‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 2′

Ich war froh, am nächsten Tag meine Familie wiederzusehen. Wir gingen gemeinsam ins Krankenhaus, meine Kinder stellten viele Fragen und irgendwie erleichterten sie mir damit
die Situation. Ich glaube, dass ich selten zuvor meiner Frau und meinen Kindern so viele Gefühle und Gedanken mitgeteilt habe, die ich in Bezug auf meine Ursprungsfamilie hatte.“

Sebastian Gusskamp berichtet einige Details aus seiner Erziehung, seinen Erlebnissen in Kindheit und Jugend, über die beruflichen Tätigkeiten seiner Eltern. Er vermittelt das Bild eines Mannes, der emotional nicht überversorgt aufwuchs und dem Pflichtempfinden und Ordnung vermittelt wurden. Das ‚Konstrukt‘ Familie beschreibt er so: „Bei uns wurde nicht herumgegluckt, sondern die Familie war eher eine Art zweckgemeinschaftliche Kommunikationsplattform einer genetisch miteinander verbundenen Einheit von Menschen.“ Aber das sei jetzt nicht relevant, meint Herr Gusskamp und aufgeregt berichtet er: „Vor vier Wochen hatte ich mir zwei Tage Urlaub genommen, um einige
Ämter- und Bankenthemen zu erledigen, als morgens der Briefträger ein Einschreiben bringt, in dem mich ein Anwalt darüber informiert, dass eine Mandantin Anklage gegen mich erheben wird. Ich sei aus ihrer Sicht verantwortlich für den Tod ihres Kindes. Die Klägerin, so stellte sich später heraus, war die Frau, die erst von der Feuerwehr hat befreit werden können, die sich im Auto jedoch auf mein Rufen hin nicht geäußert hatte und von der ich ja auch nicht wusste, dass sie die Mutter des toten Kindes war. Womöglich war sie aber in dem Moment bei Bewusstsein, in dem ich ihr Kind aufhob, um es zum Seitenrand zu tragen.

Ich war so geschockt von diesem Schreiben, mir ist förmlich ‚die Spucke weggeblieben‘. Meine Frau, die meinte, dass das ja nur ein Irrtum sein könne, herrschte ich an: „Wer sich irrt, der klagt nicht an.“ „Das heißt, sie irrt sich nicht?“ – Ich glaube, ich hätte für diesen Satz meine Frau fressen können. Jedenfalls war der Tag gelaufen, ich rief meinen Anwalt an, erklärte ihm die Situation und schickte ihm das Schreiben, denn ‚er wollte etwas aufsetzen‘, um zuerst einmal an weitere Informationen zu gelangen. Bei mir war auch etwas ‚aufgesetzt‘, ich hatte den Kaffee gehörig auf, mein Vertrauen in die Menschheit ist seither erheblich erschüttert, mein Körper reagiert und ich fühle mich so, als hätte man mir die komplette Luft abgelassen. Ich habe den Eindruck, diese Frau ist in der Lage gewesen, mir die Freude dieser Welt mit einem Schlag wegzureißen. Nie hätte ich gedacht, dass so etwas
möglich ist.“

Herrn Gusskamp steht die Wut ins Gesicht geschrieben und auch Spuren von ‚Ekel‘ sind körpersprachlich wahrnehmbar. „Ich fühle mich persönlich massiv verletzt und weiß nicht wohin mit meinen Empfindungen. Daher bin ich hier, denn ich brauche jemanden, mit dem ich darüber anders sprechen kann als mit denen, die mich kennen und deren Freundlichkeit und Freundschaftlichkeit mir zwar gut tun, die mir aber andererseits durch Rat und Empfehlung den Raum für mein eigenes Reflektieren und Handeln unbewusst verkleinern. Dass ich keine Schuld am Tod des Jungen habe, ist mir klar, da bin ich ganz ruhig, auch wenn sicher die Ärzte hierzu noch befragt werden dürften. Auch dass ich einen Rechtsbeistand brauche, zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben, stört mich nicht. Da denke ich, wird schon alles seinen richtigen Weg gehen, wenngleich die deutsche Rechtsprechung ja jüngst zu offenkundig sehr bedenklichen Fehlbewertungen kam. Nein, was mich umtreibt, ist, dass ich mir nicht erklären kann, warum ich derart empfindlich reagiere. Dass die Frau womöglich ihre Trauer nicht verarbeiten kann oder irgendetwas missgedeutet hat oder psychisch
krank ist oder was auch immer, das wird sich alles aufklären. Dass ein Mensch in einer extremen Lage zu ungewöhnlichen und für Außenstehende ebenso extremen Verhaltens- oder Handlungsweisen greifen kann, ist mir aus meinem Führungsalltag bewusst. Umso irritierter bin
ich ja.“