Kinder gegen Kakadu – Fragen ans Gewissen

Frau festgenommen
Kinder gegen Kakadu getauscht

Die Polizei des US-Südstaats Louisiana hat eine Frau festgenommen, die zwei Kinder gegen einen Kakadu eingetauscht hatte.

Wie der Leiter der Ermittlungen, Keith Dupre, mitteilte, kam die 51-jährige Lastwagenfahrerin gegen Zahlung einer Kaution von 100.000 Dollar vorläufig auf freien Fuß. Ihr wird schwere Entführung in zwei Fällen vorgeworfen. Sie ist bereits wegen Entführung, sexueller Übergriffe, Einbruchs und Diebstahls vorbestraft.

Laut Dupre war die Vogelnärrin vor mehreren Wochen durch eine kleine Annonce auf den Kakadu aufmerksam geworden. Während des Kaufgesprächs mit den beiden Besitzern stellte sie fest, dass deren Kinderwunsch unerfüllt geblieben war und schlug daraufhin ein Tauschgeschäft vor: Die beiden fünf und vier Jahre alten Geschwister, die ihr von einer alleinerziehenden Mutter in Not anvertraut worden waren, gegen den 1500 Dollar teuren Kakadu und einen kleinen Aufpreis von 175 Dollar.

Die Besitzer seien darauf eingegangen, weil sie nach zehnjährigen vergeblichen Versuchen, Kinder zu bekommen, völlig verzweifelt gewesen seien, sagte der Ermittler. Sie wurden ebenfalls festgenommen, kamen aber gegen einen geringen Betrag vorläufig auf freien Fuß gesetzt. Die beiden „hatten gute Absichten, so weit wir das sehen können“, sagte Dupre. „Sie wollten sich wirklich um die Kinder kümmern.“ Die Kinder leben inzwischen bei Adoptiveltern.

Quelle: N-TV

Fassen wir zusammen:

  1. Die leibliche Mutter vertraut ihre Kinder aufgrund einer Notlage ihre Kinder einer dritten Person. Ob die Mutter weiß, dass diese Person eine der Polizei bekannte Straftäterin ist, muss gemutmaßt werden.
  2. Die Täterin arbeitet als LKW-Fahrerin, sie schätzt Kakadus. Welche Lebensbedingungen die Täterin hat [Partnerschaft, Kinder, Wohnumfeld, finanzielle Lage ..] ist nicht bekannt
  3. Das Motiv der Täterin, die Kinder in ihre Obhut zu übernehmen, ist nicht bekannt.
  4. Es findet ein Gespräch über den Verkauf eines Kakadus zwischen einem Ehepaar und der Täterin statt. Die Option, das Tier gegen Geld zu erwerben, darf vorausgesetzt werden.
  5. Die Besitzer des Kakadus sind unerwünscht kinderlos.
  6. Sie willigen einem gesetzeswidrigen Tauschgeschäft „Vogel + Entgelt gegen zwei Kinder“ ein. Ihre vorläufige Sanktion ist gering – dem Paar werden gute Absichten unterstellt.
  7. Ob der Tausch der Kinder gegen den Vogel wirklich vollzogen wurde und wie die Instanzen von diesem Vorfall in Kenntnis gesetzt wurden, ist nicht bekannt.
  8. Der Täterin wird schwere Entführung vorgeworfen.
  9. Die Kinder wurden Adoptiveltern übergeben, hieraus darf vermutet werden, dass die leibliche Mutter der Adoption zugestimmt hat.
  10. Es ist nicht bekannt, wie die Kinder das mit ihnen Geschehene kommentiert und verarbeitet haben.

Wir fragen: Ermöglicht die Notlage der leiblichen Mutter keinen anderen Ausweg als die Abgabe der Kinder in die Obhut einer dritten Person? Warum hat sie nicht die Kinder zu einer legalen Adoption freigegeben? Kennt die leibliche Mutter die Täterin und worin bestehen die Gründe genau, die Kinder dieser Person anzuvertrauen [problemlose Re-Integration der Kinder bei Verbesserung der persönlichen Situation, ist die Täterin vielleicht Patin, …]?

  1. Was veranlasst eine berufstätige Frau, zwei Kinder, die in ihrem Alter einer kontinuierlichen Betreuung bedürfen, in ihre Obhut zu nehmen [gute Infrastruktur, soziale Verpflichtung, kriminelle Absicht, …]?
  2. Was veranlasst ein kinderloses Ehepaar, in einem Gespräch mit einer ihnen -vermutlich- bis dato unbekannten Person ein Tauschgeschäft dieser Art abzuschließen? Haben Sie sich bemüht, auf legalem Weg zu Pflege- oder Adoptiveltern zu werden? Welchen Wert vermitteln diesen beiden Personen Kinder?
  3. Wie kommt die Täterin in ihren Überlegungen auf einen Gegenwert von 1675 Dollar für zwei Kinder? Wie kommen die beiden kinderlosen Personen darauf, Kinder seien diesen Betrag „wert“?
  4. Wenn es der Täterin möglich ist, 100.000 Dollar als Kaution zu hinterlegen – wieso fand sie zum Beispiel keinen Weg, der leiblichen Mutter in deren Notsituation zu helfen?
  5. Haben leibliche Mutter und Täterin darüber nachgedacht, wie die Trennungsprozesse auf die Kinder einwirken? Wie wurde den Kindern die Entscheidungen für die anstehenden Veränderungen vermittelt?
  6. Wieso bewerten die Behörden die Handlung der Täterin als „schwere Entführung“ – warum nicht als Menschenhandel?
  7. Warum ist diese Nachrichtenmeldung eigentlich so wichtig, dass sie in der ganzen Welt veröffentlicht wird?

