Archiv für den Monat: März 2014

Kann man die Trotzmacht des Geistes messen? Teil 4

Viktor E. Frankl, Begründer der sinnzentrierten Psychotherapie, setzt in seinem Menschenbild neben der psychischen [kognitiven und affektiven] und der physisch‐körperlichen Dimension die geistige Dimension als bei jedem Menschen gegeben voraus. Mit dieser, auch nur dem Menschen vorbehaltenen Dimension, vermag dieser die Sinn‐‚Anrufe‘ entgegenzunehmen, die ihm ‚zurufen‘, sich trotz aller ‚Einwände‘ seiner Psyche zu mobilisieren und über sich hinaus zu gehen.

Anders als bei der Form von Motivation, die durch Belohnungsanreize psychisch entfaltet wird, ist der Wille zum Sinn, der durch das Geistige gebahnt wird, durch ein momentanes Geschehen gekennzeichnet. Das spontane ‚Vetorecht des Geistes‘ wird nicht dadurch freigesetzt, dass durch die mit ihm verbundene neue Einstellung, Haltung oder Handlung ein kalkulierter Lohn erwartet wird. Vielmehr ist die ‚Trotzmacht des Geistes‘ ein Ausdruck gewissenhaften Vorgehens, das sich allen psychischen Hinderungsversuchen entgegenstellt. Sie bedingt einen Moment, in dem dem Menschen jedes ‚ich‘ weniger bedeutend wird als das, um dessen willen er sich selbst vergisst.

Frankls ‚Trotzmacht‘ adressiert – anders als die in den ersten drei Teilen vorgestellten Konzepte – die geistige Dimension des Menschen. Sie ist nur in der unwahrscheinlichen Konstellation messbar, dass ein Mensch im Moment des ‚Sinn‐Anrufs‘ in der Veränderung seiner Haltungen, Einstellungen oder Handlungen von Dritten beobachtet wird und diese die Veränderung als solche auch zu beschreiben in der Lage sind. Die Entwicklung eines seriösen empirischen Messinstruments ist nicht zu erwarten, die ‚Trotzmacht des Geistes‘ entzieht sich jeder Statistik, bleibt jedoch phänomenologisch betrachtet ein menschliches Faktum.

Kann man die Trotzmacht des Geistes messen? Teil 3

Eine andere – dritte –  Perspektive wird in der Reaktanztheorie von Brehm aufgegriffen. Erlebt eine Person den Verlust oder die Bedrohung ihrer Handlungs‐ oder Entscheidungsfreiheit, so erzeugt dies eine Motivation zu einer abwehrenden Reaktion. Eine Beschneidung der persönlichen Freiheitsgrade kann dabei von außen durch Dritte oder durch gesellschaftliche Konventionen erfolgen oder in Form von Mustern, denen ein Mensch in Loyalität zum Beispiel zu früheren Generationen selbstauferlegt folgt, wenngleich ihm dabei bewusst ist, quasi ‚das Leben anderer‘ zu leben.

Die in ihrer Freiheit eingeengte Person weiß um die mögliche Freiheit und um die Veränderungen, die diese Freiheit für die eigene Person bedeuten würde. Je wichtiger nun die ‚neue‘ Freiheit für die Person ist, je bedrohter die Person ihre potenzielle Freiheit und je enger sie die ihr gegebenen Freiheitsgrade empfindet, desto stärker ist die damit verbundene Reaktanz zu erwarten. Sie kann sich zeigen zum Beispiel durch Aggression oder Rückzug, je nach dem, welche Erwartung die Person an die Kontrollierbarkeit der durch die Reaktanz bewirkten Situation hat.

Reaktanz vermindert die durch Begrenzung der Freiheit empfundene Spannung – sie stellt eine psychische Reaktion dar und ihre Messung fokussiert daher ebenfalls auf die psychische Dimension des Menschen, hier im Kontext der Begrenzung des Freiheitsmotivs. Fragebögen zur Reaktanz [Stichwort ‚Reaktanz‐Skala‘] erfassen thematisch konkrete Erlebnisse und auch hier werden Daten aus subjektiver Sicht des Befragten erhoben.

