Die dritte Dimension – das ‚Geistige‘

Mit der Logotherapie entstand Viktor Frankls Ergänzung der Psychotherapie – die um die Dimension des ‚Geistigen‘ erweiterte Therapieform zur Behandlung psychischer Erkrankungen. Mit ihr einher ging das unbedingte Bekenntnis Frankls zum Sinn des Lebens, zur Freiheit des Willens und zur Verantwortung des Menschen.

Sich ‚so oder so’ den Bedingungen stellen zu können – d.h.,sich entweder als von den Umständen abhängig und dem triebhaft Unbewussten ausgeliefert anzusehen der sich mit per se gesundem, geistigen Unbewussten ausgestattet anzunehmen, ja sogar mit dem ‚Gewissen’ über ein ‚Sinnorgan‘ zu verfügen –, lag nun in der Hand des Einzelnen. Seinem Leben Antworten auf ein ‚Darum’ zu geben und nicht das Leben nach einem ‚Warum’ zu befragen, gilt seither in der sinnzentrierten Begleitung von krisenbelasteten Menschen als der Schlüssel zur lebensöffnenden Lösung – ihn im Schloss zu drehen, ist der durch den Betroffenen zu leistende Perspektivenwechsel.

Dies dem Menschen zuzutrauen und zuzumuten ist untrennbar mit dem Menschenbild der Logotherapie verbunden. Neben die körperliche und die psychische [emotionale und kognitive] Dimension tritt mit ‚dem Geistigen’ die Dimension, mit der sich [nur] der Mensch hin zu einem Sinn wenden kann. Mit dem Geistigen wird er empfänglich für die Aufgabe, die das Leben ihm gerade jetzt stellt. Das Geistige lässt den Menschen erspüren, dass er trotz der gegebenen leidvollen Einschränkungen, mit denen Psyche und Körper bei Krisen [und den mit ihnen oft einhergehenden Akzenten von Trennung, Verfehlung oder Verlust] auf ihn einwirken, sich über diese Last hinwegsetzen kann. Frankl nennt diesen Vorgang die Aktivierung der ‚Trotzmacht des Geistes’.

Trotzmächtig zu sein ist prinzipiell jedem Menschen möglich. Als innewohnende Kraft [lat.:
Virtualität] zeigt sie die merkwürdige Eigenschaft, nicht in der Form zu existieren, in der sie zu existieren scheint, aber in ihrer Wirkung einer in dieser Form existierenden Sache zu gleichen. Hiermit soll die sprachliche Verwechslung der ‚geistigen Trotzmacht’ mit dem Begriff der ‚bewussten Intentionalität’ angezeigt werden. Die Wirkung beider ‚fühlt’ sich womöglich gleich an, dennoch zeigt sich die Trotzmacht eher im Momentum des Sich-Selbst-Aufbäumens, während die Intentionalität eher als Ich-Anstrengung zu einem Willensakt zu verstehen ist.

Die Trotzmacht des Geistes zeigt sich im Aufbäumen gegen psychophysische Belastungen [„Ich muss mir doch von mir selbst nicht alles gefallen lassen” oder als Auflehnung gegen Lebensumstände. Als ‚schlummernde Virtualität’ braucht die Trotzmacht Situationen mit Bewältigungsauftrag. Und sie braucht eine ‚Geistes-Haltung’, um in solchen Situationen das ‚Gewissenhaft-Möglichste’ in Form einer Selbst-Verantwortung an den diese Verantwortung nun bedenkenden und erfühlenden Menschen zu übertragen.

Die Haltung des Geistes, das der Person in ihrer Situation je Sinnvollste zur Aufgabe zu machen, findet ihre Entsprechung im Wertesystem der Person. Weiß die Person um ihre Werte und deren Verwirklichungspotenzial oder fühlt sie die mögliche Bereicherung ihres Wertesystems durch einen Entwicklungsschritt ihrer Persönlichkeit, dann findet sie Sinn – selbst in einer sie ansonsten psychisch oder psychophysisch extrem belastenden Situation.

Weiß die Person nicht um ihre Werte, sprich, ist ihr Wertebewusstsein durch mangelnde Reflexivität nicht hinreichend entwickelt, so fehlt ihr spätestens in einer Krisensituation ein wesentlicher innerer Kompass, um den in der Situation gegebenen Sinn zu entdecken und wertebasiert ‚selbst-bewusste’ Entscheidungen und Handlungen einzuleiten.Die Folge ist, dass die Psyche die Oberhand über den Menschen gewinnt und dieser sich von ihr, ihren Verzerrungen, Verstörungen oder Verlockungen
‚alles gefallen lässt’. Und dies, obwohl jedem Menschen als sinnstrebigem Wesen sowohl die Fähigkeit gegeben ist, aus sich selbst herauszutreten und eine eingetretene Situation aus der Distanz in neuem Lichte zu betrachten als auch sich selbst zu übersteigen und trotz eigener Belastung für Menschen, die ihn brauchen, da zu sein oder für Themen einzustehen, deren Bearbeitung das eigene Leid in den Hintergrund rücken lassen.

Wer nun glaubt, es sei schwer vermittelbar, an einen Krisenbetroffenen die Forderung zu stellen, eine solche Haltung zum Sinn einzunehmen, oder wer dieser Forderung gar Hartherzigkeit unterstellt, der sei zum einen an die vielen Menschen erinnert, die tagtäglich unter Last stehend ohne entsprechenden Diskurs in eben diese Haltung gehen – und zum anderen an Goethe: „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.”