Persönliches zur KrisenPraxis

Heute möchte ich einmal die Idee zur KrisenPraxis genauer vorstellen. Sie hat verschiedene Wurzeln, private und berufliche, praktische und theoretische.
Um es vorwegzunehmen: Sätze wie „Krisen gehören zum Leben“, „man muss nur einmal mehr aufstehen als hinfallen“, „das war Schicksal“, „jede Krise ist auch eine Chance“ und viele andere, die ein Bild entstehen lassen, als wäre eine existenzielle Krise eine zur Reifung eines Menschen erforderliche Lebensphase, empfinde ich dem Menschen von heute gegenüber als völlig unangemessen, ja sogar entwürdigend. Fraglos spielen psychische Dispositionen die Hauptrolle dafür, dass ein Mensch eine Situation als nicht mehr zu bewältigende Krise interpretiert. Dass eine Krise aber erst den Anlass dafür bieten soll, zur Erkenntnis darüber zu gelangen, was da in einem selbst die Unerträglichkeit einer eingetretenen Lage verursacht, was da in einem selbst meinen lässt, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein, was da in einem selbst die innere Stimme erhebt und behauptet ‚am Boden zerstört zu sein‘ und letztlich auch, was da in einem selbst dazu aufruft, ‚es doch noch einmal zu versuchen‘, sich nicht aufzugeben, halte ich nicht mehr für zeitgemäß und dem Menschen mit seinen in unserer gegebenen Zivilisationsgüte verfügbaren Möglichkeiten nicht für angemessen.

Ich kann verstehen, wenn Menschen meine These „Krise muss nicht sein“ vielleicht für recht überheblich halten oder im Sinne eines ‚der hat leicht reden‘ bewerten. Als ich selbst durch meine Lebensfeuer [Trennung von beiden Brüdern im Kindesalter – Verbrennung der Beine in der Jugend – Sterbebegleitung beim Vater – Prozess der Entfremdung von der Mutter – Trennungsprozess nach einer mehrmonatigen Liebesbeziehung – beruflicher Showdown als angestellter Manager nach Investorenrückzug aus einem Großprojekt – Liquiditätsfalle nach Wegfall eines Stammkunden in Folge einer Fusion] ging, hätte mich wohl eine solche Aussage auch so ähnlich denken lassen und zu froh war ich, wenn sich durch Impulse vertrauensvoller Menschen Wege zur ‚Brandlöschung‘ abzeichneten und sich die eigene Lage wieder stabilisierte. Dennoch kam ich mir im Kern ziemlich dumm vor, dass das jeweilige Geschehen überhaupt hatte entstehen können und/oder dass es mich in einen Zustand versetzte, Verhaltensweisen zu zeigen, die mir irgendwann selbst so auf die Nerven gingen, dass ich mich fragte: Ralph, wer bist du eigentlich, so dass du dir das selbst so antust? Wenn ich heute zurückblicke, dann ist dieses Gefühl, sich einst selbst eingestanden haben zu müssen, etwas Fundamentales nicht zur rechten Zeit geklärt zu haben, viel deutlicher im Gedächtnis aufbewahrt als die Auslöser und die Prozesse der Krisengeschehnisse selbst.

Ich habe mir selbst nachgeforscht [Heraklit]

Das letzte der oben genannten Ereignisse liegt nun mehr als 10 Jahre zurück. Seither habe ich – anfangs in eigener Sache, in der Folge dann in der Zusammenarbeit mit meinen Klienten und Patienten im Coaching und in der Logotherapie – an den Voraussetzungen dafür gearbeitet, dass ‚Krise nicht sein muss‘. Um dies richtig einzuordnen: Situationen, die in ihrer Wucht alles von einem Menschen fordern können, wird es immer geben. Meine Überlegungen gehen also nicht in Richtung ‚Sorglos-Lebenspaket‘, sondern in Richtung ’sinnzentriertes, wertebasiertes Lebenskonzept‘, das seine Kraft auch und gerade dann nicht verliert, wenn eine Situation eintritt, bei der jeder andere Mensch akzeptieren würde, dass dem Betroffenen die Kräfte schwinden. Ich glaube daran, dass die Entwicklung eines solchen Konzepts jedem Menschen gelingen kann – ganz und gar nicht ohne Arbeit, schon gar nicht durch Delegation an andere. Für mich steht jeder Mensch in der Verantwortung, im Einsatz seines freien Willens, das Bild seines gelingenden Lebens zu zeichnen, das auch dann nicht aus dem Rahmen fällt, wenn es stürmt.

Was ist dazu erforderlich? Nach zehn Jahren Arbeit mit Menschen in Krisen und mit Menschen, deren Interesse an Prävention gegeben war, will ich es in eine kurze Formel bringen: Menschenkunde + Krisenwissen + Selbsterkenntnis !

Diese drei Pfeiler hat jeder Mensch mal mehr, mal weniger je nach seiner Lebenserfahrung bereits aufgestellt und mit seinen Möglichkeiten entwickelt. Weitere Bausteine, insbesondere zum Krisenwissen, soll die KrisenPraxis über die Zeit hinweg anbieten. Ob all die Arbeit an den drei Pfeilern lohnte, wird ein Mensch wohl erst dann wissen, wenn eine Situation geschmeidiger, friedlicher, unaufgeregter … [Sie sind eingeladen, Ihren Begriff des ‚unerwarteten Zustands‘ zu formulieren] als erwartet überstanden wurde. Ob ein solcher Aufwand gerechtfertigt ist? Entscheiden SIe selbst, wenn Sie daran denken, was Sie in Ihrem Leben nicht vollends ausschließen können – was Sie jedoch gerne ausgeschlossen wüssten, würde es Ihnen geschehen.