Kann man die Trotzmacht des Geistes messen? Teil 2

Auch das Konzept zur Resilienz, das ausgehend von der Forschungsgruppe um Emmy Werner, heute breite Aufmerksamkeit genießt, fokussiert auf die psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken.

Die Definitionen von Resilienz werden in der Literatur facettenreich diskutiert, die meisten eint der Aspekt, dass resiliente Menschen über die Fähigkeit verfügen, sich trotz gravierender Belastungen oder widriger Lebensumstände psychisch gesund zu entwickeln. Resilient ist man – nach dieser Auffassung – nicht von Geburt, sondern man entwickelt sie durch Anpassungs‐ und Gestaltungsprozesse zwischen Mensch und Umwelt.

Wie im Konzept der Salutogenese wird auch im Resilienzmodell die Relevanz des Kindesalters hervorgehoben. Erziehung, Bildung, soziale Bindung stellen wichtige Schutzfaktoren dar, im weiteren Verlauf der Entwicklung auch die Erfahrungen, die ein Mensch bei der Bewältigung kritischer Ereignisse und negativen Stresses gemacht hat. Resilienz wird als dynamischer, variabler Faktor im Leben angesehen. Die Ressourcen des Einzelnen beachtend, wird angenommen, dass der Mensch der aktive Gestalter seines Lebens ist und lernen kann, wesentliche Resilienzfaktoren wie Problemlösungskompetenz, Selbstachtsamkeit, Selbstwirksamkeit und ‐steuerung, Sozial‐
kompetenz und Umgang mit Stresssituationen zu stärken.

Auch das Resilienz‐Konzept schaut auf die psychische Dimension des Menschen und ergänzt stärker als im Salutogenese‐Modell den individuellen soziosystemischen Rahmen. Fragebögen zur Resilienz erfassen mehrheitlich aktuelle Gegebenheiten und Zustände und die Daten werden ebenfalls aus subjektiver Sicht des Befragten erhoben.

Kann man die Trotzmacht des Geistes messen? Teil 1

Wenn in einer Leid‐, Not‐ oder Krisensituation der Mensch über sich hinaus wächst und sich trotz aller Widrigkeiten überwindet, weil er außerhalb seiner selbst eine Sinnquelle wahrnimmt, die ihm die Möglichkeit bietet, Werte zu verwirklichen, dann zeigt sich in diesem Moment des Gewahrwerdens die individuelle ‚Trotzmacht des Geistes‘.

Diese besondere menschliche Qualität ist nicht gleichzusetzen mit einer ‚erdachten Handlung‘ oder einer ‚gefühlten Empfindung‘, sie ist also kein Element der Psyche, kein Aspekt des Ego. Die Trotzmacht des Geistes kann eher verstanden werden als ‚Moment‐Momentum‘ – einem Augenblick, in dem ein Mensch ‚wie von selbst‘ dazu bewegt wird, seine individuellen und natürlichen psychischen Abwehrmechanismen zu ‚vergessen‘ und sich hinwendet zu etwas Sinnerfülltem, das wesentlicher ist als die eigene Last.

In der Psychologie sind Konzepte bekannt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der von Viktor Frankl in seiner Sinntheorie begründeten ‚Trotzmacht des Geistes‘ aufweisen.So beschreibt zum Beispiel Aaron Antonovsky in seinem Salutogenesemodell das ‚Kohärenzgefühl‘, mit dem ein Mensch seine Wahrnehmungen und Beurteilungen darüber zum Ausdruck bringt, ob er darauf vertraut, sich den Anforderungen in seinem Leben gewachsen fühlen zu können. Fühlt der Mensch, dass die Ereignisse und Situationen im Leben strukturiert, erklärbar und vorhersehbar sind, dass es für ihn ein ausreichendes Maß an Verstehbarkeit gibt, dann ist eines von drei Aspekten des Kohärenzgefühls bereits gegeben.

