Der Krisenbegriff

Abhängig vom erkenntnisleitenden Interesse oder vom Gegenstandsgebiet des jeweiligen Autors erfuhr der Begriff Krise bereits zahllose Definitionen. Caplan  & Felix fassen eine Individualkrise auf als „eine relativ kurze Periode psychischen Ungleichgewichts in einer Person, die sich bedrohlichen Umständen gegenübersieht, welche für sie ein bedeutsames Problem bilden, dem sie zum gegebenen Zeitpunkt weder entfliehen noch mit ihren üblichen Problemlösungsmöglichkeiten begegnen kann.”

Eine Krise entsteht, „wenn ein Mensch sich auf dem Weg zu wichtigen Lebenszielen einem Hindernis gegenübersieht, das er im Augenblick mit seinen üblichen Problemlösungsmethoden nicht bewältigen kann”, meint Caplan weiter und Diebel-Braune ergänzt: „Die Krise ist ein Zustand der Überforderung des psychischen Apparates in seinen adaptiven und integrativen Funktionen – psychoanalytisch gesprochen: eine Überforderung des Ich.”

Nach von Gebsattel lässt sich ‚Krise’ auf einen alten Sanskritbegriff zurückführen, der mit dem Wort ‚reinigen’ korrespondiert und ‚Entscheidung mit ungewissem Ausgang’ meint. Das damit verbundene Chancen- wie Bedrohungsszenario greifen Reiter & Strotzka in ihrem Verständnis von Krisen auf und beschreiben sie als „zeitlich umschriebene Ereignisse von ungewissem Ausgang mit dem Charakter des Bedrohlichen, des möglichen Verlustes. Sie stellen gewohnte Wert- und Zielvorstellungen in Frage, fordern Entscheidung und Neuanpassung, können Gefühle der Hilflosigkeit erzeugen, führen vielfach zur Änderung des Verhaltens und Erlebens und bieten somit auch die Chance einer Neuorientierung.”

Dem eher sanften Hinweis darauf, dass Krisensituationen an Menschen so starke Anforderungen stellen, dass der Einzelne sein Verhalten neuen Umständen anpassen muss, steht die Perspektive entgegen, eine Krise sei eine Situation, in der das bisherige Verhalten unter Zeitdruck geändert werden muss, wenn nicht ein großer Wertverlust oder eine schwere Schädigung des Systems eintreten soll.

Auch Erik Erikson stellte fest, dass die Krise ein sensibles Stadium darstellt, in dem wichtige neue Fähigkeiten und Einsichten erworben werden müssen, in dem theoretisch mehrere [Fehl-] Entwicklungen möglich sind, worauf wiederum Caplan das ‚sensible Stadium’ wesentlich druckvoller als die Phase beschreibt, der ein Mensch sich bei der Verfolgung  lebenswichtiger Ziele Problemen gegenübersieht, bei denen die bisherigen Modalitäten der Problemlösung versagen. Weil eine derartige Situation Desorganisation bewirkt, eröffnet sie zugleich auch die Chance, neue Wege der Problembewältigung zu suchen, weshalb der Krise als Basis für heilsame Veränderungen besondere therapeutische Bedeutung zukommt.

So sieht es auch Schuchardt, die jedoch bei allem Anfang, der in einer Krise wohne, attestiert, dass die Richtung unklar bleibt, „ob ‚Aufstieg’ oder ‚Abstieg’, ‚Wende’ oder ‚Ende’, ‚Auf’- oder ‚Abbruch’, ‚Solidarität’ oder ‚Isolation’; es ist letztlich auch in die Hand jedes einzelnen Menschen gelegt, kraft seines Personseins, ausgestattet als Geschöpf mit Gaben, sein Leben selbst in die ‚Hand’ zu nehmen. Offen bleibt, wozu die Hand gebraucht wird: um mit der Hand zielorientiert die Zügel wieder selbst zu ergreifen oder um ‚Hand an sich selbst zu legen’. […] So stellt sich früher oder später jeder von Krisen – schon – Betroffene angesichts ‚Kritischer Lebensereignisse, Langfristiger Krankheiten, Beeinträchtigungen/ Behinderungen’ irgendwann einmal die Frage: ‚Warum gerade ich …?’”

