‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 5

Sebastian Gusskamp stimmt dem Vorgehen zu und so beginne ich mit dem Zeitfenster des Quartals, das vor dem Unfallereignis [‚X‘ genannt] lag. Dann wähle ich größer werdende Zeiträume, zu denen Herr Gusskamp Ereignisse erinnert. Die Zeitreise endet, wenn der Klient keine weiteren Situationen ausmachen kann, die sich für ihn in den thematisch fixierten Kontext einordnen lassen. Die angebotenen Zeithorizonte können vom Klienten verändert werden, auch steht ihm natürlich
frei, mehrere Ereignisse in einem Zeitfenster zu benennen.

ca. ein Quartal vor ‚X‘: 
Herr Gusskamp berichtet: „Unser Bankberater stellt eine Anlageentscheidung in Frage, die ich bei einem anderen Geldinstitut vorgenommen habe.“
Reaktion/Wirkung: „Hält der mich für blöd?“ Ich schreibe dem Berater nunmehr weniger Vertriebskompetenz zu.
Emotion: Ärger.

ca. ein Jahr vor ‚X‘:
„Ich komme mit meiner Frau aus einem Kurzurlaub zurück und sehe, dass der Nachbar die unsere Grundstücke trennende Ligusterhecke in ihrer Höhe halbiert hat, worauf uns der Einblick in seinen recht ungepflegten Garten nicht erspart bleibt. Wenngleich die Hecke sein Eigentum ist, so wäre meine Erwartung gewesen, dass er uns seine Planung doch zumindest einmal mitteilt, damit wir hätten überlegen können, welche Alternativen es vielleicht gibt. Und dann meint er auch noch,
warum mich das stört, warum ich mich darüber aufrege.“
Reaktion/Wirkung: Wunsch nach Distanzierung.
Emotion: Ärger.

ca. 5 Jahre vor ‚X‘:
Wir hatten unser Haus gekauft und einige Umbauarbeiten beauftragt. Da ich Hobbyfotograf bin und eine aufwendige Technik nutze, brauche ich ein Fotolabor, das im Keller des Hauses platzmäßig gut passt. Ich bat unseren Bauleiter, dafür zu sorgen, an vorgesehener Stelle zwei weitere, unabhängige Wasseranschlüsse montieren zu lassen. Da die Arbeiten während unserer Abwesenheit vorgenommen wurden, war ich mächtig sauer, als ich sah, dass einfach von einer bestehenden Wasserleitung aus dem Waschmaschinenraum eine Weiche gelegt worden war und der Monteur zu mir meinte, ‚das sei doch sicher so ausreichend‘. An diesem Menschen bin ich fast verzweifelt und ich glaube, der hat es bis heute nicht begriffen, warum man eine solche Installation braucht. Mit
seiner Haltung, es müsse so laufen, wie er es sich denkt, hat er mich jedenfalls aus der Fassung gebracht.“
Reaktion/Wirkung: Verringerung des Respekts vor dem Handwerkerberuf.
Emotionen: Wut wegen unnötiger Doppelarbeiten und Ärger.

ca. 10 Jahre vor ‚X‘:
„Das Ereignis kann schon etwas länger zurückliegen als zehn Jahre, aber es passt für mich gut in diese Ereigniskette. Damals war ich neu in der Verantwortung des Logistikbereichs des Unternehmens, in dem ich arbeitete. In einem der ersten Projekte entwickelte ich ein Ressourcennutzungsprogramm, durch das Leerfahrten unserer Spezial-LKW verschleißorientiert minimiert wurden. Das Ziel war ein deutlich niedriger Reparaturaufwand der Fahrzeuge je gefahrenen Kilometers. Mithilfe einer Computersimulation konnte ich die Geschäftsleitung
vom Einsatz der neuen Software überzeugen. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass einer unserer Kunden traditionell immer mit einem bestimmten Fahrzeugtyp angefahren wurde und diese Sonderregelung durch mein Programm nicht abgebildet war. Die Folge der auf diese Weise ‚falschen‘ Belieferung des Stammkunden war eine Form der Zurechtweisung, die ich in meiner beruflichen Laufbahn zuvor wie danach nicht erlebt habe. Mein Vertrauen in die Führungsfähigkeit einzelner ‚Persönlichkeiten‘ war damit erheblich strapaziert worden.“
Reaktion/Wirkung: Misstrauen in Führungsleistung.
Emotionen: auch Wut und Ärger.