Kommt das Gefühl der Handhabbarkeit auch schwieriger Situationen hinzu, mit dem genügend Ressourcen signalisiert werden, um der ‚Welt’ nicht ausgeliefert zu sein und hat er zudem das Gefühl von Bedeutsamkeit der erlebten Situationen, dann besteht für den Menschen ‚Kohärenz‘. Antonovsky sieht dieses Gefühl durch Erfahrungen in Kindheit und Jugend geprägt und ab
dem 30. Lebensjahr als wenig veränderlich an.

Der Faktor ‚Verstehbarkeit‘ wird positiv beeinflusst durch stimmig erlebte emotionale Zuwendung und sichere Bindungen. ‚Handhabbarkeit‘ wird bewirkt durch der individuellen Entwicklung angemessene Anforderungen, Freiheitsgrade, Förderungen und Experimentiermöglichkeiten.

Der Faktor ‚Bedeutsamkeit‘ wächst durch erlebte Teilhabe, durch das Erfahren von Respekt und Beachtung. Das Salutogenese‐Modell fußt auf einer personalen Einschätzung der Widerstandsmöglichkeiten und Ressourcen, die einem Menschen dazu verhelfen, schwierige Situationen zu meistern. Dazu gehören psychophysische Aspekte wie zum Beispiel genetische oder konstitutionelle Gegebenheiten, Intelligenz, emotionale Stabilität, Selbstwirksamkeit,   Kontrollüberzeugungen, Handlungs‐ und Sozialkompetenzen.

Antonovskys Konzept adressiert die psychische Dimension des Menschen. Die entwickelten Messinstrumente [z.B. unter dem Stichwort ‚Sense of Coherence‘ finden Sie dazu im Web zahlreiche Quellen] beleuchten biografische Zeiträume, die Daten werden aus subjektiver Sicht der jeweiligen Anwender erhoben.

Die dritte Dimension – das ‚Geistige‘

Mit der Logotherapie entstand Viktor Frankls Ergänzung der Psychotherapie – die um die Dimension des ‚Geistigen‘ erweiterte Therapieform zur Behandlung psychischer Erkrankungen. Mit ihr einher ging das unbedingte Bekenntnis Frankls zum Sinn des Lebens, zur Freiheit des Willens und zur Verantwortung des Menschen.

Sich ‚so oder so’ den Bedingungen stellen zu können – d.h.,sich entweder als von den Umständen abhängig und dem triebhaft Unbewussten ausgeliefert anzusehen der sich mit per se gesundem, geistigen Unbewussten ausgestattet anzunehmen, ja sogar mit dem ‚Gewissen’ über ein ‚Sinnorgan‘ zu verfügen –, lag nun in der Hand des Einzelnen. Seinem Leben Antworten auf ein ‚Darum’ zu geben und nicht das Leben nach einem ‚Warum’ zu befragen, gilt seither in der sinnzentrierten Begleitung von krisenbelasteten Menschen als der Schlüssel zur lebensöffnenden Lösung – ihn im Schloss zu drehen, ist der durch den Betroffenen zu leistende Perspektivenwechsel.

Dies dem Menschen zuzutrauen und zuzumuten ist untrennbar mit dem Menschenbild der Logotherapie verbunden. Neben die körperliche und die psychische [emotionale und kognitive] Dimension tritt mit ‚dem Geistigen’ die Dimension, mit der sich [nur] der Mensch hin zu einem Sinn wenden kann. Mit dem Geistigen wird er empfänglich für die Aufgabe, die das Leben ihm gerade jetzt stellt. Das Geistige lässt den Menschen erspüren, dass er trotz der gegebenen leidvollen Einschränkungen, mit denen Psyche und Körper bei Krisen [und den mit ihnen oft einhergehenden Akzenten von Trennung, Verfehlung oder Verlust] auf ihn einwirken, sich über diese Last hinwegsetzen kann. Frankl nennt diesen Vorgang die Aktivierung der ‚Trotzmacht des Geistes’.

