliert Sinn seine umgangssprachliche Beliebigkeit in dem Moment, in dem dem Klienten bewusst wird, dass der subjektive Sinn sich nicht aus Nützlichkeitsaspekten oder seiner praktischen Anwendung allein herleitet, sondern mit Übergeordnetem, Hochwürdigem und Gewissenhaftem im Einklang stehen muss.

So offen der Sinnbegriff auch verwendet wird – beliebig ist er allemal nicht, und schon gar nicht gleichzusetzen mit ‚Zweck‘, ‚Ziel‘ oder ‚Gedanke‘.

Frankl schrieb 1946, Sinn ist der eigentliche und tiefste Beweggrund eines Menschen, zu handeln. Dieser Urgrund menschlichen Strebens und die in Frankls Satz ausgedrückte explizite ‚Nicht-Bestimmung‘ des Sinn-Begriffs könnte nun Menschen förmlich dazu verleiten, als ihren individuellen ‚Beweggrund‘ von ihnen erhoffte Gefühle, Motive oder Ziele  wie Glück, Erfolg, Macht oder Lust zu nennen. Hier jedoch wird Frankl sehr deutlich, wenn er sagt:


Aus der Perspektive eines krisenbelasteten Menschen steht die Frage im Vordergrund: Wie finde ich Sinn? Um diese Frage in einer Prozesskette vom ‚Willen zum Sinn‘ bis zur ‚Sinnverwirklichung‘ zu verankern, wird nun der Sinnfindungsprozess genauer zerlegt und erklärt.

Unser Prozessmodell besteht darin, dass die Person,
– die zum Beispiel durch einen schweren Verlust, eine persönliche Verfehlung oder eine
schmerzliche Trennung in einen Zustand des Krisenempfindens gekommen ist und als
– sinnstrebiges Wesen …
… über die Prozessschritte der Selbsterkenntnis und Selbstdistanzierung
… unter Begleitung eines sinnzentriert arbeitenden Beraters oder Therapeuten
… den Gang über die Sinnbrücke beginnt, der …
… in den Zustand der Sinnfindung mündet*,
– in dem für die Person die Wahl zwischen drei Selbsttranszendierungsoptionen besteht,
– mit jeweils der Konsequenz der individuellen Sinnverwirklichung,
– deren Wirkung als Erfüllung, Freude oder Glück empfunden wird.

Krisenpraxis - Sinnbrücke

* Oder, wenn dies [noch] nicht gelingt, der Mensch einen Prozess in Richtung Selbstverwirk-lichung anstößt und er – um im Bild zu bleiben – eine Leiter an die Sinnbrücke anlehnt und diese vor Erreichen der Sinnfindung herabsteigt, um in den Prozess der Selbstverwirklichung zu münden.

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 8

These 9: Eine Sinnerfahrung ist eine ‚Erfahrung einer Konsequenz
durch Transzendenz‘. Sie zeigt sich in der Konsequenz sinnerfüllter
Lebensmomente zum Beispiel in Form eines Gefühls von ‚Flow‘,
Glück, Lust im Sinne tiefer innerer ‚Sättigung‘, Freude oder auch
‚Frohsein im Frohsinn‘.

These 10: Man kann Sinn nicht machen. Erzeugen lassen sich
jedoch Sinngefühle, die – vorgaukelnd – denen eines Prozesses der
Selbsttranszendenz ähneln. Man spüre jedoch den Unterschied,
wenn eine Person der anderen nur deshalb sagt, dass sie sie liebt,
weil sie hofft, dass diese Person auf ähnliche Weise erwidert oder
wenn dies derart geschieht, so dass das zutiefst Innere nach außen
tönt [per-sonare – durchtönen]. Es ist zwar zu erwarten, dass sich
ein gutes Gefühl einstellt, wenn die erhoffte Erwiderung tatsächlich
erfolgt. Und ein gutes Gefühl ist allemal besser als sein Gegenteil.
In unserem Verständnis jedoch wäre das beschriebene Gefühl
das, das sich in Folge eines erreichten ‚Ziels‘ ergibt.

„Der Fragmentcharakter
des Lebens tut dem
Sinn des Lebens keinen
Abbruch.”

Viktor E. Frankl

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 7

These 7: Sinn steht immer in einer Verbindung zu einer einzigartigen
Person mit einem Willen zum Sinn, die in einer einzigartigen Situation
[zum Beispiel einer Krise] steht. Sinn findet die Person nach vollzogener
Selbstdistanzierung und einem Gang über die ‚Sinnbrücke‘ [siehe hierzu
die Beiträge in der KrisenPraxis unter diesem Stichwort].
Relevant hierbei ist, mit welcher Haltung und in welcher Einstellung die
Person über die Brücke schreitet, mit welchem ‚Mut zum Geist‘ [auch
hierzu finden sich weitere Beiträge in der KrisenPraxis] die Person
sie überquert. Die Einstellungen und Haltungen der Person werden
geprägt durch ein Wertesystem, das die Person hat. Werte werden
so im Sinne Frankls zu ‚Sinn-Universalien‘, das heißt, durch ihre
Verwirklichung wird es einem Menschen ermöglicht, Sinn in einer
Situation zu finden.