ca. 15 Jahre vor ‚X‘:
„In jedem Fall zeitlich vor dem letzten Ereignis liegend erinnere ich, dass ich meiner Frau damals ein für meine Verhältnisse sündhaft teures Schmuckstück kaufte und ich mir dafür von meinem Vater die
Anmerkung ‚abholte‘, was denn das für eine kindliche Idee sei. Es sei doch nicht abzusehen, wie lange ich mit ‚dieser Frau‘ verheiratet sein werde. Wenn ich mich recht entsinne, war meine Erwiderung kurz und deutlich, aber das folgende ‚Wenn Du meinst‘ meines Vaters suggerierte
mir, er wüsste was, was ich nicht weiß. Solche Kommunikationsspielchen habe ich noch nie besonders gemocht und kann damit auch heute nicht gut umgehen. Im Kern hat mir mein Vater damals angedeutet, dass er meine Beziehungsentscheidung infrage stellte. Wenn ich jetzt
darüber nachdenke, dann ist dieses Konto noch nicht geschlossen, vielleicht meint mein Vater, dass unsere Ehe doch noch scheitert, wie so ziemlich alle Beziehungen aus meinem Familiensystem irgendwie unschön oder verhärtet endeten oder die Bindungen aus wohlfeilen und konventionellen Gründen erhalten blieben.“
Reaktion/Wirkung: Trotz und klare Positionierung.
Emotion: Ärger, und was für welcher!

Mitte des gelebten Lebens, also bei Herrn Gusskamp ca. 22 Jahre vor ‚X‘:
„Zu meinem 20. Geburtstag hatte ich mir gewünscht, den Tag allein auf einer Berghütte oberhalb von Garmisch zu verbringen. Ich wollte kein großes Tamtam, sondern einfach ein paar Stunden für mich sein, für meine Zukunftsideen und für Hirtenmaccheroni, Starkbier und Enzian.
Meine Eltern konnten wohl nicht glauben, dass ich dieses ‚freudlose‘ Verhalten [Mutter] zeigen und dem ‚geheimen Organisationskomitee der Freunde, die für mich etwas Lustiges vorbereitet hätten‘ den Tag verderben würde [Vater]. Ich erntete jedenfalls viel Kritik und war letztlich bereit, gute Miene zum für mich unpassenden Spiel zu machen.
Ich mietete mich eine Woche später auf der Berghütte ein, nicht ohne in meiner Reservierung zu erwähnen, dass ich Geburtstag hätte und diesen gerne mit den erwähnten ‚Zutaten‘ verbringen möchte.“
Reaktion/Wirkung: Trotz.
Emotion: Ärger.

ca. Lebensalter 15:
Als 16-jähriger unternimmt Sebastian Gusskamp mit Schulfreunden einen Sommertrip an die Adria. In einem Fischrestaurant wird unbeschwert und heiter zu Abend gegessen. Der junge Sebastian verschluckt sich an einer Gräte, bekommt einen Erstickungsanfall mit Todesangst und wird von einem Gast, der den ‚Heimlich-Handgriff‘  gekonnt und schnell an ihm anwendet, gerettet. „Da wir beide die gegenseitige Sprache nicht sprachen und auch mein Versuch, in Englisch mit ihm zu
sprechen, misslang, bat ich den Restaurantleiter, ihm ein Glas Wein auf meine Rechnung einzuschenken – worauf der Herr wohl sehr entrüstet dem Ober entgegnete, was in mich gefahren sei, mein Leben gegen ein Glas Wein aufwiegen zu wollen. Der wahre Wert sei doch nur mit einem Gebet an die heilige Mutter Gottes zu bemessen. Trotz meines tiefen Dankes, den ich auch heute diesem Mann gegenüber verspüre, und trotz meiner Überzeugung, die ich schon sehr früh hatte, dass ein Leben auf Erden durch nichts aufzuwiegen und alles dafür zu tun ist, damit es geschützt wird: Seine Einstellung mir gegenüber empfand ich als anmaßend und völlig inadäquat zu meiner Weltanschauung. Das war das erste Mal, dass mich ein Fremder auf eine solche Weise meinte,
belehren zu müssen – und natürlich habe ich nicht gebetet.“
Reaktion/Wirkung: Ablehnung und Trotz.
Emotion: Überraschung, mehr aber noch Ärger.