Trotzmächtig zu sein ist prinzipiell jedem Menschen möglich. Als innewohnende Kraft [lat.:
Virtualität] zeigt sie die merkwürdige Eigenschaft, nicht in der Form zu existieren, in der sie zu existieren scheint, aber in ihrer Wirkung einer in dieser Form existierenden Sache zu gleichen. Hiermit soll die sprachliche Verwechslung der ‚geistigen Trotzmacht’ mit dem Begriff der ‚bewussten Intentionalität’ angezeigt werden. Die Wirkung beider ‚fühlt’ sich womöglich gleich an, dennoch zeigt sich die Trotzmacht eher im Momentum des Sich-Selbst-Aufbäumens, während die Intentionalität eher als Ich-Anstrengung zu einem Willensakt zu verstehen ist.

Die Trotzmacht des Geistes zeigt sich im Aufbäumen gegen psychophysische Belastungen [„Ich muss mir doch von mir selbst nicht alles gefallen lassen” oder als Auflehnung gegen Lebensumstände. Als ‚schlummernde Virtualität’ braucht die Trotzmacht Situationen mit Bewältigungsauftrag. Und sie braucht eine ‚Geistes-Haltung’, um in solchen Situationen das ‚Gewissenhaft-Möglichste’ in Form einer Selbst-Verantwortung an den diese Verantwortung nun bedenkenden und erfühlenden Menschen zu übertragen.

Die Haltung des Geistes, das der Person in ihrer Situation je Sinnvollste zur Aufgabe zu machen, findet ihre Entsprechung im Wertesystem der Person. Weiß die Person um ihre Werte und deren Verwirklichungspotenzial oder fühlt sie die mögliche Bereicherung ihres Wertesystems durch einen Entwicklungsschritt ihrer Persönlichkeit, dann findet sie Sinn – selbst in einer sie ansonsten psychisch oder psychophysisch extrem belastenden Situation.

Weiß die Person nicht um ihre Werte, sprich, ist ihr Wertebewusstsein durch mangelnde Reflexivität nicht hinreichend entwickelt, so fehlt ihr spätestens in einer Krisensituation ein wesentlicher innerer Kompass, um den in der Situation gegebenen Sinn zu entdecken und wertebasiert ‚selbst-bewusste’ Entscheidungen und Handlungen einzuleiten.Die Folge ist, dass die Psyche die Oberhand über den Menschen gewinnt und dieser sich von ihr, ihren Verzerrungen, Verstörungen oder Verlockungen
‚alles gefallen lässt’. Und dies, obwohl jedem Menschen als sinnstrebigem Wesen sowohl die Fähigkeit gegeben ist, aus sich selbst herauszutreten und eine eingetretene Situation aus der Distanz in neuem Lichte zu betrachten als auch sich selbst zu übersteigen und trotz eigener Belastung für Menschen, die ihn brauchen, da zu sein oder für Themen einzustehen, deren Bearbeitung das eigene Leid in den Hintergrund rücken lassen.

Wer nun glaubt, es sei schwer vermittelbar, an einen Krisenbetroffenen die Forderung zu stellen, eine solche Haltung zum Sinn einzunehmen, oder wer dieser Forderung gar Hartherzigkeit unterstellt, der sei zum einen an die vielen Menschen erinnert, die tagtäglich unter Last stehend ohne entsprechenden Diskurs in eben diese Haltung gehen – und zum anderen an Goethe: „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.”

Beispielhafte Selbst-Überwindung

Wie schafft es eine Frau, die ihren Mann und ihre beiden kleinen Kinder durch einen Verkehrsunfall verliert, überhaupt weiterzuleben? Fünf Tage nach dem schrecklichen Ereignis schreibt Barbara Pachl-Eberhart einen offenen Brief an ihre Verwandten und Freunde, der in beeindruckender Intensität ihre Gefühle darlegt. Rasch findet das erschütternde Dokument durch Internet, Zeitungen und Zeitschriften eine große Verbreitung. Die Tragödie dieser Familie bewegt Tausende Menschen.

Zwei Jahre nach dem tragischen Ereignis schildert Barbara Pachl-Eberhart nun ihren Weg in ein neues Leben. Die Offenheit, mit der sie sich ihrem Schicksal stellt, und der Mut, mit dem sie Schritt für Schritt in eine unbekannte Zukunft geht, zeugen auf ergreifende Weise von menschlicher Größe und einem unerschütterlichen Glauben an den Sinn des Lebens. Sehen Sie dazu diese Dokumentation.