These 8: Jeder Mensch besitzt ein ihm eigenes Wertesystem. Die
situative Verwirklichung von Werten aus diesem System führt
zu einem einmaligen Prozess der Sinnfindung, zum ‚Eigensinn‘.
Dieser Eigensinn entsteht durch eine tiefe, individuelle, innere
‚Sinninstanz‘, die stets neu entscheidet, in welcher Haltung und
Einstellung eine Person über die situative Sinnbrücke geht. Diese
Sinninstanz, die Frankl sogar als ‚Sinn-Organ‘ bezeichnet, ist das
‚Gewissen‘. Gewissensbildung bedient sich dabei zweier Quellen –
zum einen aus akzeptierten, verinnerlichten Projektionen, zum Beispiel
in Form von Sollensbotschaften, die in Prozessen der Erziehung,
Sozialisation und Lernkontexten wie Moral und Sitte, Recht, Religion,
politische ‚Gesinnung‘, Führungsprinzipien u. a. vermittelt werden.
Zum anderen durch die Reflexion zutiefst persönlicher und eigenständiger
Lebenserfahrungen, beispielsweise im Kontext erlebter Krisen.

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 6

These 4: „Es gibt keine Situation, in der das Leben aufhören würde,
uns eine Sinnmöglichkeit anzubieten, und es gibt keine Person,
für die das Leben nicht eine Aufgabe bereit hielte.“ [Frankl]

These 5: Sinn geht apriori dem Wollen voraus. Der Wille als
Strebung und Drang [nach irgendetwas] kann in alle Richtungen
führen. Der Sinn als ein durch den Akt des Gewissens Gefundener
führt nur in eine. Etwas Sinnvolles zu wollen, ist etwas Einmaligeres
als etwas zu wollen.

These 6: Erschütterungen, zum Beispiel durch Krisen, haben einen
Sinn ‚an sich‘ und einen Sinn ‚für mich‘ „aber der Sinn ‚an sich‘ ist ein
Übersinn, das heißt, er geht über alles menschliche Sinnverständnis
hinaus.“[Frankl]

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 5

Was aber ist Sinn aus sinntheoretischer Sicht? Wie verstehen wir in der Logotherapie ‚Sinn‘?

These 1: Sinn ist die Aufgabe, die das Leben für mich persönlich
und gerade jetzt bereitstellt. Sinn ist also eine Aufgabe ‚für mich‘.
Zum Lösen dieser, meiner Aufgabe, muss sich mein ‚Selbst‘ bewegen.
Möglicherweise ist das, was mir bisher ‚selbst-verständlich‘
war, nicht geeignet, um die Aufgabe zu lösen, dann braucht es
‚Selbstbewegung‘.

These 2: „Die Suche nach einem Sinn an sich, der über alles
menschliche Sinnverständnis hinausgeht, wäre also entweder
offenkundiger Unsinn oder Sinnglaube. Beides hat im Rahmen einer
Wissenschaft keinen Platz. Wissenschaftlich thematisierbar ist
allein der „Sinn für mich“, also ein einmaliger, individueller
und situativer Sinn.“ [Frankl]

These 3: Vollzogene Sinnerfüllung ist unvergänglich. Nur die
Möglichkeiten zur Sinnerfüllung sind vergänglich. „Sobald sie
einmal verwirklicht worden sind, sind sie es ein- für allemal; denn
eine Möglichkeit, die wir in eine Wirklichkeit verwandelt haben,
haben wir sozusagen ins Vergangen-sein hineingerettet, wo nichts
unwiederbringlich verloren, sondern alles unverlierbar geborgen ist,
wo es aufbewahrt ist, wo es vor der Vergänglichkeit bewahrt ist. ….
Wir sehen immer nur die Stoppelfelder der Vergänglichkeit – und
übersehen die vollen Scheunen, in die wir die Ernte unseres Lebens
eingebracht haben – die Taten, die wir getan, die Werke, die wir
gewirkt, die Lieben, die wir geliebt haben, und die Leiden, die wir
mit Mut und Würde durchgestanden.“ [Frankl]

