‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 1

Sebastian Gusskamp hatte vor einem Jahr ein Business-Coaching in Anspruch genommen, um Aspekte seiner Führungskultur zu reflektieren. Der 44-jährige Diplom-Ingenieur arbeitet in leitender Position in einem Mittelstandsunternehmen, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Unsere damalige Zusammenarbeit erinnernd, ruft er nun in einer ihn aufwühlenden Lebenssituation an – die Nacht als seine Mutter starb, sollte für ihn zu einer wahren Herausforderung werden. Aus dem Coachingprozess wird die für den Krisenkontext relevante Sequenz dokumentiert.

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Wenn Sebastian Gusskamp vor einem steht, dann bekommt man ein Gefühl dafür, was der Satz ‚er kam, sah und siegte‘ bedeutet. Eine präsente, gepflegte Gestalt, sportiv mit leicht norddeutschem Akzent, blassem Teint, Sommersprossen und mustergültig geschnittenen Stoppelhaaren.
Der Geruch eines unaufdringlichen Parfüms und der einer feinen Ledermappe kommen mit ihm in den Coachingraum. „Vor zehn Wochen erhielt ich die Nachricht, dass meine Mutter im Klinikum Bremen im Sterben liegt“, eröffnet er das Gespräch. „Ihr Zustand war in den vergangenen Wochen bereits ein Auf und Ab und verschlechterte sich weiter nach operativen Eingriffen. Die Ärzte hatten meine Frau und mich stets auf ihre zunehmend begrenzten Möglichkeiten hingewiesen und so kam die Nachricht für uns nicht wirklich überraschend. Natürlich hatte ich den Wunsch, meiner Mutter in ihren letzten Stunden beizustehen. Ich packte zügig einige Sachen und die wichtigsten Dokumente ein und machte mich auf den Weg von Südbayern nach Bremen. Mit meiner Frau verabredete ich, dass sie mich auf dem Laufenden halten würde, gäbe es Neuigkeiten aus der Klinik. Bei meiner Abfahrt schliefen unsere beiden Kinder bereits, und meine Frau wollte ihnen am Morgen erklären, wie es ihrer Oma geht, wo ich sei, und dann später mit ihnen nachreisen.“

Sichtlich bewegt geht sein Bericht weiter: „Nach einigen Stunden, es war schon mitten in der Nacht und ich war bis dahin ohne längere Staus und ohne schlechte Witterung unterwegs, nahm ich nach einer scharfen Kurve in einiger Entfernung Blinklicht, Qualm und schemenhaft einige Menschen auf der Fahrbahn wahr. Dieses Bild werde ich so schnell nicht vergessen. Wann und wie auch immer hatte sich offenbar ein Wagen von der Gegenseite kommend überschlagen, war über die Leitplanke auf meine Fahrbahnseite geflogen, auf Dach und Motorhaube eines anderen Autos gelandet, in das dann seinerseits ein Drittes auffuhr. Ich hielt sofort an und was ich sah, war ein Trümmerfeld, zwei eingeklemmte Menschen, drei in den Fahrzeugen kauernde Kinder, ein Kind auf der Straße liegend, auf den ersten Blick bereits offenkundig tot, und einige Erwachsene, die herumgeisterten oder auf der Straße lagen. Es roch nach Öl und Benzin und die Stimmung war auf unheimliche Weise still.

Ich deutete den zum Glück wenigen folgenden Fahrzeugen die Gefahrensituation an. Einen Fahrer, der auch angehalten hatte, bat ich, die Fahrbahn weiter zu sichern und die Rettung zu rufen, mit einem weiteren versuchte ich dann, etwas Ordnung in die Situation zu bringen. Mit Mühe gelang
es zuerst einmal, die Herumirrenden auf die sichere Seite hinter dem Standstreifen zu bringen und mich dann um die Verletzten zu kümmern. Wir schlugen Scheiben ein, um Zugang zu den
Personen zu bekommen, die teils bewusstlos, teils benommen in den Autos waren. Einen Erwachsenen und die Kinder konnten wir so herausholen, eine Frau wurde später von der Feuerwehr mit schwerem Gerät befreit. Wir kümmerten uns mit dem, was wir an Verbandsmaterial
und Decken hatten, um die Betroffenen, leisteten Erste Hilfe, bei dem Kind prüfte ich Puls und Atmung, aber der erste Eindruck bestätigte sich leider. Ich trug den toten Jungen in den sicheren Bereich an den Fahrbahnrand und bedeckte ihn. Er muss so vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, mit langen braunen Haaren, Jeans und einem gestreiften Sweatshirt. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen dann Rettungshubschrauber und Krankenwagen, und in bewundernswerter Weise wurde mit Professionalität und Technik geholfen.

Die Polizei nahm alle Daten auf und ich erzählte von meinem Reiseziel und drängte nun auch darauf, weiterfahren zu können. Dies jedoch ‚verbot‘ mir der Polizist, der wohl erkannte, dass mich die wohl dreißig oder vierzig Minuten recht mitgenommen hatten. Ich stimmte einer Erholung zu, ein Sanitäter kümmerte sich um mich, gab mir etwas zu trinken und maß den Blutdruck. Nach einer Stunde war ich soweit wieder in Balance und konnte fahren. Kurz hinter Münster rief mich der leitende Arzt aus der Klinik an und erklärte mir, meine Mutter sei eben friedlich und schmerzfrei eingeschlafen. Ich fühlte mich mit einem Mal völlig ausgelaugt und Gedanken schossen durch meinen Kopf: ‚Jetzt habe ich die Zeit verloren, die ich ihr schenken wollte‘, ‚warum kann sie nicht auf mich warten‘, ‚warum muss gerade ich zu dieser Zeit an dieser Unfallstelle vorbeifahren‘, ‚wieso musste mich der Polizist nur aufhalten‘ und anderes irrationales Zeug, denn ich würde ja immer wieder so handeln. [wird fortgesetzt]