In meiner Praxis und in meinem Leben stelle ich fest, dass Menschen, die
sich selbst als Ganzheit erleben und das Gefühl besitzen, selbst etwas wert
zu sein, fähig sind, mit allen Herausforderungen des Lebens in
schöpferischer und angemessener Weise fertig zu werden.
Virginia Satir – Familientherapeutin

In meiner Praxis und in meinem Leben stelle ich fest, dass Menschen, die
sich im Einklang mit den ihnen voll bewussten Werten stehen, fähig sind,
mit allen Herausforderungen des Lebens in schöpferischer und angemessener
Weise fertig zu werden.
Ralph Schlieper-Damrich – Krisenpräventionscoach und -therapeut

‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 5

Sebastian Gusskamp stimmt dem Vorgehen zu und so beginne ich mit dem Zeitfenster des Quartals, das vor dem Unfallereignis [‚X‘ genannt] lag. Dann wähle ich größer werdende Zeiträume, zu denen Herr Gusskamp Ereignisse erinnert. Die Zeitreise endet, wenn der Klient keine weiteren Situationen ausmachen kann, die sich für ihn in den thematisch fixierten Kontext einordnen lassen. Die angebotenen Zeithorizonte können vom Klienten verändert werden, auch steht ihm natürlich
frei, mehrere Ereignisse in einem Zeitfenster zu benennen.

ca. ein Quartal vor ‚X‘: 
Herr Gusskamp berichtet: „Unser Bankberater stellt eine Anlageentscheidung in Frage, die ich bei einem anderen Geldinstitut vorgenommen habe.“
Reaktion/Wirkung: „Hält der mich für blöd?“ Ich schreibe dem Berater nunmehr weniger Vertriebskompetenz zu.
Emotion: Ärger.

ca. ein Jahr vor ‚X‘:
„Ich komme mit meiner Frau aus einem Kurzurlaub zurück und sehe, dass der Nachbar die unsere Grundstücke trennende Ligusterhecke in ihrer Höhe halbiert hat, worauf uns der Einblick in seinen recht ungepflegten Garten nicht erspart bleibt. Wenngleich die Hecke sein Eigentum ist, so wäre meine Erwartung gewesen, dass er uns seine Planung doch zumindest einmal mitteilt, damit wir hätten überlegen können, welche Alternativen es vielleicht gibt. Und dann meint er auch noch,
warum mich das stört, warum ich mich darüber aufrege.“
Reaktion/Wirkung: Wunsch nach Distanzierung.
Emotion: Ärger.

ca. 5 Jahre vor ‚X‘:
Wir hatten unser Haus gekauft und einige Umbauarbeiten beauftragt. Da ich Hobbyfotograf bin und eine aufwendige Technik nutze, brauche ich ein Fotolabor, das im Keller des Hauses platzmäßig gut passt. Ich bat unseren Bauleiter, dafür zu sorgen, an vorgesehener Stelle zwei weitere, unabhängige Wasseranschlüsse montieren zu lassen. Da die Arbeiten während unserer Abwesenheit vorgenommen wurden, war ich mächtig sauer, als ich sah, dass einfach von einer bestehenden Wasserleitung aus dem Waschmaschinenraum eine Weiche gelegt worden war und der Monteur zu mir meinte, ‚das sei doch sicher so ausreichend‘. An diesem Menschen bin ich fast verzweifelt und ich glaube, der hat es bis heute nicht begriffen, warum man eine solche Installation braucht. Mit
seiner Haltung, es müsse so laufen, wie er es sich denkt, hat er mich jedenfalls aus der Fassung gebracht.“
Reaktion/Wirkung: Verringerung des Respekts vor dem Handwerkerberuf.
Emotionen: Wut wegen unnötiger Doppelarbeiten und Ärger.
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‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 4

Ich greife den vom Klienten erzählten Vorgang auf: „Jemand behauptet, dass Sie Handlungen vollzogen haben, die aus der Sicht eines Anderen nicht oder anders hätten vollzogen werden sollen. Dass Ihre Entscheidungen und Handlungen in Misskredit fallen, entzieht Ihnen in hohem Maße Lebensfreude und das Gefühl, ‚der Menschheit‘ vertrauen zu können. Was also hätte geschehen müssen, sodass in der konkreten Situation mit dem toten Kind Ihre innere Ruhe gewahrt geblieben wäre?”