Sebastian Gusskamp überlegt eine Weile, ob er irgendeine Situation um das Lebensalter 10 oder 5 erinnert, bei der er eine inhaltliche Verbindung zu seinem Ausgangspunkt entdeckt, aber er findet keine weitere. Ich sage ihm, dass ich ihm nun die einzelnen Stationen seiner Zeitreise noch einmal von damals bis heute vorlesen werde, und bitte ihn, sie unter dem Gesichtspunkt ‚Situation bewussten Vertrauensverlustes und Wut‘ zu erspüren. Schon bei der ersten Situation hält er inne und meint, da wäre Vertrauensverlust nicht passend und wütend sei er auch nicht gewesen.
„Dann passt das wohl nicht in die Reihe“, schaut er mich fragend an.
„Oder es geht um etwas anderes, was die Situationen eint“, erwidere ich.
„Ob ich denn da etwas bemerkt habe“, fragt Herr Gusskamp.
„Ja, und ich mache Ihnen den Vorschlag, Ihren Schilderungen jeweils einmal einen bestimmten Satz anzuhängen und wenn er passt, zur nächsten Situation weiterzugehen. Und der Satz lautet: … und
in dieser Situation hatte ich den Eindruck, mich rechtfertigen zu sollen, dies empfand ich als ehrverletzend und das stimmte mich ärgerlich, weil ich mich dadurch klein fühlte.“

Herr Gusskamp lässt jedes Ereignis vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen, versucht, die Originalsätze von ‚damals‘ noch einmal vor das innere Ohr zu holen und bestätigt und bekräftigt sein Gefühl, stets unter unangemessenen und unerfreulichen Rechtfertigungsdruck gesetzt worden zu sein und dies als ‚respektlos‘ empfunden zu haben.

„Was Sie erlebt haben, können wir recht gut mit dem ‚Bojen-Modell‘ [siehe Grafik unten] nachzeichnen. Nehmen wir das Beispiel mit der Wasserleitung im Fotolabor. Auf der Basis Ihres Wertesystems haben Sie die Einstellung, dass Ihr Wunsch, wohlformuliert und an offenkundige Meister ihres Fachs gerichtet, so ausgeführt wird, wie Sie es erwarten. Sie zeigen ein Verhalten [z.B. in Ihrer Abwesenheit Monteure die Arbeiten verrichten lassen] und ein Kommunikationsverhalten [genau erklären, was Sie erwarten und warum] und erleben nun, dass Ihnen ‚geraten‘, ‚empfohlen‘, ‚befohlen‘ wird, ein anderes Verhalten zu zeigen, nämlich – in diesem Beispiel – die erbrachte Leistung doch als ‚so ausreichend‘ anzuerkennen. Dies jedoch ist mit Ihrem Selbstverständnis nicht in Einklang zu bringen. Sie wollen sich auf diese Erwartungen nicht ‚einstellen‘, und würden Sie es tun, dann liefen Sie Gefahr, ‚sich zu verfehlen‘, dann würde die Verbindung zwischen Ihren Werten und Ihrem Verhalten ‚reißen‘, sie würden eine ‚innere Zerrissenheit‘ empfinden. Dies wollen Sie nicht, aber Sie spüren die Spannung. Ihre ‚Verhaltensboje‘ wird im Stress besonders beansprucht – mit anderen Worten: In solchen [Belastungs-, Grenz-] Situationen werden Sie aufgerufen, im Sinne einiger für Sie fundamentaler Lebenswerte zu handeln.” [wird im April fortgesetzt]

Krisenpraxis - Boje 1