Der Sinn- und Transzendenzbegriff in der Sinntheorie Viktor Frankls

Viktor Frankl macht in seiner Sinntheorie einen Unterschied zwischen dem Sinn des Lebens und dem Sinn im Leben. Wenn er sagt: „Der Mensch ist immer schon ausgerichtet und hingeordnet auf etwas, das nicht wieder er selbst ist, sei es eben ein Sinn, den er erfüllt, oder anderes menschliches Sein, dem er begegnet. So oder so: Menschsein weist immer schon über sich selbst hinaus, und die Transzendenz ihrer selbst ist die Essenz menschlicher Existenz“ [1] , so verweist er mit diesem Satz zum einen auf einen Grundpfeiler seiner Theorie, der den Sinn als grundsätzlichen ‚Lebenssinn‘ als für den Menschen zwar nicht erfahrbar, aber als per se und jederzeit gegeben ansieht. Und zum anderen auf den ‚Sinn im Leben‘, den der Mensch findet, indem er jede Situation durch Verwirklichung seiner Werte gestaltet.

Die von Frankl zitierte Selbsttranszendenz erschöpft sich dabei nicht im Über-sich-selbst-hinaus-Gehen auf die Welt hin. Frankl anerkennt auch die Möglichkeit, dass der Mensch sich letztlich auf einen transzendenten, personalen Gott hin angelegt verstehen kann. Mit Verweis auf Max Scheler und seine eigene religiöse Verankerung betonend sagt er, „sofern ich existiere, existiere ich auf Sinn und Werte hin; sofern ich auf Sinn und Werte hin existiere, existiere ich auf etwas hin, das mich selbst notwendig an Wert überragt, das wesentlich von höherem Wertrang ist als mein eigenes Sein – mit anderen Worten: ich existiere auf etwas hin, das auch schon kein Etwas sein kann, sondern ein Jemand sein muß, eine Person bzw. – als ein meine Person Überragendes – eine Überperson sein muß. Mit einem Wort: sofern ich existiere, existiere ich immer schon auf Gott hin.“ [2] Allgemein jedoch gilt für ihn „das eigentliche Sein des Menschen ist die Existenz, und der letzte Sinn des Lebens ist die Transzendenz.“ [3]

Neben – erstens – der Transzendenz auf die ‚Welt‘, mit der Frankl das ‚Bei-Sein‘ und das ‚Bei-einander-Sein‘ in Form einer Liebe oder Hingabe auf Sachen, Dinge oder Aufgaben meint, formuliert er – zweitens – auch die Möglichkeit einer Transzendenz auf einen ‚Gott‘. In einer dritten Bedeutung steht Transzendenz für das Gerichtet-Sein des Menschen auf einen letztgültigen Wert, auf ein Absolutes also, sofern der Mensch nicht ‚Gott‘ als dieses Absolute begreift [z. B. individuell letztgültige Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Gleichheit]. In Gang gesetzte Sinnfindungsprozesse können somit in drei großen Transzendenzfeldern münden: In Liebe oder Hingabe, in einem Gott oder in einem Letztgültigen.

Ein Vergleich: In der existenzphilosophischen Tradition Martin Heideggers besteht anders als bei Frankl kein Zusammenhang zwischen Sinn und Werten. Für Heidegger ist Sinn dann gegeben, wenn sich etwas durch verstehendes Erschließen artikulieren lässt. Die Sinnhaftigkeit einer Handlung zu erfassen bedingt das Verständnis ihrer Auswirkungen, ihres ‚Woraufhin‘, Ziels oder Zwecks. Sinnvoll werden in diesem Kontext einzelne Prozesse, die mit einem ‚roten Faden‘ verbunden sind. Etwas ‚bloß Seiendes‘, zum Beispiel ein Telefon, hat an sich noch keinen Sinn, jedoch der übergeordnete Gesamtprozess, in den es eingebunden ist [im Telefon-Beispiel der allgemeine zwischenmenschliche Kommunikationsprozess]. Stimmt der Gesamtprozess mit dem entsprechenden Vorhaben des betreffenden Menschen überein, werden der Zweck und das Ziel des Gesamtprozesses positiv bewertet und fördert der einzelne Prozess [Telefonat mit Person X] als Teil des Gesamtprozesses [Kommunikation im Allgemeinen] auf seine Weise das Erreichen des Endzieles [z. B. Kommunikation im Leben betrieben zu haben], dann erscheint dieser als sinnvoll.