„Wenn gar nichts weiter passiert wäre. Dann hätte ich als letzten Moment die Verabschiedung vom Sanitäter am Unfallort abgespeichert. Ich wüsste, dass ich gegeben habe, was ich konnte, dass das okay war, dass ich habe helfen können, so wie es sich ‚gehört‘.“

„Und wenn es noch etwas besser gekommen wäre?“ – „Dann hätte es vielleicht einen Dank gegeben durch die Betroffenen, aber soweit ich weiß, gibt die Polizei ja Personendaten nicht weiter. Aber gut – eine Nachricht hätten die Helfer vermutlich schon durch die Polizei vermittelt bekommen können. Wichtig wäre mir das aber nicht gewesen.“

„Würde dies alles auch in acht Wochen gelten, würde heute Abend erneut eine solche Situation eintreten, die nach Ihrer Hilfestellung ruft?“ „Ja, sicher“, sagt Herr Gusskamp spontan – und gibt mir damit indirekt zu verstehen, dass seine Hilfsbereitschaft durch den Vorfall nicht gelitten hat.

„Der Auftrag wäre quasi beendet gewesen, es gäbe keine weiteren Kommentare, sondern Ruhe und eventuell Dank, und dies hätte eine positive Wirkung auf Sie. Dann wäre Ihr Leben weiterhin in Ordnung und nicht verstört. Jetzt aber ist der Auftrag offenbar noch nicht beendet, es tritt etwas
Neues hinzu, man kann es fast einen ‚Unfall 2.0‘ nennen. Eines Tages wird dieser Unfall, in dem Sie nun unmittelbar beteiligt sind, aber auch abgeschlossen sein, und meine Frage ist nun: Womit wird Ihnen dann geholfen worden sein, sodass Ihre seelischen Verletzungen haben heilen können?“ –

„Nun, das ist doch klar, mit einer hohen Professionalität meiner Berater, einer Klärung der Sachverhalte und für mich nachvollziehbarer Einzelschritte.“

„Wenn das so ist, können Sie dann vollends ausschließen, dass die Frau bislang nicht weiß, ob ihrem Sohn professionell und für sie nachvollziehbar geholfen wurde?“ Herr Gusskamp wirkt mit einem Male nachdenklich. Leicht sackt er auf seinem Stuhl zusammen. „Sie meinen, für sie
ist der Unfall an sich noch nicht abgeschlossen?“

„Ich kann mir gut vorstellen, dass – bildlich gesprochen – anders als für Sie, der von einem Film in den nächsten wechselte, bei der Frau die Filmspule noch stockt und sie noch etwas braucht, um die Situation zum Abschluss zu bringen und danach in ihren neuen Film ‚Ein Leben ohne Sohn‘ eintreten zu können.“ „Das wird sicher so sein“, bestätigt Herr Gusskamp. „Für mich waren ja auch die Erklärungen des Arztes, das Abschiednehmen-Können und meine Familie vor Ort sehr wichtig, um
die Situation zu bewältigen.“

„Gut, dann können wir in einer der Folgesitzungen besprechen, worin Ihr Beitrag bestehen könnte, um der Frau dieses ‚Filmende‘ zu erleichtern. Dass die Frau in einer psychischen und womöglich auch physischen Extremsituation ist, braucht wohl nicht bezweifelt zu werden. Und Sie zogen ja bereits selbst in Erwägung, dass sich ihre für Sie im wahrsten Sinne des Wortes ‚unfassbare‘ Handlung dadurch erklären lassen wird. Vorrangig erscheint mir jetzt zu sein, den Grund für die Irritation Ihres Gemüts zu finden. Ich möchte Sie dazu auf eine Zeitreise einladen, die Sie mit dem Kontext ‚Eine Entscheidung oder Handlung von Ihnen wird diskreditiert, dies macht Sie wütend und misstrauisch‘ konfrontieren soll. Der Zweck dieser Übung besteht darin, Analogien aus der Vergangenheit und die mit den damaligen Situationen verbundenen Wirkungen zu identifizieren,
um ein besseres Bild bezüglich der Aspekte zu erhalten, die Sie in der jeweiligen Situation auf Ihre Weise haben reagieren lassen.“

