Menschenbild in der Sinnlehre Viktor Frankls – Frankl und Scheler

Der Mensch hat im Vergleich zum Tier eine eigene ‚sinnhafte Binnen­struktur‘, in denen er Taten mit einer autonomen Gesetzlichkeit [mit einem freien Willen] vollziehen kann. Ein Tier vermag er  nicht, einen Wert einem anderen Wert gegenüber zu präferieren – ein Mensch sehr wohl, er kann sogar die Erhaltung und Verwirklichung eines Wertes wie dem der Würde dem höchsten Lebenswert, der Erhaltung des eigenen Daseins, vorziehen [die aktuelle Debatte um die aktive Sterbehilfe ist hierzu ein beredtes Beispiel].

Der Philosoph Max Scheler, dessen Werke Frankl nachhaltig beeinflusst haben,  unterscheidet das Sein des Menschen in Leben und Geist. Das Leben ordnet Scheler dabei dem Körperlich-Psychischem zu, während der Geist gegenüber der psychophysischen Welt frei ist. Die ‚geistige, noetische Dimension’ [nous: griech. Geist], wie sie Frankl später angelehnt an Scheler nennen wird, ermöglicht dem Menschen, sich von seiner Umwelt zu distanzieren und sie zum Gegenstand seiner Anschauung zu machen. Das Geistige selbst ist jedoch gegenstandsunfähig, es geht erst im Vollzug der Akte des Menschen auf. Der Mensch reicht also hinaus „über alles mögliche Milieu des Lebens.“ [Scheler] Dabei ist der Mensch auf Bildung angewiesen. Scheler sieht in der Bildung den Drang des Menschen, über sich hinaus zu gehen und im niemals abgeschlossenen Prozess der ‚Menschwerdung‘ zu wachsen.  

Auch für Frankl ist die „eigentliche Dimension des Menschseins insofern, als sich der Mensch als sol­cher überhaupt erst konstituiert in jenen [geistigen] Akten, in denen er sich sozusagen aus der soma­tisch-psychischen Ebene heraus in die geistige Dimension erhebt.“ Frankl stellt sich damit vehement gegen eine Reduzierung im Sinne eines ‚der Mensch ist nichts anderes als …‘. Für Frankl ist der Mensch frei von biographischer und sozialer Abhängigkeit, seine Freiheit ist immer auch Freiheit zu seiner Verantwortung gegenüber dem ‚Logos’, dem Sinn im Leben.

Der Wille zum Sinn ist die den Menschen gegenüber allen anderen Wesen auszeichnende Motivation. Dieser Wille ist der eigentliche, welt­offene Repräsentant der geistigen Dimension, „daß der Mensch in seiner geistigen Dimension ‚welt­offen‘ ist, heißt für Frankl, daß er eigentlich oder zumindest ursprünglich über sich selbst hinaus nach etwas langt, das nicht wieder er selbst ist, nämlich entweder nach einem Sinn, den zu erfüllen es gilt, oder nach einem Sein, dem zu begegnen oder zu lieben es gilt.“ [Frankl]