Um einen sinnvollen Prozess in Gang zu setzen braucht es in diesem Kontext eine individuelle Motivation. Betrachtet ein Mensch zum Beispiel seine in der Sonne austrocknenden Pflanzen und kommt zum verstehenden Schluss, dass eine Wassergabe dienlich ist, dann wäre die darbende Pflanze ein ‚Motivgrund‘. Greift der Mensch nun handelnd ein, weil er um das Überleben der Pflanzen fürchtet, so erfüllt seine Handlung einen Zweck. Ist der übergeordnete Gesamtprozess [hier vielleicht die allgemeine Sorge um das Wohl der Natur] vereinbar mit dem Vorhaben und Vorstellungen des Menschen und bewertet der Mensch den Prozess positiv [im Sinne eines ‚es ist gut, sich um die Natur zu kümmern‘], dann entsteht im Verständnis Heideggers ein Sinn.

Ohne ‚logisches Verständnis eines Prozesses‘ scheint es in diesem Bild nicht möglich zu sein, Sinnhaftes zu begründen. Es spricht wahrlich nichts dagegen, dass sich ein Menschen einen Sinn über einen solchen Weg einer logischen Herleitung konstruiert – die Vorstellung jedoch, dass es eines solchen Weges zwingend bedarf, ist sinntheoretisch nicht haltbar. Um im Beispiel zu bleiben:

Die darbende Pflanze setzt einen ‚Sinnanruf‘ in die Welt, unabhängig davon, welcher verständige Mensch auch immer ihre Situation wahrnimmt. Handelt aber nun ein Mensch und geschieht dies in Selbstvergessenheit, so könnte auf die Frage nach dem Grund seiner Handlung der Mensch sein Tun in den Kontext seiner Werte wie ‚Naturverbundenheit‘, ‚Achtsamkeit‘ oder ‚Fürsorge‘ rücken. Durch Verwirklichung seiner Werte findet der Mensch den ohnehin bereits gegebenen Sinn in der Situation. Für diesen Menschen wird das Gießen ein ‚Akt der Selbsttranszendierung‘, zu einem geistigen Akt des Gewissens und nicht [nur] zu einem mentalen Akt des Wissens – es wird zu einer Selbst-‚verständlichkeit‘. Ob die Gieß-Handlung als zweckvolle ‚Arbeit‘ oder als selbstvergessene Hinwendung vollzogen wird: Beides mag den Pflanzen aktuell zu Hilfe kommen.

Überträgt man das ‚Gießen der darbenden Pflanze‘ als Metapher auf einen Menschen in einer Krise, so ist ein Gedanke Frankls von besonderer Bedeutung: „das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu ver-antworten hat.“ [4] Frankl meint mit diesem Satz, dass der Mensch nur im Handeln seine Lebensfragen beantworten kann. Das Verharren in der Erkenntnis reicht nicht aus, ebenso wenig der Versuch – dem von Frankl abgelehnten Prinzip der Homöostase folgend –, mit einem künstlichen Gleichgewichtschaffen dem Sinnproblem aus dem Wege zu gehen. Wenn Sinn so als konkreter Sinn in einer konkreten Situation verstanden wird, dann folgt hieraus, dass das Sinn-Sollen außerhalb der eigenen Person liegt und damit eine Bewegung des Geistes erfordert. Diese Bewegung wird im Begriff der Selbsttranszendenz operationalisiert. Eine Person kann nur dann ganz zu sich selbst kommen und sich erkennen, wenn sie ihren unikalen Sinn erfüllt und somit als ‚Nebenprodukt‘ sich selbst verwirklicht. „Aber nur in dem Maße, in dem der Mensch Sinn erfüllt, in dem Maße verwirklicht er auch sich selbst: Selbstverwirklichung stellt sich dann von selbst ein, als eine Wirkung der Sinnerfüllung, aber nicht als deren Zweck.“ [5]

[1] Frankl, V. E. [1995]: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München. Piper Verlag, S.100
[2] Frankl, V. E. [1975]: Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Bern: Hans Huber, S. 363
[3] Frankl, V. E. [1975]: Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Bern: Hans Huber, S. 362
[4] Frankl, V. E. [2005]: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Zehn Thesen über die Person. Wien: Deuticke, S. 107
[5] Frankl, V. E. [1995]: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München. Piper Verlag, S.225[Irrtümer vorbehalten]