‚Gehirngeist‘ – Praxisfall aus einem Krisencoaching – Teil 3

„Sie sagten eben, dass durch das Ereignis Ihr Vertrauen in die Menschheit erschüttert worden sei und dass die Frau in der Lage war, Ihnen die ‚Freude dieser Welt‘ wegzureißen. Das klingt in der Tat existenziell und ernst. Deshalb möchte ich gerne mehr darüber erfahren, wie Ihr bisheriges
Vertrauen aussah und welche Bilder Sie mit der von Ihnen genannten Freude verbinden.“

Sebastian Gusskamp schaut mich an und meint, es sei für ihn recht ungewöhnlich, dass sich für seine Sicht auf die Welt jemand wirklich interessiert, im Beruf käme man nie auf eine solche Ebene, „die erstickt das Tagesgeschäft – und an sich ist es im Privaten auch so“. Dann führt er aus: „Wenn ich jemandem vertraue, dann weiß ich, dass ich selbst etwas nicht weiß. Nichtwissen ist für mich die Basis für Vertrauen, das ich entgegenbringe. Ich arbeite in einem hochspezialisierten Technikbereich, in dem mein Grad an Wissen mit darüber entscheidet, ob und wie die Produkte unserer Firma bei unseren internationalen Kunden zum Einsatz kommen. Scherzhaft sage ich oft, dass ich ein ‚lernendes Unternehmen auf zwei Beinen bin‘. Und ich merke, dass mir andere
Menschen aufgrund meines Know-hows ihr Vertrauen schenken. Das fühlt sich für mich gut an. Und wenn man schon einen Kopf auf dem Hals trägt, dann kann man mit dem ja auch mehr machen als ihn nur zum Haareschneiden zu bringen. Und dann flattert so ein Brief herein und setzt damit die Behauptung in die Welt, jemand wüsste offenbar, dass ich bei diesem Kind den Tod verursacht habe.“

„Nun, wenn Sie wissen, dass es nicht so war, und wenn Sie zudem Ihrem Anwalt zugestehen, dass dieser für Sie den Rechtsweg beschreitet, Sie ihm offenkundig darin vertrauen, mit seinem Wissen dieses für Sie neue Terrain zu ebnen, dann habe ich das Empfinden, dass sich hinter Ihrem
Hinweis auf das Vertrauen ein anderes, für Sie aktuell unbewussteres Thema versteckt, das in der Lage ist, bei Ihnen die geschilderte Erregung  auszulösen. Wenn Sie diesem Gedanken zustimmen und damit ja dann auch Ihrem Nichtwissen: Vertrauen Sie sich selbst, dieses Thema zu akzeptieren,
wenn Sie durch das Coaching an es herangeführt werden?“

Herr Gusskamp schaut mich nachdenklich an. „Das hört sich für mich erst einmal plausibel an. Und, ja, wenn wir an etwas stoßen, das ich in mir wiedererkenne, dann ja. Dann akzeptiere ich das.“

„Gut, dann steht das nun also in unserem ‚Protokoll‘. Kommen wir zum zweiten Aspekt – zur ‚Freude dieser Welt‘. Was genau meinen Sie damit?“ 

„Also, was ich zuerst an mir merke, ist, dass ich seit diesem Anwaltsbrief nicht mehr lache und das Lachen anderer Menschen an mir abprallt, ich fühle mich dann eher versteinert. Dann fällt mir auf, dass ich auf Musik, die ich sonst immer wieder höre, weil sie mich erfreut, nicht mehr reagiere oder sie aktiv nicht mehr anhöre. Ich habe den Eindruck, dass zwar alles gut funktioniert, ich daran aber irgendwie nicht mehr so teilhabe wie sonst üblich. Beim Essen ist es so, dass ich eher Nahrung aufnehme, als dass ich noch wirklich etwas schmecke, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

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