‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 4

Ich greife den vom Klienten erzählten Vorgang auf: „Jemand behauptet, dass Sie Handlungen vollzogen haben, die aus der Sicht eines Anderen nicht oder anders hätten vollzogen werden sollen. Dass Ihre Entscheidungen und Handlungen in Misskredit fallen, entzieht Ihnen in hohem Maße Lebensfreude und das Gefühl, ‚der Menschheit‘ vertrauen zu können. Was also hätte geschehen müssen, sodass in der konkreten Situation mit dem toten Kind Ihre innere Ruhe gewahrt geblieben wäre?”

„Wenn gar nichts weiter passiert wäre. Dann hätte ich als letzten Moment die Verabschiedung vom Sanitäter am Unfallort abgespeichert. Ich wüsste, dass ich gegeben habe, was ich konnte, dass das okay war, dass ich habe helfen können, so wie es sich ‚gehört‘.“

„Und wenn es noch etwas besser gekommen wäre?“ – „Dann hätte es vielleicht einen Dank gegeben durch die Betroffenen, aber soweit ich weiß, gibt die Polizei ja Personendaten nicht weiter. Aber gut – eine Nachricht hätten die Helfer vermutlich schon durch die Polizei vermittelt bekommen können. Wichtig wäre mir das aber nicht gewesen.“

„Würde dies alles auch in acht Wochen gelten, würde heute Abend erneut eine solche Situation eintreten, die nach Ihrer Hilfestellung ruft?“ „Ja, sicher“, sagt Herr Gusskamp spontan – und gibt mir damit indirekt zu verstehen, dass seine Hilfsbereitschaft durch den Vorfall nicht gelitten hat.

„Der Auftrag wäre quasi beendet gewesen, es gäbe keine weiteren Kommentare, sondern Ruhe und eventuell Dank, und dies hätte eine positive Wirkung auf Sie. Dann wäre Ihr Leben weiterhin in Ordnung und nicht verstört. Jetzt aber ist der Auftrag offenbar noch nicht beendet, es tritt etwas
Neues hinzu, man kann es fast einen ‚Unfall 2.0‘ nennen. Eines Tages wird dieser Unfall, in dem Sie nun unmittelbar beteiligt sind, aber auch abgeschlossen sein, und meine Frage ist nun: Womit wird Ihnen dann geholfen worden sein, sodass Ihre seelischen Verletzungen haben heilen können?“ –

„Nun, das ist doch klar, mit einer hohen Professionalität meiner Berater, einer Klärung der Sachverhalte und für mich nachvollziehbarer Einzelschritte.“

„Wenn das so ist, können Sie dann vollends ausschließen, dass die Frau bislang nicht weiß, ob ihrem Sohn professionell und für sie nachvollziehbar geholfen wurde?“ Herr Gusskamp wirkt mit einem Male nachdenklich. Leicht sackt er auf seinem Stuhl zusammen. „Sie meinen, für sie
ist der Unfall an sich noch nicht abgeschlossen?“

„Ich kann mir gut vorstellen, dass – bildlich gesprochen – anders als für Sie, der von einem Film in den nächsten wechselte, bei der Frau die Filmspule noch stockt und sie noch etwas braucht, um die Situation zum Abschluss zu bringen und danach in ihren neuen Film ‚Ein Leben ohne Sohn‘ eintreten zu können.“ „Das wird sicher so sein“, bestätigt Herr Gusskamp. „Für mich waren ja auch die Erklärungen des Arztes, das Abschiednehmen-Können und meine Familie vor Ort sehr wichtig, um
die Situation zu bewältigen.“

„Gut, dann können wir in einer der Folgesitzungen besprechen, worin Ihr Beitrag bestehen könnte, um der Frau dieses ‚Filmende‘ zu erleichtern. Dass die Frau in einer psychischen und womöglich auch physischen Extremsituation ist, braucht wohl nicht bezweifelt zu werden. Und Sie zogen ja bereits selbst in Erwägung, dass sich ihre für Sie im wahrsten Sinne des Wortes ‚unfassbare‘ Handlung dadurch erklären lassen wird. Vorrangig erscheint mir jetzt zu sein, den Grund für die Irritation Ihres Gemüts zu finden. Ich möchte Sie dazu auf eine Zeitreise einladen, die Sie mit dem Kontext ‚Eine Entscheidung oder Handlung von Ihnen wird diskreditiert, dies macht Sie wütend und misstrauisch‘ konfrontieren soll. Der Zweck dieser Übung besteht darin, Analogien aus der Vergangenheit und die mit den damaligen Situationen verbundenen Wirkungen zu identifizieren,
um ein besseres Bild bezüglich der Aspekte zu erhalten, die Sie in der jeweiligen Situation auf Ihre Weise haben reagieren lassen.“