Menschenbild in der Sinnlehre Viktor Frankls – Frankl und Freud

Viktor Frankls Menschenbild ist geprägt von Geist, Sinn und der Freiheit gegenüber allen triebhaften Bindungen und der Freiheit des Geistes gegenüber der Natur. Für ihn kommt der Mensch in seinem Bezug zur Welt über sich selbst hinaus [er nennt dies Selbst-Transzendenz]. Damit kontert Frankls Konzept die zu seiner Zeit durch Sigmund Freud verbreitete Vorstellung, den Menschen zu einer triebhaften Sache machen zu können, vom Bild eines von seinen Trieben quasi ‚angebundenen Wesens‘.

„Das ausgehende 19. Jahrhundert und das beginnende 20. Jahrhundert haben das Bild des Menschen insofern völlig ver­zerrt dargestellt, als sie den Menschen vorwiegend in seiner vielfältigen Gebundenheit sehen ließen und damit in seiner vermeintlichen Ohnmacht gegenüber den Bindungen.“ Die Akzeptanz dieser ‚Ohn-Macht‘, die Überbetonung der menschlichen Triebfülle bei gleichzeitigem Ausblenden auch damals schon zu beobachtender Sinnleere vieler Menschen, mag Frankl nicht hinnehmen. Und ganz vehement kritisiert er deshalb Freud, der einen Menschen sogar als krank wähnt, der die Frage nach Sinn und Wert des Lebens stellt.

Parallel zum ‚gelehrten Nihilismus‘ wie Frankl die psychodynamisch-reduktionistische Auffassung Freuds ansah, so zeigt sich für ihn der tägliche ‚gelebte Nihilismus‘ durch das Krisenerleben des Menschen in Form einer inneren Leere, abgründigen Sinnlosigkeit, dem Verlust von Instinktsicherheit, dem Entgleiten der Geborgenheit in Traditionen – förmlich dem Verlust der aus seiner Sicht ‚gesunden‘ Frage nach dem Sinn. Ein Verlust, der zudem dadurch in seiner Wirkung verstärkt wird, da „in der Wohlstands- und Überflussgesellschaft weite Bevölkerungsschichten zwar Geldmittel haben, aber keinen Lebenszweck; sie haben genug, wovon sie leben können, aber ihr Leben hat kein Wozu, eben keinen Sinn.“ [Frankl]