‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 6 [Ende]

An dieser Stelle findet im Arbeitsprozess eine Kurzanalyse des Wertesystems von Sebastian Gusskamp für den Kontext ‚Unfallsituation‘ statt. Dazu biete ich ihm die Übung ‚Spontanes Werteempfinden‘ an und er kommt so zu dieser Werte-Rangordnung:

  • Pflicht erfüllen, Sorgfalt zeigen
  • Leistung zeigen, Beitrag leisten, Aufgabe erfüllen
  • Hilfsbereitschaft einbringen
  • Einfluss ausüben
  • Respekt bewirken, Prinzipien bewahren
  • Verantwortung zeigen, Berechenbarkeit leben, Reife haben
  • Kontrolle ausüben, Vorsicht zeigen, Achtsamkeit fördern
  • Besonnenheit zeigen

„Auch der Unfallkontext war eine Extremsituation. Ohnehin unter Stress stehend, erleben Sie diese grausamen Momente, entscheiden und handeln aber klar und organisiert. Sie stellen sich in den Dienst der besonderen Lage, bringen in der kurzen Zeit Menschen außer Lebensgefahr, ordnen das Chaos, informieren die Polizei über den Hergang usw. Das alles verdient höchste Anerkennung und wohl jeder Mensch wäre froh, wüsste er Sie in einer solchen Lage an seiner Seite. In dieser Situation hätten Sie schließlich auch vorbeifahren können – und womöglich wäre die unterlassene Hilfeleistung aufgrund der Situation mit Ihrer Mutter sogar ‚verstanden‘ worden. Es sind viele andere Szenarien denkbar, in denen man Sie anders hätte sich verhalten oder handeln sehen können, doch für Sie war eingedenk Ihres Wertekanons klar, sich so und nicht anders einzubringen. Sie fahren um die Kurve, nehmen den ‚Sinnanruf‘ wahr und handeln Ihren Werten entsprechend.

Krisenpraxis - Sinnanruf

Durch die Verwirklichung Ihrer Werte finden Sie den Sinn der Situation und es klingt so, als wäre hier etwas Wesentlicheres für Sie zu tun, als danach zu streben, zu Ihrer Mutter zu kommen. Obzwar Sie sich nach dem Anruf des Arztes, dass Ihre Mutter verstorben ist, niedergeschlagen fühlten und Sie
Selbstzweifel hatten, sagten Sie eben, dass Sie sich in dieser Weise wieder verhalten würden. Das lässt den Schluss zu, dass Sie ‚trotz allem‘ situationsbezogen das für Sie Sinnhafte erspürt und erfühlt haben. Die Situation war geprägt durch eine spezifische Faktorenkonstellation und signalisierte Ihnen, dass es nun an Ihnen ist, sie zu gestalten. Hätte es in der Situation eine andere Konstellation gegeben – vielleicht derart, dass Sie bereits Rettungsdienste im Einsatz gesehen hätten –, wäre es für Sie gegebenenfalls sinnvoller gewesen, zügig die Unfallstelle zu passieren, um zu Ihrer Mutter zu fahren. Sie handeln also, und Sie würden es so wieder tun. Mit Ihren Werten sind Sie im Einklang. Und da erhalten Sie eines Tages dieses Schreiben vom Anwalt der Frau.“

„Ja“, erkennt Herr Gusskamp, „und wieder habe ich den Eindruck, dass da jemand meint, mich belehren zu müssen. Jetzt verstehe ich meine Ablehnung und auch meinen Ärger viel besser. Und ich dachte, ich hätte mich einfach nicht unter Kontrolle.“

„Es mag sein, dass Sie das Coaching nutzen sollten, an der Form Ihrer Emotionalisierung zu arbeiten, da Ihnen der Ärger und die Wut als Reaktionsweisen selbst nicht so angemessen zu sein scheinen. Auch Personen aus Ihrem Umfeld als ‚Dummschwätzer‘ zu entwerten, dürfte Ihnen auf
Sicht mehr schaden, als Sie entlasten. Wir sollten daher an Ihren Ressourcen zur Verbesserung Ihres persönlichen Stressmanagements zeitnah arbeiten. Inhaltlich jedoch wird deutlich, dass Ihr Ärger ursächlich mit einem ‚Angriff‘ auf Ihr Wertesystem zu tun hat. Es ist Ihnen ‚arg‘, auf dieser Ebene infrage gestellt zu werden – Ihr ‚Ärger‘ zeigt die Lebendigkeit Ihrer Werte an, fast so, als wären wesentliche Lebensnerven getroffen worden.“

„Aber dass jemand diese Nerven trifft, kann mir doch immer wieder geschehen“, meint Herr Gusskamp, „kann ich denn etwas tun, um mich davor zu schützen?“

„Nun, es ist in der Tat abzusehen, dass dies geschieht, denn – sollte es wirklich zu einer rechtlichen Auseinandersetzung mit der Frau kommen –, dann werden einige Ihrer Werte, wie zum Beispiel die Sorgfalt oder die Verantwortung, ja besonders in Frage gestellt werden.“ – „Genau, aber dann steht da meine Aussage gegen die der Frau.“ „Sicher, aber das werden zum einen die Gutachter oder Ärzte oder Sanitäter, die befragt werden, aus ihrer jeweiligen professionellen Sicht entkräften.
Sie können sich Ihrerseits eine andere, paradoxe Frage vorlegen: Welche Werte müsste ein Mensch durch seine Verhaltensweisen auf extrem überzogene Art und Weise zeigen, sodass in einer solchen Situation die vorgetragene Behauptung, er sei für eine solche Tragik verantwortlich, aus gutem Grund weiterverfolgt wird?“

Herr Gusskamp reflektiert: „Sie meinen, welche an sich positiven Werte führen im schlechtesten Fall zu einer Art Verantwortungslosigkeit oder zu einem Missachten der Sorgfaltspflichten? Das müsste ja jemand sein, dessen Maß an Leichtlebigkeit, Bequemlichkeit, aber vielleicht auch Spontaneität,
Gutgläubigkeit oder Improvisation aus dem Ruder läuft.“

„Und? Erkennen Sie sich in einem solchen Verhalten wieder?“
„Natürlich nicht!“
„Natürlich nicht!“, und ich lege ihm die Notizen aus seiner Zeitreise vor: „… trotz meiner Überzeugung, die ich schon sehr früh hatte, dass ein Leben auf Erden durch nichts aufzuwiegen und alles dafür zu tun ist, damit es geschützt wird.“ Herr Gusskamp blickt mich an und meint nur kurz: „Danke!“