Reflektieren wir ein wenig und suchen dabei nach dem Sinn im Handeln der Akteure und fokussieren dabei auf den Wert der „Verantwortung“, so kommen wir – auch unter gewissen Annahmen – zu folgenden Überlegungen:

Nehmen wir an, dass die Täterin sich verpflichtet fühlte, der leiblichen Mutter zu helfen. Die Täterin übernimmt dazu die Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder, die Mutter gibt diese ab. Sie behält jedoch auf ewig die Verantwortung für ihre Handlung.

Nehmen wir ferner an, dass die leibliche Mutter sich in einer Situation befunden hat, in der es ihr sinnvoller erschien, die Kinder in fremde Obhut zu geben. Immer und auf ewig jedoch wird sie die leibliche Mutter der Kinder bleiben. Sie behält die Verantwortung für ihr Mutter-Gewordensein.

Nehmen wir zudem an, die leibliche Mutter hat nach sorgfältigem Abwägen das Kindeswohl über alle andere Werte und Ziele gestellt, wie hat sie dann dafür Sorge getragen, dass die Person, der sie sie anvertraut, ebenso wie sie das Kindeswohl hochschätzt? Wie ist in diesem Zusammenhang zu beurteilen, dass die Instanzen letztlich die Kinder in die Hände von Adoptiveltern übergeben und die leibliche Mutter diesem Vorgehen zugestimmt haben muss? Wie stellt sie sich dem, was die Kinder haben erleben müssen?

Der Nachrichtenmeldung entnehmen wir, dass die Täterin Kakadus schätzt und offenbar gewillt ist, für ein solches Tier Verantwortung zu übernehmen. Im selben Zuge entscheidet sie sich gegen die Verantwortung gegenüber den von ihr -vermutlich ohne Zwang- in Obhut genommenen Kindern. Die Tauscheltern wünschen sich Kinder und würden für diese Verantwortung übernehmen. Für das Tier, das ihr eigen ist, streben sie nach Abgabe der mit ihm verbundenen Verantwortung.
Beide „Parteien“ entscheiden sich mithin einmal gegen eine gegebene Verantwortung und einmal für eine neue Verantwortung. Unterstellen wir einmal, dass beide Parteien sich bei der Entscheidung „für neue Verantwortung“ gut fühlen (wollen), dass beide Parteien das Empfinden von Zufriedenheit haben, nachdem sie „handelseinig“ geworden sind.

Die Situation zeigt an, dass die handelnden Personen bestrebt waren, auf direktem Weg Zufriedenheit, Glück, … zu erlangen. Von der Täterin dürfen wir annehmen, dass ihre Mehrfachstraftaten ein Zeichen dafür sind, dass das direkte Streben nach „Glück“ [oder Lust, Geld, …] bei ihr ein entsprechendes Handlungsmuster generiert. Ebenso, dass es ihr noch nicht gelungen ist, aus den Urteilen, die sie empfing, einen Lernprozess in Gang zu setzen. Dass sie nun mit dem Verlust von Kakadu und Kaution letztlich wieder „verliert“, deutet auf eine Fortsetzung des Musters hin – und verweist auf eine Erkenntnis von Viktor Frankl.

Frankl sagt zum Thema Glück: „Je mehr ein Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon.“ Die Täterin hat mit dem Projekt „Kakadu gegen Kinder“ unmittelbar eine Steigerung des Glücksempfindens angestrebt [dies gilt auch für das Szenario, dass das Gespräch mit den beiden kinderlosen Personen bei ihr dazu führte zu erkennen, dass das Wohlergehen der Kinder wiederum bei diesen Personen eher zu sichern wäre als bei ihr selbst]. Diesem Jagen nach Glück folgt nun eine hohe Sanktion mit Verdruss. Es könnte sein, dass dieser erneute Zustand sie motiviert, in der Folge weitere Taten „für schnelles Glück“ zu setzen – und damit dem „circulus vitiosus“ – dem Teufelskreis nicht zu entrinnen. Es könnte aber auch anders sein …

Und das kinderlose Paar: Vermutlich haben Sie alles Erdenkliche versucht, um eigene Kinder zu bekommen. Die Verzweiflung kann nachgespürt werden. Warum passiert uns das? Wir fühlen uns bestraft vom Leben …, ohne Hoffnung auf Änderung. Und nun dieses Angebot. Sollte es auf einmal ganz leicht sein? Ist schnelles Glück in Sicht? Am Ende erleben auch sie, wie ihnen wieder „alles“ genommen wird, wie die Chancen auf eine eigene Familie durch ihre Tat noch stärker schwinden als zuvor. „Je mehr ein Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon.“

Zum guten Schluss bleiben viele Hoffnungen. Dass die Kinder von ihren Adoptiveltern die Geborgenheit empfangen, die sie für ihre Entwicklung so dringend brauchen. Dass auch der Kakadu ein gutes Leben führt. Dass das kinderlose Paar erkennt, dass ihr Leben ihnen Fragen stellt, auf das das Wort „Kinder“ nicht die Antwort ist. Dass die Täterin lernt, die Stimme ihres Gewissens zu hören und ihr zu folgen. Dass sie lernt, dass ein Überhören dieser Stimme dazu führt, dass sie immer wieder die Stimme einer sanktionierenden Instanz hören wird, die sie fragen wird: Ihnen musste doch bewusst sein, dass sie gegen gültige Gesetze verstoßen? Ein gewissenloser Mensch wird auf diese Frage mühelos „nein“ antworten können. Aber: ist die Täterin gewissen“los“?