‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 3

„Sie sagten eben, dass durch das Ereignis Ihr Vertrauen in die Menschheit erschüttert worden sei und dass die Frau in der Lage war, Ihnen die ‚Freude dieser Welt‘ wegzureißen. Das klingt in der Tat existenziell und ernst. Deshalb möchte ich gerne mehr darüber erfahren, wie Ihr bisheriges
Vertrauen aussah und welche Bilder Sie mit der von Ihnen genannten Freude verbinden.“

Sebastian Gusskamp schaut mich an und meint, es sei für ihn recht ungewöhnlich, dass sich für seine Sicht auf die Welt jemand wirklich interessiert, im Beruf käme man nie auf eine solche Ebene, „die erstickt das Tagesgeschäft – und an sich ist es im Privaten auch so“. Dann führt er aus: „Wenn ich jemandem vertraue, dann weiß ich, dass ich selbst etwas nicht weiß. Nichtwissen ist für mich die Basis für Vertrauen, das ich entgegenbringe. Ich arbeite in einem hochspezialisierten Technikbereich, in dem mein Grad an Wissen mit darüber entscheidet, ob und wie die Produkte unserer Firma bei unseren internationalen Kunden zum Einsatz kommen. Scherzhaft sage ich oft, dass ich ein ‚lernendes Unternehmen auf zwei Beinen bin‘. Und ich merke, dass mir andere
Menschen aufgrund meines Know-hows ihr Vertrauen schenken. Das fühlt sich für mich gut an. Und wenn man schon einen Kopf auf dem Hals trägt, dann kann man mit dem ja auch mehr machen als ihn nur zum Haareschneiden zu bringen. Und dann flattert so ein Brief herein und setzt damit die Behauptung in die Welt, jemand wüsste offenbar, dass ich bei diesem Kind den Tod verursacht habe.“

„Nun, wenn Sie wissen, dass es nicht so war, und wenn Sie zudem Ihrem Anwalt zugestehen, dass dieser für Sie den Rechtsweg beschreitet, Sie ihm offenkundig darin vertrauen, mit seinem Wissen dieses für Sie neue Terrain zu ebnen, dann habe ich das Empfinden, dass sich hinter Ihrem
Hinweis auf das Vertrauen ein anderes, für Sie aktuell unbewussteres Thema versteckt, das in der Lage ist, bei Ihnen die geschilderte Erregung  auszulösen. Wenn Sie diesem Gedanken zustimmen und damit ja dann auch Ihrem Nichtwissen: Vertrauen Sie sich selbst, dieses Thema zu akzeptieren,
wenn Sie durch das Coaching an es herangeführt werden?“

Herr Gusskamp schaut mich nachdenklich an. „Das hört sich für mich erst einmal plausibel an. Und, ja, wenn wir an etwas stoßen, das ich in mir wiedererkenne, dann ja. Dann akzeptiere ich das.“

„Gut, dann steht das nun also in unserem ‚Protokoll‘. Kommen wir zum zweiten Aspekt – zur ‚Freude dieser Welt‘. Was genau meinen Sie damit?“ 

„Also, was ich zuerst an mir merke, ist, dass ich seit diesem Anwaltsbrief nicht mehr lache und das Lachen anderer Menschen an mir abprallt, ich fühle mich dann eher versteinert. Dann fällt mir auf, dass ich auf Musik, die ich sonst immer wieder höre, weil sie mich erfreut, nicht mehr reagiere oder sie aktiv nicht mehr anhöre. Ich habe den Eindruck, dass zwar alles gut funktioniert, ich daran aber irgendwie nicht mehr so teilhabe wie sonst üblich. Beim Essen ist es so, dass ich eher Nahrung aufnehme, als dass ich noch wirklich etwas schmecke, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Ich empfehle Herrn Gusskamp, dass ich einige diagnostische Verfahren aus meinem therapeutischen Arbeitsfeld integriere, um Beschwerdebilder wie eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Depression oder eine Angststörung auszuschließen, die einen Wechsel vom Coaching in die Therapie erforderlich machen würden. Nachdem sich durch Nutzung
u.a. der ‚Therapiebegleitenden Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik‘ und eines logotherapeutischen Anamnesebogens keine hinreichenden Anzeichen für eine solche Störung zeigen, ist Herr Gusskamp beruhigt.

Er kann den Gedanken annehmen, dass er die eingetretene anormale Lebenssituation mit Hilfe persönlicher Deutungsmuster in einer für ihn mehr oder weniger plausiblen Weise zu bewältigen versucht. Um dies zu schaffen, reduziert er die Vielfalt von Wahrnehmungsreizen und Eindrücken – sogar soweit, dass er ihn sonst erfreuende Genuss- und Kommunikationsreize ausblendet.
Eine solche ‚Entlastungsfunktion‘ führt einerseits zu einem ‚Tunnelempfinden‘, andererseits vermag ihn die Reduktion komplexer und differenzierter Umwelteindrücke mit Hilfe seiner Deutungsmuster –
zumindest kurzfristig – handlungsfähig zu halten. So formuliert Herr Gusskamp im Verlauf unseres Gespräches Sätze wie: ‚Nur was ich weiß, macht mich heiß‘; ‚Menschen, die mich zu ihrem persönlichen Irrwitz bespaßen wollen, blitzen bei mir ziemlich schnell ab‘; ‚Unleidig werde ich, wenn Menschen hirnlos herumschwadronieren und Zeit rauben, indem sie ihr Umfeld mit Floskeln und Dümmlichkeiten volltexten‘ – um dann mit einem Schuss Selbstironie einzustreuen: „Das kindliche
Gemüt, das doch auch in jedem Mann noch stecken soll, ist mir wohl abhanden gekommen. Manchmal ist mir der Kopf so voller Sorgen, dass allein diese Gedanken beim Schlachter einiges auf die Waage bringen würden.“

Herr Gusskamp merkt selbst, dass seine subjektiven, gefilterten und simplifizierenden Deutungen für ihn zwar irgendwie [kognitiv nachvollziehbar] ‚Sinn machen‘, aber letztlich nicht sinnvoll sind [nicht seinen Wertmaßstäben entsprechend]. Er erkennt, dass seine Deutungsmuster nicht ihre erhoffte stabilisierende Wirkung entfalten, sondern – im Gegenteil – er sich „nicht erklären kann, warum ich derart empfindlich reagiere“. Nicht nur, dass der Klient durch die Konfrontation und Irritation dazu gezwungen wird, in gewissem Maße aus seinen Gewohnheiten und Routinen herauszutreten [erstmalig einen Anwalt konsultieren, einen Coach beanspruchen, voraussichtlich einen Gerichtsprozess als Angeklagter verfolgen …], nun muss er sich auch noch mit sich selbst in einem bestimmten Erlebenskontext auseinandersetzen, indem er seine eigenen Reaktionsweisen als ihm
unbekannt wahrnimmt. Mit dieser Melange erfüllt Sebastian Gusskamp die ‚Kriterien‘ einer kompliziert-komplex-dynamischen Krise im Anfangsstadium.