Die in dieser Frage durchscheinende Hilflosigkeit sieht Meuerle dann aufkommen, wenn „die bewährten Mittel der Wirklichkeitsverdrängung und -verleugnung nicht mehr [funktionieren], weil sich die physisch wie psychisch erlebte Überbelastung in direkten Lebenskrisen, langsam sich ausdehnenden oder unvermutet plötzlichen Erschütterungen und Störungen der eigenen Alltagsbewältigung auswirken.”

Der individuell-psychische Umgang mit belastenden und bedrohlichen Lebensveränderungen, der insbesondere in der Stressforschung durch die Betrachtung der Ungleichgewichte zwischen den Anforderungen der Umwelt oder der Person und deren Reaktionskapazitäten sowie in der Resilienzforschung breiten Raum einnimmt, findet insbesondere in der Entwicklungspsychologie ein tragendes Fundament. Für Klienten in Therapie oder Coaching stehen dabei insbesondere die Veränderungsanforderungen, die sich durch wirtschaftliche, soziale, kulturelle, aber auch familiäre und privatpartnerschaftliche Wandelprozesse anzeigen, zur Diskussion. Die aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt wird als ein an individuellen Wertmaßstäben ausgerichteter Vorgang erlebt – treten hierbei ‚nicht-selbstverständliche’ Störungen auf, dann folgt, dass „jede Aufhebung einer Selbstverständlichkeit einer neuen Selbstverständlichkeit den Platz frei machen [muss], wenn die Einheit des Daseinsvollzugs gewahrt bleiben soll.”

Nicht nur akut eintretende Belastungssituationen, sondern auch das sukzessive Anwachsen zu einer Dauerbelastung durch zuweilen – von außen betrachtet – marginale Kleinprobleme kann das Gleichgewicht zwischen Umweltanforderungen, subjektiven Erwartungen an sich selbst und individuellen Handlungsmöglichkeiten zerstören. Zuweilen sind es dann nicht „die großen Dinge, die einen Menschen ins Irrenhaus bringen. Auf den Tod ist man gefasst, auf Mord, Inzest, Raubüberfall, Feuer, Überschwemmungen. Nein, was einen ins Irrenhaus bringt, ist die nie abreißende Serie von kleinen Tragödien. Nicht der Tod eines geliebten Menschen, sondern ein Schnürsenkel, der reißt, wenn man eh schon zu spät dran ist.” [Charles Bukowski]

Der fraglos unvollständige Überblick auf den Krisenbegriff sollte aufzeigen, dass eine allumfassende Definition für ein solches Ereignis und den mit ihm verbundenen Entwicklungsanspruch schwerfällt. Eine kompakte und zugleich umfassende Beschreibung bietet Ulich – sie dient unseren Ausführungen in der KrisenPraxis als Orientierungshilfe:

Krise ist ein belastender, temporärer, in seinem Verlauf und in seinen Folgen offener Veränderungsprozess der Person, der gekennzeichnet ist durch eine Unterbrechung der Kontinuität des Erlebens und Handelns, durch eine partielle Desintegration der Handlungsorganisation und eine Destabilisierung im emotionalen Bereich mit dem zentralen Merkmal des Selbstzweifels und durch ein Bündel notwendiger Ressourcen, die die Person entweder nicht hat oder von denen sie nicht weiß, dass sie sie hat, um die Situation zu meistern.

Alle Zitate finden sich in: Dr. Ralph Schlieper-Damrich, Netzwerk CoachPro® [Hrsg]:
Krisencoaching. Den Brüchen im Leben kraftvoll trotzen. managerseminare Verlag, 2013
[genaue Zitatstellen können erfragt werden]

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