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 4

„Was wir wollen, was wir brauchen,
ist nicht nur das Geld, von dem wir
leben können, sondern in erster
Linie etwas, für das wir leben
können – etwas, was unserem
Leben Sinn gibt! Es gibt also
nicht nur einen Hunger nach Brot,
sondern auch einen Hunger nach
Sinn! Die Sinnorientierung ist
nicht nur lebenswichtig, sondern
überlebenswichtig! In jedem
Menschen steckt das alte und ewige
metaphysische Bedürfnis, sich
Rechenschaft abzulegen über den
Sinn des Daseins.”
Viktor E. Frankl

Selbstdistanzierung ist also ein zentraler Schlüssel, den Logotherapeuten in der Hand haben, um Menschen in schweren Lebenslagen eine Unterstützung zu geben, Abstand zu halten von dem, was Sinnfindung erschwert. ‚Anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen‘ – dieser Ansatz verleitet aber möglicherweise dazu, einem Menschen wohlgemeinte Sinnangebote zu unterbreiten.

Sinnzentriert ausgerichtete Therapeuten, Coachs, Berater, Führungskräfte, Eltern u. a. werden ihrem jeweiligen Gegenüber bestrebt sein, Orientierung zu geben, ohne dabei jedoch inhaltliche Vorgaben für einen Lebens-, Arbeits-, Handlungssinn o. Ä. zu machen.

Denn: Sinn kann nicht gemacht oder erfunden, sondern er muss gefunden werden. Als individuelle, subjektive, situative Größe entzieht er sich der Objektivität. Dies klingt im ersten Moment nach Beliebigkeit und Unverbindlichkeit. Wenn zudem der Frankl‘sche Auftrag klar formuliert wird: ‚Finde den Sinn‘, dann besagt dies gleichermaßen: ‚Es gibt Sinn.‘

Oftmals empfinden Menschen diesen Gedankengang als irritierend, manche klagen sich dann an, warum es ihnen nicht gelingt, den Sinn zu finden, wieder andere versuchen zu belegen, dass es ihn
nicht geben kann, schließlich habe man doch alles Erdenkliche bereits versucht. Bisweilen klingt dann die Vermutung durch, Sinn sei so etwas wie eine tief verborgene, goldene Ressource, die ihren ‚Ort‘ wie ein großes Geheimnis bewahrt. Ein ebenfalls häufig formulierter Gedanke besteht darin, dass die Frage nach dem Sinn nur dann gestellt werden müsste, wenn man wähnt, ihn verloren zu haben. Dies wiederum lässt vermuten, dass diese Menschen annehmen, sich zuvor im Klaren über den Sinn in ihrem Leben gewesen zu sein. In einer feineren Differenzierung dazu wird dann gelegentlich die Meinung geäußert, im Leben hätte es bislang immer Ziele gegeben, und dies sei doch wohl ein untrügliches Anzeichen für Sinn. Ist die aktuelle Situation nun aber geprägt durch Kraftlosigkeit, eigene Ziele zu formulieren [zum Beispiel Zustände nach Arbeitsplatzverlust] oder durch das Setzen von Zielen durch Dritte [zum Beispiel Therapieziele von Ärzten bei langwierigen Erkrankungen], dann wäre doch klar: Wo kein eigenes Ziel, da kein Sinn.

Wenn der Mensch die Krise kriegt – 3

Die Aufmerksamkeit, die auf dem eigenen ‚Miss‘-Erleben liegt, zeigt sich ohne entsprechende Intervention als recht beharrlich. Meist ist die Negativspirale ja auch verbunden mit dem, was wir ’sekundärer Krankheitsgewinn‘ nennen. Dem Menschen geht es schlecht, aber er erhält Trost von seiner Familie oder ihm werden Arbeiten, die er sonst erledigt hat, ‚zur Schonung‘ abgenommen oder er erhält besondere Aufmerksamkeit durch Menschen in seinem Bekannten- und Freundeskreis oder von Ärzten oder Therapeuten u.a.m.

Aus logotherapeutischer Sicht ist der erste wichtige Schritt: ‚Selbstdistanzierung‘, also durch die Fokussierung auf das eigentliche Thema [z.B. welchen Wert hat Arbeit] die bisherigen Muster der Selbstinfragestellung, Selbstanklage, Schuldgefühle oder Minderwertigkeitsempfindungen zu brechen. Dazu dient zuerst die ‚Erwärmung‘ der Person zum Beispiel durch das Gespräch auf Momente oder Lebensbereiche, in denen diese Muster nicht vorherrschen, auf früher überwundene Schwierigkeiten, schlummernde Kompetenzen, auf seine Werte. Erst die über diesen Weg mögliche Selbst- distanzierung bringt der Person dann nach und nach wieder den nötigen Abstand, um nach der eingetretenen Krisensituation den Prozess neuer Sinnfindung für ein ‚gelingendes Leben‘ konstruktiv gestalten zu können.