Kann man die Trotzmacht des Geistes messen? Teil 1

Wenn in einer Leid‐, Not‐ oder Krisensituation der Mensch über sich hinaus wächst und sich trotz aller Widrigkeiten überwindet, weil er außerhalb seiner selbst eine Sinnquelle wahrnimmt, die ihm die Möglichkeit bietet, Werte zu verwirklichen, dann zeigt sich in diesem Moment des Gewahrwerdens die individuelle ‚Trotzmacht des Geistes‘.

Diese besondere menschliche Qualität ist nicht gleichzusetzen mit einer ‚erdachten Handlung‘ oder einer ‚gefühlten Empfindung‘, sie ist also kein Element der Psyche, kein Aspekt des Ego. Die Trotzmacht des Geistes kann eher verstanden werden als ‚Moment‐Momentum‘ – einem Augenblick, in dem ein Mensch ‚wie von selbst‘ dazu bewegt wird, seine individuellen und natürlichen psychischen Abwehrmechanismen zu ‚vergessen‘ und sich hinwendet zu etwas Sinnerfülltem, das wesentlicher ist als die eigene Last.

In der Psychologie sind Konzepte bekannt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der von Viktor Frankl in seiner Sinntheorie begründeten ‚Trotzmacht des Geistes‘ aufweisen.So beschreibt zum Beispiel Aaron Antonovsky in seinem Salutogenesemodell das ‚Kohärenzgefühl‘, mit dem ein Mensch seine Wahrnehmungen und Beurteilungen darüber zum Ausdruck bringt, ob er darauf vertraut, sich den Anforderungen in seinem Leben gewachsen fühlen zu können. Fühlt der Mensch, dass die Ereignisse und Situationen im Leben strukturiert, erklärbar und vorhersehbar sind, dass es für ihn ein ausreichendes Maß an Verstehbarkeit gibt, dann ist eines von drei Aspekten des Kohärenzgefühls bereits gegeben.

Kommt das Gefühl der Handhabbarkeit auch schwieriger Situationen hinzu, mit dem genügend Ressourcen signalisiert werden, um der ‚Welt’ nicht ausgeliefert zu sein und hat er zudem das Gefühl von Bedeutsamkeit der erlebten Situationen, dann besteht für den Menschen ‚Kohärenz‘. Antonovsky sieht dieses Gefühl durch Erfahrungen in Kindheit und Jugend geprägt und ab
dem 30. Lebensjahr als wenig veränderlich an.

Der Faktor ‚Verstehbarkeit‘ wird positiv beeinflusst durch stimmig erlebte emotionale Zuwendung und sichere Bindungen. ‚Handhabbarkeit‘ wird bewirkt durch der individuellen Entwicklung angemessene Anforderungen, Freiheitsgrade, Förderungen und Experimentiermöglichkeiten.

Der Faktor ‚Bedeutsamkeit‘ wächst durch erlebte Teilhabe, durch das Erfahren von Respekt und Beachtung. Das Salutogenese‐Modell fußt auf einer personalen Einschätzung der Widerstandsmöglichkeiten und Ressourcen, die einem Menschen dazu verhelfen, schwierige Situationen zu meistern. Dazu gehören psychophysische Aspekte wie zum Beispiel genetische oder konstitutionelle Gegebenheiten, Intelligenz, emotionale Stabilität, Selbstwirksamkeit,   Kontrollüberzeugungen, Handlungs‐ und Sozialkompetenzen.

Antonovskys Konzept adressiert die psychische Dimension des Menschen. Die entwickelten Messinstrumente [z.B. unter dem Stichwort ‚Sense of Coherence‘ finden Sie dazu im Web zahlreiche Quellen] beleuchten biografische Zeiträume, die Daten werden aus subjektiver Sicht der jeweiligen Anwender erhoben.