Problem oder Krise

‚Ich krieg die Krise‘ – dieser Satz verharmlost einen psychischen Zustand auf naive Weise, macht deutlich, dass zwar Unerhofftes oder Unerwünschtes geschehen ist, dass aber keineswegs ein Zustand der Hilf- oder Orientierungslosigkeit entstanden ist. Meist hat sich etwas ereignet, was ein Problem darstellt oder sich als eine Zusatzaufgabe entpuppt, deren Bewältigung womöglich etwas mehr Aufwand und Einsatz fordert, allemal aber zu bewältigen ist. Probleme erfordern Lösungskompetenz, Toleranz für Hindernisse, die Bereitschaft zur Akzeptanz und die Fähigkeit zur intellektuellen Durchdringung der Sachlage sowie der Entwicklung von Handlungsstrategien. All das ist in einer ‚echten‘ Krise massiv eingeschränkt oder nicht vorhanden. Der in meiner Wahrnehmung inflationären Nutzung des Begriffes Krise sollte daher mit Bedacht entgegengewirkt werden – in Therapie oder Coaching kläre ich daher sehr genau ab, in welchem Zustand sich mein Gesprächspartner wirklich befindet. Die Klärung des Grades der Dramatisierung der Situation hat letztlich unmittelbar Einfluss auf die einzuleitenden Maßnahmen.

Ist eine individuelle Krise eingetreten und die Arbeit an einer Stabilisierung des Klienten fortgeschritten, erlaube ich mir zuweilen, ihm die Interpretation anzubieten, dass der krisenhafte Zustand bei allem Schmerz oder Leid auch als ’systemisches Feedback‘ verstanden werden kann. Aus dieser Perspektive wird ein Typ von Krise als ein einst durchaus möglicher Weg eines jedoch dann versäumten Lernprozesses angesehen. Es wurde etwas Wesentliches nicht gelernt, dann wurden die sich in der Folge abzeichnenden Störungen nicht angemessen bearbeitet, verdrängt oder ignoriert. Und letztlich wird die Krise als ‚Schicksal‘ angesehen [von dem Carl Gustav Jung schon vor vielen Jahrzehnten sagte, dass solche SItuationen jedoch an sich als selbst zu verantwortende Machsale anzusehen seien].

Was bleibt, ist ein beklagenswerter Zustand. Der Klient erkennt das Maß seiner unzureichend übernommenen Eigenverantwortung und den hohen Preis, den er nun dadurch zu bezahlen hat, dass er für die eingetretene Situation nicht über stimmige Verarbeitungsstrategien verfügt und sich eher im Modus „rette, was zu retten ist“ befindet.
Hilfe wird dabei gerne in Anspruch genommen – jedoch, das Risiko ist hoch, dass die erarbeitete Erleichterung zwar entsteht, die Lehren aus der Situation aber nicht gezogen werden.

Krise und ‚lessons learned‘ – diese Kombination findet sich selten, zu froh ist der Mensch darüber, wieder Boden unter seinen Füßen zu spüren, wieder besser in seine Handlungsfähigkeit zurückzukehren. Wird die Bewältigung einer Krise lediglich als Beseitigung einer bedrohlichen Situation angesehen und nicht darin investiert, die persönliche Werteordnung und das eigene Lebensmodell sinnvoll zu justieren, Einstellungen, Haltungen und Ziele zu überdenken und schließlich auch das individuelle Set an Verhaltensweisen auf ihre Korrekturnotwendigkeit hin zu überprüfen, dann ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis der Mensch erneut in sein Krisenmuster verfällt. In der Beratung von Menschen in Krisen kann also festgehalten werden: Das Ende aller Krisenintervention ist der Anfang der Krisenprävention.